Tripbericht: Nation of Gondwana 2023 – Hauptberuflich high
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Tripbericht: Nation of Gondwana 2023 – Hauptberuflich high

Features. 31. Juli 2023 | 2,9 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Die Parallelrealität hat einen Strich Empfang. Das passt, weil ja nicht nur auf der Nation Of Gondwana alle so tun, als wären wieder Neunziger. Und um die geht es dort draußen, im Speckgürtel von Berlin, wo Fuchs und Frauenchor ihr Unwesen treiben und jedes Jahr ein paar Tausend ihren Wohlstand gegen Wurfzelte tauschen, zumindest ein bisschen. Dafür muss man sich nicht erst einen Andi-Brehme-Gedächtnis-Mullet in den Nacken zimmern, wie das hier fast alle tun. Es reichen auch eine Digitalkamera in der Linken und warmes Dosenbier in der Rechten – schon geht es los mit der angeleiteten Realitätsfluchthilfenbespaßung.

Mit dem Shuttle fährt man raus aus Nauen, von der Pampa, durch die Pampa, in die Pampa. Dazwischen blühen Sonnenblumen, ganze Felder haben sie hier vollgesteckt, so schön, sagt eine Kräuterfee im Flucht-Shuttle und ein paar machen Videos, weil es ja stimmt. Irgendwann biegt der Bus in den Wald ab, das war es dann mit der Zivilisation. Jetzt sind wir auf dem Acker, diesem berühmten Nation-Acker, ein Stück Urplanet kurz vor Grünefeld und da stehen wirklich überall Bäume, Zelte, Zelte, Bäume.

Eine Frau zerrt ihren Samsonite durch den Sand. Andere schultern ihre Rucksäcke zum Eingang, wir haben nur uns, weil es für alles eine Zeit gibt und meine Zeltzeit mit Anfang 20 beendet war. Dafür kriechen mir jetzt Hippie-Vibes in die Windjacke. Die Nation, das ist tatsächlich eine andere Welt. Eine, für die man erstmal sein Festivalbändchen mit Cash aufladen muss, denn Bargeld ist in der Parallelrealität nicht drin, da muss es schon so ein kontaktloses Bezahldings geben, aber wenigstens ist das Bier kalt.

Auf der Bühne, die direkt am See liegt und die deshalb Seebühne heißt, legt schon irgendwer House auf, aber wir schauen uns erst mal um. Im Wald stehen ein paar Öklos, die sind so grindig wie immer, aber natürlich setzt man sich trotzdem hin, doch weil die Brillen schon vollgepisst sind, ist jetzt alles am Arsch, da helfen auch keine Sägespäne mehr. Zum Glück stehen überall im Wald so Schilder, auf denen stehen wichtige Sprüche wie Save the Nature und so weiter. Das ist gut, nicht dass man das vergisst, wenn man unter Tannenbäumen am Keta schnüffelt.

Außerdem geht es auf der Nation um die Natur in der Natur. Wir sind alle Teil von ihr, die einen mehr, die anderen auf ihre Art – deshalb beschallern wir den Bums jetzt drei Tage lang, bis auch der letzte Schwan verstanden hat, dass Techno ganz cool ist. Und cool ist das hier alles schon, bis auf die offiziellen T-Shirts der Nation, die kauft man maximal aus Solidarität, weil in den Dingern will man außerhalb der Parallelwaldgrenze halt echt nicht gesehen werden.

Die Leute brauchen aber gar keine Shirts, die haben ihre eigenen Outfits und da merkt man, dass man es bei allem übertreiben kann – Props gehen jedenfalls raus an Gandalf und seine Gefährten, keine Ahnung, wieso man sowas macht, aber es wird schon stimmen. Außerdem dürften manche den Bastelkurs mit Auszeichnung bestanden haben, das heißt: Es ist beeindruckend, was da an Lichterkettenkonstruktionen angeschleppt wird. So ist die Nation bei aller Liebe zum Sound auch eine Leuchtmittelparade für Hobbylichttechniker:innen.

Natürlich zeigen die sich vor allem in der Nacht, da ist es schön dunkel, da leuchtet es am schönsten, sagt auch unser indischer Wurzelfreund, der, wie er behauptet, eigentlich Pilot, gerade aber auf allem drauf sei, was die Privatapotheke so hergibt. Also starren wir zusammen in die Wipfel und Wälder, hinter jedem Busch blinken Augenpaare, aus den Kronen zwirbeln Discokugeln, irgendwas mit Kunst hängt an den Ästen, über dem See tänzelt sogar eine Balletttänzerin – und damit kann man sich schon gut beschäftigen für ein paar Minuten oder zwei Stunden.

