Klima-Feature: Nachhaltige Herstellung von Vinyl
Komposition: Lilla Tűzkő

Klima-Feature: Nachhaltige Herstellung von Vinyl

Features 7. Juli 2019

Prolog: Der Gewissensbiss

Auf dem Weg zum Club werden innere Überzeugungen diskutiert. Schnell noch am Späti ein paar Bier für den Weg ziehen. "Danke, nein, bloß keine Tüte. Das geht so mit." Plastik vermeiden. "Importiert, lecker." Gemurmel. "Natürlich kann jeder seinen Beitrag leisten, die Umwelt zu schonen. Bei kleinen Dingen fängt das schon an. Während man an der Lösung arbeitet, muss man sich allerdings auch mal fragen, inwieweit man selbst Teil des Problems ist." Mittags auf der Klima-Demo gewesen. Mit einem wohligen Gefühl danach noch im Plattenladen ein paar 12-Inches eingesammelt. Zuhause die Folien abgefummelt und dann auf den Abend gefreut. Bässe tief, Pads tight, Strings melodisch, super. Irgendwas ist aber plötzlich anders. Das schwarze Plastik dreht sich nicht so euphorisch wie sonst. Zynisch beißt der Ton im Ohr und es beginnt zu rattern: Geht Vinyl eigentlich auch klimaneutral?

Kapitel I: Der Dinosaurier

Vinyl ist hip und Teil eines bewussten Lebensentwurfs. Dass die Schallplatte so vermarktet wird, dafür kann sie nichts. Ist es aber nicht etwas ironisch, das heimische Naturholzregal mit in Schutzhüllen verpackten Plastikscheiben vollzustopfen? Bis das Hobby zum Statikproblem wird, strebt man vom Idealismus angefeuert dem großen Kollaps entgegen. Über die Fetischisierung der Schallplatte lässt sich tagelang in Romantik schwelgen. Was hat sie nicht alles für die Kultur der elektronischen Musik geleistet. Im Vergleich zu anderen Tonträgern ist sie natürlich nicht so kompakt, aber das macht sie doch umso attraktiver. Natürlich war die Vinyl nie weg. Das wurde in den vergangenen Jahren zuhauf hoch- und runtergeschrieben, analysiert und statistisch belegt.

Tief in Discogs-Foren stehen sie eingraviert, die Huldigungen, Hommagen und Hymnen. Fast pornografisch wird da die Schallplatte ästhetisiert. Von bestimmten Düften und Gerüchen ist die Rede. Aber hat man mal eine Galvanik von innen gesehen oder von außen gerochen, müsste man den Eindruck rigoros relativieren. Da wo die Schallplatte entsteht, arbeitet man mit Schutzmasken. Die Schallplatte ist ein Dino. Dinos sind unter anderen Voraussetzungen zur Welt gekommen, in der heutigen Zeit und im Kontext der Klimakrise erleben sie zwangsläufig eine Sinnkrise.

Um Vinyl, also Polyvinylchlorid (PVC), als Grundstoff für Schallplatten überhaupt herstellen zu können, wird Rohöl aus der Erde gefördert und in Fässer abgefüllt. Venezuela und Saudi Arabien sitzen weltweit auf den reichsten Ölvorkommen. Von den Quellen werden die Fässer täglich zu Tausenden an Häfen transportiert und auf Schiffe verladen. Ein Großteil der Fracht für die Herstellung des PVCs gelangt nach Bangkok. Schätzungsweise bis zu 90% des zur Herstellung von Schallplatten genutzten Polyvinylchlorids stammt nämlich aus Thailand. Der Kunststoff wird dabei zu kleinen Granulatkügelchen geformt, verpackt und macht sich dann erneut per Schiff zu Handelshäfen rund um den Globus auf. Von dort aus erreicht es dann die Presswerke. Natürlich entstehen bereits bei der Fertigung von PVC etliche Dämpfe und Abfälle, die nicht nur für ArbeiterInnen der Fabriken potenziell gesundheitsschädlich sind, sondern vor allem der Umwelt schaden. Bis hierhin ist noch gar nicht an Musik zu denken, jedoch hat die spätere Schallplatte bereits einen enormen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

