Interview: DJ Balduin – "Das Dazwischen ist für mich ein großes Thema."
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Interview: DJ Balduin – "Das Dazwischen ist für mich ein großes Thema."

Features. 12. Juni 2023 | 5,0 / 5,0

Geschrieben von:
Redaktion

Mit 'Da Float' erschien von DJ Balduin bereits Ende 2022 eine EP, die uns aus der jahresendzeitlichen Lethargie riss und mit ihrer nostalgisch-verwaschenen Euphorie mal wieder zeigte, dass die Bestenlisten nie zu früh fertig geschrieben sein dürfen. Jetzt folgt – ebenfalls auf dem Leipziger Kultlabel KANN – 'Concrete Mimosa', verquickt dabei verschiedenste süßsaure Wohlfühlelemente elektronischer Musik auf Albumlänge und legt damit direkt nochmal einen drauf. Wir haben deshalb bei DJ Balduin angerufen und mit ihm über Ironie in der Kunst, Blockaden beim Produzieren und dem “Dazwischen” gesprochen.

DJ LAB: Christoph, kannst du dich kurz vorstellen? Wer bist du und was machst du?

DJ Balduin: Als Musiker bin ich DJ Balduin, DJ und Produzent und lebe seit fünf Jahren in Leipzig. Mit 16 fing ich an aufzulegen und ein paar Jahre später konnte ich schon Cluberfahrung sammeln. Seit ca. 2007 produziere ich auch. Dann gab es bei mir aber auch eine lange Pause von alldem. Vor einigen Jahren habe ich aber wieder Lust und Motivation bekommen, mehr damit nach außen zu gehen.

Warum hast du eine Pause gemacht?

Das war hauptsächlich eine Art persönliche Neuorientierung, um zu schauen, ob ich noch Lust habe, mit der Musik in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich habe Grafikdesign und auch Medienkunst studiert, was ich auch immer noch praktiziere. Man trägt in diesen Feldern ja viel nach außen und präsentiert dabei einiges der eigenen Persönlichkeit. Davon hab ich eine Pause gebraucht. Um dann im Endeffekt da auch wieder fester zurückkommen zu können.

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Wie kam denn Leipzig für dich zustande?

Das war relativ natürlich, da viele Freunde von mir nach Leipzig gezogen sind. Zusätzlich wollte ich nach meinem Studium weiterhin so frei sein, um Kunst zu schaffen und Leipzig war da für mich die richtige Adresse, weil es einfach geringe Lebenshaltungskosten hatte. Für mich waren Berlin, Köln oder Hamburg erstmal nicht drin. Ich dachte, Leipzig könnte ein gutes Sprungbrett sein und habe dann aber ziemlich schnell gemerkt, dass in der Bildenden Kunst allein nicht meine Zukunft liegt. Am wohlsten fühlt man sich ja auch in der Sache, in der man die Community geil findet und das war bei mir mit der Bildenden Kunst nicht immer so der Fall. Mittlerweile schätze ich die Lebensqualität von Leipzig sehr, auch unabhängig von meiner Profession.

Du machst ja nicht nur Design, man findet z. B. von dir auch Filmrezensionen im Netz. Es fällt auf, dass du ziemlich interdisziplinär unterwegs bist.

Ja, auf jeden Fall, wenn mich etwas interessiert, bin ich klassischer Autodidakt. Irgendwie haben mich Sachen, die man kreativ mit dem Computer machen kann, schon immer am meisten fasziniert. Als 12-Jähriger bin ich zum Beispiel damals auch in eine Bücherei und hab mir ein Buch gekauft, um damit HTML zu lernen. Das war 1999, noch vor Tutorials auf YouTube. Was Kreativität angeht, bin ich auf jeden Fall im Computer zu Hause und wenn mich da irgendwas bockt: Let's go! Während meines Kunststudiums habe ich mich aber auch viel mit dieser Digitalität auseinandergesetzt und bewusst ein wenig mehr den Fokus auf klassische und analoge Medien gesetzt.

So vielfältig wie deine Arbeitsfelder sind ja auch die Einflüsse, die man aus deinem Album heraushört: Ambient ist drin, „Ecstasy House” und Trip-Hop auch. Wie ist die Platte entstanden?

