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Tripbericht: CTM 2023 – Sitzen, sprechen, starren, rülpsen

Tripbericht: CTM 2023 – Sitzen, sprechen, starren, rülpsen

Allgemein. 14. März 2023 | 5,0 / 5,0

Nach einer digitalen und einer abgespeckten Post-Covid-Version in den vergangenen Jahren ist die CTM wieder zurück. Das Programm des Berliner Festivals für neue elektronische Musik kam 2023 augenscheinlich leicht verschlankt daher, aber nicht minder spannend und wie gewohnt abwechslungsreich.

Nachdem es im vergangenen Jahr darum ging, langsam und zaghaft wieder in, so lautete das Motto, “Contact” zu kommen, war das Thema der diesjährigen Ausgabe “Portals”. Da ging es, neben den physischen Portalen, die nach all den Pandemiejahren nun wieder offen stehen, auch um Tore abstrakter Art. Um jene utopischen etwa, die Musik ihren Rezipient:innen auch in Zeiten der Krisen öffnen kann, und um jene transnationalen und -kulturellen, die durch die Möglichkeiten im digitalen Raum geschaffen werden.

Kleiner Wermutstropfen: Die Portale mancher Venues werden im Verlaufe des zehntägigen Programms vor einigen Besucher:innen verschlossen. Wer trotz eines erworbenen Festivalpasses nicht überüberpünktlich vor der Tür steht, um sich einen Platz zu sichern, hat manchmal Pech. “Closed Portals” sei das heimliche Motto der CTM, hört man aus den Reihen der Abgewiesenen – man versucht es mit Humor zu nehmen. Und zu erleben gab es trotz einiger weniger Rückschläge eine ganze Menge.

Samstag: Entspannter Krach im Krematorium

Die Kuppelhalle im silent green ist ausverkauft. Den Anfang macht die isländische Künstlerin Hekla. Sie hüllt den Raum gut 40 Minuten in einen mystischen, spooky Sound, den sie mit einem Theremin erzeugt. Passt perfekt in die Kulisse: Das silent green befindet sich in den Gemäuern eines ehemaligen Krematoriums. Das Publikum sitzt, liegt und lauscht den überirdisch klingenden Drones.

Nach einer kurzen Pause stellt der Brite Daniel Blumberg sein neues Album GUT vor, das im Mai erscheinen wird. Wer Blumbergs Vorgänger kennt, erwartet melancholischen Singer-Songwriter-Sound – aber von dem hat er sich auf GUT verabschiedet. Der Fokus liegt zwar noch immer auf seinem glasklaren Gesang, aber der geht Hand in Hand mit koordiniertem Chaos, das der schwarz gekleidete, hagere Mensch mit seiner Loopstation und einer wohl selbstgebauten, überdimensionierten Bass-Mundharmonika erzeugt.

© Stefanie Kulisch / CTM 2023
CTM 2023 im Silent Green.
© Nikta Vahid-Moghtada

Blumberg stampft mit den Füßen, tritt auf seine Effektgeräte und kickt sie über den Boden. Und so zerbrechlich und fragil dieser Mensch wirkt; der Sound zeugt vom kompletten Gegenteil. Während Blumberg engelsgleich singt, wummert und donnert es nur so durch die Kuppelhalle. Das gefällt wohl nicht allen: Die anfangs noch prall gefüllte Halle lichtet sich gegen Ende des Abends. Der harte Kern aber bleibt – und hat sichtlich Spaß.

Parallel dazu finden im MONOM im Funkhaus vier eigens für das dortige 4D-Soundsystem arrangierte Sessions statt – unter anderem mit Hüma Utku. Wir haben die Künstlerin vorab zum Interview getroffen. (nvm)

Dienstag: Rülpsen erlaubt

Es ist circa 22.25 Uhr, als jemand aus dem Publikum vernehmlich in die Stille zwischen zwei Tönen rülpst. Solcherlei körperklangliche Interventionen sind eher ungewöhnlich, allemal natürlich beim eher zerebral ausgelegten CTM Festival. Doch steht dieser Abend einerseits unter dem Titel ‚Bodily Overdrive‘ und sitzt andererseits Audrey Chen auf einem Podest in der Mitte des Floors, was den kurzen Aufstoß wieder irgendwie … vielleicht nicht angemessen, immerhin aber stimmig wirken lässt.

