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Musikmesse 2017 – Das Ende?

Wer sich letzte Woche auf den Weg gemacht hat, um sich auf der Frankfurter Musikmesse DJ-Technik und Showcases mit jeder Menge gleichgesinnter anzuschauen, der wurde leider enttäuscht. Denn das normalerweise bunte Treiben mit hohem Schallpegel, was einst in Halle 5.1 statt fand, ist Geschichte. Schon 2016 ist der Bereich “DJ-Equipment” um ein weiteres geschrumpft und viel dieses Jahr fast völlig weg. Die klassische Mischung aus Recording und DJ-Equipment gab es nicht mehr.

Aber…

im Übergang von Halle 5.1 zur Halle 6.1 befand sich erneut die DJCon. Das waren ca. 900qm, die vom Berufsverband Discjockey e.V. (BVD) betreut wurden und auf die sich Reloop, Denon DJ, Mixars, Allen & Heath und Pioneer DJ mit ein paar Tischen reingemogelt hatten. Das in Orange getränkte Areal mit einer kleinen Ecke für Vorträge und einer DJ-Kanzel auf der gegenüberliegenden Seite, stand ganz in der CI des BVD und versprühte den Scharm vergangener DJ-Meetings, bei denen der Großraumdiskotheken-Sound primär den Vibe vorgab. Und natürlich gab es auch die zwei Mädels mit Hotpants und Highheels wieder. Dies war das Angebot der Frankfurter Messe zum Thema DJ, wobei man hier dem BVD keinerlei Vorwürfe machen darf. Denn die hatten selbst, so habe ich es mir sagen lassen, erst 6 Wochen vor Messebeginn ein “Go” von der Messe bekommen und den DJ-Herstellern, die keinen dezidierten DJ-Stand auf der Messe hatten, Showfläche zur Verfügung gestellt.

Aber es sollte noch schlimmer werden.

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Das DJCon Areal organisiert vom BVD.

Wenn man sich in die anderen Hallen der Musikmesse begab, wurde das Bild leider nicht besser, denn es fehlten so viele Aussteller, dass z.B. der Bereiche Recording mit den Pianos zusammen gelegt wurde. Hallen wurde mit Trennvorhängen künstlich geteilt und mit Stellwänden gestaucht. Der Ausstellerrückgang war manchmal schon auf den ersten Blick erkennbar. Hätte ich als Besucher an einer dieser Tage satte 40.- Euro Eintritt bezahlen müssen, wäre ich mit Sicherheit zur Kasse zurück gegangen, um mein Geld zurück zu verlangen. Auf der Pro Light & Sound hingegen schien die Welt noch halbwegs in Ordnung zu sein.

Aber warum ist das so?

Aus der Sicht von Hersteller und Vertriebe steht die Frankfurter Musikmesse schon seit Jahren in der Kritik zu teuer zu sein. Darüber hinaus scheint das Feingefühl der Messe Frankfurt für das Interesse der einzelnen Zielgruppen verloren gegangen zu sein. Keiner fühlt sich vom Programm der Messe direkt in ein Rock´n Roll Gefühl versetzt, sondern sucht vergeblich auf dem Hallenplan sein Zuhause. Vermutlich ist das aber nur ein Teil der Wahrheit, warum Aussteller wegbleiben oder sich in den umliegenden Hotels mit Showrooms einmieten. Es gibt diverse Faktoren, die zusammengefasst, schuld an der steigenden Bedeutungslosigkeit der Frankfurter Musikmesse haben können.

Die Hersteller

Die NAMM-Show in den USA, welche meistens Mitte Januar stattfindet, liegt zeitlich sehr nah an der Musikmesse. Meist werden Produktreleases dorthin verlegt, was zur Folge hat, dass auch die meisten Geschäfte dort schon abgeschlossen werden. Im Bezug auf Veranstaltungstechnik jagt die nahliegende ISE Installationsmesse in Amsterdam (jährlich im Februar) der Messe Frankfurt die Besucher ab. Es könnte also auch an den Herstellern liegen, die sich strategisch auf eine Messe konzentrieren. Was will man also als Konsument oder Händler auf einer Messe ohne wirkliche News?

Oben drauf könnte man auch bemängeln, dass viele Produktankündigungen nicht nur vor den Messen angeteasert, sondern schon in epischer Breite ausgetragen werden.

Vielleicht wäre die Verlegung der Musikmesse in den Herbst eine Möglichkeit, aber da kollidiert sie wahrscheinlich mit anderen gewinnbringenden Messen (Buchmesse, IAA Automobilmesse, etc.).

