Bruchstelle: DJs und Vinyl – Die Inszenierung eines Handwerks

Bruchstelle: DJs und Vinyl – Die Inszenierung eines Handwerks

Features 22. Dezember 2019

Das Jahr 2019 neigt sich dem Ende und es werden schon fleißig Pläne gemacht, wie man denn in das nun kommende Jahrzehnt reinfeiert. Vielleicht macht man sich  schon die ein oder anderen Vorsätze, die dann doch krachend scheitern. Aber wie auch immer man den Jahreswechsel vollzieht, ein Rückblick ist stets Ritual dieses Ereignisses.

Für die elektronische Musik war es einmal mehr und je nach Blickwinkel ein gutes Jahr. Vor allem technologisch passierte wieder einiges: Synthies, DAWs, Plugins und Controller so weit das Auge reicht. Die Sinnhaftigkeit der schieren Menge an Produkten darf dabei zwar ein ums andere mal angezweifelt werden, aber Fakt ist: Der Markt bleibt in Bewegung. Besonders die Rückkehr zu alten Geräte-Klassikern war dieses Jahr das dominierende Thema, Speerspitze dürfte hier die Klonserie von Behringer sein. Analog ist wieder sexy. Wobei es sich vielmehr um ein "best of both worlds" handelt, bei dem Digitales und Analoges miteinander verbunden werden. Und mit digital ist nun auch eben jenes verhängnisvolle Wort gefallen, welches auch 2019 nach wie vor für Stürme der Entrüstung und des Unverständnisses sorgte. Man möchte meinen, dass sich das Thema vielleicht irgendwann einmal abkühlt, doch gefühlt ist es heißer als je zuvor: "Ein echter DJ legt nur mit Platten auf!"

Irgendwann hieß es einmal: "Wir benötigen wieder mehr ehrliches Handwerk." Nur anstatt auf dem Arbeitsmarkt, stieß diese Aussage wohl eher in der DJ-Branche auf fruchtbaren Boden. Denn es handelt sich ja nicht nur um vermeintlich "ewig Gestrige", die das Spiel mit dem schwarzen Gold zur Maxime des Auflegens erklären. Auch Neueinsteiger huldigen dem Vinyl. Dass wieder mehr mit Platten aufgelegt wird, ist dabei überhaupt kein Problem, lässt man die Umweltthematik einmal außen vor. Platten sind cool, man kann sie sammeln und stolz im Schrank verstauben lassen. Sie liegen schön in der Hand, haben tolle Cover und manchmal sind sie auch bunt oder sogar in Herzform (shoutout an Mayer Hawthorne an dieser Stelle). Vielmehr ist es die Attitüde, die sich in der Kultur der Vinyl-DJs breitmacht und für hitzige Diskussionen sorgt. Vor allem in den sozialen Medien und in Kommentarspalten wird regelmäßig über das DJ-Handwerk gestritten. Doch woher rührt eigentlich diese Haltung und welche teils fragwürdigen Sichtweisen auf Musik gehen mit ihr einher?

Ein echter DJ legt nur mit Platten auf!

Das Abbild des DJs durchlief in diesem Jahrzehnt zweifellos eine große Metamorphose. Mainstream-Sound aus dem EDM-Bereich, der sich zuvor sonst eher rund um den Autoscooter der innerstädtischen Kirmes abspielte, fand nach und nach seinen Weg auf die große Bühne. Und die DJs wurden dort die neuen Rockstars. Dadurch änderte sich auch die mediale Repräsentation und auf einmal tauchten DJs in Top-40-Sendungen von Oliver Geißen auf. Videos von Sets, bei denen die Spieler nicht angeschlossen sind, machten die Runde und die Martin Garrixs dieser Welt sind in ihren 30-Minuten-Sets weniger mit mixen als mit dem "Put your hands up!"-Brüllen beschäftigt. Hinzu kommt der große Demokratisierungsprozess durch Software und automatisches Beatmatchen. Plötzlich ist jeder DJ und wenn jeder DJ ist, dann bröselt nur alsbald das Profil.

Gab es früher noch eine große Einsteigerhürde durch das Erwerben von Plattenspielern und, das steht außer Frage, viel Fleiß beim Erlernen des Handwerks, reicht heute eine gecrackte Version von Virtual DJ. Diesem Demokratisierungsprozess und dem damit vermeintlichen Skill-Verlust, scheint man sich nun damit zu erwehren, dass man zu einem ehrenwerten Handwerk zurückkehrt. Blut, Schweiß und Handarbeit, um der Entwertung zu entgehen. Selbst bei vielen, die hin und wieder auch digital auflegen, kommt im Nebensatz: "Am liebsten lege ich aber mit Platte auf." Fast peinlich berührt wird der stete Verweis auf das Handwerk bemüht, um ja nicht in jene verhängnisvolle Gruppe eingeordnet zu werden, die sich des Sync Buttons bedient. So wird dann der Griff zur Platte zum letzten Ausweg. In seiner absurdesten Stilblüte findet sich dieser Verweis in dem "Vinyl only!"-DJ-Set, das auf SoundCloud hochgeladen wird.

