Test: Modal Electronics Argon8 / Wavetable Synthesizer

Test: Modal Electronics Argon8 / Wavetable Synthesizer

Tests 9. Oktober 2021

Mit dem Argon8 bietet das Team von Modal Electronics einen vielversprechenden Kandidaten im mittlerweile heiß umkämpften Wavetable-Sektor. Die Erwartungen sind groß, schließlich stehen die Briten seit 2013 für innovative Klangkonzepte, die digitale mit analoger Klangsynthese verbinden und gelten somit schon fast als alte Hasen auf dem Gebiet. Wir wollen herausfinden, ob sich der Herausforderer gegen die namhafte Konkurrenz behaupten kann und fühlen dem Synth im Praxistest auf den Zahn.

Verarbeitung und technische Daten

Beim Auspacken fällt zunächst das hochwertige Äußere des Argon8 auf. Das Gehäuse besteht zu großen Teilen aus Metall und fühlt sich dementsprechend stabil an. Durch das stattliche Gewicht und die dicken Gummifüße auf der Unterseite findet der Synth auf jeder Unterlage und auch im hektischen Live-Alltag sicheren Halt ohne nerviges Herumrutschen. Auch die Verarbeitung der einzelnen Bedienelemente ist tadellos. Hier fällt vor allem der Joystick mit seinem angenehmen Druckpunkt positiv auf.

Klangeinstellungen werden über 24 Druckknöpfe sowie 29 Potis vorgenommen, wobei letztere als Endlos-Regler fungieren. Zwar lassen sich so nicht direkt auf den ersten Blick alle Einstellungen einsehen, es werden aber auch unangenehme Parameter-Sprünge vermieden, die besonders bei häufigem Preset-Wechsel stören.

Soll es dann doch mal etwas genauer sein, wird der gerade eingestellte Parameter auf einem kleinen OLED-Display dargestellt, auf dem bei Bedarf auch Wellenformen, Presets und weitere Informationen zu sehen sind. Trotz seiner kompakten Maße hilft der Bildschirm ungemein, bei der Flut an Einstellmöglichkeiten nicht die Übersicht zu verlieren.

Ebenso hochwertig geht es bei der verbauten Fatar-Tastatur zu. Diese verfügt neben einem exzellenten Spielgefühl über Anschlagsdynamik sowie (monophonen) Aftertouch. Den Argon8 gibt es in drei Versionen:  Mit 37 beziehungsweise 61 Tasten sowie als Desktopmodul ohne Tastatur. So viel Flexibilität in der Produktpalette ist löblich, da kann sich der ein oder andere Hersteller gerne eine Scheibe von abschneiden.

Alle drei Versionen besitzen die gleiche Anschlusssektion. Hier finden sich die üblichen Schnittstellen für MIDI (wahlweise im DIN- oder USB-Format) und Audio (Mono, Stereo, Kopfhörer). Die Synchronisation zu analogen Geräten ist ebenso möglich wie das Einschleifen von externen Audio-Signalen, um diese mithilfe von Filtern, Effekten oder Modulationen zu bearbeiten. Zu guter Letzt können Spielhilfen in Form eines Expression- sowie Sustain-Pedals angeschlossen werden.

Argon8 von Modal von hinten.

Oszillatoren

Wie es sich für einen Wavetable Synth gehört, kommt der Argon8 mit einer mächtigen Oszillatorsektion daher, die sich in ihrer Komplexität deutlich von klassischen analogen Systemen abhebt. Jede Stimme besteht aus vier Oszillatoren, von denen jeweils zwei zusammengeführt und als Wave 1 beziehungsweise Wave 2 bezeichnet werden. Der zweite Oszillator kommt dabei unter Verwendung der Spread-Funktion zum Einsatz und verleiht dem Klang durch leichtes Verstimmen eine gehörige Portion Breite.

Darüber hinaus lassen sich auf diese Weise auch Intervalle realisieren. Spread wirkt sich gleichermaßen auf Wave 1 und Wave 2 aus, abgesehen davon können die beiden aber auch separat gegeneinander verstimmt werden. So entstehen schnell komplexe Akkordstrukturen, auch ohne viel Fingerakrobatik am Keyboard.

Als klangliches Ausgangsmaterial stehen 120 verschiedene Wavetables zur Verfügung, die in 24 Bänke mit jeweils fünf Wellenformen eingeteilt sind. Das Angebot reicht dabei von simplen Wellenformen nach analogem Vorbild bis hin zu typisch-digitalen Exemplaren mit komplexem Obertonverhalten. Hat man sich für eine Bank entschieden, lässt sich stufenlos zwischen den darin enthaltenen Wellenformen überblenden.

