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Noorden im Interview:

Noorden im Interview: "Mit einem Label Geld verdienen? Direkt abschminken!"

Features 17. Oktober 2021

Man soll die Feste ja bekanntlich feiern, wie sie fallen. Wenn es sich dabei dann auch noch um ein großes Jubiläum handelt, darf es dann gerne noch etwas ausschweifender werden. Das Kölner Label Noorden zelebriert dieser Tage das zehnjährige Bestehen und hat zu diesem Anlass eine Compilation mit alten wie neuen Bekannten zusammengestellt. Eine Dekade lang sucht und veröffentlicht Labelgründer Alex Ketzer jetzt den Noorden-Sound, der sich irgendwo zwischen Broken-Beat, Techno und Ambient verorten lässt und der doch, so Ketzer selbst, einem übergeordneten Ideal folgt. Was sich dahinter verbirgt, wie es überhaupt zu Noorden kam und welche guten wie schlechten Momente man in zehn Jahren Labelarbeit erlebt, erfahrt ihr in unserem Gespräch mit ihm.

DJ LAB: 10 Jahre Noorden! Dafür dürfen wir erst einmal herzlichst gratulieren. So ein Jubiläum eignet sich ja perfekt, um ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen und die Geschichte des Labels Revue passieren zu lassen. Wie kam es überhaupt zu Noorden und was waren die ersten Schritte?

Alex: In Köln-Deutz gibt es die Kunstetage mit rund zehn Ateliers. Dort hatten ein paar Freunde von mir und ich einen Raum, in dem wir während des Studiums oft zusammen Musik gemacht haben. Wir haben regelmäßig unsere Instrumente aufgebaut, gemeinsam gejammt oder uns gegenseitig Musik vorgespielt. Irgendwann dachten wir, dass der ganze Kram nicht nur auf den Festplatten liegen kann. Es sollte für andere zu hören sein und so haben wir dann das Label Weark gegründet. Darauf haben wir rund 15 Sachen rausgebracht. Aus heutiger Sicht würde man zu den Releases vermutlich sagen, dass der Großteil wohl auf den Festplatten hätten bleiben sollen (lacht).

Der Noorden-Vorgänger neigte sich nach und nach dem Ende zu, aber ich hatte richtig Bock, mit einem neuen Label weiterzumachen. Bei einem zweiwöchigen Roadtrip durch Norwegen im Jahr 2011 habe ich intensiv darüber nachgedacht, wie ich ein Label gestalten möchte. Dort wurde dann auch der Entschluss gefasst, Noorden zu starten. Bei unseren ersten Releases haben wir, was den Vertrieb angeht, noch viel experimentiert. Wir haben beispielsweise QR-Codes auf Flyer gedruckt, die wir dann im Freundeskreis verteilt haben.

2011 schon QR-Codes? Aus heutiger Sicht seid ihr damit ja quasi Trendsetter.

(lacht) Ja das stimmt - aber eigentlich wurden die damals fast gar nicht gescannt. Gefühlt werden die auch erst seit Corona so richtig akzeptiert und genutzt. Damals war das eher etwas schräg, aber wir wollten etwas Physisches haben, was man den Leuten mitgeben kann. Wenn man ehrlich ist, war der Nutzen der damaligen QR-Code-Releases relativ gering. Die Codes haben nur zu unserer Soundcloud-Seite geführt oder direkt zu einem ZIP-Download.

Damit wurde dann ja der Grundstein gelegt und Noorden hat das Licht der Welt erblickt. Wie ging es dann in der Frühphase weiter und wann kam so ein großer Punkt, an dem du dir dachtest: Jetzt gehts wirklich vorwärts?

Erstmal gab es die angesprochenen Digital-Releases mit den QR-Codes. Das erste "richtige" Release war unsere "Rumble When Bumble"-Compilation. 2012 kam der OP-1-Synthesizer von Teenage Engineering raus und ich wollte das Teil unbedingt haben. Die ersten verfügbaren Geräte waren leider ständig ausverkauft - aber irgendwann hatte ich zum Glück die Chance, eins zu kaufen. Ziemlich schnell hatte ich die Idee, ein Release herauszubringen, dessen Stücke komplett auf oder mit dem OP-1 entstanden sind. Es gab zu der Zeit das OP-1 Forum, in dem sich alle Nutzer:innen ausgetauscht haben. Dort habe ich so ein paar Konsorten wie Jogging House, Dataline oder Virtuell Flanell kennengelernt, die danach auch alle auf Noorden veröffentlicht haben.

