Löten, frickeln, schrauben: Die Gear-Szene scheint die klassische Männerdomäne zu sein. Das Common Ground in Berlin-Neukölln will mit diesem Vorurteil aufräumen. Von nerdigen Pionierinnen, Maschinenliebe und der Frage, was Circuit Bending mit Stricken zu tun hat.

 

Räume

Wenn man es nicht besser wüsste, man hätte fast den Eindruck, sich in den Hobbykeller eines Teenagers aus den Achtzigern verirrt zu haben. In der Fensterauslage des engen Raums glänzen Kupferdrähte auf verschiedenfarbigen Platinen, neben der Tür ist ein Kassettendeck an die Wand geschraubt, die Tapes stehen ordentlich aufgereiht darunter. Bis unter die Decke stapeln sich transparente Plastikkisten, handgeschriebene Schilder verraten: "Dead Batteries", "Broken Cables", "Broken Modules", ein Pfeil weist auf den Zusatz: "Repair".

"Common Ground ist ein Projektraum von KOMA Elektronik, einer kleinen Firma, die elektronische Instrumente herstellt", erklärt Storemanagerin Zuzana Přikrylová die Idee hinter dem Laden in Berlin-Neukölln. "Man kann gebrauchtes oder neues Equipment kaufen oder seine eigenen Kits löten. Wir stellen das Werkzeug und organisieren Workshops, um Leute zu ermutigen, neue Sachen auszuprobieren." Einer dieser Workshops ist "Gear Talk", der an diesem Abend zum zweiten Mal stattfindet. Im Nebenraum drängen sich etwa 25 Leute zwischen MIDI-Keyboards und Synthesizer, sie sitzen auf Plastikstühlen oder dem Boden. Einige inspizieren die blinkenden Geräte auf dem Tisch, während Zuzanas Kollegin Isabella Douzoglou am Beamer herumschraubt. Der wirft ironischerweise ein trotziges "No Signal" an die weiße Wand.

© Ben Willis/Resonant

Isabella schnappt sich die MPC 1000 und eröffnet den Vortrag zum heutigen Thema: Drum Machines. Wer Lust hat, konnte auch sein eigenes Equipment mitbringen und Einblick in seinen Arbeitsprozess geben. Wie kriegt man Samples auf die MPC, welche Funktionen gibt es und was ist eine Groove Box? Im Common Ground gibt es keine dummen Fragen, von blutigen Anfängern bis fortgeschrittenen Gearheads sind alle willkommen. "Uns war es wichtig, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle trauen ihre Fragen zu stellen, ohne sich blöd vorzukommen", sagt Zuzana.

Girls ≠ Gear?

Sie kennt das Problem. Als sie anfing zu produzieren, hatte sie niemanden, an den sie sich wenden konnte. In Facebook-Gruppen oder Foren bekam sie als Frau oft überhebliche Antworten - oder eben gar keine. Bezeichnend ist auch die Atmosphäre in solchen Communitys: Frauen werden hier gerne als diejenigen dargestellt, die das Hobby des Mannes nicht verstehen und an denen man das neueste erworbene Equipment lieber heimlich vorbeischleusen muss, um keinen Ärger zu bekommen. Auch in Memes, die häufig in entsprechenden Gruppen gepostet und mit Likes und Zuspruch gefeiert werden, drückt sich dies aus.

"Die Gear-Szene ist ein männerdominiertes Feld, da hat man oft das Gefühl ‚Wenn ich das frage, klinge ich total dumm'. Irgendwie steckt das in uns Frauen drin, dass wir viel öfter an uns zweifeln", sagt Zuzana. Deshalb rief sie "Gear Talk" ins Leben. "Dabei waren die größten Programmierinnen Frauen und es gibt eine Menge Frauen, die großartige Musik mit modularen Synthesizern gemacht haben und immer noch machen", sagt Isabella. Eine Bekannte von ihr hat daher den Instagram-Kanal Ladies of Modular gestartet, um Pionierinnen wie Ruth White, Wendy Carlos, Suzanne Ciani oder Laurie Spiegel sichtbar zu machen und um zu zeigen, dass Frauen und Modular zusammengehen.

Im Laden beobachtet Zuzana, dass Frauen beim Löten der Schaltkreise oft sogar geschickter sind. "Es ist ein feines Kunsthandwerk. Man muss Mustern folgen und mit sehr kleinen Werkzeugen arbeiten können. Das ist ähnlich wie beim Stricken", scherzt sie ironisch und augenzwinkernd. Frauen technische Fähigkeiten abzusprechen ist ein hartnäckiges Klischee, das leider auch vor der elektronischen Musikszene nicht Halt macht: Man denke an die abfälligen Bemerkungen zu Nina Kraviz' Badewannen-Interview, die sexistischen Kommentare unter Lady Starlights "Against The Clock" auf Fact Magazine oder unter Nightwaves DJ-Set für Boiler Room.

Der Zusatz "'Gear Talk' heißt besonders Frauen, Non-binary, sowie Anfänger willkommen" im Veranstaltungstext ist daher kein Zufall. Das Konzept scheint aufzugehen: das Geschlechterverhältnis  ist etwa fifty-fifty, unter denjenigen, die ihr Gear vorstellen, sind sogar mehr Frauen als Männer. Der Korg Volca Beats wird erklärt, der MFB 522 Drum Computer als "808 des armen Mannes (bzw. der armen Frau)" deklariert, sofern man ihn als Soundmodul mit einem externen Sequencer nutzt, und gezeigt, welche Möglichkeiten in dem oft als sinnloses Spielzeug verkannten Korg Monotron stecken - neben den guten Filtereffekten bietet er sich, auch aufgrund seines günstigen Preises, nämlich besonders gut zum Circuit Bending an.

© Ben Willis/Resonant

Gewohnheiten aufbrechen

DJ und Produzentin Isabella Bassi, die als Isabassi auftritt, greift sich das Mikrofon. Mit routinierten Handgriffen programmiert sie einen Beat auf der Elektron Analogue Rhythm, zentrales Tool für ihren roughen Industrial Sound. Schrittweise erklärt sie, was sie tut. Isabassi kam aus Brasilien nach Berlin, um am dBs Musikinstitut Musikproduktion und Live Performance zu studieren. Auch sie weiß, wie schwer es ist, sich in der männerdominierten Szene zu behaupten - in ihrer 16-köpfigen Klasse an der dBs war sie eine von nur vier Frauen. "Das Problem ist, dass die meisten Männer noch nie mit einer Frau in Kontakt gekommen sind, die sich mit Musikproduktion auskennt", glaubt sie. Zu Beginn ihres Studiums seien die Männer daher aus Gewohnheit unter sich geblieben. Dass der Dozent bei Gruppenarbeiten bewusst gemischte Gruppen gebildet habe, sei am Ende für beide Seiten ein Gewinn gewesen.

Trotzdem brauche es ihrer Meinung nach Safe Spaces wie diesen hier im Common Ground. An der dBs gab es wöchentliche Treffen, bei denen die Frauen ihre Projekte untereinander vorstellen und sich gegenseitig Feedback geben konnten. Zuzana ist auch noch Teil einer Gruppe, die zusätzlich zum "Gear Talk" mit Meetup Berlin ein monatliches Treffen organisiert, bei dem keine Cis-Männer zugelassen sind. "Für die meisten Frauen ist es einfacher, andere Frauen um Rat zu fragen", sagt Isabella. "Das Ziel ist, dass wir uns gegenseitig unterstützen und weiterbringen. Und zu zeigen, dass man sich nicht einschüchtern lassen soll. Jeder, der mit Gear produzieren will, kann das auch lernen."

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