Die Vokalkünstlerin Chen selbst zeigt sich davon unbeeindruckt, wie sie insgesamt einen sehr entspannten Eindruck macht. Das steht im Kontrast zu ihrer Performance, für die sie aus Magen, Brust und Kehle Sounds hervorholt, die sicherlich ebenfalls als unappetitlich gelten könnten oder zumindest sonst nie zu hören sind. Weshalb sie sich auch schwer in existente Worte fassen lassen. Chen zischelt, stottert, grummelt oder gurgelt nicht etwa, sie krahriert, zizisst, grrrweht, rappatert.

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Schlicht und doch vielsagend ‚PIERCE‘ heißt ihr gemeinsames Projekt mit Hugo Esquinca und Doron Sadja, die Chens Klänge durch Manipulation dehnen oder doppeln, mit Noise kontrapunktieren oder durch hochgeschwindes Bassgewitter in sie intervenieren.

Chen lässt sich auch davon nicht aus der Ruhe bringen – warum auch, sie macht das alles ständig. Nichtrülpsende Teile des Publikums stecken es schon weniger gut weg. „Ich brauch ’ne Therapie”, keucht jemand nach dem Finale dieser zermarternden Körperkunst. „Das war doch eine”, schießt jemand ohne Umschweife zurück. Recht haben sie beide. Und lassen sich danach von Stefanie Egedys Subbass-Inferno durchwalken, bevor Puce Mary ein bisschen Knirsch-Noise zur Beruhigung spielt und das Duo The Body mit Kreisch-Doom-Metal und Memphis-Rap immerhin einen Ohnmachtsanfall im Publikum auslösen. Gute Quote eigentlich. (kc)

Mittwochabend: Trance und Theatralik

Der Abend beginnt entspannt im HAU2. Dort spielen in theatraler Kulisse Gibrana Cervantes aus Mexiko und die UK-Künstlerin Keeley Forsyth. Cervantes braucht auf der Bühne nichts als ihre Geige und ein paar Effektgeräte. Ihren Metal-Background hört man den Melodien zunächst nicht an, doch spätestens im zweiten Teil des intensiven und melancholischen Stücks wird Cervantes energischer, die langen, lockigen Haare fallen auf das Griffbrett ihrer Geige und tragen zum verzerrten, repetitiven Sound bei. Pause.

Es wird noch dunkler auf der Bühne als zuvor. „Save me from the chair where sadness lies”, singt Keeley Forsyth auf einem Stuhl sitzend im Opener ‘Fires’. Ihre Stimme und ihre durchdringende Gesangsperformance erinnern zeitweise an ANOHNI, doch lässt sich das, was die vormalige Schauspielerin, lediglich von Harmonium und Klavier begleitet, abliefert, schwer mit irgendetwas schon Dagewesenem vergleichen. Die Choreografin Pina Bausch bezeichnet sie als eine ihrer größten Inspirationen – auch das ist offensichtlich.

© CTM Festival / Udo Siegfriedt

Forsyths Lieder erzählen von Trauma, aber auch von Kraft, selten zuvor habe ich eine Stimme gehört, die tiefste, schonungslose Trauer und Hoffnung zur selben Zeit transportiert. Forsyth krümmt sich, sinkt (und singt) zu Boden, rennt über die Bühne, rauft sich die Haare – alles kurz vorm „ok, too much”, aber eben nur kurz davor. Wer Trauer nicht in Worte fassen kann: Macht nichts. Keeley Forsyth übernimmt das, mit ihrer Stimme und jeder Muskelfaser ihres Körpers. Was erst im Nachgang bewusst wird: Nicht ein einziges Mal ist das Gesicht der Sängerin zu sehen.