Die Veränderungen am Klang werden dabei mithilfe des Displays veranschaulicht. Eine umfangreiche Kreuzmodulationssektion findet sich unter der Bezeichnung OscMod. Neben den üblichen Effekten wie Sync, FM- oder Ringmodulation ist es auch möglich, die Wellenform zu invertieren oder mithilfe eines Shapers zusätzliche Obertöne zu generieren.

Noch mehr Abwechslung bieten die 32 Wavetable-Modifier. Hierbei handelt es sich um fest voreingestellte Effekte, die unabhängig voneinander für beide Wavetables vorhanden sind. So finden sich beispielsweise diverse Bitcrush-Effekte und Downsampling-Algorithmen, die der Wellenform auf mehr oder weniger subtile Art Schmutz verleihen.

Am anderen Ende des Spektrums liegen komplizierte Modifikatoren, die den Klang gnadenlos in die Mangel nehmen und je nach verwendetem Wavetable zu bizarren Ergebnissen führen. Man merkt also recht schnell, wie viel Potenzial allein in der Oszillatorsektion steckt und wie sehr sich der Sound bereits verbiegen lässt, bevor überhaupt die richtigen Modulationsmöglichkeiten ins Spiel kommen.

Filter, Hüllkurven

Die Filtersektion ist im Vergleich dazu wesentlich simpler aufgebaut, gestaltet sich aber dennoch sehr vielseitig. Die Charakteristik des digitalen 2-Pol-Filters kann mithilfe des Morph-Reglers stufenlos von Tief- zu Hochpass überblendet werden. Je nach eingestelltem Typ entsteht in der Mitte des Regelweges entweder ein Notch- oder Bandpassfilter. Auch hier liefert der Bildschirm wieder eine visuelle Darstellung des Geschehens und hilft, den Sound genau nachzuvollziehen.

Leider besteht keine Möglichkeit, auf eine 4-Pol-Variante des Filters zu wechseln. Dafür gibt es mit Standard und Classic zwei verschiedene Modi mit leicht unterschiedlicher Flankensteilheit. Während Standard etwas härter und moderner daherkommt, geht das Filter im Classic-Modus etwas behutsamer zu Werke und klingt weicher. Bei der Wavetable Synthese bietet es sich eh an, das Obertonverhalten direkt an der umfangreichen Oszillator-Sektion einzustellen. Für zusätzliche Feineinstellungen reicht das verbaute Filter absolut aus.

Für dynamische Lautstärkenverläufe und andere Modulationen hat der Argon8 gleich drei vollwertige ADSR-Hüllkurven verbaut. Davon ist jeweils eine fest der Lautstärke sowie dem Filter zugeordnet, während die dritte sich mithilfe der Modulationsmatrix frei verwenden lässt. Die Bedienung der Envelopes gestaltet sich ebenso simpel wie genial: Alle drei Hüllkurven teilen sich die gleichen Drehregler.

Per Druckknopf wird entschieden, welcher der Generatoren eingestellt werden soll. Eine LED hilft dabei, auch im Eifer des Gefechts nicht den Überblick darüber zu verlieren, woran man denn eigentlich gerade schraubt, während das Display wie gewohnt nützliche Informationen bezüglich der eingestellten Parameter zur Verfügung stellt.

Über das Menü kann des Weiteren aus einem von acht Hüllkurven-Typen ausgewählt werden. So gibt es neben linearen und exponentiellen Verlaufskurven auch besonders schnelle und langsame Varianten, die sich jeweils für Perkussives beziehungsweise Pads und atmosphärische Sounds eignen. Die Verlaufskurven stehen für jede der drei Hüllkurven separat zur Verfügung und werden pro Patch gespeichert. Absolut vorbildlich.

Argon8 von Modal von oben.

LFOs, Modulationsmatrix

Ein richtiges Schmankerl in Sachen Klangverbiegung findet sich in der Modulationsmatrix des Argon8. Hier warten elf Quellen sowie ganze 52 Ziele darauf, fröhlich miteinander verbunden zu werden. Das Ganze geschieht über acht Mod-Slots, die entweder per Menü oder aber durch einen intuitiven Zuweisungsmodus verwaltet werden können. Letzterer wird aktiviert, wenn man die zugewiesene Taste für einen der Modulatoren drückt und anschließend den gewünschten Parameter - wie etwa Filter Cutoff oder Detune - verändert.

Die Modulation wird automatisch auf dem nächsten verfügbaren Slot eingerichtet und kann daraufhin problemlos in Intensität und anderen Eigenschaften eingestellt werden. Darüber hinaus sind vier gängige Modulationsroutings bereits fest zugewiesen, es muss also keiner der kostbaren Slots geopfert werden, wenn man etwa anschlagsdynamisch spielen oder die Filterfrequenz mittels Key-Tracking manipulieren will.

