Test: JimAudio – Pure Acid (iOS)

Test: JimAudio – Pure Acid (iOS)

Tests 19. Januar 2020

Acid begleitet die elektronische Musikszene schon mehrere Dekaden und feiert gefühlt jedes Jahr ein Comeback. Prägend für den Sound diese Genres ist Rolands kleine Silberkiste TB-303, die schon oft als Hardware-Nachbau und Software-Emulation in Erscheinung getreten ist. Die jetzt erschienene App Pure Acid von JimAudio für iPads und iPhones möchte den typischen Acid-Sound und die passenden Beats der Roland Drum Machines TR-808/707/606/909 liefern und Fans dieses Genres überzeugen. Ob das gelungen ist und wie das Zusammenspiel mit einem DJ-Set in der Praxis aussieht, erfahrt ihr in diesem Test.

Pure Acid

Pure Acid stammt aus der Feder von Dmitrij Pavlov, dessen Groovebox-App Groove Rider GR-16 schon für große Begeisterung unter den Usern gesorgt hat. Pure Acid kostet aktuell 17,99 Euro und bietet eine optisch ansprechend gestaltete Bedienoberfläche mit anpassbaren Farben. Zur Klangerzeugung gibt es einen TB-303-Bassline-Synth und eine Drum Machine, die jeweils per Sequenzer kontrolliert werden. Eine zweikanalige Mixersektion mit Effekten erlaubt das Abstimmen der Pegel. Die Bedienung erfolgt intuitiv mit virtuellen Bedienelementen auf dem Bildschirm oder extern per einfach zuweisbarem MIDI-Controller. Dank integrierter AUv3-, Audiobus- und Inter-App-Audio-Schnittstellen lässt sich Pure Acid zur Musikproduktion auf einem iOS-Gerät nutzen. Den Fokus meines Praxischecks habe ich aber auf den Standalone-Einsatz im Rahmen eines Live-Acts gelegt und mir zudem angeschaut, wie die Ergänzung eines DJ-Sets gelingt.

Die App Pure Acid besteht aus einem Synthesizer einer Drum Machine und einem Mixer.

Bassline

Die Bassline-Sektion der App ist wie das Roland-Original mit den Grundwellenformen Sägezahn und Rechteck ausgestattet. Zur Klangformung steht ein Tiefpassfilter mit Resonanz bereit, das für den charakteristischen Sound zum größten Teil verantwortlich ist und bei der Hardware aufgrund hoher Bauteiltoleranzen dazu führte, dass jede 303 etwas anders klang. Des Weiteren gibt es gut bedienbare Potis zur Steuerung der Parameter Envelope, Decay und Accent sowie Tune. Pure Acid bietet zudem sinnvolle Ergänzungen in Form eines LFOs, der das Tiefpassfilter steuert, sowie einen Verzerrer, Boost und ein Hochpassfilter.

Synthesizer-Sequenzen lassen sich programmieren oder einspielen.

Drums

Die Drum-Sektion ist optisch an eine klassische Rhythm-Box angelehnt und lässt sich mit 16 Sounds aus Rolands legendären Drum Machinen TR-808, 707, 606 und 909 bestücken. Fertige Drumsets findet man hier nicht, die gewählte Auswahl wird aber per Speicherfunktion in einem Patch fixiert. Jeder Sound kann individuell gestimmt, mit Attack- und Decay geformt und in zwei Effektbusse geroutet werden. Zudem gibt es einen Boost-Regler zur Signalaufrauung sowie Pan- und Level-Regler.

Die Drum Machine lässt sich per Schiebeschalter mit verschiedenen TR-Drumsounds bestücken.

Mixer

Der Mixer bietet zwei Kanalzüge für die Klangerzeuger und erlaubt deren Lautstärkeregelung sowie das Einschleifen in Effekte. Zusätzlich lassen sich die Signale mit Drive-Reglern verzerren und in den Solo-Modus schalten, wenn eine gezielte Bearbeitung erfolgen soll. Ein optionaler Limiter verhindert Übersteuerungen und zwei Effektbusse mit 14 Effekten, deren Design an Bodentreter aus dem Gitarrensegment erinnert sowie ein Mastereffektbus mit 22 Effekten stehen für umfangreiche Verfremdungen zur Auswahl.

Der zweikanalige Mixerbereich ist mit Effektgeräten ausgestattet, die sich per Fingerfahrten steuern lassen.

Soundcheck

Wer sich einen ersten Überblick über die Funktionsweise der App bzw. deren Soundmöglichkeiten verschaffen möchte, kann durch die zahlreichen Patches blättern, die ab Werk enthalten sind. Unter den Patches befinden sich Acid-Klassiker von Hardfloor, The Prodigy, Josh Wink und Daft Punk sowie das Preset der populären Software-Emulation Rebirth. Meiner Meinung nach klingt die App Pure Acid sehr authentisch und es macht großen Spaß mit den fertigen Patches herumzuspielen. Ein Soundvergleichstest mit dem aktuell sehr beliebten Behringer 303-Hardware-Clone TD-3 zeigt zudem, dass die App diesem ebenbürtig ist.

