NUMARK NS6 – Review

NUMARK NS6 – Review

Archiv 1. Juni 2011

Mit dem ITCH Controller NS7 schuf NUMARK eine eigene Liga, der lang erwartete NS6 soll da anknüpfen. Kann er das?

 

Vorab
NUMARK wird oft mal mit Skepsis beäugt. Durch den NS7 hat der, immerhin seit den 1970ern etablierte, Hersteller von DJ-Equipment gezeigt, dass der Ruf als Billigheimer nur eine Seite der Medaille ist. Und selbst zur Haltbarkeit der preiswerten Controller aus diesem Haus fällt mir nur wenig Negatives ein. Der seelige Total Control war keine Schönheit, dazu rundrum aus Plastik. Aber er war einer der ersten seiner Art und bis heute kam, im Gegensatz zu manchen Geräten der Mitbewerber, kaum einer zurück, in die Reparaturschleife. Mit Produkten wie dem CDX, dem TTUSB und natürlich dem NS7 war NUMARK oft mit innovativen Konzepten vorn dabei. Manchmal zu weit vorn.

Der NS6 geht einen Schritt zurück. Nummerisch und im direkten Vergleich zum etablierten NS7, den es seit etwa zwei Jahren gibt. Wie dieser ist auch der NS6 in erster Linie als Controller für SERATOs DJ-Software ITCH konzipiert. Die augenscheinlichsten Differenzen zu diesem:
– kompakter,
– Vierdeckbetrieb,
– Stand Alone Mixer,
– auch „offiziell“ als 14 bit „High Resolution“  MIDI Controller verwendbar,
– Effektregler direkt an Bord.
Dafür muss er allerdings ohne die drehenden 7″ Vinyl- Platterns auskommen.

Aufbau & Hardware
Schon aufgrund der Paketgröße lässt sich erahnen, dass hier kein weiterer Tischcontroller a la Mixtrack oder Digital Jockey kommt. Auch wenn der NS6 kleiner als sein 7er Bruder ist, fällt bei den stattlichen Maßen von 60cm mal 31cm der Transport in einem Backbag oder Trolley wahrscheinlich flach. Ein speziell zugeschnittenes Case wurde bisher noch nicht angekündigt.

Ausgeliefert wird der NS6 mit der passenden Software: SERATO ITCH. Ein Beiblatt rät zum Download der aktuellsten ITCH-Version, im Moment muss aber noch die spezielle Version (1.8.125) von beiliegender CD installiert werden. Die ist aktueller als die im Download erhältliche 1.7.1 und damit ist dann (zumindest bei meinem MacBook) plug`n play ein Vierdeckbetrieb möglich. Bei Windowsrechnern sollte man während der Installation auf Hinweise achten, welche zum Anstecken der NS6-Hardware auffordern.

Virtual DJ, Traktor und Co lassen sich ebenfalls mit dem NS6 ansteuern. Presets dafür gibt es zum heutigen Tag noch keine. Erfahrungsgemäß dauert es nur kurze Zeit, bis Fleißige das Ergebnis ihrer Mappingmühe mit den Bequemen und den Unfähigen teilen.

Layout und Gehäuse orientieren sich am NS7. Im Aufbau simuliert NUMARKs neuer Wurf ein klassisches DJ Setup. Zwei Player, ein Mixer. Ein Desktopcontroller reinsten Wassers, aber einer mit Besonderheiten. Die Größe fand schon Erwähnung. Der Mixer, welcher über vier Kanäle verfügt, ist auch „stand alone“, also ohne laufenden Rechner einsatzfähig. Jeder Kanalzug kann zwischen PC und Line (oder Phono bzw. Mikrofon) umgeschalten werden. Der Crossfader ist austauschbar, die Faderkurve läßt sich über einen Regler an der Frontseite einstellen. Ebenfalls an der Frontseite findet man die Deckzuweisungen für den Crossfader und den Faderstart, welcher sich auf die Softwaredecks bezieht.

Soweit passend, eine frontseitige Headphonesektion (Ausgang, Cue-Mix, Volume) finde ich hingegen nicht so prall. Da geht Sehorgan eindeutig mal vor Fortpflanzungsorgan, in dessen Höhe hier rumzufummeln wäre.  Nun ja, scheinbar eine Eigenart solcher Konsolen – warum auch immer.  Etwas gewöhnungsbedürftig ist auch die Beschriftung der Kanäle: 3,1,2,4 (von links nach rechts). Generell und mit Blick auf die Decks in ITCH ist das nachvollziehbar. Klassischerweise zählt man die Kanäle, bei aller Vorliebe der Belegung, fortlaufend (1,2,3,4 … für die, die das nicht wissen) und auch eine Folge von 1,3,2,4 soll es bei Vierdeckhalunken geben. Galant hätte ich etwas in der Art kleiner, austauschbarer Magnetbuchstaben gefunden. Letztlich ist sowas aber eine Frage der Gewöhnung und kein wirklicher Kritikpunkt.