Kommen wir nun zu den verschiedenen Modulationsquellen. Da wären zunächst die beiden LFOs, von denen der erste auf globale Parameter wie beispielsweise die Effekte einwirken kann, während der zweite nur auf Voice-Ebene, dafür aber polyphon arbeitet. Auch beim Einstellen der Geschwindigkeit unterscheiden sich die beiden etwas voneinander. LFO 1 läuft wahlweise sowohl frei als auch synchron zum eingestellten Tempo (wahlweise intern oder per MIDI).

Zusätzlich bietet LFO 2 die Option, in harmonischen Verhältnissen zu den klanggebenden Oszillatoren und damit im tonalen Bereich zu schwingen. Dadurch wird die ohnehin schon große Bandbreite an komplexen Obertonstrukturen noch mehr erweitert und es lassen sich FM-Klänge realisieren, für die man bei anderen Synths einen der Hauptoszillatoren opfern muss.

Alle anderen Einstellungen sind bei beiden LFOs gleich. Es stehen vier Wellenformen zur Verfügung (Sinus, Sägezahn, Rechteck und Sample & Hold), zwischen denen stufenlos gewechselt werden kann. Die Oszillatoren können wahlweise freilaufen oder bei jedem Tastendruck neu getriggert werden. Außerdem gibt es einen Single-Modus, in dem die Wellenform nur einmal durchfahren wird. Dadurch übernimmt der LFO quasi die Aufgabe einer simplen Hüllkurve.

Neben den anderen möglichen Modulationsquellen (die bereits erwähnte dritte Hüllkurve, Anschlagsdynamik, Key-Tracking, Aftertouch sowie ein externes Expression-Pedal) sticht vor allem der integrierte Joystick hervor. Dieses Feature kennt man vielleicht noch von alten Korg Instrumenten oder den Vektor Synthesizern der 80er und 90er, es wird heutzutage jedoch eher selten verbaut. Schade eigentlich, denn hier lassen sich schön weiche Übergänge mit teilweise drastischen Klangveränderungen vornehmen. Interessante Ergebnisse entstehen bei einer Manipulation der Wavetables. Verbindet man das beispielsweise mit der Filterfrequenz oder LFO Rate, lassen sich hervorragend Soundscapes generieren, die sich für atmosphärische Breakdowns oder Ambient-Passagen eignen. Der Joystick springt nach Betätigung in seine Ausgangsposition zurück. Zwar lässt sich dadurch die y-Achse nicht mechanisch feststellen, wie es bei einem Mod-Wheel der Fall wäre, dafür kann der eingestellte Wert per Tastendruck fixiert werden. Eine elegante Lösung, wenn auch am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig.

Effekte

Besonders in Anbetracht der Modulationssektion und der komplexen harmonischen Möglichkeiten der Wavetables wird klar, dass sich der Argon8 besonders gut für breite Klangteppiche eignet. Zu diesem Zweck darf natürlich auch eine umfangreiche Effektabteilung nicht fehlen. Drei Slots können in beliebiger Reihenfolge mit einer Anzahl verschiedener Klangveredler versehen werden, darunter Modulationseffekte (Chorus, Flanger, Phaser), Delays oder Hallgeräte. Je nach verwendetem Effekt stehen bis zu sechs verschiedene Parameter zur Verfügung, die sich auch mithilfe der Modulationsmatrix kontrollieren lassen. Unabhängig davon ist noch ein dedizierter Verzerrer verbaut, der mit Waveshaping arbeitet und sich sowohl für leichten Schmutz als auch für stärkere Verfremdungen eignet.

Hat man eine interessante Effektkombination zusammengestellt, kann der komplette Block mit allen Einstellungen unabhängig vom Patch gespeichert und bei Bedarf später wieder aufgerufen werden. Der interne Speicher bietet dabei Platz für bis zu 100 Kreationen. Die Effekte selbst werten den Klang ungemein auf und sind durch die umfangreichen Einstellmöglichkeiten zudem sehr flexibel. Einzig der Hall ist für ganz extreme Situationen etwas zu schwach auf der Brust und sollte eventuell durch einen externen Effekt ergänzt werden. Er reicht aber absolut aus, um dem Klang des Argon8 ein wenig Räumlichkeit und Tiefe zu verleihen.

