Test: Zen Delay von Erica Synths & Ninja Tune

Test: Zen Delay von Erica Synths & Ninja Tune

Tests 12. Januar 2020

Das Londoner Record Label Ninja Tunes erweitert seinen Kompetenzbereich und bringt erstmals Musik-Hardware in Form eines DSP-basierten Echoeffekts auf den Markt. Zen Delay heißt das Objekt der Begierde und ist in Kollaboration mit der lettischen Synthie-Schmiede Erica Synths und dem Künstlerkollektiv Liquid Sky Berlin entstanden. Die Idee entwuchs dem Dialog zwischen Ninja-Tunes-Gründer Matt Black und Liquid Sky Tausendsassa Ingmar Koch. Zumindest der Story nach kommt der Zen Delay als romantische Synthese aus Künstler- und Entwicklerperspektive daher. Ob das Instrument in der Praxis mit vergleichbarer Ambivalenz überzeugt, zeigt dieser Test.

Überblick

Nicht nur die Entstehung, auch das technische Konzept des Zen Delay stellt einen Mix zweier Welten dar. So funktioniert die Delay Engine zwar auf DSP-Basis, zusätzlich wurden aber ein Multimode-Filter und ein Röhren-Drive verbaut, die komplett analog arbeiten. Das sorgt für einen gelungenen Spagat zwischen DSP-Utility und organischem Sound - ohne schmerzliche Kompromisse. Bisweilen stecken fünf verschiedene Echotypen im Zen Delay. Mit Digital, Tape und Vintage finden sich darunter zwar vornehmlich Standardsounds, die Möglichkeit, das Filter und den Drive ohne Echo anzusteuern, besteht aber ebenfalls. Künftig sollen über Smartphone oder Tablet sogar noch weitere Engines ins Zen Delay geladen werden können.

Verarbeitung und technische Daten

Der Zen Delay verfügt über eine Samplerate von 48 kHz und 24 Bit sowie eine Frequency Range von 5 Hz bis 24 kHz. Die maximale Delay-Zeit ist 5000 mS, bei MIDI-Sync ist die Untergrenze 20 bpm. Damit lassen sich jede Menge Wiederholungseffekte erzeugen, von Flatterecho bis Ambient-Wolken. Das für Erica Synths typische Metallgehäuse misst 210 x 150 x 76 mm und das Instrument wiegt 900 g. Im Vergleich zum Prototyp wurde größentechnisch also noch zugelegt, was zwar zu Gunsten der Features und Bedienbarkeit aber auf Kosten der Portabilität geht.

So erweckt der Zen Delay zwar einen super stabilen und wertigen Eindruck, könnte je nach Gigbag aber zu groß sein fürs ständige Mitnehmen. Auch die empfindliche ECC82 Doppeltriodenröhre sorgt für ein mulmiges Gefühl beim Transport, wird aber zum Glück durch einen Bügel geschützt. Bis auf ein paar oberflächliche Kratzer dürfte der Zen Delay dem Roadalltag also standhalten. MIDI-In nach DIN-Norm, Stereo Ins und Outs im 6,35mm-Klinkenformat und ein Control-Eingang in selbiger Größe sind alles, was der Zen Delay an Anschlüssen braucht.

Letzterer erlaubt es, die Tap- und Bypass-Funktionen des Zen Delay mittels externem Footswitch auch traditionell per Fuß zu steuern. Ansonsten befinden sich auf der Rückseite nur noch ein Power-Knopf und der Eingang fürs mitgelieferte 12 VDC Netzteil.

Das Zen Delay von Erica Synths im Test.

Haptik und Workflow

Die sieben Potis sehen nicht nur schick aus, sondern überzeugen durch ein kontrolliertes Spielgefühl. Das liegt zum einen am angenehm festen Regelweg, aber auch dem Durchmesser der Poti-Knöpfe. So werden Delay Time und Filter Frequency über besonders große Drehregler eingestellt, was genauere Einstellungen sogar ohne MIDI-Synchronisation zulässt. Auch die Tap- und Bypass-Schalter machen deutlich, dass der Zen Delay mit den Händen bedient werden will, und das am liebsten die ganze Zeit: Ob ausufernde Filterfahrten, Crescendos mittels Feedback-Oszillation oder rhythmische bis melodische Sounds durch schnellere Potibewegungen - der Zen Delay fühlt sich fast mehr wie ein Instrument als ein Effektgerät an.

Das hängt nicht nur mit dem gelungenen Sound der Kiste zusammen, sondern auch mit dem haptischen Design. Jede Funktion des Zen Delays verfügt über einen eigenen Regler, was jederzeit direkten Zugriff auf alle klanglichen Facetten bietet. Auch die Aufteilung ist gelungen und trennt die Potis nach Parametern fürs Delay auf der linken sowie Filter und Drive auf der rechten Seite des Gehäuses. Menüs gibt es keine, nur den Delay-Mode-Schalter für die Auswahl der aktiven Sound-Engine und einen ähnlichen Schalter für das Multimode-Filter. Im MIDI-Betrieb fungiert der Delay Time Knob als Subdivision-Regler, wobei 1/4, 1/3, 1/2, 1/1, 2/1, 3/1 und 4/1 als Umrechnungsfaktoren der Clock zur Auswahl stehen.