Es gibt eine kleine Backstory dazu: Während der Pandemie hatte ich überhaupt keine Lust, Musik zu machen. Ich habe vorher viel Arbeit in die technische Umsetzung meines Studios gesteckt: Neue Soundkarte, alle Synthies waren schön angeschlossen und das Studio sah richtig fein aus. Nur: Ab diesem Moment habe ich überhaupt keine Musik mehr produziert. Anfang 2022 wollte ich dann zwei Wochen in Berlin wohnen und habe einen Wohnungstausch gemacht, so eine ganz spärlich eingerichtete Bude. Am ersten oder zweiten Tag war ich dann Corona-positiv, das war noch zu der Zeit, in der man sich in Quarantäne begeben musste. Ich war also in dieser fremden Wohnung und hatte kaum etwas dabei, weil ich in den zwei Wochen hauptsächlich mit Freunden abhängen wollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Laptop aufzumachen und seit langem Ableton mal wieder zu starten. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass ich die ganze Studiotechnik überhaupt nicht brauche. Innerhalb von zwei Tagen war dann der erste Track fertig, 'Church Of AUM'. Diesen Track hab ich dann Alex von KANN geschickt und der war sofort hooked. Zurück in Leipzig habe ich das gesamte Studio abgebaut, den Computer per Klinke an die Monitore angeschlossen und seitdem flutschte es wieder. Es sind wöchentlich neue Tracks entstanden und ab einem Zeitpunkt waren es dann genügend, sodass Ali meinte, dass wir ja langsam eher an ein Album als an eine EP denken könnten. So hat das seinen Lauf genommen.

Ich zitiere dich aus einem Radio-Interview: „Ich bin kein großer Fan von Alben in der elektronischen Musik”. Sagst du und machst dann doch eins.

Generell bei meinen Veröffentlichungen und auf meinem Label GLYK war es mir immer wichtig, dass sich Platten schön durchhören lassen. Ich verstehe das Konzept von Tool-Platten, das kann super funktionieren, ist dann aber eben ein Werkzeug für den Club. Da sehe ich das Format der EP als sinnvoller an. Ohne es zu bewerten: Es ist einfach eine andere Sache. Mir macht es Spaß, Musik in einem Kontext zu hören und zu produzieren, der nicht nur clubbig ist. Mein Kopf funktioniert sehr visuell und filmisch und ich denke, dass sich das auch auf meine Musik auswirkt. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Album, es funktioniert gut in diesem Format. Aber auch nur deshalb, weil es viele verschiedene Genres bedient, die dem Album eine Dramaturgie geben. Mir würde es echt schwerfallen, ein Album zu produzieren, das aus reinen 4/4-Clubtracks besteht.

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Die LP blickt nostalgisch zurück, gleichzeitig unterliegst du dabei aber nicht der momentan weit verbreiteten Versuchung, die Sounds der 90er und 00er Jahre ins Ironische zu ziehen. Wie stehst du zu diesen Entwicklungen in der Szene zuletzt?

Es ist schön zu beobachten, dass Leute da richtig viel Spaß dran haben. Als Produzent ist mir aber auch wichtig wie „sincere”, also wie aufrichtig mein Output ist. Für mich gibt es da irgendwann auch eine Grenze, wo ich dann das Gefühl hätte, ich entwickle mich nicht vorwärts. Kunst ironisch zu sehen ist auch immer ein wenig Schall und Rauch. Das ist dann in dem Moment ein Style und geil, aber ich kann mir vorstellen, dass das in zehn Jahren wieder anders aussieht. Ist das dann etwas, worauf ich zurückblicke und denke, „das ist immer noch ein Teil von mir”? Auf der Rückseite von meinem Album steht „To the End of Irony”, ein Zitat von John Waters, das nimmt darauf Bezug. Waters, der ja selbst gern mit Ironie arbeitet, sagte in einem Interview, dass jegliche Ironie sich über etwas lustig macht. Dass es auch etwas snobby ist, wenn etwas als gut deklariert wird, weil es eben schlecht ist. Und das funktioniert meistens ja leider so, dass sich über Leute lustig gemacht wird, die sozialhierachisch unter einem stehen. Ich mein, es kann lustig sein, irgendwie mit Arbeiter-Warnwesten auf Trance-Partys zu gehen, aber das hat für mich halt oft auch einen kleinen abwertenden Touch.

