Technics SL 1200 GR – Vorstellung, Vergleich und Test

Unter DJs und HiFi-Jüngern war es im letzten Jahr die Sensationsmeldung: Technics baut wieder Plattenspieler. Dem Jubel folgte Entsetzen, denn der Stückpreis sollte bei 3500 Euro liegen! Wenig später schoben die Japaner ein preiswerteres Model nach, den Technics SL 1200 GR. Wir haben diesen angetestet und klären nebenbei, wo die Unterschiede innerhalb der Produktlinie liegen.

Die Legende vom SL 1200

Im Jahr 1972 brachte Matsushita (heute Panasonic) unter dem Markennamen Technics den Plattenspieler SL 1200 auf den Markt. Eine Konstruktion, welche auf hohe Klangtreue und minimale Resonanzen Wert legte, sollte Käufer aus dem Hifi-Bereich überzeugen. Der Direktantrieb des SL 1200, sein hohes Drehmoment sowie Pitchregler sprachen jedoch eine gerade aufkommende Zielgruppe an: Deejays. Ursprünglich war der Disc Jockey beim Radio beheimatet, in Clubs und Tanzlokalen übernahmen Schallplattenunterhalter jedoch zu der Zeit die Aufgabe der bis dahin aufspielenden Tanzkapellen. Erste DJ-Pioniere begannen damit Platten ineinander zu mixen und dann war da noch die Geburt von Hip Hop, die grob gesehen mit der des SL 1200 zusammenfiel.

Mit der Überarbeitung zum SL 1200 MK2 im Jahr 1979 – die ausklingende Blütezeit von Disco kam mit ersten Hip Hop Welterfolgen zusammen – wurde neben dem silbernen Model eine Version in mattem Schwarz eingeführt. Diese bekam die Benennung SL 1210 MK2, gern der “Zwölfzehner” genannt. Ein patentierter Quarz-Direktantrieb beschleunigte den Plattenteller in 0,7 Sekunden auf 33,3 Umdrehungen. Durch den nun rechts platzierten Pitchfader bekam der Turntable sein typisches Aussehen. 1200 oder 1210 – der Unterschied liegt von nun an in der Farbe.

Nach wenig verbreiteten (Sonder)Versionen folgte 2002 schließlich die vorerst letzte, in Europa erhältliche Weiterentwicklung, der MK5. Die auffälligsten Änderungen waren hierbei ein erweiterter Bereich bei der Einstellung des Anti-Skatings, der Reset-Button für den Pitch und die Einfassung des On/Off-Schalters. Unterm Strich wenig Innovation für ein Gerät, dessen lange Produktionszeit es ins Guinnessbuch der Rekorde schaffte. 2008 folgte noch eine MK6-Version, allerdings nur in Japan, zwei Jahre darauf kam unerwartet das Aus.

Nachdem die DJ-Linie von Technics – es gab dereinst Kopfhörer, CD-Player und Mixer – immer mehr ausgedünnt wurde, verkündete Panasonic 2010 das Ende der Produktion des 1200 / 1210. Gründe waren der absterbende Vinylmarkt und – gerüchtehalber – Engpässe bei diversen Bauteilen. Nach langem Unglauben setzte sich die traurige Botschaft durch: Die Legende ist tot.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Aus Anlaß des 50.sten Geburtstages der Handelsmarke Technics wurde im vergangenen Jahr – innerhalb einer hochpreisigen “Grand Class Serie” – eine komplett überarbeitete Version des SL 1200 aufgelegt. Unter der Bezeichnung SL 1200 GAE fanden binnen weniger Tage eintausendzweihundert limitierte Exemplare aus Utsunomiya den Weg in alle Welt. Genaugenommen waren es 900 Stück, denn 300 kamen auf den japanischen Markt. Der Preis für die limitierte “Grand Class Anniversary Edition” lag bei 3500 Euro und damit mehrfach über dem der Vorgänger. Neben der Investition in die Neuentwicklung und in Werkzeuge, Gussformen und Fertigungsstrukturen wurden hochwertige Komponenten und generell gestiegene Materialkosten als Begründung für den deutlichen Preisschub angeführt.