Hier geht es nicht einmal mehr um irgendeine Sichtbarkeit und auch der Mythos des besseren Klangs wirkt angesichts eines komprimierten Streams dann noch lächerlicher. So kommt man nicht drumherum, diese Praxis als das zu benennen, was sie schlussendlich auch ist: Inszenierung durch Abgrenzung. Musik wird zum sportlichen Wettbewerb. Wer kann schneller rennen, höher springen und wer hat die besten Skills. Damit nähert man sich einem Diskurs an, der sich so ähnlich nun schon jahrzehntelang hartnäckig in der Rockmusik festgebissen hat. Dort werden noch immer alte Helden fast kultisch verehrt und elendigen Listen erstellt, wer der tollste Drummer ist und wer die schönsten Pentatoniken hoch und runter spielt.

Inszenierung durch Abgrenzung: Musik wird zum sportlichen Wettbewerb.

Intrinsische Motivation, Wertschätzung, mehr Spaß, eine bessere Übersicht oder auch weil 10kg-Platten schleppen ein super Workout ist. Es gibt sehr viele Gründe, mit Vinyl aufzulegen. Nur darf Handwerk nicht zur Inszenierung werden und der Abgrenzung dienen. Denn Handwerk ist nicht Kunst, sondern nur Mittel um selbige zu erschaffen. Wenn man sich also von dem im Mainstream geprägten Image des Star-DJs und seiner damit einhergehenden künstlerischen Entwertung trennen möchte, dann nicht, indem man sich ausschließlich mit vermeintlichen Skills und technischer Finesse inszeniert. Denn so entsteht schlicht das elitäre Equivalent zum großen EDM-DJ. Es ist vollkommen richtig, dass wir uns innerhalb der Szene um ein neues DJ-Bild kümmern müssen, doch genauso ist es ein Trugschluss, derzeitige Entwicklungen schlicht auf eine technologische Veränderung zurückzuführen.

Es ist unsere Auffassung von DJs als Fixpunkt, die einen zu großen Hype erzeugen und eine ungesunde Gewichtung hervorrufen. Gute DJ-Sets können einen Abend unvergessen machen, aber sind es wirklich nur die Personen hinter dem Pult, die dafür sorgen? Vielmehr sollten wir DJs als Teil eines Verbunds aus Sound, Location, Publikum und vor allem den KünstlerInnen, deren Tracks gespielt werden, begreifen. Ob nun Sync Button, CDJs oder 1210er. Der Weg, für ein neues und besseres DJ-Bild zu sorgen, kann nur die Abkehr von sämtlicher Selbstdarstellung sein. Werdet wieder mehr zu DJs, die zusammen mit den Leuten die Musik feiern. Nicht zu denen, die sich für das Abspielen der Musik von den Leuten feiern lassen.

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Geschrieben von:
Simon Ackers

3 Kommentare zu "Bruchstelle: DJs und Vinyl – Die Inszenierung eines Handwerks"

Malari Mc 24. Dezember 2019 • 13:07 Uhr

Bei allen Diskussionen wird leider immer wieder vergessen, dass es um die Musik geht, die der verehrte "Platte Alleinunterhalter" seinem Publikum anbietet . Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Technik hat mit Sicherheit vieles einfacher gemacht doch hinter allem steht ein Mensch mit mehr oder weniger Talent und/oder Gespür für die richtige Songauswahl zur richtigen Zeit. Oder um mit den Worten eines befreundeten Tontechnikers zu sprechen:"Wenn ich oben Scheiße reinpacken kommt unten kein Gold raus, egal welche Technik"

Eric 28. Dezember 2019 • 12:19 Uhr

Ich selbst habe jahrelang Platten aufgelegt. Irgendwann bin ich zu Digital gewechselt. Und das hat alles versaut. Wo ich früher Stundenlang im Plattenladen stand um Platten zu hören und mir überlegt habe ob ich jetzt 12 Euro für ne Platte ausgebe, die am Ende vielleicht garnicht in mein Set passt, wurde jeder Mist für 1,49 auf die Festplatte geladen und zum Schluss hatte mein Set absolut keinen Stil mehr. Zugegeben: am Anfang hat der Stilbruch echt Spaß gemacht.
Aber irgendwann war alles zu verschwurbelt um noch gut zu sein. Und das war dann meine Rückkehr zu den guten alten Rock- und Progzeiten. Das ist noch echt handgemacht.
Wenn ich heutige „DJs’ höre, dann fällt mir oft auf, dass da wirklich keine Linie mehr drin ist. Der Sync-Button macht es wirklich auch Leuten ohne jede Leidenschaft und ohne Musikverständnis möglich sich selbst zu inszenieren.

Chris 5. Januar 2020 • 14:38 Uhr

Naja, wenn Du gegen Vinyl-Only Sets wetterst, macht Du doch dasselbe, was Du den Vinyl-Enthusiasten vorwirfst.

Für mich erzeugt ein Vinyl-Set ein besonderes Gefühl, ganz unabhängig von der Tonqualität. Sowas sollte es öfter geben. Und eine Platte in der Hand erzeugt viel mehr Emotionen, als ein Track auf einem USB-Stick.

Trotzdem kann sich die Technik gerne weiterentwickeln - Am Ende hängt es am DJ, ob er es schafft sein Gefühl zu transportieren und die Leute mitreißt, ganz egal, mit welcher Technik er auflegt. Jedem das seine :)

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