Ein Gainregler, ein 3-Band EQ sowie CUE- und Effektzuweisungsbuttons vervollständigen jeden Kanal. Mit dem EQ kann man das jeweilige Band vollständig rausdrehen, eine Kill-Funktion gibt es ebenso wenig, wie Kanal-LEDs. Letzteres könnten manche vermissen. Auch den im Manual erwähnten „Meter Mode Schalter“ sucht man vergeblich. Immerhin hilft bei der Überwachung des Gesamtmixes eine Master LED-Kette. Ausserdem kann man in den Softwareoptionen noch einige Einstellungen treffen, die Einfluss auf den Faderzug haben (zumindest solange das Signal vom Rechner kommt). Dazu später.

Oberhalb des Mixerparts wurden die Master- und Boothregler plaziert. Ja, der NS6 verfügt über einen separat regelbaren Monitorausgang. Ebenfalls in diesem Bereich sind die Elemente untergebracht, die der Navigation in der Software dienen.  Somit entfällt der Griff zu Mouse oder Tastatur. Im Übergang zu den Deckbereichen (klingt wie ein Hinweis auf nem AIDA Clubschiff 🙂) findet sich die Effektsteuerung (FX A/ FX B), jeweils mit on/off,  Auswahl- und Parameterpoti und kleinem Dry/Wet Fader.

Die Decks selbst werden von großen 6″ Jogwheels dominiert. Die MIDI-Auflösung ist mit „3600 points of resolution per rotation“ angegeben. Auch wenn das Manual von „motorgetrieben“ phantasiert, dreht sich hier nix. Dual Touchsensitiv sind die Jogwheels freilich und laut NUMARK  „the best platters on the planet„. Optisch erinnert mich das an eine edlere Ausgabe der Mixtrack-Jogs. In Haptik und Funktion allerdings weit besser. So signalisiert z.B. eine Illumination das laufende Deck und die Aluminium(?)-Oberfläche gibt ordentlich „Schwungmasse“ . Für meine Begriffe und Zwecke fühlt sich das gut an, ich bin aber auch weit davon entfernt ein Q-Bert zu sein.

Da sich jedes Deck zwischen zwei Layerebenen umschalten lässt, wechselt auch die Farbe der Motorillusionsillumination des Jogwheels und die des Layer-Buttons. Eine kleine leuchtende Nummer verrät zusätzlich das gerade aktive Deck. An dieser Stelle ein kurzes Matheintermezzo: zwei Jogwheels, zweifach belegt, ergibt – über umschalten – vier Decks, die man – dann ohne umschalten – auf vier Kanälen zusammenmischen kann. Kapiert? Glückwunsch! 🙂 Weiter gehts.

Trotz „SYNC“ kommt der NS6 mit einem 100mm Pitchfader. Unterhalb der Jogs harren fünf Hot Cues, Play/Pause, Cue und ebenjener Sync-Button der Anwendung. Oberhalb findet sich die Loopsektion und der „Strip Search“. Den kennt man schon vom NS7 oder den Pioneer Controllern: auf einem berührungsempfindlichen Streifen kann hier der Track durchlaufen werden, dazu zeigen LEDs die aktuelle Songposition an. Diverse weitere, über die Oberfläche des NS6 verteilte, Buttons machen Funktionen wie Beat Grid, Pitch Bend, Pitchrange, Reverse oder Mastertempo zugänglich. Zudem sind einige, wenige Buttons über Shift doppelt belegt. Summa Summarum: 140 Elemente für 214 MIDI-Befehle.

Im NS6 ist ein 24 bit Audiointerface verbaut.  Kanal 1 und 4 sind eingangsseitig zwischen Line (Cinch) und Mikrofon (6,3mm Klinke) umschaltbar. Kanal 2 und 3 bieten die Wahl zwischen Phono und Line. Der Master kann symmetrisch (XLR) oder unsymmetrisch (Cinch) ausgegeben werden. Der bereits erwähnte Booth Ausgang endet ebenfalls in Cinch.

Betrieben wird der NS6 mit Strom aus der Steckdose. Sagt das Manual und ein kurzer Test belegt die Richtigkeit dieser Aussage. USB Bus Power allein reicht hier also nicht.

Praxis & Itch
Im ersten Versuch läuft der NS6 mit vier Decks in  ITCH auf einem MacBook Pro. In den Optionen lassen sich diverse Einstellungen treffen. So kann man z.B. die Waveforms von horizontal auf (rechts- oder linksseitig) vertikal umstellen. Wo aber auch immer die farbigen Wellen ihre Bahnen ziehen, es bleibt eine „interaktive Tapete“ – Zitat Floh. Sprich: es verwirrt anfänglich. Bei bisher zu sehenden ITCH2.0 Betas nähert sich das Layout an SSL an, vielleicht wird damit auch die Übersicht besser. Zumindest für einen, der wie ich, SSL Optik gewohnt ist.

