Folklore-Rhythmen, indigene Instrumente und traditionelle Gesänge: Wer zum ersten Mal diesen Sound hört, ahnt schnell, dass dieser Stil nicht aus Europa kommt. Naturgeräusche aus den tropischen Wäldern mischen sich mit verträumten Downtempo-Beats, die der Musik einen tragenden, harmonischen Schwung verleihen. Echos geben dem Ganzen einen luftigen Hall, der wie ein frischer Bergwind durch die Tracks weht. Was ist das für eine Musik? Slow House, elektronische Folklore, Tribal-Downtempo? 'Andes Step' nennt es Nicola Cruz, der Vorreiter dieser Szene, in Anspielung auf das riesige Gebiet, aus dem er seine Inspiration zieht: Die südamerikanischen Anden, auf Englisch 'Andes', die den ganzen Kontinent von Kolumbien im Norden bis nach Argentinien im Süden durchziehen. So vielfältig wie die Andenregion selbst sind auch die Einflüsse des organisch klingenden Andes Step: Kolumbianische Cumbia, bolivianischer und peruanischer Huayno und argentinische Chacarera als wesentliche Rhythmus-Inspirationen machen den Andes Step zu einer Fusion aus Tradition und Moderne. Bombo-Trommeln und andine Zampoñas (Panflöten) vereinen sich mit elektronischen Melodien zu einer eingängigen Mischung - auch für europäische Hörer, denen diese Musiktraditionen fremd sind. Die Protagonisten dieses neuen Sounds sind südamerikanische DJs. Im Gegensatz zu den DJs, die hierzulande bereits mit Ethnobeats und Samples auf Spanisch gearbeitet haben, wie zum Beispiel Rampue, reflektieren sie in ihren Produktionen die Folklore-Lieder, mit denen sie aufgewachsen sind. Die Riege der international bekannten DJs aus Südamerika konnte man bisher an einer Hand abzählen. Nun erhält sie Zuwachs.

Um den Namen ZZK Records kommt man in Zusammenhang mit Andes Step und digitaler Folklore nicht herum. Das argentinische Label, das aus einer erfolgreichen Partyreihe des Zizek Clubs in Buenos Aires entstanden ist, hat heute einige der bekanntesten DJs dieser Szene unter Vertrag. Auf der ersten 2008 erschienenen Compilation des Labels, 'ZZK Records Vol. 1: Cumbia Digital', vermischen sich Cumbia-Rhythmen mit Minimal, Dubstep, EDM und Elektro. Mit dem Begriff der 'digitalen Cumbia' schuf ZZK Records einen neuen, experimentellen Sound, der der traditionellen, oftmals als Populärmusik stigmatisierten Cumbia ein neues Image verlieh. Das war auch dringend nötig, wurde doch der erste Versuch, Cumbia unter dem Namen 'Electro Cumbia' zu digitalisieren, von vielen DJs als zu generisch und zu einfältig verurteilt. Bei ZZK Records ist man jedoch weit davon entfernt, bloß einen four-to-the-floor Beat unter alte Klassiker zu mischen. Das Label wurde durch Nordamerika- und Europatouren seiner DJs schnell international bekannt. Heute sind auf ZZK viele experimentierfreudige DJs zu finden, die mehr digitale Folklore im Allgemeinen als "nur" digitale Cumbia produzieren.

 

Bestes Beispiel dafür ist Nicola Cruz, der im Oktober 2015 mit 'Prender el alma' sein Albumdebüt auf ZZK Records feierte. Mit 'Cantos de Visión' legte Cruz im Februar 2017 ein zweites Album auf dem kanadischen Label Multi Culti nach, auf dem bereits Andhim, Tiefschwarz und Adam Port veröffentlichten. Obwohl er behauptet, kein neues Subgenre erfinden zu wollen, stammt der Begriff 'Andes Step' von ihm. Als Sohn südamerikanischer Eltern in Frankreich geboren, kam er schon im Kindesalter zurück nach Ecuador und lebt heute in der Hauptstadt Quito, seine musikalischen Anfänge machte er als Perkussionist. Im Jahr 2012 wurde sein Name in internationalen Kreisen bekannt, als Nicolas Jaar ihn zu Shows in die USA einlud. Wenn Cruz über seine Musik spricht, geht es um Rituale, um Spiritualität, um das Erwachen der Seele. Das mag zunächst hochtrabend oder esoterisch klingen, doch der leise Stolz auf die Traditionen, der in seinen Tracks mitklingt, ist unaufdringlich und lädt dazu ein, die jahrhundertealte Musikwelt der Anden zu entdecken. Der entspannte, organische Sound von Cruz schafft die perfekte Atmosphäre für Open Airs, Nachmittage im Park und langsames Tanzen bei Sonnenaufgang. Das durfte er persönlich schon auf internationalen Festivals wie dem mexikanischen Tulum, dem spanischen Sónar oder der hiesigen Fusion unter Beweis stellen.

