Review: Dwig - Music For XXX [Dwig/Giegling]

Review: Dwig - Music For XXX [Dwig/Giegling]

Features 31. August 2019

Nett muss nicht immer gleich langweilig bedeuten. Oft wird Freundlichkeit als Antikompliment missverstanden, als dünne Linie zwischen Gut und Scheiße gesehen. Im Falle von Ludwig Völker wäre das aber zu kurz gegriffen. Mit dem nunmehr dritten Langspieler für Giegling bleibt Völker als Dwig seiner Spur treu: Sanfte Melodien und mellow Rhythmen, die zumeist ambient geartete Weiten eröffnen und sich oft in genügsamem Deep House auflösen. 'Music For XXX' vervollständigt nach 'From Here To There' und 'What's Paradise' eine Trilogie der Zufriedenheit, des Selbstgenusses und der Leichtigkeit. Dwig zeigt dabei auch: Gute Alben benötigen keine Bombastmomente, um Strahlkraft zu erzeugen. Ein Plädoyer für mehr Nettigkeit.

Das ist natürlich immer so eine Sache. Im besten Falle soll Musik ja emotionalisieren, Tränen in die Augen treiben oder sie trocknen. Der so oft vernachlässigten Charakteristik des reinen Gefallens wird aber häufig die Legitimation abgesprochen, da es darin kaum ein richtiges Extrem zu geben scheint. Vielleicht muss man dann solchen Projekten aber auch mal Tribut zollen, die einfach nur da sind, um genossen zu werden. 'Music For XXX' ist so eins. Eine Platte, die zu gleichen Teilen beruhigt wie anregt. So stimmt gleich zu Beginn ein Kirchenchor zu einem Kanon von August Mühling an: 'Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König'.

Mit dezenten aber bestimmten Mitteln erzeugt Dwig auf der Platte Gefühle der Harmonie und des Einklangs. 'Just In My Mind', ein entspanntes Hip-Hop-Instrumental und zufrieden um sich selbst zirkulierende Beatmaker-Skizze, spielt zurückgelehnt mit der Individualität des Zuhörenden. Immer wieder taucht das Vocal-Sample 'You were sweeter than a...' auf, ohne den Vergleich dabei zu Ende zu führen. Zuletzt endet das Stück mit einer Referenz aus dem Track 'Icicle' von Limewax: 'We are all now programmed for perfect happiness'. Auch 'Again And Again' ist ein deutlicher Verweis auf bisherige Hip-Hop-lastigere Experimente. Man erinnere sich beispielsweise an das angejazzte Saxofon-Sample auf 'Morning Break'.

Raum für Ekstase bietet Dwig aber auch an, ohne dabei selbst zu überdrehen. Noch auf der A-Seite zieht er mit dem Stück 'Disappeared' das Tempo deutlich an. Auch Tracks wie 'Instant Life' und 'Keep Us' fühlen sich treibend und aktivierend an. Diese Momente braucht Dwig auf dieser Platte, denn nicht alles ist hier zwingend tanzbar. Das ist gleichzeitig aber das Spannende an dem Album: Nicht alles ist auf Funktionalität ausgelegt. Manchmal lassen sich dabei sogar gewisse Nuancen von Sinnlichkeit entdecken.

Natürlich wird auch der Label-typische Pathos bedient. Giegling-Stilmittel Nummer 1: Transzendenz. Neben dem Intro bindet der Closer eine Schleife, die schon fast an Gotteserfahrung erinnern möchte. So flüstert auf dem Stück 'Birth Of A Prophet' eine klare, selige Stimme: 'I just tried to be nothing, to become it all'. Es folgt eine einer Himmelsauffahrt gleichende außerkörperliche Klangerfahrung.

Definitiv ist die Platte eine Empfehlung an die geschundenen Seelen der Tanzflächen. Schön ist deshalb, wie behutsam 'Music For XXX' Augenblicke der Melancholie und Relativierung ausspart. Denn Dwig kann Melancholie, keine Frage. Mit diesem Album jedoch liegt der Fokus vielmehr auf Reinheit, Glück und Liebe, auf der Schönheit der einfachen Dinge. Eben wie die Wiese im Garten.

'Music For XXX' erschien am 6. August auf Dwiq/Giegling.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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