Corona-Krise: Wie MusikerInnen fit bleiben können

Corona-Krise: Wie MusikerInnen fit bleiben können

Features 28. März 2020

Shutdown, das klingt so nach Contagion-Szenario, no way out und Stunde null. Anfangs hat sich das für einige sicher so angefühlt, für manche tut es das weiterhin. Die vielen #StayHome-Sticker bei Instagram, die Streamingvideos bei Facebook und Petitionen für das bedingungslose Grundeinkommen und Soforthilfen für KünstlerInnen sind mittlerweile zu Recht genauso Normalität geworden wie die zahlreichen Ticker, Push-Nachrichten, das Virus selbst und seine globale Herrschaft, die Überforderung, der drohende Kollaps und die fast täglichen Pressekonferenzen, entweder aus dem Bundestag oder dem Robert Koch-Institut in Berlin.

Alle kulturellen Veranstaltungen, Workshops, Performances, Festivals - alles restlos abgesagt. Zwangspause, bis auf Weiteres. Wie es weitergeht? Mit den Clubs, Theatern, KünstlerInnen, MusikerInnen? Weiß keiner so genau. Die Kanzlerin spricht per Videobotschaft in der Tagesschau, Kontaktverbote wurden ausgesprochen und weltweit werden Milliardenschwere Wirtschaftspakete geschnürt. Ob sie auch den Kultursektor retten werden? Das scheint alles spekulatives Handlesen zu sein.

Dass es derzeit nicht um mich, nicht um einen einzelnen Club, nicht um privilegierte Menschen im Homeoffice geht, sollte klar sein. Es geht darum, Risikogruppen zu schützen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und darum, dass unser System, das gerade von denen, die unterbezahlt und seit Jahren am Limit sind, gehalten werden kann. Wir alle tun unser Bestes, kein Öl ins Feuer zu gießen, und das können wir nur, indem wir gerade zuhause bleiben.

Nur, irgendwie müssen diese Tage verbracht werden. KünstlerInnen und Selbständige liegen sicher nicht so ruhig auf dem Sofa wie andere, deren Geld im besten Falle weiter bezahlt wird oder die im Homeoffice arbeiten können. Sie stehen vor einer - und hier wiederhole ich mich - nie dagewesenen Leere, inhaltlich wie finanziell. Mein eigenes Herz klopft schneller, wenn ich in diesem Gedankenstrudel festhänge. Was mich da herausholt ist dieses Mantra: Krise ist auch Chance. Chance für einen Umbruch. Die Chance, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Alle müssen gerade runterfahren, stehen vor der Wand. Wir müssen tunlichst verhindern, und zwar gemeinsam, dass unsere Kollegen und Kolleginnen vor die Wand fahren, daran aufprallen und handlungsunfähig sind. Oder gar wir selbst, die wir im Kultursektor mitspielen.

Auf dieser Basis, mit der Annahme der Situation, nämlich, dass gerade jede Institution, jede Firma, jeder Club und jeder Künstler, jede Künstlerin, jeder Musiker, jede Musikerin, Producer, Producerin und DJ gerade wie schock-tiefgefroren-vereist ist, und es einfach so ist, wie es jetzt ist - mit dieser Annahme kann man arbeiten. Und es braucht ein paar Tricks, wie man bereit für den Umbruch und für die Zeit nach der Krise bleiben und werden kann.

Wie kann ich in der Krise fit bleiben? Wie schaffe ich es, nicht unter dem Druck einzuknicken, sondern Kräfte zu entwickeln, die mich kreativ bleiben lassen?

Einfach mal anziehen

Ein Punkt, und da erzähle ich Homeoffice-erprobten und Selbständigen nichts wirklich Neues: Anziehen. So banal es klingt: Es hilft. Was sich dahinter verbirgt, ist schlicht und ergreifend das sogenannte Embodiment, also die Auffassung, dass Körper und Geist (in diesem Falle Körpergefühl und Geist) Hand in Hand gehen. Gerade in dieser Zeit, in der es ziemlich leicht wäre, sich sieben Tage nicht zu duschen, vorm Rechner zu hängen und Better Call Saul zu schauen, ist es wichtig, aufzustehen und sich bewusst anzuziehen. Mir und vielen anderen hilft das.

Zeit nutzen, aber nicht zwanghaft

"Shakespeare hat während seiner Quarantäne wohl King Lear fertig geschrieben" quäkt mir eine Spruchtafel bei Facebook geradezu vorwurfsvoll entgegen, #nopressure steht semi-ironisch darüber. Ja, das mag sein, so viel Zeit kann unfassbare Kreativität heraufbeschwören und uns in einen Tunnel fahren lassen, dessen Ende vielversprechend hell und klar ist. Irgendwie auch motivierend, jetzt ist die Gelegenheit! JETZT! Aber kreativ ist man - die meisten kennen es - nicht auf Knopfdruck. Auch wenn man den Knopf momentan zwölf Stunden lang immer wieder drücken könnte, weil auch nichts anderes vorzubereiten oder zu machen ist. Die vorher benannte Leere und auch ein wenig die Angst haben mir als Autorin und einigen ProducerInnen aus meinem Umfeld aber trotzdem bereits jetzt zu viel Output verholfen. Nicht festbeißen, aber immer mal wieder dran denken, an den Rechner setzen, die Geräte verkabeln.