Ich habe in diesem Forum einen Aufruf gestartet und die Artists zum Einschicken von Tracks eingeladen. Die Resonanz war super und die Tracks kamen schnell zusammen. Daraus wurde dann unser erstes großes physisches Release auf CD. Wir hatten auch ein schönes Gatefold-Cover, komplett selber gebastelt, und alle Artists haben neben der Musik eine Doppelseite im Booklet gestaltet. Am Ende haben wir Teenage Engineering gefragt, ob wir Elemente der OP-1-Display-Grafik benutzen können. Die waren ebenfalls direkt an Bord und haben das Ganze super gepusht. Schlussendlich konnten wir alle CDs verkaufen und haben im Jahr danach direkt den zweiten Teil der Compilation an den Start gebracht. Davon wurde sogar ein Track im Trailer des Jump-and-Run-Spiels N++ verwendet. Ab dem Punkt hat das Label so richtig Fahrt aufgenommen und es kamen erstmals wirklich Demos bei mir rein. In dieser Phase hat sich auch ein bestimmter Sound gefestigt.

Du spricht von der frühen Phase und dem Sound dieser Zeit. Wenn wir jetzt auf zehn Jahre Noorden blicken, ist da ja allgemein musikalisch viel passiert und vermutlich auch bei euch. Wenn es also einen Noorden-Sound gibt, wie würdest du den beschreiben?

Der Sound von der Compilation und der ersten Phase des Labels würde ich eher so in die Richtung Broken Beats, Instrumentals, Trip-Hop, Electronica stecken. Ab und an auch mit 8-Bit-Klängen versetzt und allgemein etwas eigen und quirky. Um 2015 rum gab es eine Veränderung im Noorden-Sound, der ungefähr zusammen mit meinem ersten Album 'Marianne Brandt' begann. Der Sound ging ab da mehr Richtung Leftfield und ich würde sagen, dass es auch etwas tanzbarer wurde. Aber das sind ja eher stilistische Dinge. Ganz allgemein würde ich zum Noorden-Sound sagen: Wenn etwas zu glattgeleckt klingt, interessiert es mich nicht. Ich brauche immer etwas, das mich kickt und wozu ich irgendeine Verbindung habe. Das sieht man auch daran, dass ich manchmal Sachen veröffentliche, die andere Labels vermutlich noch zu roh und unfertig fänden. Mich holt das aber total ab und dann bringe ich es auch raus.

Stichwort Verbindungen. Eine Sache ist mir beim Hören der Diskografie sofort aufgefallen, und zwar scheinst du einen gewissen Stamm gefunden zu haben.

Ja, auf jeden Fall. In der ersten Phase des Labels habe ich die meisten Artists online kennengelernt und dann lief auch die ganze Kommunikation online. Das betrifft sowohl die Sachen, die aus der OP-1-Compilation entstanden sind, als auch viele der frühen Releases. In den letzten Jahre hat es sich in die Richtung entwickelt, nur noch Sachen von Artists zu veröffentlichen, die auch meine Freunde sind und/oder bei denen ein persönlicher und oft auch lokaler Kontakt in Köln besteht. Ich möchte lieber weniger rausbringen, dafür aber mit einer größeren persönlichen Verbindung zur Musik und den Artists.

Dieser Wechsel in der Diskografie fällt ebenfalls auf die von dir angesprochene Zeit rund um 2015. Was genau hat sich da neben deinem Album geändert, dass es einen so sicht- und hörbaren Unterschied gibt?

