Review: Tom VR – Please Keep Shimmering [All My Thoughts]

Review: Tom VR – Please Keep Shimmering [All My Thoughts]

Features 25. September 2021

Es ermüdet zunehmend, in Besprechungen zu aktuellen Releases die Einordnung in den Kontext COVID-19 vornehmen zu müssen. Gezwungenermaßen hat die pandemiebedingte Zwangspause aber einen Einfluss auf den Output von Künstler:innen und muss daher erwähnt bleiben. 'Isolationsalbum' liest man da vermehrt aus den Veröffentlichungen heraus. Auch 'Please Keep Shimmering' ist so eines geworden, aus der Beschäftigung mit sich selbst heraus geboren als eine Art Strohhalmgriff. Auf seinem Debütnachfolger schließt der Brite Thomas Nicol ein Kapitel der kreativen Unsicherheit ab.

Müde geworden sind wir ja irgendwie alle. Müde vom Verzicht, müde vom Abwarten, müde vom Umplanen. So stand auch Nicol vor einigen Fragezeichen. Nach dem Umzug von Manchester nach London schien ein Schritt vorwärts nur logisch und die Karriere stand nach dem Release von 'Films' in den Startlöchern. Dann kam das Virus, ein geregelter Nine-to-Five-Job war plötzlich wieder elementarer und Homeoffice wurde zur Geduldsfrage. Kreative Selbstzweifel schienen lauter und ob es überhaupt nochmal ein Projekt als Tom VR geben soll, war unklar. Als Ausgleich zur Arbeit blieb Nicol dran am Musikmachen und fing seine Stimmungen immer wieder in Trackspuren ein, um nicht völlig durchzudrehen.

'Please Keep Shimmering' ist gemäß des Titels also vor allem ein Appell an sich selbst. Entsprechend introvertiert wirken die Stücke. Das klingt alles recht frickelig und verspult, ist aber gerade deshalb so ehrlich und nahbar. Die Platte startet mit einer weitergedachten Version von 'acheless'. Aufgeladene Arpeggio-Stabs, dichte Pads, glitchy Garage-Percussions, dazu lange Key-Linien im Hintergrund sowie hauchzarte Vocal-Andeutungen. In 'Petrichor' finden sich die fast identischen Synth-Piepser aus 'couldn't find the words' wieder.

Für 'Colour Dance Behind The Eyelids' nimmt Nicol das Tempo raus und baut einen verträumten Verschnaufer ein. Generell forciert er oft sonnengeblendete Wohlfühlharmonien, indem melodische Steigungen auftauchen, die nicht selten gewisse After-Hour-Ästhetiken bedienen ('Blue Sky Unravel'). In 'Partner' wechselt Nicol den Stil und konstruiert minimalistischen Broken Beat. Zeitweise fühlt man sich an frühe Nosaj-Thing-Fragmente erinnert, wenn in 'Keep Shimmering' Downbeat-Versätze zusammenfinden.

Ohnehin sind Nicols Stücke von einem enormen Detailreichtum geprägt, der sich nicht unbedingt immer in den Vordergrund stiehlt. 'Achemore' ist so herrlich verspulter Glitch wie durchgetakteter IDM und könnte nicht geschmeidiger in 'October' übergleiten, wenn zittrig dünner Jungle an geöffnete Dancefloors erinnert. Zum Schluss hat Nicol in 'Well Are You Hope?' eine Art Traumgarten aus Effekten nachgebaut. Auch nach mehreren Durchläufen artikulieren sich immer noch neue Rhythmusflächen, die zuvor kaum durchgedrungen sind.

Dabei ist 'Shimmering' tatsächlich ein treffender Begriff für diese Platte. Alles glitzert und schimmert ohne in den großen Kitsch zu kippen, obwohl die Entstehung der Platte dramatischer wirkt, als sie vermutlich ist. Nicol findet viel Gefallen an seinen etablierten Formeln und setzt sie genügsam in Szene. So viel Fragilität steckt dann da eigentlich gar nicht drin. Es gibt keine großen Überraschungen, weil sie gar nicht gebraucht werden. Nicols Gespür für Texturierungen wirkt hier alles andere als verbraucht.

'Please Keep Shimmering' ist am 21.09.2021 auf All My Thoughts erschienen.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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