Dieser Text ist Teil der monatlichen Kolumne 'Bruchstelle', einem Meinungs-Format zu polarisierenden Aspekten der elektronischen Musik.

Von Mailand nach Berlin und von dort aus zu einem der weltweit größten Bigplayer der Techno-Szene. Carmine Conte und Matteo Milleri haben mit Tale of Us die Szene verändert und sind in einem rasanten Tempo zu festen Größen geworden. Ihr Werdegang ist einmalig und in vielen Punkten interessant. Gothic-Ästhetik, Kuratorenschaft und schlussendliche Erschöpfung eines Sounds. Ein Blick auf das italienische Duo Tale of Us.

Im April 2013 erschien der Track 'Another Earth' auf Richie Hawtins Label 'Minus Records'. Obwohl Tale of Us davor schon einige Remixe und ein paar EPs veröffentlichten, ist Another Earth wohl ihr erster Benchmark-Track, der ihren Stil endgültig etablieren sollte. Wo zuvor noch teils generische Deephouse-Formeln ihre Tracks mitbestimmten oder eine unausgereifte Soundstruktur zu hören war, erschufen Milleri und Conte mit Another Earth ein Klangbild, mit dem sie und viele andere in den kommenden Jahren die Szene dominieren sollten. Düstere Grundatmosphäre, bewusste Leerstellen, die immer wieder von einzelnen Melodie-Phrasen durchbrochen werden und das sehr eigenwillige Timbre ihrer Synthesizer verbunden mit einem Hang zur Dramatik prägen den Sound der beiden Italiener.

 

 

Der starke Fokus auf Melodien und der damit verbundene Pop-Appeal führte dazu, dass Tale of Us viele Neuhörer zum Techno lockten und zu absoluten Stars der Szene aufstiegen. Schnell fanden sich weitere Musiker (allen voran das weitere italienische Duo Mind Against) auf Life and Death zusammen, welche den Tale of Us Sound weiter mitgestalteten und verbreiteten. Die Konsequenz ihrer Popularität war dann schlussendlich die Trennung von Life and Death und die Gründung ihres eigenen Labels im Jahr 2016.

Afterlife, so der Name ihres Labels, bietet Tale of Us nun die perfekte Plattform, um ihren Stil in sämtlichen Feldern auszudrücken. Was sie auch mit beeindruckender Konsequenz tun: Von den Covern bis hin zur Gestaltung der Afterlife Partys gehen Conti und Milleri in ihrer zuvor schon angedeuteten Gothic-Ästhetik nun vollständig auf. KünstlerInnen, die auf Afterlife veröffentlichen, verschreiben sich voll und ganz dem düsteren und melodischen Techno ihrer Labelchefs. Alles klingt nach Tale of Us und sieht nach Tale of Us aus, bis ins kleinste Detail durchgestylt ordnet sich alles der großen Idee ‚Afterlife' unter. Eben diese Bedachtheit, mit der Tale of Us ihr Image pflegen, ist ein weiterer Punkt, der zu ihrem immensen Erfolg führte.

Trotz ihrer sehr spärlichen Diskographie (lediglich acht EPs und ein Ambient-Album, Remixe außen vor gelassen) zählen sie zu den Bigplayern der Szene. Dies liegt vor allem daran, dass das italienische Techno-Duo vornehmlich als Kuratoren zu begreifen ist. Durch einige wenige Hits etablierten die beiden einen Sound, den sie danach vornehmlich pflegten und verwalteten. Zielsicher und mit gutem Händchen suchten sich Conte und Milleri andere KünstlerInnen, welche der Tale of Us Ästhetik zuträglich sind, und mit jedem weiteren Hit (sei es von Stephan Bodzin, Recondite oder die zuvor erwähnten Mind Against) wuchs auch die Bekanntheit der beiden Mailänder.

© Facebook/Tale Of Us

Doch nun, im Jahr 2018, fühlt sich der ehemals neuartige Sound nach Erschöpfung an. Die einstige Revolution kommt zum Stillstand und es macht sich eine gewisse Gleichförmigkeit breit. Synthesizer-Flächen und dramatische Build-Ups werden zu kopierten Phrasen, der cineastische Bombast verliert seine Emotionen. Neue Trends spülen auf den Markt und drängen Techno und House in andere Richtungen. Mit der Lo-Fi-Bewegung und 90er-Nostalgie kommt der Dreck, das Unperfekte zurück und auch der Trance klopft laut an die Türen der Clubs.

Die Afterlife-Veröffentlichungen allerdings scheinen festgefahren, nur selten kommt frischer Wind ins Label, zu sehr klammert man sich an das eigene Sound-Dogma. Die stoische Politik, mit der Tale of Us ihr Label betreiben, führt schlussendlich zu dem Dilemma, dass die eigentlich gut produzierten Tracks in der Eintönigkeit des gesamten Katalogs untergehen. Wo Contes und Milleris Stil auf Life and Death neben der verschrobenen Art von Mitbegründer DJ Tennis noch einen eigenständigen Platz einnahm, herrscht auf Afterlife zunehmend Monotonie.

Da hilft auch kein halbgares Ambientalbum auf Deutsche Grammophon. Sinnbildlich für die Eintönigkeit steht hier der Tale of Us Edit von Hans Zimmers 'Time'. Irgendwie war es abzusehen, dass sich die Wege der Techno-Cineasten einmal mit dem des Großmeisters der epischen Filmmusik kreuzen werden. Problematisch nur, dass das Ganze dann mal so überhaupt nicht innovativ klingt. Nicht nur ist das Thema aus 'Der schmale Grat/Inception' mittlerweile völlig ausgelutscht, da es in gefühlt jedem dritten Trailer vorkommt, der Edit selbst lässt das Ganze zu noch größerem Popschwulst verkommen. Typisches Tale of Us Arpeggio hinter das Thema gelegt, Four to the Floor Kick und dann die volle Breitseite Epik. Diese Afterlife-Formel durchzieht mittlerweile einen Großteil der Releases und so kommt es dann zwangsläufig zu einer starken Abnutzungserscheinung.

Mehr und mehr verschließt man sich hier unter dem Gesichtspunkt der künstlerischen Konsequenz auch einer innovativen Kraft, die dem Sound und dem Image eine benötigte Frische geben. Der Authentizitätsbegriff, der bei Afterlife so gerne in den Vordergrund gestellt wird, führt schlussendlich also zu Stillstand, denn er verwechselt Vielfalt und Wandel mit Verrat am eigenen Stil. Es ist nicht so, als wäre es den Jungs von Tale of Us nicht zuzutrauen, dass sie eine relevante Veränderung vollziehen können. Schließlich haben sie bereits bewiesen, dass sie ein gutes Gespür für Talent und Zeitgeist besitzen. Doch dafür müssten sie sich von ihrem eigenen Dogma trennen können.

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