Im Grunde ging das schon etwas früher los. Zwischen 2012 und 2014 habe ich mein Buch 'Beyond Plastic' geschrieben. Dafür bin ich zwei Wochen mit dem Zelt durch Deutschland gereist und habe verschiedene Akteure der elektronischen Musik interviewt. Ich wollte wissen, wo die Musik herkommt, die ich cool finde und wer die Leute dahinter sind. Ich war unter anderem bei Decks, Dubplates & Mastering, R.A.N.D. Muzik, Uncanny Valley, Smallville und Giegling, Im Zuge der Buchveröffentlichung wurde ich zu einer Ausstellung in Münster eingeladen, wo ich Felix aka. Phil Latch kennengelernt habe. Durch ihn hab ich nochmal einen ganz anderen Blick auf Elektronische Musik bekommen und auch viele neue Sachen kennengelernt. Irgendwann hatten wir bei ein paar Gin Tonics die klassische Schnapsidee, ein Sublabel zu gründen - und weil er damals Jura studierte, haben wir das Projekt "LL.M." getauft. Die erste Compilation kam im Oktober 2014 und die Inspiration daraus - und vor allem die Zusammenarbeit mit Felix - hat auf jeden Fall auch den Sound des Hauptlabels geprägt.

Wenn wir bei den Highlights sind, können wir auch die Lowlights nicht außer Acht lassen. Gab es Punkte in den zehn Jahren, die zu Krisen oder zumindest für Frust sorgten?

Sobald man anfängt, physische Tonträger zu machen, ändert sich was. Da kommt dann für mich fast schon der frustrierendste Moment in der ganzen Labelarbeit ins Spiel. Natürlich nicht der Weg dahin: Die Musik auszusuchen, das Design zu gestalten und die Testpressung zu hören, ist total cool und man ist immer tierisch aus dem Häuschen. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man 300 Platten - oder mehr - geliefert bekommt und dann steht man da und muss die irgendwie an die Leute bringen. Bei den Tapes ist das noch ganz okay, da ist die Auflage überschaubar und man bekommt die irgendwie schon los. Aber Schallplatten sind - wenn man ein eher kleineres Label wie Noorden ist - einfach super schwierig zu verkaufen. Ein simples Beispiel: 2012 gab es gefühlt drei Labels und zehn Käufer:innen. Heute ist es eher umgekehrt und es gibt gefühlt zehn Labels und drei Käufer:innen. Es ist also noch viel schwieriger geworden, seinen Kram loszuwerden. Abgesehen davon hatten wir seit unserer Gründung keine großen Krisen oder Releases, die katastrophal gefloppt sind. Glücklicherweise war es eher andersrum, dass wir dachten, bestimmte Sachen würden nicht ankommen, aber dann total gut liefen.

Jetzt haben wir den Weg zum Label hin und auch die Höhen und Tiefen gesehen. Wenn ich jetzt Bock hätte, selbst ein Label zu gründen, was würdest du mir mit deiner Erfahrung raten?

Erstmal ganz grundsätzlich: Ich finde es immer richtig gut, ein Label zu gründen, weil man damit viel über sich selbst und viele Dinge fürs Leben lernt. Man muss sich seine Künstler:innen und die Leute suchen, die bei allen anfallenden Sachen helfen. Dadurch lernt man unheimlich viel über Kommunikation und meistens auch gute Freund:innen kennen. So viel zum Allgemeinen. Mein erster konkreter Tipp wäre, dass man sich auf jeden Fall eine musikalische Richtung aussucht, für die das Label stehen soll. Das heißt jetzt nicht, dass es ein bestimmtes Genre sein muss, sondern eher ein Gedanke oder eine Haltung dahinter, die in allem erkennbar ist. Dann kann man auch Drum and Bass und Ambient gleichzeitig rausbringen. Als Zweites braucht man ein geiles grafisches Konzept. Auch hier ist die Idee viel wichtiger als die Umsetzung. Man braucht keine professionellen Grafikdesigner:innen, aber es muss eben irgendwie unique sein. Was man heutzutage auf jeden Fall braucht - und das ist leider irgendwie unsere eigene Schwachstelle: Social Media! Wenn man selbst kein Bock drauf hat, muss man sich jemanden suchen, der oder die das für einen übernimmt. Das wäre jetzt die repräsentative Ebene. Dann gibt es noch die betriebliche Ebene: Da kann ich nur raten, sich einen guten Vertrieb zu suchen. Den bekommt man allerdings nur, wenn man eine gute Bewerbung schreibt und auch so etwas Ähnliches wie einen Businessplan hat, der etwas weiter als nur ein paar Wochen gedacht ist. Dasselbe gilt für das Pressen von Platten, wo man ebenfalls mit Ruhe und Zeit drangehen sollte. Wenn man vorhat, in Vinyl zu veröffentlichen, sollte man die Tracks erst nochmal in die Schublade packen und sie ein paar Monate später wieder rauskramen. Kicken sie dann noch immer, sollte man die Platte pressen. Und zu guter Letzt: Wenn man vor hat, mit einem Label Geld zu verdienen, dann sollte man entweder schon welches haben oder sich das direkt wieder abschminken (lacht).

