Gedanken zur GEMA (ma wieda) – Eine Kolumne

Gedanken zur GEMA (ma wieda) – Eine Kolumne

Archiv 26. September 2014

Unser aller geliebte „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“, kurz GEMA, hat ein Aufklärungsvideo ins Netz gestellt. Inhalt: Der Gründungsmythos.

Video? Netz? … gar Youtube? Nope, denn das kleine Filmchen wurde Facebookservern anvertraut bzw. dem hochfrequentierten MyVideo, weil die Google Videoplattform und die GEMA streiten bekanntlich gerade. Um Geld, für musikalische Aufführungen. Alles wie am Anfang. Am Anfang der GEMA und dem des folgenden Videos.


Der Zuckerwasserprozess – Zur Entstehung der GEMA – MyVideo

Das führt mit niedlichen Zeichentrick zurück, nach Paris, ins Jahr 1847. Damals pflegte man Konzerthauscafés auf ein Trendgetränk, der Club Mate vorrevolutionärer Zeit war Zuckerwasser, aufzusuchen. Ob als Antrieb schon der Lindenbergsche Leitsatz "Wo die Lautsprecher stehn, sind die Mädchen“ galt ist nur zu vermuten, da es weder Lindenberg noch Lautsprecher gab. Fakt ist, Mädchen gab es und  im "Les Ambassadeurs" spielte eine Kapelle. Nicht irgendwas, sondern eine Komposition des anwesenden Ernest Bourget. Der wurde gutgelaunt-durstiger Gäste und eines schwitzenden Wirtes gewahr. Die Kausalität zwischen den von ihm erdachten Klängen und dem Klingeln der Kasse war unüberseh … unüberhörbar. Die Folge: Komponist zahlt sein Zuckerwasser nicht, da Zuckerwasserausschänker die aufgeführte Komposition nicht bezahlt. Aber hoffentlich die Kapelle, worüber jedoch niemand spricht. Musiker … pffff, denen sei Beifall Brot genug. Wir reden hier von Urhebern und Bouget war ein solcher. Die weiteren Etappen: Gericht, Komponist bekommt Recht, Wirt muss zahlen, Blut geleckt, SACEM gegründet. Wie? SACEM? Nicht GEMA? Nee, die kommt später.

Die SACEM, 1850 von Bouget mitinitiert, gilt als erste Urheberrechtsgesellschaft der Welt. Dieser Idee folgten weitere Länder. In Deutschland wurde 1903, nach Inkrafttreten des „Gesetzes betreffend das Urheberrecht an Werken der Literatur und Tonkunst“, die „Anstalt für musikalisches Aufführungsrecht“, kurz AFMA, gegründet. AFMA, na das klingt doch schon fast wie GEMA. Bis diese aber das Monopol hatte, schrieb man das Jahr 1933. Deutschland, Dreiunddreißig? War da nicht noch was? Gibt es Zusammenhänge? Arische Kultur und so? Das Trickfilmvideo vermittelt diesbezüglich nichts. Aber wir haben ja Wiki. Da heißt es „Die Reichsmusikkammer unter ihrem Präsidenten Richard Strauss hatte 1934 in ihren Richtlinien festgelegt, dass Nichtarier grundsätzlich nicht als geeignete Träger und Verwalter deutschen Kulturguts anzusehen seien.“ Somit bekommt zum Beispiel Fritz Löhner-Beda keine Tantiemen mehr, dafür kommt er in Auschwitz ums Leben. Norbert Schulze hingegen, Komponist von Gassenhauern wie „Lili Marleen“ und „Bomben auf England“  oder dem Kriegssoundtrack „Vorwärts nach Osten„, saß bis 1996 im Aufsichtsrat der GEMA. Das wirft kein schönes Licht, auch wenn es im dritten Reich genaugenommen nicht die GEMA, sondern die STAGMA war. Die ist jedoch aus der GEMA-AFMA hervorgegangen und hieß nach dem Krieg wieder GEMA. Egal, verschiedene Kürzel, trotzdem die selben Namen. Sofern es keine jüdischen sind. Ich weiß, Strauss-Politik gibt es nicht nur bei Vögeln, der Richard wurde 1948 vom Kriegsverbrechervorwurf freigesprochen und die Tantiemen seines Schaffens aus der finsteren Zeit hat der Norbert dem Roten Kreuz überschrieben. Daher lege die Nazikeule beiseite und springe in Gedanken.

Zuerst mal: Warum ging Bouget den Wirt und nicht die Kapelle an? Was wäre 600 Jahre früher, im „Gasthaus zum roten Bären“ passiert, als Spielleut` im Beisein Walthers von der Vogelweide  eins seiner Minelieder darboten, ihm aber der kostenlose Kelch Wein verweigert wurde? Gäb es da heute keine Volkslieder? Wären wir ein stummes Volk? Wird orale Kultur da leise, wo die Forderung nach Verwertungsrechten laut wird? Zugegeben, ich bin ungenau: Volkslied und Vogelweide, da geht das Ross mit dem Kutscher durch.  Eine metaphorische Schussfahrt,  „Hoch auf dem gelben Wagen„. Das ist übrigens ein waschechtes Volkslied, Text von Achtzehnhundertpaarundsiebzig. Melodie von 1922. Urheberrecht bis siebzig Jahre nach dem Tod des Autors. Weshalb man den Text seit 1976 öffentlich darbieten darf, die Melodie aber bis 2038 nicht. Zumindest nicht ohne Rechte zur Aufführung einzuholen. Komisch, denn das Singen eines Textes erfordert doch wohl eine Melodie, sonst wär es eine Rezitation. Ich gebe diesen Denkansatz auf und schalte auf den nächsten um.

