Review: Patlac – Blinded [Connaisseur Recordings]

Tiefer, tiefer immer tiefer ziehen die Geister der Nacht ihre Kreise und Bahnen, lassen Euphorie und Depression in Phasen voreinander-, hintereinander- oder nebeneinanderher rauschen. Rastlos und unruhig, ist das Ziel der Weg. »Blinded«, Patrick Müllers erster Gehversuch auf Albumlänge, stolpert melancholisch trüb aber beobachtend wach durch die Nächte vertrauter Ecken in seiner (nun) Heimat Hamburg. Auf elf kohärenten Tracks löst sich Patlac von der jahrelangen Liebe*Detail-Narrative und übt sich entsprechend dem Frankfurter Label Connaisseur (Kollektiv Turmstrasse, Of Norway u.a.) in neuem Livingroom-Charme.

Die Idee: Visuelle Eindrücke aus der Fahrt zwischen Wohnung und Studio mit Hamburgs gelber Ringbahn U3 aufsaugen und in das Wohnzimmer transportieren. Denn »Blinded« funktioniert auch und gerade wegen des Konzepts außerhalb von Club-Kontexten. Bereits das knapp einminütige Intro »Into The Dawn« trichtert die Aufmerksamkeit bewusst in eine abwartende, schwummerige Atmosphäre des Abfahrens. Vor allem »Passenger« und »You« sind gleichwohl treibend wie zurückgelehnt. Das Spiel mit Bewegung, wechselnden Raum- und Lichtverhältnissen und der kurzweiligen Absage an die Zeit wird für die Dauer des Albums spürbar griffig und konkret skizziert. Insbesondere das Herzstück der Platte, »Light«, nähert sich durch dezente Ambient-Details einem meditativen Höhepunkt.

Leichte Spokenword-Vocals von Afra lösen die anfänglich nervösen Sentiments in Kraft und Beruhigung auf. So sind die Vorzeichen des vom Deep House weichenden, technoiden Auswuchses »Zone000-105« deutlich freundlicher als es vielleicht an früherer Position suggerieren hätte können. Spürbar inspiriert vom Gedanken der Dokumentation sorgen szenische Feinheiten für klangliche Tiefe. Dank behutsam platzierter Fieldrecordings (»HsB62 To VnSg«) malt Patlac eine wesentlich harmonischere Klangwolke seiner Stadt als es beispielsweise die Realität von Actress in »Ghettoville« sein wollte. Musik muss eben nicht immer Chaos sein und Hamburg ist nicht Wolverhampton.

Auch deshalb ist der Abschluss um »Run« um ein Vielfaches versöhnlicher als erahnen lässt. Der herbe Rausch der vergangenen Nacht scheint verflogen und der Silberzug der U3 nähert sich dem Haltepunkt. Zu Beginn empfiehlt sich »Blinded« noch als Träger für den bevorstehenden Abend. Erst nach einer guten halben Stunde offenbart sich, Patlac spricht hier vor allem auch die Afterhour-Gemeinde an. Die ersten Lichtstrahlen vom Tagesanbruch beißen süß im Augenschein und das gleichnamige Schlußstück »Blinded« entfaltet seine eigentliche Bedeutung. Geblendet meint hier nicht, zerrissen durch die Nacht zu stolpern.

Es scheint als würde einmal das gesamte Gefühlsspektrum durchdekliniert und schließlich in einer versöhnenden, intimen Zufriedenheit zusammenkommen. So meistert Patlac die Kür des Konzeptalbums recht ordentlich, weil er vor lauter Ideen nicht den roten Faden verliert. Die Idee der Frankfurter des so genannten Livingroom Technos lernt so auch außerhalb von Compilations das Laufen.

 

© Connaisseur Recordings

 

Release: 26.01.2018 auf Connaisseur Recordings.

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