Irgendwann setzt sich Stefan oder Mario zu uns, er ist 36 und hat einen Vollbart. Zusammen mit der dicken Ray Ban, die er trägt, sieht er sehr cool aus – fast wie ein ... Pilot, genau!, sagt er und wir lachen, weil offenbar laufen hier nur Leute rum, die auch hauptberuflich die ganze Zeit high sind. Wir gehen dann in den Wald, wo DJ Fuckoff spielt, in einem eingezäunten Floor, der so ein bisschen aussieht, wie ich mir ein Anhaltezentrum für Realitätsflüchtlinge vorstelle: vorne offen, hinten zu, und deswegen heillos überfüllt, auch weil Fuckoff ihre Fuckoff-Sachen spielt. Wer hätte gedacht, dass da ein paar Leute rumkommen?

Statt Platzangst wählen wir den Platz zum Schwitzen – und der ist wie auch sonst die Sauna, die es auf der Nation natürlich auch gibt. Rein kommen alle, die ein Handtuch haben, da fallen wir schon mal durch, aber weil der Ray-Ban-Vollbart echt Bock hat und der indische Pilot immer noch überraschend gut drauf ist, machen wir eine Runde um den Campingplatz, bis wir uns verlaufen und alle nicht mehr auskennen. Trotzdem sind wir ganz froh, vor allem darüber, dass wir jetzt nicht im Käfig bei Fuckoff sind, das wäre gar nicht gut, sagt der Inder, und aus seinen Augen glitzert die Wahrheit.

Samstag ist Markttag bei Penny, das bekommen die meisten aber gar nicht mit, weil die sowieso am Campingplatz sind und dort läuft eigentlich immer irgendwo Musik. K.I.Z ist ganz gut im Kurs, was bedeutet, dass sich manche Dinge nie verändern müssen. Techno gibt's dann eher auf der großen Bühne, die jetzt auch losböllert mit Helena Hauff, und da sagen manche, hui, das ist wirklich laut. Auf jeden Fall lauter als das Karaoke-Gemetzel, das ein paar Geltungsbedürftige auf der Spelunken-Stage abliefern. Na ja, was soll man schon groß davon halten, wenn die woken Kids mit voller Inbrunst "Hit Me Baby One More Time" anstimmen?

Gesunde Watschen holt man sich lieber auf der sogenannten Birke, wo eigentlich alle gut auflegen und manche halt besonders. Das beste Set spielen dort Mareena, Erika und Resom. Und zwar nicht mit immer gleicher Prügelei, sondern mit Platten, für die geisteswissenschaftliche Techno-Studis irgendwann die Resonanztheorie auf den Dancefloor übertragen werden. Wird auch egal sein, weil man diesen Vibe nicht erklären kann – im besten Fall war man dabei, dann muss man da auch nicht pathetisch rumlabern.

Plötzlich ist es hell. Alle merken, es ist Sonntag, hui, man ist ja seit drei Tagen wach. Und da zündet nichts besser rein als so ein Erdbeer-Daiquiri, das ist die Vitaminbombe des Sommers, von der man nicht wusste, dass man sie braucht, bis man sie doch braucht. Nach dem Frühstück Zähneputzen – statt Aronal mit Luft, das macht nicht nur klaren Kopf, sondern zur Piano-House-Matinee auf der Seebühne auch selten viel Sinn. Das glaubt uns auch der Syrer, der 2015 nach Österreich kam, jetzt Krankenpfleger in Berlin und zum ersten Mal auf der Nation ist. Mit ihm trinken wir noch einen und überzeugen dann noch eine Australierin, die aussieht wie eine Amazone, nur halt jetzt mit Erdbeer-Daiquiri in der Hand.

Drüben auf der großen Bühne schnaufen die Subwoofer langsam. Zwei junge Frauen mit Basic-Bitch-Blick und Spritzpistolen fühlen sich sehr cool, dann spritzen sie die Jungs von AceMoma an und die finden das gar nicht cool. Der Exit führt dann nicht durch den Gift Shop, sondern über Mühlberge. Den vernichten die Leute aber so wie ihre Drogen gewissenhaft – zumindest verklickert uns das der auffallend gut gelaunte Hauptvernichter beim Ausgang. Ihr gebt uns alles, wir machen es weg! Klingt nach einem fairen Deal. Wenn nur alles im Leben so einfach wäre wie drei Tage Parallelfluchtrealitätneunziger auf der Nation of Gondwana.

Veröffentlicht in Features und getaggt mit DJ Fuckoff , Helena Hauff , Nation of Gondwana , Tripbericht

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