SL 1200 GAE (Der Limitierte)

Abgesehen vom äußerlichen Design hat der SL 1200 GAE nicht viele Gemeinsamkeiten mit seinen Vorgängern. Mit knapp 19 kg wiegt der GAE etwa ein Drittel mehr als ein MK2 oder MK5. Davon entfallen allein 3,5 kg auf den (verschraubten) Plattenteller. Dieser besteht aus drei Komponenten. Die Basis aus Alu-Druckguss ist an der Unterseite mit einer vibrationsabsorbierenden Gummischicht versehen, die Oberseite ziert eine Messingauflage. Der neu entwickelte Direkantriebsmotor ohne Eisenkern verfügt über einen Zwillingsrotor, was selbst kleinste Drehzahlschwankungen oder Rotationsvibrationen vermeiden soll. Ein kaltgezogener Tonarm aus Magnesium verspricht eine hohe Dämpfung ohne jeglichen Eigenklang. Aufgehangen ist dieser in der typischen, kardanischen Weise. Auch das Chassis und die Absorberfüße wurden optimiert. Weitere Features: Der Pitch ist zwischen 8% und 16% umschaltbar, das Anlauf- und Abbremsverhalten des Motors kann feinjustiert werden, neben 33 und 45 RPM ist auch eine Geschwindigkeit von 78 RPM wählbar. Und mit den nun ansteckbaren Kabeln wurde einer der wenigen Schwachpunkte bisheriger Technics-Plattenspieler ausgemerzt. Beim SL 1200 GAE wird die Deckplatte aus edlem Aluminium von einer Plakette geziert. Darauf ist die Seriennummer eingraviert, was auch schon der einzige Unterschied zum Serienmodel ist.

SL 1200 G (High End Serienmodel)

GAE und G sind abgesehen von der ausgewiesenen Limitierung identisch. Wider erster Ankündigungen trifft diese Aussage auch auf das Material des Tonarms zu. Leider ebenso beim Preis. Laut MINT gehen pro Tag Produktionsmengen von 20 Stück vom Band. Klasse statt Masse. Der SL 1200 GAE / G setzt in Ausstattung und Preis auf eine Klientel, welches bereit ist für Qualität zu zahlen. Das sind Freunde guten Klanges, die beim Tonabnehmer – welcher übrigens nicht zum Lieferumfang gehört – auch nicht sparen. Innerhalb der “Grand Class”- Serie wird – trotz Pitchfader – die Verortung klar: High End, nicht DJ. Dazu passt die kolportierte Story, dass jeder Plattenspieler vor der Verpackung einen finalen Klangtest mit “Hotel California” erfährt.

SL 1200 GR (Fürs kleinere Budget)

Technics hat in die Neuentwicklung eines Turntables investiert, der gleichzeitig Signal der Rückkehr und Referenz ist. Große Stückzahlen dürften im Verkauf weniger eingeplant sein. Trotzdem will man die Ausgaben reinholen sowie Gewinn erwirtschaften. Insofern ist ein SL 1200 GR (bzw. SL 1210 GR, die schwarze Version ist mit diesem Model zurück) die logische Konsequenz die Zielgruppe preisbewusster Käufer – was DJs sind – zu bedienen. Das erfordert Kompromisse und hat natürlich Auswirkungen beim Wareneinsatz. An welcher Stelle Technics gekürzt hat klären wir im Folgenden. Zuvor stellt sich noch eine andere spannende Frage:

Warum ein Technics?

Der “Zwölfzehner” ist der Inbegriff des Plattenspielers, nicht nur bei DJs. Das verdankt er seiner Omnipräsenz und dem Ruf extrem langlebig zu sein. Zwanzig Jahre Nutzung ohne Reparatur sind – wenn man von ausfallender Nadelbeleuchtung oder Kabelbrüchen absieht – eher Regel als Ausnahme. Legendär ist auch die akustische Entkopplung, mit welcher kein anderer Turntable mithalten konnte. Versuche Technics zu beerben gab es viele – zuletzt sollte der PLX 1000 die Lücke füllen. Einer der wichtigsten Punkte war die schon erwähnte Verbreitung. Vestax hatte vielleicht die besseren Features, Audio Technica war viel billiger – was wollte man aber damit zuhause üben, wenn im Club ausschließlich nur Technics standen? Auf der gleichen Basis fusst die Marktmacht von Pioneer bei Mixern und CD-Playern.

Etwas anders ist die Lage jenseits der Clubs, zum Beispiel im heimischen Wohnzimmer. Wenn es um High-End Definitionen oder schnöde HiFi-Nutzung geht, gibt es diverse Alternativen. Funktionen wie Bluetooth, eine USB-Schnittstelle, ein stylisches Gehäuse aus Nussbaum, Vollautomatik oder ein Röhrenvorverstärker sind für manchen Zeitgenossen zudem wichtiger als ein Pitchfader. Der Retrofreund wird bei Ebay fündig, der Sparfuchs bei Conrad und der Audiophile hat im Fachhandel bei Zigarre und Portwein die Qual der Wahl. Inklusive SL 1200 G … den von legendären Technics Plattenspielern hat jeder schon mal gehört!