Arpeggiator, Sequenzer

Der Arpeggiator des Argon8 wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Die üblichen Parameter wie Taktteilung, Swing, Laufrichtung und Oktavbereich sind natürlich allesamt vorhanden und lassen sich ohne Probleme wahlweise auf der Oberfläche oder im Menü einstellen. Interessant wird es, wenn man ein Arpeggio einprogrammiert. Hierfür wird die Arp-Taste gedrückt und gleichzeitig die gewünschte Tonfolge eingespielt. Dadurch wird der Arpeggiator zu einer Art kleinem Sequenzer, der frei transponiert werden kann. Hält man nun mehrere Tasten gleichzeitig gedrückt, alterniert das Arpeggio zwischen den verschiedenen Ursprungstönen und es entstehen unvorhersehbare, lange Patterns.

Das gezielte Festhalten von Ideen funktioniert hingegen wunderbar mit dem eingebauten polyphonen Sequenzer. Dieser kann bis zu acht Takte entweder in Echtzeit oder Schritt für Schritt aufnehmen. Es gibt eine Quantisierungsfunktion, nachträgliches Editieren ist jedoch nur im Step-Modus möglich. Der Sequenzer lässt sich aber so schnell und intuitiv bedienen, dass man ein missglücktes Pattern einfach eben neu einspielt und damit wahrscheinlich sogar schneller zum Ziel kommt. Als Orientierungshilfen dienen ein abschaltbares Metronom sowie 16 LEDs, die eigentlich für andere Funktionen zuständig sind, im Aufnahmemodus jedoch als Lauflichtanzeige zweckentfremdet werden.

Über die eingespielte Sequenz kann frei weitergespielt werden, solange die Polyphonie dafür ausreicht. Overdubs sind ebenfalls möglich, dabei werden vorher aufgenommene Noten wahlweise ersetzt oder ergänzt. Darüber hinaus gibt es vier Slots, die dem Motion-Sequencing dienen. Dreht man bei laufender Aufnahme an einem beliebigen Regler, wird die Modulation festgehalten und bei jedem Durchlauf wieder abgefahren. Besonders interessant wird das, wenn sich keine aufgenommenen Noten im Sequenzer befinden. Die Modulationen wirken sich nämlich trotzdem auf das eingehende Spiel aus und sorgen für ständige Bewegungen im Klang. Besonders Live-Darbietungen profitieren davon, zumal die Sequenzen auf bis zu 30 Presets gespeichert und zu einem späteren Zeitpunkt bequem aufgerufen werden können.

Software

Zu guter Letzt sollte noch der Software-Editor des Argon8 erwähnt werden. Dieser ist sehr übersichtlich aufgebaut und dient dazu, alle Parameter schnell einzusehen und zu verändern. Das Editieren der Modulationssequenzen ist in der App deutlich einfacher, abgesehen davon gibt es aber keine versteckten Funktionen, die man nicht am Gerät selbst einstellen kann. Insofern ist es nicht zwingend notwendig, die Software zu nutzen, um das volle Potenzial des Synths zu entfalten. Dies ist aber keineswegs eine Schwäche des Editors, sondern liegt eher an der Stärke der Hardware. Dennoch handelt es sich um eine nützliche Zugabe, die besonders Einsteiger*innen hilft, die Klangerzeugung des Instruments besser nachzuvollziehen.

Fazit

Der Argon8 ist das perfekte Beispiel dafür, dass es bei dem Designen von Synthesizern nicht nur auf eine üppige Ausstattung ankommt, sondern auch darum, den Nutzer*innen ein inspirierendes, gut durchdachtes Interface zur Verfügung zu stellen, an dem das Herumschrauben Spaß macht. Im Hause Modal wird dieser Denkweise offensichtlich Rechnung getragen. Die Bedienung des Gerätes geht so flott vonstatten, dass es auf den ersten Blick schon fast über die komplexen Möglichkeiten der Klangbearbeitung hinwegtäuscht. Den Unterschied machen die vielen kleinen, cleveren Features und Shortcuts, mit denen die Oberfläche des Argon8 gespickt ist. Getoppt wird das Ganze durch die makellose Verarbeitung und nicht zuletzt den hervorragenden Klang. Ob als Modulversion oder mit der hochwertigen Fatar-Tastatur: Der Argon8 zählt zweifellos zu den besten Instrumenten, um sich mit der Wavetable Synthese vertraut zu machen und bietet auch für Fortgeschrittene ein absolut überzeugendes Gesamtpaket.

Pro

Vielseitiger, moderner Wavetable-Klang
Übersichtliches Interface
Leistungsfähige Modulationsmatrix
Leicht zu bedienender Sequenzer mit Motion-Sequencing
Expressives Spiel dank Joystick

Kontra

Keine Möglichkeit, eigene Wavetables zu importieren
Reverb etwas schwach


Preis:

649,00 EUR

Weitere Informationen gibt es auf der Website von Modal Electronics.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit Argon8 , Modal , Modal Electronics , Synthesizer , Test , Wavetable

Geschrieben von:
Niko Giortsios

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