MUSIKMESSE 2014 – Impressionen

MUSIKMESSE 2014 – Impressionen

Archiv 15. März 2014

Im Vorfeld war weniger von aufregenden Produktneuvorstellungen zu hören, als mehr davon, dass selbst etablierte Hersteller auf einen Stand verzichten. Musikmesse im Niedergang?Natürlich ist unser Fokus bei einer solchen Einschätzung begrenzt und zwar auf das Segment „DJ“, was innerhalb der Musikmesse / Prolight + Sounds ein sehr kleines ist. Veranstaltungen wie die NAMM in Kalifornien oder die englische BPM-Show sind mittlerweile wichtige Adressen, die der Musikmesse den Rang abgelaufen haben. In der Außendarstellung findet in Frankfurt nach wie vor „die weltweit größte Leistungsschau der Musik- und Veranstaltungswirtschaft“ statt. Und tatsächlich sind noch immer ganze Hallen gefüllt mit Pianos, Schlagwerkzeugen, Gitarren, Flöten, allerlei Zubehör sowie Licht- und Tonanlagen jeder Art . Man sieht grauhaarige Altrocker vor riesigen Wänden, behangen mit Gitarren. Man sieht optisch klischeeerfüllende Typen, hinter betagten, elektronischen Klangerzeugern und kleine umherstreifende Gruppen offensichtlicher Freunde des todesmetallischen Klangs, die ihrem Drumgott huldigen wollen. Man sieht Nudelsuppe schlürfende Menschen hinter Tischen voller Bauteilen aus Fernost und superwichtige Geschäftsmänner, in mehr oder weniger gut sitzenden Anzügen, die gerade ein Millionendeal zu besiegeln scheinen. Und man sieht DJs, denen man nicht ansieht, dass sie welche sind, weshalb sie es sicherheitshalber auf dem T-Shirt notiert haben. DJ PARTYGOTT on Tour. Na gerne doch, aber der Reihe nach:

Aufgrund des schönen Wetters steuerte ich mein erstes Ziel, die „DJ-relevante“ Halle 5, das Freigelände kreuzend an. Belohnt wurde ich sofort, nämlich mit der Aufforderung „Lass Dich mit unseren xxx-Shop Babes fotografieren und gewinne 2500€ Shopping Guthaben„. Unverschnörkelte Ansprache der Zielgruppe, die bei mir aber nicht verfing. Irgendwie schlägt bei der Tonlage meine Sozialisierung in politisch korrekten Kreisen durch. Aber auch ästhetisch wundere ich mich manchmal, was da als sexy durchgehen soll, nur weil es nicht wie eine Kommode geformt ist. Gut: Geschmäcker und so … neben der Aussicht auf zu gewinnendes Handgeld versorgt dieser Stand die Bedürftigen mit einer feschen Werbetüte. Clever, das am Eingang zu verteilen und die Leute damit den ganzen Tage Werbung laufen lassen.

Nach einem kurzen Abstecher zur Agora-Stage, wo ein Vocalist mit rheinischer Mundart bei schweinerockigster Begleitmusik die anwesende Klientel (erfolglos) dazu aufforderte die Hände zu zeigen, ging es zu Halle 5. Dereinst gab es hier auf zwei Etagen Neuigkeiten aus dem DJ-Bereich und angrenzenden Themengebieten zu bestaunen, heute sammeln im Erdgeschoss Kinder erste musikalische Erfahrungen. Seit einigen Jahren dominiert hier ein Areal mit ungewöhnlichen Klangerzeugern, die von kompletten Kindergartengruppen und Schulklassen mit großere Begeisterung genutzt werden. Böse Zungen behaupten, das diene neben der musikalischen Früherziehung auch der Besucherstatistik.

Ein Stockwerk höher, Halle 5.1, bin ich dann am Ziel und siehe da, Pioneer ist vor Ort, Reloop auch. Beide mit wesentlich kleineren Flächen als die Jahre zuvor, aber immerhin: sie sind da. Im Gegensatz zu Serato, die eigentlich sonst immer diese Ecke belegten. Am Pioneer Stand steht vor allem ein Gerät im Mittelpunkt, genauer dreht es sich in einer Vitrine: ein Plattenspieler. Die Typenbezeichnung ist abgeklebt, die Optik ist klassisch, die Aufregung ist riesig. „Ist das der neue Technics von Pioneer?“  Mir bleibt der Hype unverständlich. Ein Turntable, von dem man nichts genaues erfährt und der – so wird gemunkelt – angeblich vom selben Fließband wie manch Reloop oder Audio-Technica kommt, ist das meistfotografierte Objekt. Steht ja Pioneer drauf und was die machen muss super sein. Super OEM, in dem Fall. Vielleicht. Vielleicht auch nicht und ich freue mich auf das nächstes Jahr, wo ein Gerät in einem Sack die meiste Aufmerksamkeit einfährt. Voll testbereit war hingegen der PIONEER DDJ-SZ. Im unmittelbaren Vergleich mit dem DDJ-SX wird noch deutlicher wie mächtig das neue Flaggschiff ist. Die aufgerufenen knapp 2000 Euro sind sicher ein stattlicher Preis, aber der Gegenwert passt. Finde ich.

