Elektronische Musik in der Ukraine:

Elektronische Musik in der Ukraine: "Wir werden niemals aufgeben!"

Allgemein.30. März 2022

Am Morgen des 24. Februar vibriert das Handy von Katarina Gryvul. Der Name ihrer Mutter blinkt auf dem Display - nichts Ungewöhnliches. Die beiden telefonieren oft, seitdem die Sound Artist und Komponistin aus ihrer Heimatstadt Lviv zum Studieren nach Graz gezogen ist. An diesem Tag ist es trotzdem anders. "Sie sagte nur: Katja, der Krieg hat begonnen." Sekunden vergehen. Stille legt sich über die Leitung. "Diesen Moment werde ich nie vergessen", sagt Katarina. "Auf einen Schlag hat sich mein ganzes Leben verändert. Ich war schockiert, konnte kein einziges Wort sagen." Dabei beruhigt sie ihre Mutter noch. "Sie bombardieren nur militärische Ziele", sagt sie. Später findet Katarina heraus, dass Russland die ganze Ukraine angreift. Zivile Gebäude beschießt. Kinder ermordet.

Katarina stammt aus der Westukraine, zum Zeitpunkt des Telefonats mit ihrer Mutter sitzt sie 950 Kilometer entfernt in ihrer Wohnung in Graz. Zwei Wochen vor der Invasion Russlands in der Ukraine hat sie ein Album veröffentlicht. Es heißt 'Tysha', eines ihrer Lieblingswörter im Ukrainischen. Man könnte es mit "Stille" übersetzen, aber es habe so viele weitere Bedeutungen für sie. Hoffnung schwinge in diesem Wort mit. Gleichzeitig könne man darin die Zerstörung hören, den Verfall, die Leere. Eine Dramaturgie, die sich in ihrer Musik niederschlägt. Die Stücke wandeln vom Hoffenden zum Zerstörenden, zwischen Fragilität und Düsterheit, manchmal taghell wie Holly Herndon zu ihren besten Zeiten, dann verloren wie Björk in ihren finstersten.

Wenige Tage vor Beginn des Krieges spielte Katarina ein Set in Kyiv. Sie ist mit der Szene vor Ort vernetzt, kennt viele Künstler:innen aus dem Umfeld des Clubs ∄, vor dem Krieg eine fixe Adresse im Underground der Stadt. Standard Deviation, das Label, auf dem 'Tysha' erschien, ist ein kreativer Ableger des Clubs und mittlerweile ihre künstlerische Homebase. Ein Mitglied des Kollektivs um Standard Deviation schreibt mir aus Kyiv, dass sowohl Team als auch Künstler:innen derzeit über das ganze Land verteilt seien. "Einige sind in Kyiv geblieben, um Freiwilligenarbeit zu leisten oder der Armee zu helfen, andere sind in den westlichen Regionen der Ukraine und einige sind nach Berlin geflohen, wo wir eine neue kleine Infrastruktur aufgebaut haben, um unsere Community mit verschiedenen Hilfsmittel zu unterstützen."

Wenn er dabei von der Community spricht, meint er viele Menschen. Über 16.000 Leute umfasse die Gemeinschaft in der gesamten Ukraine, dazu kommen die Künstler:innen und mehr als 150 Mitarbeiter:innen, die im Club ∄ und beim Label Standard Deviation gearbeitet haben. Sie sind nicht nur ihrer Freiheit beraubt, sondern auch ihrer Existenz. "Deshalb unterstützen wir sie finanziell, helfen ihnen, einen sicheren Ort in der Ukraine oder im Ausland zu finden, über die Grenze zu kommen und sowohl rechtliche als auch psychologische Hilfe zu erhalten". Schließlich seien alle davon überzeugt, dass sie ihre Arbeit bald wieder aufnehmen können. "Bis dahin konzentrieren wir uns ausschließlich darauf, zu helfen und das Bewusstsein für die Sache zu schärfen."