Acid in da House

Das Einspielen oder Programmieren eigener Pattern gelingt am einfachsten, wenn man eine rhythmische Basis mit einem Drumbeat kreiert. Die gewünschten Drumsounds lassen sich bequem selektieren und mit den darüber platzierten Drehreglern anpassen. Die generierten Drumpattern sind per Swing- und Flam-Funktion (Mehrfachanschlag) lebendig modellierbar. Ein Pattern kann bis zu 16 Steps lang sein und in 12 Pattern- und vier Fill-Slots gespeichert werden. Pure Acid bietet 35 authentisch klingende Drumsounds zur Auswahl, die für ordentlich Druck sorgen.

Die Bassline-Sequenzen werden mit einem Sequenzer oder per Bildschirmklaviatur eingespielt. Mir persönlich hat die Sequenzer-Programmierung eher zugesagt, da sich hiermit die klassischen Acid-Pattern recht einfach erstellen lassen. Die Pattern können eine Länge von bis zu 32 Steps (zwei Takte) haben und 12 Pattern lassen sich in einem Patch speichern. Natürlich sorgen aber vor allem "ungerade" Pattern mit 3, 5 oder 7 Steps für den typischen Acid-Groove und sich rhythmisch verschiebende Basslines. Per Accent und Slide gelingen interessante Betonungen, und durch Shuffle, Reverse und Variate lassen sich neue, interessante Patternvariationen im Handumdrehen generieren. Wer sich inspirieren lassen möchte, nutzt den Bassline Composer mit wählbaren Parametern, der sehr ordentliche Ergebnisse produziert.

Zur Formung der Drum- und Basslinesounds lassen sich die Effekte im Mixerbereich nutzen. Hier findet ihr gut klingende Delay-, Chorus-, Hall-, Flanger- und Bitcrusher-Effekte, die sich optional als Kette verschalten lassen und Master-Effekte wie Tape Delay, Looper, Slicer, AutoPan, um dem Ausgangssignal den letzten Schliff zu verpassen. Die Effektsignale sind per Fingerfahrten auf dem Bildschirm steuerbar.

Live/DJing

Möchte man die App Pure Acid live oder als Ergänzung zu einem DJ-Set nutzen, lassen sich die programmierten Pattern in Echtzeit manuell selektieren oder alternativ als Pattern-Chain mit wählbaren Wiederholungen nacheinander wiedergeben. Einen echten Songmode mit Parameterautomationen oder Einstreuungsmöglichkeiten für Fill-Pattern gibt es aktuell allerdings (noch) nicht. Im Live-Kontext ist das allerdings auch nicht sonderlich dramatisch, da hier in der Regel eine manuelle Steuerung bevorzugt wird. Ich empfehle zur Kontrolle der Synthie-Parameter einen Hardware-Controller, da man so etwas gezielter in den Klang eingreifen kann. Die Zuweisungen der Steuerungen zu den Bedienelementen ist per MIDI-Learn-Funktion sehr schnell erledigt. Für den zuverlässigen Gleichklang mit einer DJ-Software wie Traktor Pro, Serato DJ Pro oder Virtual DJ sorgt die integrierte Ableton Link Schnittstelle.

Durch die Aktivierung von Ableton-Link gelingt ein synchrones Zusammenspiel mit Traktor Pro, Serato Pro und anderen DJ-Programmen.

Fazit

Die App Pure Acid bietet einen authentischen Roland TB-303 Sound und ergänzende Beats der populären Drumcomputer TR-808/707/606/909. Die Programmierung groovender Acid-Basslines gelingt im Handumdrehen und macht großen Spaß. Gut gefallen haben mir die Echtzeitsteuerungen und die enthaltenen Effekte, da sich somit Live-Acts und DJ-Sets kreativ mit Acid-Sounds untermalen lassen. Klar fehlt der noch jungen App ein richtiger Songmode, der aktuell nur per Integration in einer Producer-App kompensiert werden kann, wer aber den App-Anbieter Dmitrij Pavlov kennt, wird wissen, dass hier noch die nötigen Ergänzung sicherlich folgen werden. Mit einem Preis von 17,99 Euro ist Pure Acid sicherlich kein Schnäppchen, ich finde aber das Preis-Leistungs-Verhältnis aufgrund des authentischen Klangs und der intuitiven Bedienung in Ordnung. Acid-Fans werden hier nicht enttäuscht!

Pro

Authentischer Roland TB-303 Sound
Druckvolle Drumsounds
Synchronisation via Ableton Link
Controller per MIDI Learn schnell programmierbar
Übersichtliches Design

Kontra

(Noch) kein richtiger Songmode enthalten

Preis:

17,99 EUR

Weitere Informationen gibt es im Apple Store.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit 303 , app , Behringer TD-3 , iOS , JimAudio , Pure Acid , Test

Geschrieben von:
Boris Alexander

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