Was wäre eigentlich gewesen, wenn der Wirt Bouget ein Zuckerwasser ausgegeben hätte? Oder dieser hätte sich gefreut sein Werk, als Anteil an allgemeinem, gesellschaftlichen Wohlbefinden, zu sehen .. ähh zu hören. Wieso hatte der überhaupt Geld um ins Cafe zu gehen? Gab es da andere Einnahmequellen? Könnte der nicht einfach der Kapelle seine Noten verkaufen? Hat er?

Nehmen wir mal an er hat genau das getan, weil eigentlich war dies das gängige Geschäftsmodel in der Zeit vor den ersten Phonographen. Damit wäre auch nachzuvollziehen, warum Bouget den Wirt und nicht die Kapelle zur Streitpartei machte. Achtung Vermutung! Gefolgt von einer Frage. Wie muss man eigentlich drauf sein, um mehrfach abkassieren zu wollen? Heute ist das ja nichts ungewöhliches, Stichwort: Tarif VR-Ö. Aber seinerzeit? Herrgott, warum hast Du die Weichen so gestellt? Weichen? Bahn! Industriezeitalter, Kapitalismus. Ist das die Antwort auf meine Frage? Alles spielt in etwa zur selben Zeit. Ist die Gier nach Geld die Ursache? Das greift zu kurz. Zudem sei einem Urheber, ebenso wie einem Aufführer sein Salär gegönnt. Weshalb ich zum nächsten Ansatz komme und das GEMA-Video mal kurz remixe.

Berlin 2014. In einem bekannten Berliner Club feiert der mexikanische Electronicproducer Pablo X bei einer Melonenlimo mit Gin. Sein erster Trip in die alte Welt, hart erspart. Super Laden, super Anlage, super Leute und Musik nach seinem Geschmack. Die könnte von ihm sein. Moment, die ist von ihm! Pablo X freut sich. Er spricht den DJ an und erfährt, dass er einen veritablen Hit in Europa hat. Krass. Just da kommt der Clubeigentümer in die DJ-Booth. Als er hört, wer beim DJ steht, sagt er „Du musst ja in Saus und Braus leben, von den Tantiemen. Dein Shit läuft hier sogar im Radio und bei hippen TV-Sendungen auf ZDF-Neo. Da kassiert die GEMA kräftig ab“. Unser Pablo stutzt. „GEMA? nunca oído“ Noch nie gehört.

Macht nix Pablo, die GEMA vertritt die „Sociedad de Autores y Compositores de México“, kurz SACM, die Verwertungsgesellschaft Deines Landes. Gegenseitigkeitsvertrag, you know? You don`t know? Pablo! Du kennst auch die SACM nicht? Das ist wenig vorteilhaft. Für Dich, Pablo. Aber das anteilig auf Dein Werk entfallende Geld, welches die GEMA – Wortspiel: vermutlich – beigetrieben hat, muss doch irgendwo landen? Wer streicht das ein? Frage zehn Deutsche und sieben werden Dieter Bohlen sagen.

Schluss! Einmal mit obigem Konstrukt, Pablo X ist selbst Schuld, wenn er Hits schreibt ohne auf die Verwertungskette zu achten. Es kann nicht jeder ein Bouget sein. Zum Zweiten: Schluss mit endlosem GEMA-Gedisse und drittens mit diesem Text. Ich finde es gut, dass die GEMA Erklärungsvideos macht. Ehrlich! Ich hoffe auf eine Fortsetzung, bei der ein wenig auf mein Storyboard eingegangen wird.  Vielleicht schließt sich so einem Video die Einigung mit der weltgrößten Videoplattform an und Deutschland rangiert mit 61,5% Sperrungen bei Youtube nicht mehr auf der Spitzenposition, vor dem Südsudan. Vielleicht entdeckt die GEMA dieses Teil namens Computer. Immerhin wurde  „Hänschen klein“ (fast noch in STAGMA-Zeiten) auf einem Zuse Z22 gespielt. So ein Rechenknecht kann inzwischen sogar ganz passabel wiedergegebene Musik erkennen und zuordnen. (Eselsbrücke: Shazam liegt phonetisch unweit von SACEM.) In der Folge bekämen die Urheber genau das, was ihnen zusteht und die Gebührenpflichtigen ein besseres Gefühl.

Hach, jetzt hat mich so ein Filmchen zum Träumen gebracht. Wie das schon klingt „Zuckerwasserprozesses“, „Société des Auteurs, Compositeurs et Éditeurs de Musique“, „Sacem“ … eine schöne Pariserin haucht es … SAASÄHHMM. Oh Du, Frankreich. Land mit gesetzlich vorgeschriebener 40%-Quote an französischsprachiger Musik im Radio, wo SACEM-Generaldirektor Jean-Noël Tronc bereits ähnliche Regulierungen im Internet fordert. Ist Frankreich mal wieder voraus? Jähes Erwachen meinerseits. Albtraum!

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