Etwas, das auch Katarina Gryvul tun will - selbst wenn es schwierig sei. In der aktuellen Situation verspüre sie nur Leere. "Ich kann nicht komponieren, nicht arbeiten, nicht einmal andere Musik hören, um mich abzulenken oder besser zu fühlen. Es funktioniert einfach nicht, weil ich weiß, dass sich meine Freunde gerade in Luftschutzbunkern verstecken oder ihr Land verteidigen." Ihre Familie sei ebenfalls in der Ukraine geblieben, um zu kämpfen. "Schließlich ist es ihr Land, ihre Heimat, ihre Freiheit, die sie um jeden Preis schützen werden." Das Land werde frei sein, sagt Katarina. In ihrer ganzen Geschichte haben die Ukrainer:innen für ihre Freiheit gekämpft. "Das liegt uns im Blut. Alle Leute dieser Nation fühlen so."

 

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Über 3,5 Millionen Menschen sind laut Vereinten Nationen auf der Flucht im Ausland, 6,5 Millionen seien es im eigenen Land. Viele von ihnen sind noch Kinder. Sie versuchen Richtung Westen zu gelangen und landen in Lviv, Katarinas Heimatstadt und die letzte größere Stadt, bevor man die polnische Grenze erreicht. "Die Infrastruktur bricht dort gerade zusammen, weil es so viele Leute sind", sagt die junge Künstlerin. "Doch die Menschen halten zueinander. Sie kümmern sich - vor allem um die Kinder, die aus den Regionen um Donezk und Luhansk kommen und schreckliche Geschichten erzählen." Katarinas Stimme bricht ein wenig. Sie selbst fühle sich schuldig. "Weil ich nicht dort bin", wie sie sagt. "Ich wollte zuerst zurück zu meiner Familie in die Ukraine, aber meine Mutter hat gesagt: Wir sind in einem Bunker. Du kannst mehr helfen, wenn du im Ausland bleibst und anderen Menschen erzählst, was hier passiert. Das tue ich, denn eine meiner größten Ängste ist, dass niemand davon erfährt."

Inzwischen postet Katarina auf ihren Social Media-Kanälen keine Musik mehr. Sie teilt Nachrichtenmeldungen und Videos, steht zu ihren Nationalfarben. "Viele Künstler:innen sagen mir, dass sie nicht politisch sein und ihre Kunst einfach als Kunst sehen wollen. Aber um ehrlich zu sein: Man kann zu dieser Situation nicht schweigen. Wer schweigt, ist auf der Seite der Mörder!" Während Katarina aus der Ferne hilft, sind ihre Freunde vor Ort den Gräueln des Kriegs ausgesetzt. Viele versuchten sich abzulenken. "Das kann ein langweiliges YouTube-Video sein, in dem Leute etwas kochen oder einfach nur Regengeräusche", meint Katarina. "Du musst dir vorstellen, die ganze Zeit heulen die Sirenen. Meine Freunde erzählen mir, dass sie das Heulen inzwischen sogar halluzinieren. Sie wissen nicht, ob es echt ist oder nicht. Also nehmen sie das Geräusch auf ihrem Smartphone auf, um zu überprüfen, ob sie sich verstecken müssen oder nicht. Das ist gerade die Realität in der Ukraine."

Kurze Zeit später schickt mir Katarina einen Kontakt. Ich solle mich bei einem ihrer Freunde melden, er sei Musiker aus Kyiv, er könne von dort berichten. Der Mann heißt Dmytro Avksentiev und tritt unter dem Künstlernamen Koloah auf. Via Spotify folgen ihm über 10.000 monatliche Hörer:innen, auf Instagram nennt er sich "Mystic Futurist", 2016 spielte er in Moskau ein Set für Boiler Room. Ich schreibe ihm, wie es ihm geht, ob er sicher sei. Seine Antwort kommt schnell: Es sei ziemlich gefährlich in der Stadt geworden, deshalb habe er entschieden, dass es besser sei zu fliehen. Bis zu zehn Mal am Tag würden aktuell die Sirenen heulen, sowohl am Tag als auch in der Nacht. "Ich hab meine Katze und meinen Laptop eingepackt. Jetzt bin ich auf dem Weg in den westlichen Teil der Ukraine. Peace!"