Der Technics SL 1200 / 1210 GR im Detail

 

Äußerlich und in den Dimensionen zeigen sich nur minimale Unterschiede zu den alt bewährten Modellen. Auf den ersten Blick geht der GR als MK5 durch. Bei einer testweisen Platzierung im Case meines MK2 passt der Neue von Technics ohne Probleme.

Im Lieferumfang kommt eine Staubabdeckung und eine Gummimatte für den Plattenteller, welche jeder DJ umgehend durch eine Slipmat ersetzen wird. Weiterhin liegen alle notwendigen Kabel bei, ein Singleadapter sowie ein Headshell (ohne System) und eine Überhanglehre, die eventuell benötigt wird, um einen Tonabnehmer zu justieren. Das Gegengewicht für den Tonabnehmer inklusive Zusatzgewicht und eine mehrsprachiges Manual vervollständigen das Zubehör.

Unterschiede zu G / MK5

Nimmt man den Plattenteller ab, wird deutlich, was sich geändert hat. Zum Beispiel der Antrieb. Oder der Plattenteller selbst. Der GR profitiert von den Kernmerkmalen der Neuentwicklungen des Spitzenmodels, wenn auch in abgespeckter Form. So besteht der 2,5 kg schwere Plattenteller aus Alu-Druckguss und einer Gummischicht. Die Messingauflage der teuren Version fehlt, ebenso wie ein Kilogramm an Gewicht und die Verbindung durch Verschrauben. Trotzdem ist der klassisch auf die Achse gesteckte Teller des GR einiges – nämlich 800 Gramm – schwerer als der seiner Vorgänger. Die Dämpfung, für welche unter anderem die Gummischicht an der Unterseite verantwortlich ist, soll doppelt so hoch sein wie die beim MK5.

Neuer MotorIn Sachen Motor wurde die Idee vom minimierten Polruckeln, also der Direktantrieb ohne Eisenkern übernommen. Statt eines Zwillingsrotors, wie beim GAE / G , zieht hier ein einzelner Rotor seine Kreise. Die neu entwickelte Motorsteuerung mit Positionsüberwachung sorgt für bestmöglichen Gleichlauf. Der Anlaufdrehmoment (Torque) des Motors kann beim GR in drei Stufen auf maximal 2,2kg/cm gewählt werden. Beim Pendant des Abbremsens (Brake) stehen fünf Optionen zur Auswahl.

Die klassischen Drehzahlen von 33,3 bzw. 45 U/min haben Zuwachs bekommen. Drückt man beide Tasten, läuft der GR auf 78 Umdrehungen. Das Grammofon läßt grüßen und ich frage mich, wieviele Nerds dieses Feature wohl nutzen. Auch beim Pitch lassen sich die üblichen +/- 8% per Knopfdruck verdoppeln. Als DJ, der öfter mal das Tempo wechselt, finde ich +/- 16% durchaus hilfreich. Beibehalten wurde die Reset-Funktion für den Pitch.

Das Chassis besteht aus zwei Komponenten. Ein Rahmen aus Alu-Spritzguss wurde mit einem resonanzhemmenden Verbundstoff kombiniert. Die Oberfläche ist im Vergleich zum GAE / G günstiger ausgeführt. Während dort Aluminium verwendet wird, ist es beim GR Kunststoff in silberner bzw. matt schwarzer Optik. Die Dämpfungsfüße aus Silkonkautschuk sind im Prinzip Light-Varianten des verbesserten Prinzips der Füße des GAE / G. Kurz: sie sind wirkungsvoller als die von MK2 / MK5, die des GAE / G sind aber noch effektiver. Irgendwo muss eine Preisdifferenz begründet liegen.

Bleibt der Tonarm, wo sich die Basis am teureren Model orientiert. Der Unterschied liegt im Material. Alu statt Magnesium. Durch Gegen- und Zusatzgewicht können leichte und schwere Tonabnehmer (5,6 – 25,1 Gramm) am S-förmigen Tonarm befestigt werden. Das Anti-Skating ist identisch mit dem MK2 oder GAE / G. Wie ein Tonarm eingestellt wird habe ich in einem Video zusammengefasst. Da wird auch erklärt, wozu man Anti-Skating benötigt.

Sehr positiv ist Technics Entscheidung zu werten, nach all den Jahren auf abnehmbare Kabel zu setzen. Bisher war alles fest verbaut, was einen Wechsel schwierig machte. Nun kann man sowohl in der Länge als auch bei der Qualität eigene Vorstellungen realisieren.

