hr3 Clubnight: So wichtig war ein Radiosender für den Sound of Frankfurt

hr3 Clubnight: So wichtig war ein Radiosender für den Sound of Frankfurt

Features. 22. Juni 2024 | 4,6 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

1990 gab es keinen Boiler Room, kein Fish-eye-Badezimmer und keine Drohnenshots vor Weltwunderpyramiden. Dafür war da die hr3 Clubnight. Ein DJ-spielt-Platten-Format des Hessischen Rundfunks, das fürs Radio entstand und in den 2000ern im Fernsehen lief. Torsten Fenslau vom Dorian Gray gehörte anfangs dazu, Sven Väth aus dem Omen auch. Den Rest kennen heute nur noch Wikipedia oder das 239-Gigabyte-Archiv der Clubnight, das vor ein paar Jahren im Internet auftauchte.

Dabei war das mit dem Radio schnell eine große Sache. Ein – oder eher seltener auch mal eine – DJ legte samstagabends im Studio auf. Die Leute konnten zuhören und anrufen, manchmal ging auch jemand ran. Während der 2000er sendete die Clubnight zusätzlich im Fernsehen, da konnte man die Playlist dann direkt vom Bildschirm abschreiben. Außerdem zogen Bauchbinden-Texte wie "Heute rockt Roman Flügel die Clubnight" über den Bildschirm.

Irgendwann war das Internet dann da, die Clubnight sollte plötzlich young und fresh sein. Dazu gehörte auch ein Clubnightforum, das bis heute als Onlinegästebuch existiert – im Gegensatz zum Konzept der Sendung, das hatte sich 2014 "überlebt". Meinte jedenfalls der Hessische Rundfunk und stampfte das Programm ersatzlos ein, was zu einer Petition und 691 Unterschriften führte, allein: Die Clubnight kam nicht mehr zurück.

Seither ist YouTube zum hr3 Clubnight-Friedhof geworden. Dort, unter den vielen Setleichen, die irgendwer mal auf Kassette aufgenommen und hochgeladen hat, nennen sich mutmaßliche Männer Feierknaben und erzählen, wie die Clubnight damals ihr Leben gerettet hat. Der eine war im Knast, der andere in der Klapse. Am Samstag lief ja da wie dort das Radio. Und im Partykeller suchen ein paar immer noch nach dieser einen Clubnight von Väth im Juli 1992, oder war es doch 93?

"Legendär" ist sie natürlich immer gewesen, diese hr3 Clubnight. Eine "Institution", "das Beste" und also "sauwichtig", wie manch jemand ausführt. Das trifft vor allem auf den sogenannten Sound of Frankfurt zu, also: diese elektronische Musikmischung aus dem Rhein-Main-Gebiet. Dass die sich in den Neunzigern weltweit als Eurodance vermehrte, darf man auch der Programmschiene des Hessischen Rundfunks anhängen.

Denn bevor die Clubnight am 5. Mai 1990 auf hr3 on air ging, züchtete man mit der Sendung "Sounds vom Synthesizer" schon Jahre zuvor ein Publikum, das verstand, was elektronische Musik ist. Michael Münzing (ja, der da) oder Talla 2XLC waren nur zwei der Namen, die man kennen musste, wenn man sich in Läden wie Gray oder Omen keine Feinde machen wollte.

Das muss heute niemand mehr wissen. Interessant ist es trotzdem. Auch weil die Clubnight zwar tot ist, aber immer noch existiert, als Schrödingers Clubnightarchiv – von Leuten getragen, die die Sendung gerne zum Kulturerbe ernennen würden. Und prophylaktisch jedes einzelne DJ-Set zwischen 1990 und 2014 katalogisiert haben.

Wer alle fünfhundertirgendwas Sendungen hören will, kann schon mal das Sabbatical beantragen. 62 Tage Krankenstand wären dann doch ziemlich auffällig. Man kann sich das Ding aber auch in allgemein verträglichen Dosen verabreichen. Wir geben Starthilfe mit fünf Mal hr3 Clubnight, die man gehört haben darf.

hr3 Clubnight: Sven Väth, 06.03.1993 

1993 kam man damit noch durch, die Onkelz als Intro – heilsames Halleluja. Sind aber nicht mal einunddreißig von knappen drei Stunden Querschnittkarambolagentechno, die Väth hier runterzockt. Also wirklich: zockt! Das Ding ist eine Zeitkapsel für alles, was Techno kann, soll, muss. Klaro, ist ja Sven Väth. Darum lieben ihn manche und vergöttern ihn andere.