 

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Seitdem habe ich nichts mehr von Koloah gehört. Dafür hat mir Pavlo Poputalo geschrieben. Er ist Jugendarbeiter und Künstler, kommt aus der Stadt Ochtyrka - vor dem Krieg ein 50.000-Seelen-Städtchen im Nordosten der Ukraine, keine zwei Autostunden von Charkiw entfernt. Inzwischen haben die Russen viele Wohnhäuser zerstört. Tausende Menschen sind geflohen. Pavlo ist geblieben. "Meine Freunde und Kollegen sind Soldaten der Streitkräfte. Ich halte es für mein Recht, ihnen bei der Versorgung zu helfen", schreibt mir der 29-Jährige via WhatsApp und entschuldigt sich für sein Englisch. Er lerne dazu, aber derzeit gebe es andere Probleme. Außerdem höre er in der Nähe schon wieder Artilleriebeschuss. "Dabei wollte ich gerade nach Internet suchen, um ein paar Samples zum Produzieren runterzuladen."

Pavlo fügt ein lachendes Emoji an seine Nachricht an. Es wirkt surreal. Schließlich befindet er sich mitten im Kriegsgebiet. Die Kampflinie ist nur ein paar Kilometer entfernt. Jeden Tag sterben Menschen. Gestern Nacht sei es besonders hart gewesen. "Aber wir haben eine gute Stimmung, weil wir wissen, dass wir gewinnen werden", sagt Pavlo. "Wir scherzen und lachen viel. Vielleicht ist es der permanente Stress, ich kann es nicht erklären." Es sind die banalen Ablenkungen, die ihm Halt geben. Kleine Ausbrüche aus der Realität, die grausam geworden ist. Gestern Nacht habe er im Bunker Kopfhörer aufgesetzt und versucht, einen neuen Track zu schreiben. "Dabei habe ich für einen Moment vergessen, dass Krieg herrscht. Ich stellte mir sogar vor, wie ich ihn auf einer Party spielen würde. Dann nahm ich die Kopfhörer ab und hörte, wie ein Flugzeug über uns fliegt, das normalerweise Bomben abwirft. Da erinnerte ich mich wieder: Wir sind im Krieg."

 

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Seine Familie hat er mittlerweile in Sicherheit gebracht. Die Flucht sei eine nervenaufreibende Sache gewesen. "Ich habe einen Bunker ausgesucht, in dem wir uns verstecken sollten, bevor meine Frau mit den Kindern fliehen konnten. In diesem Moment kullerten mir Tränen über die Wangen und ich sagte, dass niemand das Recht habe, ihnen ihr Zuhause, ihre Heimat, ihre Erinnerungen wegzunehmen. Dafür bin ich bereit, alles zu tun." Später schreibt mir Pavlov, dass er noch nie in seinem Leben ein Maschinengewehr in der Hand gehabt habe. "Aber ich weiß, wie man an bestimmte Dinge rankommt, die schwer zu bekommen sind. Ich weiß, wie man Hilfe vom anderen Ende des Landes organisiert. Das ist meine Waffe."

Vor der russischen Invasion veranstaltete Pavlo Partys in Ochtyrka. Er war Mitglied des Jugendrates der Stadt. Der Ort sei zwar eine Provinz. Aber die jungen Leute verstünden die Philosophie der elektronischen Musik. Sie wüssten, was es heißt, sich die Freiheit zu erkämpfen. Deswegen habe er sich immer gern in der Jugendarbeit engagiert, eine Straßenkultur entwickelt, DJ- und Producing-Workshops angeboten. Diese Arbeit übertrage sich auf die jetzige Situation. "Wir sind ein Mechanismus, der für unser Recht auf Leben kämpft", sagt Pavlo. "Wir waren die erste Stadt, die den Feind zurückgeschlagen hat. Wir werden niemals aufgeben."

 Hier könnt ihr Künstler:innen in der Ukraine unterstützen:

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Geschrieben von:
Christoph Benkeser