Marktbereinigung

Nach der Digitalisierung im DJ-Bereich wurde der Markt mit allerlei Controllern geflutet. Nachdem diese Phase vorüber war, entstand ein Markt, in dem Softwarehersteller den Takt vorgaben und sich ihre Hardware-Partner aussuchten. Mit dieser Entwicklung, die nach wie vor anhält, wurde die Markenvielfalt geschrumpft und es kristallisierte sich heraus, dass nur DJ-Technik Hersteller überleben werden, die entweder ihre Finger noch in einem anderen Bereich oder einen günstigen Zugang zu einer DJ-Software haben. Und das günstigste ist, wenn man eine eigene Software hat (Siehe nun Pioneer mit Rekordbox oder Denon DJ mit Engine). Dem entsprechend gibt es weniger Hersteller, die erfolgreich DJ-Equipment anbieten können, so dass Marken wie z.B. Rane oder Vestax entweder sterben oder aufgekauft werden.

Konsumverhalten

Unser Konsumverhalten hat sich mit der Einführung von Mobilgeräten drastisch verändert. Alles ist in Hülle und Fülle, für Jedermann, 24 Stunden, 7 Tage die Woche, verfügbar. Statt Musik zu kaufen wird gestreamt, statt ein Instrument zu lernen werden Apps gezockt, statt Neuheiten direkt anzufassen wird die Live-Berichterstattung konsumiert. Qualität wird zwar nicht durch Quantität verdrängt, aber wenn sie nicht zu einem nach Hause kommt, dann geht man lieber den Weg mit dem geringeren Widerstand. Diese Parameter prägen vor allem den Nachwuchs, der seine Individualität durch 5 Sekunden Selfies mit Selbstzerstörungsmechanismus ausdrückt. Die Begeisterung etwas außergewöhnliches zu schaffen scheitert dem entsprechend an der kurzen Aufmerksamkeitsspanne einer Generation, bei der die Vernetztheit an oberster Stelle steht. Und dann kommt da eine Musikmesse mit einem Programm um die Ecke, bei dem Strohballen von links nach rechts durchs Bild geweht werden.

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Medien

Seit ca. 5 Jahren hat das Ausmaß der Videoberichterstattung auf der Musikmesse dermaßen zugenommen, dass neben den klassischen Medien, viele Händler, Blogs und auch immer mehr Privatpersonen mit Kameras rumlaufen und News innerhalb weniger Minuten ins Netz stellen. Die meisten erledigen das zwar nur oberflächlich, aber in der Masse wird man dann doch mit so vielen Informationen versorgt, dass der Zweifel an einem persönlichen Besuch der Messe wächst. Besonders dann, wenn das Eintrittsgeld und die Anreise hohe Kosten verursachen.

Pioneerstand_DJCon_17

Ob auf dem Handy Rekordbox läuft?

Fazit

Es gibt bestimmt noch mehr Faktoren, die die Musikmesse 2017 zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Aber wenn ich die Abschlusspressemittelung zur Musikmesse 2017 lese, wird in mir das Gefühl geweckt, dass entweder ich oder die Musikmessemacher in einer Matrix gefangen sein müssen. Denn die Realität sah in meinen Augen anders aus.

„Vor dem Hintergrund einer signifikanten Marktkonzentration in der Musikinstrumentenbrache und einer konstanten Entwicklung im Bereich der Veranstaltungstechnik bewerten wir den Verlauf des internationalen Messeduos positiv.Wir nehmen unseren Auftrag als Partner der vertretenen Branchen aktiv wahr, eine zukunftsorientierte Marketingplattform mit zielgruppenspezifischen Formaten und Events zu schaffen. Diesen Weg setzen wir im intensiven Dialog mit Ausstellern und Verbänden für 2018 konsequent fort“, so Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt.”

Hier gibt es die komplette Pressemitteilung als PDF.

Vom Gefühl her scheinen kleinere, lokale Events, die sich auf ein Interessensgebiet spezialisieren, mehr Zuspruch zu finden. Im Synthesizerbereich ist auf der Messe z.B. so oft die Rede von der Superbooth in Berlin gewesen. Hier hat Initiator Alex Schneider (Schneiders Büro) sein eigenes Ding aufgezogen und scheint im letzten Jahr erfolg damit gehabt zu haben. Im DJ-Bereich fand ich z.B. die Mixcon in München gut oder die Dancefair in Utrecht. Aber das Jahr ist noch jung und vielleicht ist das nur ein Gefühl…

Immer wieder positiv finde ich generell an Messen das Zusammenkommen mit Gleichgesinnten. Man trifft alte und neue Gesichter und kann sich so in persönlichen Gesprächen recht entspannt austauschen. Und das hat für mich eigentlich einen höheren Stellenwert als Produktneuheiten.

Prolight_Sound2017

(Rene Mol, Sven Kremers, Robert Wong, Daniel Matla, Jerome Henry)

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Lies auch den persönlichen Bericht von DJ Rewerb, der die Musikmesse und Pro Light & Sound noch ein wenig anders wahrgenommen hat.