Ebenfalls im Setup kann man die (vorgetäuschte) Drehgeschwindigkeit der Platters ändern. Zur Auswahl stehen 33 und 45 , was sich scheinbar an, für Digital DJs, historischen Plattenspielerwerten orientiert. Die Linefaderkurven, Headroom und EQ-Ranges (+6dB, +12dB) sowie Autogain können auch individualisiert werden. Auswirkung hat das dann aber nur auf Kanäle, die vom Rechner kommen. Sobald ein Kanal am NS6 von PC auf Line / Phono / Mic geschalten wird, ist er in ITCH auf „thru“ und die Werte an Fader und EQ des betreffenden Kanals sind sozusagen auf Standard. Bei extremen Feintuning nach eigenem Gusto wären so Unterschiede zwischen dem Signal aus ITCH und dem von externen Geräten zu erwarten.

Als alter Vinyl- und DVS User fällt mir die Eingewöhnung auf die Play und Cue-Tasten, bzw. auf deren Blinkzustände nicht leicht. Es blinkt, es blinkt nicht, es leuchtet dauerhaft – vor allem aber leuchtet es, im Gegensatz zum wechselnden „Lauflicht“ auf den Platterns immer in den gleichen Farben. Irgendwann hat man es gefressen. Und bei der Gelegenheit kann man sich auch gleich noch mit dem Softtakeover des Pitchfaders anfreunden. Beim Umschalten der Decks signalisiert ein Pfeil wohin die Faderreise gehen muss, bevor auf den Pitchwert des aktiven Decks Einfluss genommen werden kann.

Intuitiver gelöst sind die beiden Effektsektionen A und B. Die Effekte (bei ITCH sind das Low und High Pass Filter, Phaser, Flanger, Tremolo, Repeater, Reverser, Braker, Crusher, Delay, Echo  sowie Reverb) kommen aus der Software, werden hardwareseitig nur gesteuert. Effekt A und B kann zusammen auf einen Kanal gelegt werden oder auf das Mastersignal. Es kann auch A einem anderen Kanal zugewiesen werden als B. Was nicht geht ist A und B auf mehrere Kanäle gleichzeitig anzuwenden.

Ebenfalls ohne große Eingewöhnung kommt man mit der Hot Cue – und der Loopfunktion klar. Fünf Hot Cue Tasten, Loops manuell und automatisch setzen, dazu Verlängerung, Verkürzung und die Möglichkeit den Loopbereich zu verschieben, decken das Essentielle ab.

Für die Freunde der manuellen Tempoanpassung bietet ein sogenanntes „BPM Meter“ seine Hilfe an. Eine Reihe LEDs, mit der Zielsetzung bei gleichem Tempo die mittlere davon aufleuchten zu lassen. Außerdem bekommt man dadurch visuelle Unterstützung bei der Feineinstellung von Looppunkten.

NS6 & Traktor / VDJ / SSL
Die Unterstützung für Traktor, Virtual DJ und generell MIDI-fähige Programme ist beworben und Presets sind auf der NS6 Microseite angekündigt. Die gibt es nur noch nicht. Ein uns zugespieltes TSI für Traktor befindet sich noch im Beta-Status. Es ist also zu früh hier ein Urteil zu fällen. Nur soviel: es funktioniert grundlegend. Mehr dann hoffentlich in Kürze, mit der offiziellen Bereitstellung. Schön wär es auch, wenn NUMARK ein PDF mit den Belegungen dazu gibt, da das Layout, wie festgestellt, vordergründig auf ITCH optimiert ist. Dazu verhält sich Traktor dann wie Unkrautex in einer Weinbrandflasche. Irgendwann gibt es vielleicht, wie bei Pioneer, einen NT6, speziell für die Berliner DJ-Software.

Die Jungs von Skratchworx haben den NS6 mit Plattenspielern gekoppelt. Ansinnen war, zu zeigen, was alles über den NS6 möglich ist. Für Einsteiger und Jedentagdieweltneuentdecker sieht das aber so aus, als wenn man die Decks in ITCH auch mit Timecode steuern könnte. Nur um da Verwirrungen vorzubeugen: da hängt eine SL-Box dazwischen und neben ITCH läuft auch SSL. Alle Signale werden lediglich, wie bei einem normalen Mixer, am NS6 gemischt.

Fazit
Wer auf jeder Hochzeit tanzen will, darf nicht mit sechzehn Jahren fest an eine Braut gebunden sein. Polygamie, Alter. 🙂 Um also die oft geforderte Universalwaffe zu schaffen, sollte man nicht auf eine Software fokussieren. Klar kann man den NS6 auch für Traktor nutzen, aber schon jetzt hör ich die Fragen, wie diese und jene Funktion auch in Traktor belegbar sei und ob man auch Timecode nutzen kann. Geht zwar irgendwie alles, so wie mein Opa im Krieg, notfalls auf einem Bein. Aber Faust und Auge ist Itch und NS6. Diese Kombination, plus der Stand Alone Mixer ist absolut empfehlenswert. Verarbeitung und Funktionsumfang ist wertig und solide. Tausend Euro ist nicht billig, aber man erhält ein abgestimmtes Paket aus Software und Hardware inklusive des Bonus eines vollwertigen Mixers.
Dem NS6 ist durchaus zuzutrauen die Erfolgsgeschichte des NS7 fortzuschreiben.

Preis 999 Euro

 

 

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