Das bleibt stets im Schatten des Bühnenlichts oder hinter ihren Haaren versteckt. Forsyth performt mit vollem Körpereinsatz – und stellt sich selbst dabei im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten. Kurz vor Schluss singt sie noch ‘I Stand Alone’, eine Hymne, simpel, durchdringend und eingängig zugleich. Aber der Stuhl, „the chair where sadness lies”, auf dem die Künstlerin anfangs saß, ist weg. Minutenlange Standing Ovations stattdessen aus dem Publikum.

Wer dann noch ein bisschen mehr Action braucht, zieht weiter ins Berghain. Da macht am Mittwochabend Ana Fosca den Anfang, gefolgt von Ruhail Qaisar, Funeral Folk und Wiegedood. Es bleibt also düster, aber die Tristesse geht im ausverkauften Bunker in eine sphärisch durch die Wände grollende Wut über. (nvm)

Donnerstag: Acid Dub und Singeli

Wer am Donnerstag die Maryanne-Amacher-Performance im radialsystem füllebedingt verpasst, spaziert an der East Side Gallery entlang weiter ins Berghain, wo schon eine knappe Stunde vor Veranstaltungsbeginn Schlange stehen angesagt ist. Einmal drinnen, lohnt sich ein Abstecher in die Panorama Bar, wo Toumba den Abend mit einem DJ-Set aus Dub, Trap, Techno und einem Hauch Folklore beginnt. Wer’s lieber immersiver mag, lässt sich krachenden Noise in der Säule servieren und auf dem Berghain-Mainfloor präsentiert der Brite Om Unit sein Album ‘Acid Dub Studies’ und liefert solide, aber ohne große Emotionen, ab.

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Die Hallen sind gut gefüllt und die Menschenmenge wogt gediegen daher. Kurze Zeit später hat das gediegene Wiegen ein Ende, als 3OK aus Dar es Salaam mit 180 bis gefühlten 300 bpm und afrikanischem Singeli einschlagen. Macht Spaß, auch wenn man das dem am siebten Festivaltag schon gut saturierten CTM-Publikum nicht unbedingt anmerkt. Man steht, man guckt, man sitzt und spricht und, natürlich, man will überrascht werden. Wer‘s weniger gezwungen angeht, streunt weiter durch die kargen Hallen und hat Freude. Oder kommt zur nächsten Klubnacht am Freitag wieder. (nvm)

Sonntag: Finale mit Dudelsack

Auch wenn das eigentliche CTM-Finale erst am Abend mit Amnesia Scanner & Freeka Tet stattfand – mein persönliches Abschlusskonzert lädt schon am Nachmittag ins, wie erwartet, prall gefüllte Radialsystem. Die einen kommen frisch geduscht und rausgeputzt vom Kaffeeklatsch, die anderen nicht ganz so frisch von der Klubnacht im Berghain oder dem CTM-Gastspiel im RSO zum Sitzkonzert von Julia Holter und Tashi Wada. ‘Asleep to the World’ lautet der Titel, und auch das US-amerikanische Duo ist müde, sagt Holter gegen Ende des Sets – dem Jetlag sei Dank. Trotzdem bescheren sie dem Publikum eine fast eineinhalbstündige Session, die stellenweise eher wie eine intime Probe wirkt denn als ein Konzert.

© Stefanie Kulisch / CTM 2023

Schüchterne Blicke, die sie sich zuwerfen, Notenblätter, die zu Boden segeln, Keyboards, die gestimmt werden. Aber Wada und Holter sind ein eingespieltes Team: Schon für Wadas Album ‘Nue’ haben die beiden intensiv zusammengearbeitet und auch ihre neuen Lieder sind so reduziert und nackt wie die altbekannten. Holters geisterhafter Gesang geht in sirenengleiche Nuancen über, während Tashi Wada das Erbe seines Vaters, der vor Kurzem verstorbenen Fluxus-Legende Yoshi Wada, antritt und mit dem Dudelsack ein einzigartig beruhigendes Ganzes schafft. Besser hätte die Woche nicht enden können. (nvm)

Veröffentlicht in Allgemein und getaggt mit 2023 , CTM Festival , Nachbericht

Geschrieben von:
Nikta Vahid-Moghtada

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