Die Clubs öffnen jetzt glücklicherweise wieder und das Musikleben beginnt. Habt ihr, was kommende Events angeht, auch schon spruchreife Pläne?

So wirklich geplant haben wir noch nichts. Es geht ja gerade erst wieder los und man muss sich sammeln und neu aufstellen. Wir haben früher ab und an mal was in Clubs gemacht, aber es ist nach wie vor schwierig, dort eigene Abende zu veranstalten, weil die Clubs Angst haben, man würde ohne Headliner vielleicht den Laden nicht voll bekommen. Wir haben deshalb früh angefangen, unsere eigenen Events in Off-Locations zu organisieren. Zum Beispiel unseren Noorden Klub, den wir ein paarmal auf einem Bauwagenplatz hier in Köln gemacht haben. Oder die beiden Solid/Uncoated Raves unter einer großen Brücke am Rhein. Das hatte immer eine ganz tolle Stimmung und Energie. Was mir aber am meisten Spaß gemacht hat, waren unsere Ambient-Konzerte im Rahmen der Kölner Museumsnacht. Da haben wir zweimal im Museum für christliche Kunst, das in einer alten Kapelle ist, zusammen mit Visual Artists und anderen Künstler:innen Ambient-Showcases veranstaltet. Die ganze Kapelle war mit Projektionen gemappt und die Besucher:innen saßen auf Sitzsäcken auf dem Boden und haben verträumt zugeschaut und zugehört. Ich denke, Events, die nicht im Club stattfinden, werden auch in Zukunft eher unser Ding sein. Da kann dann ruhig Clubmusik gespielt werden, aber der Ort sollte schon irgendwas Besonderes haben.

Das wäre jetzt in naher Zukunft. Wenn wir weiter in die Ferne und auf die nächsten zehn Jahre schauen, was würdest du dir musikalisch oder als Event auf jeden Fall wünschen?

Auf jeden Fall würde ich gerne irgendwann mal ein kleines Noorden-Festival machen. Als Vorbild könnte man das Meakusma nehmen - nur eben in einem viel kleineren Rahmen. 2012 hatten wir in einer Kölner Galerie schonmal sowas ähnliches gemacht: Da haben wir vier Wochen lang den Raum bespielt und jedes Wochenende haben andere Musiker:innen Musik aufgelegt oder live gespielt und wechselnde Künstler:innen haben ihre Sachen ausgestellt. Wenn sich verschiedene Felder miteinander verbinden und bestenfalls zusammenwirken, finde ich das immer total spannend. Mein musikalischer Wunsch geht in eine ähnliche Richtung: Ein Traum wäre eine Art Techno-Oper - aber nicht so, wie man sich eine Oper vorstellt. Eher die Vertonung einer übergeordneten Geschichte, die diverse Künstler:innen und unterschiedliche künstlerische Felder miteinander verbindet und dadurch eine Art Gesamtkunstwerk ergibt. Dazu würde ich mir dann eine aufwändig gestaltete Gatefold-Vinyl wünschen und wenn unser Mini-Festival bis dahin schon steht, könnte man das ja auch direkt dort uraufführen.

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Veröffentlicht in Features und getaggt mit Alex Ketzer , Decks , Dubplates & Mastering , Giegling , Kunstetage , LL.M. , Marianne Brandt , N++ , Noorden , OP-1 , R.A.N.D. Muzik , Smallville , Uncanny Valley

Geschrieben von:
Simon Ackers

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