Ähnlich verhält es sich beim System. Schon immer verzichtet Technics auf die Beilage eines Tonabnehmers. Lediglich ein Träger wird mitgeliefert, was auf frühe Wurzel im HiFi-Bereich verweist. Seit etlichen Jahren nutzen viele DJs aufsteckbare Concord-Systeme, was mühevolle Feinjustierung erspart. Die Wahl des Tonabnehmers ist das wichtigste Kriterium beim Klang und auch beim Einsatzgebiet. Bei House- und Electro-DJs sind die Concord-Versionen von Ortofon verbreitet, Turntablisten setzen auf Shures M44 und HiFi-Enthusiasten schrauben nichts an, was weniger als 30% vom Kaufpreis des Plattenspielers kostet. Schwer verallgemeinert, aber festzuhalten wäre: die Auswahl ist riesig und die richtige Wahl – die zudem in die Klangkette passen sollte – zu treffen ist entscheidend für den individuell gewünschten Sound. Eine subjektive Sache. Die Fachpresse ist sich einig und schätzt die Klangeigenschaften den SL 1200 / 1210 GR mit “sehr gut”, “überragend”, “ausgezeichnet” oder “Spitzenklasse” ein.

Praxiserfahrungen

Was soll man dazu sagen? Meine Erfahrungen mit dem Technics-Klassiker sind nach über zwanzig Jahren DJ-Dasein sehr umfangreich. Und absolut positiv. Ich bin auf den Technics geeicht! Der SL 1200 / 1210 GR reiht sich da nahtlos ein. Die jetzt blauen Leuchtelemente mögen für den ein oder anderen neu sein. Ich kenne sowas bereits von diversen Umbauten, der GR hat diese Illumination nun serienmäßig. Für den Praxistest ist ein Ortofon-Nightclub System schnell mit dem Tonarm des GR verschraubt und nach der Einstellung des Auflagegewichtes könnte ich nun wie gewohnt auflegen.

Doch da laden Torque und Brake zum experiemtieren ein. Mit einem spitzen Gegenstand wird durch die Öffnung im Plattenteller die Anlauf- oder Abbremsgeschwindigkeit eingestellt. Das geschieht stufenweise und per Tastendruck, wobei man noch ein Blinklicht beachten muß. Leider gibt es keine Statusanzeige. Welche Stufe man gerade gewählt hat, kann man nur fühlen. Nämlich an der Reaktion des Plattenspielers. Irgendwie ist gerade das richtige Gefühl Sinn der Sache, einen Anhalt wo ich gerade bin, fände ich trotzdem hilfreich. Aber für gewöhnlich stellt man seine Vorlieben auch nur selten um, was diesen Punkt zur Randnotiz macht. Sonst ist das Handling wie ich kenne und erwarte.

Nach dem haptischen Abgleich stellt sich die Frage nach dem Klang. Ist der des GR besser als der eines MK2?  In direkter Gegenüberstellung fällt es mir schwer Unterschiede auszumachen. Zugegeben: mir fehlt die nach oben offene HiFi-Kette. Es ist gut möglich, dass sich das Potential eines GR dort entfaltet.  Als Mann der Praxis habe ich mal kurze Sequenzen unter gleichen Voraussetzungen (Ortofon Nightclub System / Serato SL3 Soundkarte) aufgenommen. Weder in der Waveform-Darstellung  noch im Höreindruck vermag ich große Differenzen auszumachen. Lohnt daher die Investition von 1500 Euro? Die Antwort: Ja.

Fazit

Technics ist es gelungen Gutes zu verbessern. Dabei konzentrieren sich die Japaner auf ihre Stärken, was Antrieb und Dämpfung sowie natürlich der Klang sind. Zeitgemäße Features wie ein Line Out Level oder eine USB-Verbindung sucht man vergebens. Legt man den Anspruch von Technics zu Grunde,  dürft ein Model mit mehr Features auch mehr kosten. Kurzgesagt: ein Billiggerät mit in Plastik gehüllter Funktionsvielfalt ist nicht zu erwarten. Ein 1200 / 1210 bleibt das was er immer war – eine zuverlässige Maschine. Mit gutem Klang, bei der er – als Modul – beste Voraussetzungen mitbringt.

Legendäre Robustheit trifft gesteigerte Audio-Qualiät. Das Paket hat seinen Preis, der sich jedoch relativiert, wenn man auf die zu erwartende Nutzungsdauer und die Entwicklung der Gebrauchtpreise schaut. Die Nachfrage bestimmt den Markt. Technics hat es durch eine Petition sogar schriftlich: “Bring back the SL 1200!”. Das wurde getan!

Produktseite
Preis: 1499 Euro

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