Review: Call Super – Every Mouth Teeth Missing [Incienso]

Review: Call Super – Every Mouth Teeth Missing [Incienso]

Features 6. November 2020

Nach gut einem Jahrzehnt im Geschäft meldet sich Call Super mit seinem dritten Album zurück. 'Every Mouth Teeth Missing' ist eine Wundertüte voll merkwürdiger Sounds, in der IDM auf Jazz trifft und das Hardcore Continuum einmal mit dem Taschenrechner nachgespielt wird. Als Dance Music lässt sich das nur stellenweise verschlagworten. Viel eher ist aus dem versierten Produzenten endgültig ein Klangskulpteur geworden.

Joseph Richmond-Seaton sieht aus wie der Junge, dem damals in der Schule regelmäßig das Milchgeld abgezogen wurde, doch hat er es faustdick hinter den Ohren. Nachdem er im Jahr 2009 als JR Seaton käsigen House mit viel Blasinstrumentbeigaben veröffentlichte, orientierte er sich schon zwei Jahre später um und legte gemeinsam mit Matt Waites unter dem Namen Call Super mit der 'Staircase'-EP eine Platte vor, die sich mit viel Understatement an Tech House und Electro abarbeitete, ein Remix des Langzeit-Buddys Objekt inklusive. Waites warf bald das Handtuch, Richmond-Seaton machte solo weiter. Im Jahr 2014 folgte mit 'Suzi Ecto' nach einigen weiteren Singles das Debütalbum des kunstaffinen Briten, der zwischenzeitlich bei Houndstooth angeheuert hatte, und untermauerte seinen Ruf als experimentierfreudiger Produzent, der die Konventionen gegen den Strich bügeln wollte. Er spielte seine Hardware nicht mit der Formstrenge eines Richie Hawtin, sondern eines Thelonious Monks: akzentuiert, aber offen für Biegungen und Krümmungen. Garniert wurde das mit Klarinetten- und Oboen-Melodien, die vom Vater höchstpersönlich eingespielt wurden.

Es war ein Ansatz, der sich drei Jahre später auf dem Nachfolger 'Arpo' noch intensivierte, obwohl die Musik keineswegs intensiver klang. Stattdessen zerlief sie, zerstäubte zu Klangwolken, schwebte immer ein paar Zentimeter über dem Boden und fokussierte sich hier und dort auf komplexe Grooves mit sonderbarem Eigenleben. Ein Album, so schön und unwirklich wie ein Traum. 'Every Mouth Teeth Missing' für DJ Pythons Label Incienso ist nach der vergleichsweise straighten Techno-Single 'All We Have Is Speed' auf Shanti Celestes Peach Discs und der mit allerschlechtestem Timing Mitte März erschienenen, aber wundervoll verspielten EP 'Mietmiorse' unter seinem Pseudonym Ondo Fudd nun die logische Konsequenz der musikalischen Entwicklung Richmond-Seatons, wie sie sich bisher auf den Langformaten dargestellt hat.

'An Unstable Music' wurde der erste, kaum mehr als eine Minute lange Auftakt-Track nicht ohne Grund betitelt: Es gerät in diesen zehn Tracks einiges ins Wanken. Das Album beginnt mit einem satt verzerrten E-Gitarren-Akkord, der abrupt von mechanischen Sounds unterbrochen wird, dann aber wieder aufheult. Hin und her geht das, bevor er endgültig in den Hintergrund des Mixes verbannt wird und ein bisschen Geklapper ihn ablöst. Dann dröhnt es wieder, das Spiel geht von vorne los, wird dann aber von einer kurzen Klavierphrase unterbrochen. Es ist eine spannungsgeladene Einleitung, welche den Kontrastreichtum des Kommenden elegant vorbereitet - es ist ein angenehm verwirrender Auftakt für ein Album, das mit einem Schluckauf-Beat fortfährt, als wäre nichts passiert. Der Titeltrack greift vielerlei UK-Traditionen auf - Spurenelemente von Garage und Dubstep treffen mit House zusammen - und formuliert damit den eigenwilligen Ansatz aus, für den der Name Call Super im letzten Jahrzehnt stand. Die Konventionen sind da, sie werden aber einmal durchgeschüttelt und neu arrangiert.

Das Ergebnis gleicht selbst bei den dance-affineren Tracks - 'Pleasure for Pleasure' oder 'Opperton Swim' - eher nach rhythmischen Prinzipien organisierten Skulpturen denn mit funktionaler Absicht produzierten Tracks für Warm-Up- oder Closing-Sets. Die skizzenhaften Sound-Art-Stücke wie 'Mouth Bank Bed' mit seinem spooky Voiceover, die von dezenten Breakbeats unterlegten Streicher-Drones auf 'Sleep All Night With Open Eye' oder das an Actress erinnernde 'Welcome New People' sowie das Abschlussstück 'Milkweed' mit seinem Jan-Jelinek-haften Jazz-Feeling kontrastieren diese kurzen Momente rhythmischen Drives umso mehr. Mit 'Ekkles' findet sich im letzten Drittel von 'Every Mouth Teeth Missing' sogar ein Stück, das mit seinem aseptischen Sounddesign, bouncenden Chords und verzahnten rhythmischen Figuren am deutlichsten ausspricht, dass der verkopfte Sound von SND hier viel eher Pate steht als die reiche Tradition des Hardcore Continuums, dessen Einzelelemente Richmond-Seaton über das Album immer wieder aufgreift und in abstrakten Plastiken neu zusammenarrangiert. Zwar klingt das im Wesentlich unorganischer als das mit Tape-Saturierung und Bläser-Sounds untermalte 'Arpo', führt aber konsequent dessen Forschung nach neuen Ausdrucksformen auf Basis des Althergebrachten weiter.

'Every Mouth Teeth Missing' erschien am 23.10.2020 über Incienso.

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Geschrieben von:
Kristoffer Cornils

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