 

2009 wurde Matanza von den drei Musikern Luis Galvez, Vicente Vasquez und Rodrigo Gallardo aus der chilenischen Hauptstadt Santiago gegründet. Irgendwo im Definitionsspielraum zwischen Band und DJ-Projekt verbinden die drei Chilenen elektronische Klänge mit Akustikmusik. Auf der Bühne tauchen dabei neben Turntables, Synthesizern und Drum Machines wie selbstverständlich andine Instrumente auf - zum Beispiel die Quena, eine hölzerne Kerbflöte, oder der Charango, ein Zupfinstrument mit fünf Doppelsaiten, das man von Weitem schnell mit einer Ukulele verwechselt. Statt Samples zu benutzen, spielen die Mitglieder von Matanza viele ihrer Sounds live ein. Nach dem vor fünf Jahren veröffentlichten Album 'Dubamerica' gab es dieses Jahr eine neue Veröffentlichung unter dem schlichten Namen 'Matanza'. Diese Alben gibt es allerdings nirgends zu kaufen - die Chilenen haben sich dazu entschieden, ihre Musik frei über das Internet zu verbreiten und sich stattdessen Auftritten in Clubs und auf Festivals zu widmen. Einzige Ausnahme ist die 2017 erschienene EP 'El Origen', die aus Kompositionen von Bandmitglied Gallardo und deren Remixes von Nicola Cruz besteht. Neben der elektronischen Musik aus Deutschland, die Matanza zu ihren Einflüssen zählt, spielen die Klassiker ihres Heimatlandes Chile eine große Rolle: Die Strömung der 'Nueva Canción' der 50er und 60er Jahre würdigten sie mit Reinterpretationen der nationalen Ikonen Violeta Parra und Víctor Jara. Gerade erst beendeten Matanza ihre diesjährige Europat-Tour, die sie unter anderem auf die Fusion und das Ozora führten.

 

Chancha Via Circuito ist der Künstlername von Pedro Canale aus Buenos Aires, der seit den Anfängen von ZZK Records bei den Zizek Club Partys auflegte. Spätestens mit seinem vorletzten Album 'Amansara' brach Canale aus dem relativ eng umsteckten Gebiet der digitalen Cumbia aus, um sich Rhythmen aus anderen südamerikanischen Regionen zu widmen. Sein Remix des Folk-Klassikers 'Quimey Neuquén' des argentinischen Sängers José Larralde ist der theatralische Soundtrack zu einer Breaking Bad Episode, in der Figur Walter White 80 Millionen Dollar in der Wüste vergräbt. Canale war im Jahr 2014 Teil des ersten Boiler Room in Argentinien und hat mit 'Bienaventuranza' dieses Jahr ein neues Album vorgelegt, auf dem viele Kollaborationen mit anderen südamerikanischen Künstlern zu finden sind.

 

Ob man es nun Tribal Tech House, andinen House oder eben 'Andes Step' nennt: Die DJs der wachsenden lateinamerikanischen Szene vereint ihre musikalische Suche nach einer modernen, elektronischen Folklore, die einen Schritt in die Zukunft wagt, ohne ihr traditionelles Erbe zu vergessen. Neben den oben genannten Künstlern sind auch El Buhó, Mateo Kingman, Barrio Lindo, Dengue Dengue Dengue, Rio Mira und Frente Bolivarista erwähnenswert. Wer sich für entspannte Tanzmusik und Downtempo mit einer kulturellen Dimension begeistert, darf auf die zukünftigen Produktionen aus Südamerika gespannt sein und findet in 'Andes Step' einen reichhaltigen Raum zu entdecken.

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