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Schon 1993, da war er 29. Heute ist er der Opa aus dem Omen, den zumindest alle kennen. Und wer weiß, vielleicht taucht beim nächsten "Wetten dass..?"-Revival endlich mal irgendein Jens (42) aus Hofheim am Taunus auf, der alle Väth-Clubnights von 1993 am Geschmack erkennt.

hr3 Clubnight: Mark Spoon, 05.04.1997

Am Mischpult war er wie ein Unfallchirurg: kein filigraner Techniker, sondern einer, der den Laden zusammenhält. Damit es vorwärts geht. Damit wieder was passieren kann. Und das war bei Mark Spoon eigentlich immer so. Über den hat man ja oft gesagt, der Spoon war ein Lebemann, ein Exzessgetriebener.

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Aber eigentlich hatte er nur ein Näschen für die richtige Party. Die hat ihn zwar später ins Grab gebracht, weil Ikarus, Sonne und so weiter. Aber dafür hat Mark Spoon das Ding einfach zu sehr gecheckt. Wenn man weiß, wie man Stimmung macht, kann man nicht mehr so tun, als wüsste man es nicht. Deshalb, Party!

hr3 Clubnight: Monika Kruse, 15.04.2000

Kruse war genau einmal in der hr3 Clubnight. Davor, danach, nie wieder. Warum? Keine Ahnung, aber: Mach dich rar, du bist der Star. Zwischendurch funken hier die Verkehrsnachrichten rein, Geisterfahrerwitze auf der A5, weil: Da fahren ja alle in unsere Richtung.

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Drei Stunden lang kurvt man mit Lichthupe durch die Nacht, die Blaupunktanlage gibt alles. Und sogar Adam Beyer macht gute Tracks. Spätestens da merkt man dann auch, wie lang der Bumms schon her ist. Saulang nämlich.

hr3 Clubnight: Paul van Dyk, 25.09.2004

Muss man sich mal vorstellen: Paul van Dyk spielt Samstagabend in einer hurtig mit Lametta dekorierten Amtsstube seine freihändigen Hymnen, lässt sich erstmal einen großen Braunen kommen, rührt den zwölf Minuten nicht an, lässt diesen dafür aber von einem Prakti bewachen, der währenddessen die Platten mitschreibt, die Paul vorne spielt.

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So war das damals im Krie… äh, Anfang der 2000er Jahre. Jedenfalls hätte van Dyk auch irgendwo in Los Angeles auftreten können oder in London, jedenfalls nicht in der Frankfurter Bertramstraße. Hat er trotzdem gemacht. Weil hr3 Clubnight.

hr 3 Clubnight: Gayle San, 29.07.2006

Es gibt das schöne Wort Generationenwechsel, das sagt man immer dann, wenn man von den alten Säcken genug hat, aber gut erzogen ist. Die Sache ist: Die Säcke bekommt man nicht los – sie kommen weiterhin jeden Tag ins Büro, faseln verrücktes Zeug, bis sie irgendwer gnädig als Veteranen bezeichnet. Das war und ist bei DJs auch nicht anders. Bei Gayle San aber nie. Die karrte schon 1996 ihren Plattenkoffer in die hr3 Clubnight, dann wieder und wieder und immer nochmal mehr.

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2019 hat sie das mit dem DJ-Sein gelassen. Alles geht irgendwann zu Ende. Oder wie das die Bauchbindenschreiber:innen von hr3 gerne mal getippt haben: "Wir wünschen euch noch einen schönen Abend oder eine gute Nacht, je nachdem ob es euch nun in die große, weite Party-Welt zieht oder ihr ins Bettchen hüpft."

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Dorian Gray , Eurodance , Fernsehen , Gayle San , Hessischer Rundfunk , hr3 Clubnight , Mark Spoon , Michael Münzing , Monika Kruse , Omen , Paul van Dyk , Radio , Sound of Frankfurt , Sven Väth , Talla 2XLC , Torsten Fenslau

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