Die Delay Modes

Wie eingangs erwähnt, verfügt der Zen Delay über fünf Algorithmen mit unterschiedlichen Klangeigenschaften: Tape, Tape Pingpong, Digital Pingpong, Digital und Vintage. Der Tape-Modus ist eine Emulation traditioneller Bandechos und besitzt den typisch leiernden Charme, der durch leichte Variationen der Bandlaufzeit entsteht. Beim Zen Delay ist dieser Modulationsanteil nicht direkt steuerbar, äußert sich aber beispielsweise durch Pitchshifts beim Justieren der Delay-Zeit.

Beim Digital Mode passiert die Tempoänderung ohne Einfluss auf die Tonhöhe und das Echosignal ist insgesamt klarer bzw. näher am Inputsound - bis man Filter und Drive hinzuzieht. Zu guter Letzt gibts noch ein Vintage Setting, bei dem die Bitrate mit steigender Delay-Zeit abnimmt. Das sorgt für reichlich LoFi-Crazyness und eignet sich hervorragend für allerlei Noise-Eskapaden. Alle Modi können entlang der Parameter Delay Time, Wet/Dry Mix und Feedback geregelt werden.

Als True Stereo Instrument orientiert sich die Links-Rechts-Aufteilung des Outputs primär am Input-Signal. Für dedizierte Stereo-Effekte gibts die Tape- und Digital-Modi auch als Pingpong-Variante, bei der die einzelnen Wiederholungen abwechselnd links und rechts ausgegeben werden. Es bleibt abzuwarten, welche Algorithmen in Zukunft noch erscheinen. Bereits bekannt ist lediglich, dass entsprechende Updates via Wave-Datei über den Audio-Input installiert werden.

Das Multimode Filter

Das analoge 24dB-Filter des Zen Delay kann wahlweise als Lowpass-, Bandpass- oder Highpassfilter fungieren, regelbar sind Filterfrequenz und Resonanz. Alle Modi überzeugen durch stufenlose Frequency Sweeps und Resonanz bis zur Selbstoszillation, wobei sich der Sound des Filters grundsätzlich als überaus organisch und musikalisch beschreiben lässt. Egal ob langgezogene Sweeps für Übergänge und Build Ups oder ereignisreichere Modulationen - der Zen Delay inspiriert dazu, alles aus seinem Sound und den Einstellungsmöglichkeiten herauszukitzeln. Bei höheren Resonanz-Settings können über den Frequenzregler förmlich Melodien oder dramatisch pulsierende Rhythmen erzeugt werden. Die analoge Wärme wertet beinahe jeden Klang auf, sodass man kaum die Finger von den entsprechenden Potis lassen kann. Wahrscheinlich gibts deshalb auch die Möglichkeit, das Filter auszustellen.

Die Röhrensättigung

Eyecatcher Nummer eins ist beim Zen Delay die angenehm glühende Röhre in der Mitte der Gehäuseoberfläche. Diese sorgt für Sättigung und noch mehr klangliche Wärme, kann aber auch ordentlich fies verzerren. Mit lediglich einem Drive-Regler steuerbar, wurde erneut auf bedienungstechnischen Schnickschnack verzichtet und wieder stört das kaum, weil der Sound zu überzeugen weiß. Um etwaigen Lautstärkeschwankungen entgegenzuwirken, wurde ein Limiter verbaut, zur Not kann der Pegel aber auch über den In-Level-Regler angepasst werden. Die Röhrensättigung wird bereits auf das Inputsignal angewandt, funktioniert also auch ohne Delay und Filter. Steht der Drive auf Linksschlag, wird der Klang nicht von der Röhre beeinflusst. Es lassen sich also alle Bestandteile des Zen Delays separat ein- und ausschalten, was für verschiedene Kombinationsmöglichkeiten und klangliche Vielfalt sorgt.

Fazit

Erica Synths und Ninja Tunes haben hier nicht das Rad neu erfunden, sondern mit besonderem Fokus auf Sound und Bedienbarkeit ein echt starkes Echogerät erschaffen. Der Zen Delay bietet vielleicht nicht die extravagantesten Einstellungsmöglichkeiten oder innovative Delay-Algorithmen, aber das, was er macht, macht er ausgesprochen gut. Gefühlt grenzenlose Delay-Zeiten, hochauflösende DSP-Sounds, extrem musikalische Filter und angenehm aufbrechende Röhrenzerre wirken auf Papier wahrscheinlich relativ unspektakulär. Doch im praktischen Gebrauch fällt auf, wie viel Liebe in den Details steckt, sodass aus vermeintlich banalen Features jede Menge Musik geschöpft werden kann, ohne das Gefühl zu haben, das Ergebnis vom Hersteller vorgekaut zu bekommen. Nimmt man die gleichermaßen schicke wie stabile Verarbeitung hinzu, bleiben kaum Aspekte, in denen der Zen Delay nicht überzeugt. Abschreckend ist vor allem der UVP von 499 €, denn Konkurrenten wie Strymons Timeline warten bei ähnlichem Preis mit deutlich mehr Features auf, aber dafür eben komplett digital. Hier kann über die angekündigten Algo-Updates mit neuen Delay Modes natürlich entgegengesteuert werden. Delay Nerds mit entsprechendem Geldbeutel kommen aber auch jetzt schon voll auf ihre Kosten.

Pro

Bester Soundmix aus analog und digital
Direkte und genaue Bedienbarkeit
Stabile und schicke Verarbeitung

Kontra

Etwas teuer

Preis:

595,00 EUR

Weitere Informationen gibt es auf der Website von Erica Synths.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit

Geschrieben von:
Kai Dombrowski

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