Altlasten abbauen

Sich um seine Steuer zu kümmern, das mag wirklich niemand. Doch jetzt ist wirklich die beste Zeit, das aus dem Weg zu räumen. Ob Vorsteuer zurückverlangen, die Aussetzung der Steuer beantragen oder die Steuererklärungen der letzten Jahre nachholen - macht es einfach. Macht eure Steuer und fertig.

Zu Altlasten kann übrigens auch gehören, den Zoff von vor fünf Jahren auszubügeln. War ich blöd, waren die anderen blöd? Jetzt ist die Zeit zu reflektieren. Und selten standen Gemeinschaften und die Szene so zusammen wie gerade. Vielleicht ist genau jetzt die Zeit, mal einen WhatsApp-Hang-Out-Meet-Jitsi-Whatever-Call bei jemandem zu tätigen, bei dem man sich aus diversen Gründen schon lange nicht mehr getraut hat zu melden. Das kann sehr befreiend und wohltuend während der momentanen Zwangspause sein.

10.000 Schritte gehen

Zumindest kann man es sich vornehmen, alleine oder zu zweit, lange spazieren zu gehen. Raus aus der muffeligen Wohnung, Fieldrecorder mitnehmen, Musik hören und Geräusche wahrnehmen, Intuitionen folgen, einfach mal alles anders machen. Oder wann wart ihr das letzte Mal - vor Corona - spazieren? Aber bitte Abstand halten. Bewegung und Sport sind eben immer gut, besonders in Krisen. Und wenn es nur dazu führt, dass wir länger fit sind und nicht nur zu Hause rumschlurfen.

Archive aufräumen

Was Liveacts und DJs aus meinem Umfeld "raten" würden: Schaut mal in eure Archive. Räumt auf. Trennt euch von alten Sets auf SoundCloud, ladet neuen Content hoch, überlegt euch ein einheitliches Design. Räumt Instagram und Facebook auf oder legt euch einen Account an, wenn ihr noch keinen habt. Das macht Mut für die Zeit nach der Krise und kann einen je nach Archiv ein paar Tage beschäftigen.

Anschauen, streamen, wertschätzen, teilen

United we stream. Nicht nur aus den großen Berliner Clubs, auch lokale DJs und KünstlerInnen und KollegInnen hauen momentan krasses Zeug raus. Ob es die alte Diskographie für 40 % off bei Bandcamp oder die neuen Tracks der letzten Woche sind: Schreibt ihnen und fragt, wie es ihnen geht. Wie können wir uns gegenseitig als MusikerInnen oder Veranstaltende unterstützen? Welche Musik schwirrt da seit Jahren draußen herum, von der ich noch nichts gehört habe? Kann ich sie kaufen, kann ich sie verteilen? Welches Soli-Projekt eines Clubs, in dem ich schon gespielt habe, spielen möchte oder eigentlich gespielt hätte, ging gerade an den Start? Ein Booker schrieb mir übrigens, er kann sich jetzt endlich mit der Frage nach weiblichen DJs und ProducerInnen auseinandersetzen. Besser spät als nie!

Es ist leider so wahr wie abgedroschen: Jede und jeder von uns kann durch einen Share, einen Kommentar und ein Abo Inhalte verbreiten und durch ein paar Euro (wenn sie vorhanden sind) mithelfen, dass unserer Szene nicht ganz der Hahn abgedreht wird. Und das ist wichtig und hilft uns allen, ein bisschen besser klarzukommen. Das "Klarkommen" geht vor allem mit Musik. Mit guten Sets, mit progressiven Ideen, mit neuer musikalischer Sprache; mit Orten, die wir erhalten, auf die wir uns freuen können. Mit Musik geht alles ein bisschen leichter, auch die Coronakrise.

Auf die Krise?

Und was auch ein wenig helfen kann und sich in Quarantäne ziemlich gut machen lässt: Eine Flasche Sekt kaltstellen und eine Liste mit fünf Dingen schreiben, wofür man trotz Krise dankbar ist. Das kann dieser letzte Auftritt vor ein paar Wochen sein, dieses Gefühl, dass man drei Bücher gelesenen hat oder dass die Internetverbindung stabil läuft und man mit seinen FreundInnen bei Skype simultan Apfelschorle trinken kann. Irgendwas gibt es immer zu feiern. Auch in Zukunft.

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Coronavirus , KünstlerInnen , Quarantäne , Shutdown , Social Distancing

Geschrieben von:
Antoinette Blume

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