Randnotiz: Zur Jahrtausendwende stand die Tonträgerproduktion auf einem historischen Hoch. Neben der Schallplatte hatten sich die Kassette und allen voran die CD etabliert. Über 60 Millionen Kilogramm Plastik wurden im Jahr 2000 für die Herstellung von Tonträgern allein in den USA aufgewendet. Das erzeugte ein jährliches CO²-Emissionsvolumen von über 157 Millionen Kilogramm. Bis 2016 reduzierte man am gleichen Markt den Plastikverbrauch dramatisch um 87 % auf weniger als 8 Millionen Kilogramm. Gleichzeitig aber stieg der CO²-Emissionsverbrauch nicht weniger dramatisch um 30 % auf über 205 Millionen Kilogramm. Wie das sein kann? Streaming konnte zwar den Plastikverbrauch am Tonträgermarkt drastisch reduzieren. Tracks aus einer riesigen unsichtbaren Cloud abzurufen ist aber bei weitem nicht so klimaneutral, wie wir uns das vorstellen. Eine Studie der Universität Glasgow fand heraus: Das Betreiben und Instandhalten von Streaming-Plattformen wie Spotify und Co. verbraucht wegen riesiger Serverfarmen gigantische Mengen an Strom. Ist also alles nur halb so schlimm mit dem 'schwarzen Gold'. Oder?

Kapitel II: Alternativen

Sonntägliche Flohmarktbesuche zeigen es regelmäßig: "Vinyl ist ein sehr beständiges Medium. Kaum ein Produkt wird häufiger weiterverkauft und getauscht", sagt Chris Roorda, CEO und Betreiber des Presswerks Deepgrooves in Leeuwarden, Niederlande. Deepgrooves ist eine kleine privatgeführte Pressanlage, die aus einem ehemaligen Gefängnis heraus operiert. Das Ziel: Vinylproduktion nachhaltig verbessern und für eine sich der Klimakrise bewusste Zeit fit zu machen. "Trotzdem ist der Produktionsprozess der Schallplatte enorm aufwendig. Sehr viel Energie und Material wird dafür benötigt. Dabei wird eine Menge Müll produziert", so Roorda. Man muss sich vergegenwärtigen: Es wird immer Konsumgüter geben, die umweltschädlicher sind als andere. Das macht sie aber nicht weniger relevant. Im Gegenteil, Schallplatten weiterhin so herzustellen wie vor 75 Jahren ist fahrlässig und vermeidbar. Roorda erklärt: "Die Tonträgerindustrie fußt noch immer auf Technologien aus der Anfangszeit der kommerzialisierten Schallplatte. Nachhaltige Infrastrukturen in Presswerken zu verbauen, bedeutet, große finanzielle Risiken einzugehen. Den Plattenfirmen und Labels sind möglichst niedrige Produktionskosten besonders wichtig. Aber die Zeiten ändern sich."

Roorda erläutert den Prozess in einem herkömmlichen Presswerk für Schallplatten wie folgt: "Von fertig gemasterten Aufnahmen wird zunächst eine Master-Disc angefertigt. Der Schneidkopf der Maschine wandelt den Schall in mechanische Bewegungen um und schneidet die 'Vater'-Matrize. Diese kann man beispielsweise im DMM-Verfahren (Direct Metal Mastering, Anm. d. Red.) in Kupfer oder Lackfolie schneiden. Dann wird die Master-Disc mit Silber besprüht und in ein Nickelsulfat-Bad gelassen. Galvanisch wird vom 'Vater' ein weiteres Positiv erzeugt, die 'Mutter'. Im letzten Galvanikschritt entsteht aus dem Positiv der 'Mutter' das Negativ, der 'Sohn' oder Stamper genannt. Dieser wird verchromt und schließlich zur Vinylpressung verwendet." Ist sie nicht singlesided, wird für die B-Seite einer Platte noch ein zweiter Sohn benötigt. Bei der eigentlichen Pressung wird dann das PVC-Granulat auf 180 °C erhitzt. Mit zirka 150 Tonnen Presskraft drücken die Matrizen schließlich die Klanginformationen in die weiche Masse. Je nach Limitierung bzw. Auflage der Pressung wird der letzte Vorgang dann beliebig oft wiederholt.

Der für die Pressung genutzte Stamper.

100 % klimaneutrale Schallplatten zu produzieren ist bislang kaum möglich, aber man nähert sich dem Optimum immer weiter an. So auch Roorda, der in seinem Presswerk klimafreundliche Pressverfahren entwickelt: "Da wir modernste Maschinen mit Strom von nachhaltigen Energielieferanten betreiben, durch Biomasse angetriebene Generatoren nutzen und ökologisch effiziente Materialien verwenden, sind unsere Schallplatten so grün wie möglich. Unser Energiekreislauf ist zudem fast vollständig zirkulär, das heißt, wir stoßen nahezu keine ungenutzten Abfallprodukte aus. Das von uns genutzte Granulat besteht aus einer Kalzium-Basis und ist das beste am Markt." Alles bei gleichbleibend rauscharmer Klangqualität, versichert er. Natürlich endet die Produktion einer Schallplatte nicht bei der Vinyl. "Wir nutzen FSC-zertifizierte Sleeves, Labels, Kartons und Verpackungsmaterialien und arbeiten mit klimaneutralen Kurierunternehmen zusammen." Es scheint also eine Frage der inneren Einstellung, des Willens, aber auch der Verantwortung und des Vorlebens zu sein, wie sich vermeintliche Standards für die Zukunft anpassen lassen. Roorda sagt, es werden jährlich weltweit 170 Millionen Schallplatten produziert, Tendenz leicht steigend.