Preislich komplett anderes  versucht es RELOOP, die im Vorjahr mit dem Mixer RMX80 das Premiumsegment mitbelegen wollten, mit den neuen Beatmix-Controllern. Wie bei Pioneer setzt man bei der Software auf die Kooperation mit Serato. Optisch erinnern die neuen Geräte ein wenig an den Vestax Typhoon, insgesamt ist der erste Eindruck kein schlechter. Schleierhaft ist mir nur, warum der größeren Variante nicht symmetrische Ausgänge spendiert wurden. Klar, ein BedroomDJ kann damit wenig anfangen, aber für einen ein „Profi“ wäre das vielleicht ein Grund sich den Beatmix als preiswertes Zweitgerät zuzulegen.

Am Stand nebenan präsentiert sich MIXMAG und irgendwie fühle ich mich an ostdeutsche Technoevents im ländlichen Raum, ca. 1997, erinnert. Mein Blick sucht das Tarnnetz und ich wiege ab, ob meine Erinnerung als gut oder schlecht einzustufen ist. Ich bin unentschlossen und dackel weiter.

Next Stop: AKAI, präsent, wie immer, im Einklang mit den anderen durch inMusic vetriebenen Marken (Numark, Alesis,M-Audio). Hier interessieren mich besonders die „neuen APCs„. Da ist sie also endlich, die seit Jahren geforderte APC40 MK2. Der erste Eindruck ist gut, aber haut nicht wirklich vom Hocker. Frage: „Wo ist die Innovation?“ Antwort: „Beim Push“. Diesen darf AKAI zwar bauen, aber der zählt als ABLETON-Hardware. ABLETON hat von NATIVE gelernt, was zur Folge hat, dass es innovative Dinge gibt, die mit einem Push möglich sind, mit einer APC40 MK2 aber (erstmal) wohl nicht. Das ist Politik, Baby. Die APC ist auf jeden Fall ein Klassiker und wird auch in der neuen Version Freunde finden. Neben einer APC Key25 wurde auch eine APC Mini vorgestellt. Im Prinzip ein Launchpad Mini, mit Fadern.  Der Preis soll knapp über 100 Euro liegen,  damit setzt AKAI NOVATION unter Zugzwang und man darf gespannt sein, ob es demnächst ein Launchpad und ein Launchcontrol in einem Gehäuse geben wird. Als spezielles Bundle wurden beide Geräte bereits angekündigt. Außerdem neu am AKAI-Stand: der MPX16, eine modifizierte Version des Samplers MPX8 und ein auf Retro getrimmter Drum-Sequenzer mit dem Namen „Rythm Wolf“, bei dem die Kritik zwischen „supergeil“ (TM Edeka) und „Spielzeug“ mäandert. Eingen wir uns auf „supergeiles Spielzeug“.

Der Entwicklung hin zu Producing-Equipment mit Nostalgieflair trägt auch ROLAND Rechnung. Die Aira-Serie bringt für relativ kleines Geld den Sound legendärer Klangerzeuger (808/909) zurück. In der Vorführung vom „Rhythm Performer“ TR8 und „Touch Bassline“ TB3, mit den gegebenen Modulationsmöglichkeiten, hängen folglich schwere „Vintage-Techno-Klänge“ in der Luft und ich sinniere kurz, ob es wohl schon eine Mischung aus Dubstep und Acid gibt oder ob man die nun vorhersagen darf. Als auch noch der Vocoder VT-3 Einsatz findet, zieht es mich weiter.

Neben den etablierten Firmen versuchen auch kleine Startups auf sich aufmerksam zu machen. Ein Beispiel ist NAONEXT, mit dem Crystall Ball. Das Teil erinnert an eine Mischung aus Kristallkugel und Tischtaschenrechner. Über Sensoren kann man gängige Software wie Ableton Live, aber auch Lichteffekte oder Videos steuern und verläßt dabei die üblichen Ansätze von Pad bis Potie. Zu verknüpfende Stichworte: kreativ, neue Wege, Gandalf, Herbert von Karajan, Daumen drücken.

http://www.youtube.com/watch?v=js9jYvJYsTA

Ähnlich innovativ ist der, die, das DUALO du-touch. Die Mischung aus Controller, Synthesizer und Sequenzer erinnert an ein Akkordeon, hat aber eine eigenes Tastenlayout, was es intuitiver ermöglichen soll Musik zu spielen bzw. welches durch Farbkodierung zusätzliche optische Lernhilfe gibt. Der Ansatz erinnerte mich etwas an ABLETON und Push – weg von der klassischen Klaviatur. Könnte ich mir gut als Alleinstellungsmerkmal auch bei DJs vorstellen. Zumindest eher als irgendwelche Kasperei mit WiFi-Controllen.

Kurz erwähnt sei WALDORF, die dem Rocket zwei weitere, quadratische Gerätchen folgen lassen. Der 2-Pole, ein Analog Filter und einen neuen String-Synthesizer mit der selbsterklärenden Bezeichnung „Streichfett“. Ein phänomenaler Name!

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Eine Oase in all des trendfolgenden Trubels, war immer der Stand von Schneiders Büro. Den gibt es nicht mehr, aber stellvertretend dafür konnte man bei ALEX4 an analogen Klangerzeugern schrauben oder einfach nur verzückt in die Gesichter verzückter Schrauber blicken. Ähnliches bei EVE-AUDIO. Die wiedergegeben Klassik wurde wissend mitdirigiert, der beste Punkt im Stereodreieck wurde mittels körperlicher Verrenkung gesucht und die Augen waren zur Steigerung der akustischen Wahrnehmung fest geschlossen. In den Momenten überwogen Gefühl und Leidenschaft die  Geschäftigkeit und den Zeitgeist. Manchmal ist die Musikmesse schon aus diesem Grund eine Reise wert.

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