Apropos Revival: Man hört Trip-Hop zuletzt wieder öfter. Glaubst du, das kommt gerade zurück? Quasi introvertiert-langsame Musik als Antithese zum schrillen Status Quo?

Interessant, bei mir geht ja mit 'P4X4' auch ein Track auf dem Album in diese Richtung. Da hab ich nicht gedacht, das könnte ein Ding werden mit Trip-Hop. Aber ja, das Gegensätzliche kommt schon immer wieder, zuletzt habe ich auch 2000er-Minimal im Club gehört, von dem ich noch vor fünf Jahren dachte, der wird nie wieder cool. Ist insgesamt eine wilde Zeit aktuell, weil einfach so viele Revivals aufeinander folgen.

DJ Balduin Interview.
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Du hast schon gesagt, dass du sehr visuell bist, da landen wir beim Artwork deiner LP: 'Concrete Mimosa' zeigt als Coverbild einen als Palme/Mimosa „getarnten“ Sendemast. Sind das nicht eigentlich gegensätzliche Eigenschaften, weich und hart? Was steckt hinter dem Artwork?

Ich spiele gerne mit diesen Extremen, egal ob jetzt mit dem Titel oder wenn ich andere Kunst schaffe. Damit kann ich gut deutlich machen, dass ich mich in meinen Positionen oft zwischen Welten befinde. Der Begriff des Dazwischen ist generell für mich ein großes Thema. Deshalb hat es mir bei meinem Album auch so Spaß gemacht, mit den verschiedenen Genres zu spielen. Als ich die Auswahl der Fotos für das Artwork von YCBL erhalten habe, stand der Titel des Albums schon fest. Da war die Entscheidung für den getarnten Sendemasten ein no-brainer.

Du hast mit GLYK ein eigenes Label und hast vorher schon bei Kompakt und QC Records veröffentlicht. Jetzt kommt KANN hinzu. Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Leipziger Kult-Label zustande?

Ich komme ja ursprünglich aus Süddeutschland und so mit 18 oder 19 war es mein größter Traum, mal aufs Nachtdigital zu gehen. Damals hat man aber nie Tickets bekommen. Da konnte ich noch nicht wissen, dass ich zehn Jahre später gelegentlich beim Nachti helfen werde aufzubauen oder artist care zu machen. Darüber habe ich dann auch Alex (Sevensol) von KANN kennengelernt. Ich hab ihm immer mal wieder ein paar Tracks geschickt und es war klar, dass wir irgendwann etwas gemeinsam machen wollen. Es macht mich happy, wie sehr er das Projekt unterstützt und Lust drauf hat. Auch, dass es zum Schluss noch ein paar kritische Impulse gab, bei denen man als Artist dann erstmal ein bisschen schlucken muss. Wenn bspw. ein Track nicht auf dem Album sein soll, an den man sich schon sehr gewöhnt hat. Aber ich merkte schon schnell, wie gut es ist, jemanden im Prozess dabei zu haben, der schon so lange im Game ist und ein gutes Bauchgefühl dafür hat.

Wie geht es denn jetzt für dich weiter?

Ich habe schon Lust, mich weiter auf Musik zu konzentrieren, ohne meine anderen Interessen aus dem Auge zu verlieren. Es sind ein paar Releases in der Pipeline. Auflegen ist nach wie vor eine der Sachen, die mir am meisten Spaß macht, da komme ich her und ich freue mich über jede Gelegenheit zu spielen. Aber ich habe keine konkreten Ziele. Es ist gut zu wissen, dass Musik schon so lange ein Bestandteil meines Lebens ist und ich mir sicher sein kann, dass dies nicht so schnell verschwinden wird. Der Rest ergibt sich von selbst.

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Veröffentlicht in Features und getaggt mit Concrete Mimosa , DJ Balduin , GLYK , John Waters , KANN , kompakt , Leipzig , Nachtdigital , QC Records , Sevensol

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