Granulat auf Kalzium-Basis
Organische Abfälle dienen als Biomasse für die Stromproduktion
Generator für die Produktion von Strom via Biomasse

Kapitel III: Sendungsbewusstsein

Klar, als Presswerk trägt man als ausführende Instanz die Verantwortung, sich an den richtigen Stellen die richtigen Gedanken zu machen. Hier sind die ersten Schritte bereits getan. Auftraggeber sind aber nicht zuletzt Labels, die bereits vor Bestellung einer Pressung entscheiden können, wie nachhaltig ihr Produkt produziert werden soll. Hier stehen auch die DJs und KünstlerInnen in der Pflicht, klarer Stellung zu beziehen. Roorda fügt an: "KünstlerInnen können ihren Fans über direkte und indirekte Kommunikation Richtungen vorgeben, die widerspiegeln sollen, was ihnen am wichtigsten ist." Sich seiner Umwelt bewusster zu werden und umweltfreundliche Trägermedien zu fördern, trägt unweigerlich auch zur Kredibilität einer Künstlermarke bei. Die Botschaften in der Musik können so zusätzlich an Bedeutung gewinnen.

Epilog: "Importiert, lecker."

Am Ende geht es um Wahrnehmung und Bewusstsein. Reaktionärer Verzicht auf alles, was für den eigenen Konsumdurst weiter als 100 Kilometer gereist ist, ist genauso realitätsfern wie der Glaube, dass das alles immer und immer so weitergehen kann ohne spürbare Folgen zu haben. Ganz im Gegenteil, die Folgen von vernachlässigtem Klimaschutz sind längst fühl- und messbar. Importierte Waren sind Luxus, geschenkt. Es ist aber notwendig, auch innerhalb der Musikszene anzufangen, eine Diskussion über Ethik zu führen, sich Fragen zu stellen und nachhaltige Lösungen zu suchen. Ökologische Verantwortung beginnt bereits im Studio und bei der Herstellung und dem Kauf von Platten. Das sollte allen klar sein.

Weitere Informationen zu nachhaltigerer Vinyl-Produktion gibt es auf der Webseite von Deepgrooves

Dieser Artikel ist der Startschuss unserer neuen Serie zur Nachhaltigkeit in der elektronischen Musik. Wir versuchen damit Impulse für eine grünere Szene zu geben, über den Status Quo zu berichten und neue Lösungsansätze vorzuschlagen. Nach und nach werden weitere Beiträge zu verschiedenen Aspekten wie bspw. klimaneutrale Festivals oder nachhaltige Produktion von DJ- und Produzenten-Equipment veröffentlicht.

1 Kommentare zu "Klima-Feature: Nachhaltige Herstellung von Vinyl"

sndrsklr 11. Juli 2019 • 13:32 Uhr

Danke für den Artikel, ich hatte mich schon seit Jahren gefragt, warum das bisher nie Thema war. Der Ressourcenhunger bei der Herstellung ist für mich auch der Hauptgrund, warum ich so gut wie keine Vinyl, Bücher, DVDs etc. mehr kaufe, da mir für den reinen Konsum die digitale Version vollkommen ausreicht. Das die digitale Variante auch nicht ohne Probleme ist (z.B. auch die fehlende Anonymität), ist sehr schade aber irgendwie dennoch eine gute Alternative. Das ganze Streaming Ding sehe ich schon seit jeher kritisch auch wenn ich es selbst sporadisch nutze, nur bei der Musik weigere ich mich bis auf Bandcamp nach wie vor, diese Services zu nutzen. Aber da gefühlte 99% der DJs nach Spotify-Integration schreien, kann man sich ja schon denken, wohin das führen wird. Und die ganze Masse an Equipment, die jedes Jahr neu rausgebracht wird ohne das die Vorgängermodelle recycled werden, lässt den Müllberg immer größer werden. Aber scheinbar ist er immer noch zu klein, um ein richtiges Umdenken einzuleiten. Solange der Rubel rollt und die Sachen schön billig sind, wird von keiner Seite wirkliche Ambition zu erwarten sein, irgendwas zu ändern.

Marius Pritzl 16. Juli 2019 • 15:48 Uhr

Wir finden auch, dass das fehlende Bewusstsein für Recycling und die hohe Frequenz an neuen, nur marginal verschiedenen Produkten in unserer Branche ein Problem ist und sitzen momentan an Recherchen zu der Thematik. Danke für deinen Beitrag :)

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