Review: Actress - Karma & Desire [Ninja Tune]

Review: Actress - Karma & Desire [Ninja Tune]

Features 5. November 2020

Der britische Electronic-Produzent Actress verliert sich mit 'Karma & Desire' selbst, um sich unter Schichten der Vergangenheit einzubuddeln - und die Suche nach Zuversicht auszulagern. Weg von der individuellen Verantwortung, hin zur kollektiven Gesamtscheiße, mit der Cunningham auf seinem siebten Album in zwölf Jahren eine Grundstimmung einfängt, die so düster glänzt wie der Kaffee, den man sich morgens ins Gesicht kippt. Nach dem Mixtape-Appetizer '88' mit fragmentarischen Ambientkonserven und Simulakren-Geballer, kracht auf der bei Ninja Tune erscheinenden Platte Piano-Geklimper auf Detroit-Noir mit Radiohead-Momenten. Das zeigt: Der einzige Ausweg führt in der Welt von Actress über das Verlangen nach Ausweglosigkeit.

Zumindest kann man Cunningham nicht vorwerfen, dass er uns nicht gewarnt hätte: Keine Platte für den Club, sondern eine romantische Tragödie zwischen 'den Himmeln und der Unterwelt' kündigte der Producer aus Wolverhampton im Sommer an. Vom Dancefloor hat sich der Mann zwar nie verabschiedet, den Drang, Vierviertelsalven aus Gaudi-Gründen durch den Subwoofer zu quetschen, trat in der Gesinnungsethik von Actress aber auch noch nicht auf. Selbst auf frühen Alben wie 'Splazsh' oder 'Hazyville' ruckelten die straighten Beats nur auf Anfrage hinter Nebelbänken hervor. Cunningham hat Techno auf den Kopf gestellt, seinen Hedonismus ausgepresst und die Suppe mit schwarzer Farbe eingesaut. Deshalb verlangte seine Musik nie Räumlichkeit, sondern Introspektion - während man den Blick nach innen wandte, verabschiedete man sich gleichzeitig aus der Realität.

Man muss sich herantasten wollen an die Finsternis auf 'Karma & Desire'. Die Stirnlampe flackert, der Fokus verwischt - die Dunkelheit zwingt nichts auf, im Gegenteil: Sie lässt den Raum, in dem man sich nicht in einen vorgefertigten Rahmen fügen muss, sondern selbst die Initiative ergreifen kann. Abbiegen, umdrehen, voraus marschieren, um gedankliche Wege auszuleuchten, die sich erst dann auftun, wenn man die Leere zulässt. Cunningham wird zu einer Art Datendieb wie in John Akomfrahs 'The Last Angel of History', mit dem Unterschied, dass der Engländer nicht aus der Zukunft zu reisen scheint, sondern aus einer Vergangenheit kommt, die erst geschehen muss.

Dass sich Actress als Suchender im Zeitkontinuum profiliert, hat er zuletzt nicht nur auf seinen Studioalben bewiesen, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Hochkultur-Ensembles wie dem London Contemporary Orchestra und dem Niederländischen Kammerchor. Mit Letzterem versuchte er sich 2019 an Stockhausens 'Welt-Parlament', einem Teil jener 29-stündigen Oper, die Stockhausen Mitte der 90er schrieb. Im Zuge der Produktion lernte Cunningham die italienische Pianistin Vanessa Benelli Mosell kennen. Mosell, die laut eigenen Aussagen mit elf das erste Mal von Stockhausen hörte, später Klavierstücke des deutschen Komponisten aufführte und vor dessen Tod bei ihm studierte, dürfte Eindruck hinterlassen haben: Auf 'Karma & Desire' klimpern weiße Tasten auf der Moll-Tonleiter rauf und runter, dass sich Liz 'Grouper' Harris vor lauter Freude die Tränen aus den Augen wischt.

Sampha, der für Kanye, Ocean und Drake produzierte, bevor er 2017 sein Solo-Debüt veröffentlichte, reißt berufsbedingt Herzen aus der Brust. Neben der radiotauglichen Single 'Walking Flames' hat er mit Actress zwei weitere Songs aufgenommen. Statt Soul-Gesäusel landet auf dem über acht Minuten langen 'Many Seas, Many Rivers' nur zerhäckseltes Stimmkonfetti, bei dem Cunningham die James-Blake-Gedächtniskerze anzündet. 'XRAY' zerbröselt unter Sub-Bässen - eine Nummer wie ein verstolperter Elfmeter, bei dem man sich die Wiederholung in Zeitlupe auf einem flackernden Röhrenfernseher aus den 80ern gibt. Und mit der New Yorker Sängerin Zsela, die zu Beginn über zwei Songs haucht, kann die Spaßpolizei ihre High-Life-Stimmung ohnehin wegrationalisieren. 'Angels Pharamacy' ist zum Song gewordener Klimawandel - aber in die frostige Richtung!

'Fret', das so klingt, als spränge jeden Moment Thom Yorke aus dem Gebüsch, um mit 'Everything, Everything'-Geheul ein paar alte Kid-A-Shirts zu verhökern, leitet schließlich in den letzten Teil des Albums über. Mit 'Loose' rutscht Actress ein später Banger raus, wer auch immer Christel Well ist, so souverän säuselt sonst niemand über 160 Beats in der Minute., Auf 'Turin', das Cunningham mit der US-Künstlerin Marcia Pinna aka Aura T-09 aufgenommen hat, steckt er die aufgeheizten Brennstäbe zurück ins Cooldown-Becken, nimmt den Langstreckenflug von L. A. über Detroit nach London und produziert eine Nummer, die ewig weiter kurbeln dürfte. Übrigens: Dass Actress die Sampha-Kollabo 'Walking Flames' ans Ende des Albums packt, darf als Ausblick gewertet werden. Four-Tet-Vibes und cheesy Flöten-Samples treten aus der Höhle, blinzeln der Sonne entgegen und führen zurück in die Realität - die zwar immer noch abgefuckt, aber ein bisschen besser auszuhalten ist.

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Geschrieben von:
Christoph Benkeser

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