Review: Henrietta Smith-Rolla - Kamali [SA Recordings]

Review: Henrietta Smith-Rolla - Kamali [SA Recordings]

Features 12. Dezember 2020

Henrietta Smith-Rolla ist der Welt besser als Afrodeutsche bekannt und hat unter diesem Namen mit innovativen Electro-Interpretationen auf sich aufmerksam gemacht. Auf ihr Debütalbum 'Break Before Make' für das legendäre Imprint Skam sowie die Debütsingle für Eclair Fifis Label River Rapid folgt nun allerdings mit 'Kamali' eine EP mit Musik für eine Kurzdokumentation über eine siebenjährige Skaterin aus einer indischen Kleinstadt. Die minimalistischen Klavierstücke sind gerade deshalb so ergreifend, weil Smith-Rolla nicht auf rührselige Stimmungsmusik abzielt.

Die siebenjährige Kamali Moorthy wohnt gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrer Mutter Suganthi bei ihren Großeltern in Mahabalipuram, einer Kleinstadt an der Ostküste von Indien. Der Vater hat die Familie vor einem Jahr verlassen. Eine Tragödie für die zurückgelassene Ehefrau, zugleich aber auch ein Glück für Kamali: Wenn alles glatt gegangen wäre, hätte sie ihre Tochter weggesperrt und mit 17 Jahren an jemanden verheiratet, erzählt Suganthi lakonisch. Während die Mutter sich auf eine Pilgerreise begibt und aus dem Off von Demütigungen, Benachteiligung und Gewalterfahrungen erzählt, stellt Kamali sich stattdessen aufs Skate- oder Surfbrett. Sie fällt, weint, steht wieder auf und schon bald darauf wieder auf dem Board. Die Metaphorik ist eindeutig: Hier emanzipiert sich eine neue Generation. Es ist eine erbauliche Geschichte, welche Sasha Rainbow in ihrer BAFTA-nominierten Kurzdokumentation erzählt, punktiert wird sie von Surf-Musik, wenn gesurft wird, und rührseligem Klaviergeklimper, wenn es emotional wird.

Zwei Jahre nach der Erstaufführung von 'Kamali' erscheint dieser Soundtrack nun in Form einer EP von nicht einmal zehn Minuten Länge. Dem 10"-Vinyl wird eine Sample-Bibliothek mit Synth-Sounds der Komponistin beigegeben, eine gewisse Henrietta Smith-Rolla - weitaus besser bekannt unter ihrem Pseudonym Afrodeutsche. Die in Großbritannien geborene Künstlerin machte in eben jenem Jahr 2018 auch als Produzentin auf sich aufmerksam, als sie auf dem Traditions-Label SKAM - Gescom oder Boards of Canada veröffentlichten hier einige ihrer Platten - mit der LP 'Break Before Make' debütierte und mit einem komplexen Sound begeisterte, der Electro, IDM und Techno zu einer innovativen, zukunftsweisenden Mischung verschmolz. Es ist Musik, die in scheinbar krassem Kontrast zu den sechs Klavierskizzen steht, die Kamalis Geschichte mit so viel Melodramatik untermauern. Und die für sich betrachtet aber alles andere rührselig, sondern vielmehr spartanisch, formstreng und hochkonzentriert sind.

Mit 'Kamali' beweist Smith-Rolla, dass sie nicht nur wegweisende und hochkomplexe Dancefloor-Musik schreiben kann, sondern genauso ein Gespür für stille Momente und rigiden Minimalismus hat. Dabei zitiert sie durchaus wie im ersten Stück 'A Song for Him' die gängigen Klischees der Tränendrüsen-Soundtrackerei an, wie sie die Max Richters dieser Welt perfektioniert haben. Doch anders als im Kontext der Bilder und Suganthis mal hoffnungslosen, mal optimistischen Kommentare wirkt diese Musik für sich allein gestellt wunderbar mechanisch - mehr 'Avril 14th' als der 'Feather Theme', mehr Ludovico Einaudi als Yann Tiersen.

Das ist dann auch die Gemeinsamkeit, die zwischen der Musik von Afrodeutsche und Smith-Rollas Soundtrack-Arbeit besteht: Die Schönheit dieser Musik liegt in ihrem Entfremdungspotenzial. Da ist zum Beispiel 'Sugathi' [sic], das ein paar Staccato-Akkorde aneinanderreiht, während die linke Hand nach melodiösen Entsprechungen zu suchen scheint. Es wirkt mindestens zerstreut, wenn nicht sogar abwesend - distanziert. Denn die Klaviatur, auf der Smith-Rolla spielt, ist nicht eine der Gefühle, sondern der Tonfarben und Wiederholungen. Das Titelstück 'Kamali' holt nicht etwa zum pathetischen Rundumschlag aus, sondern dekliniert ein Motiv durch, wechselt zwischendurch die Tonart, sucht nach der richtigen Ausdrucksform eher, als dass es sich ihrer vergewissern würde. Es liegt jedoch selbst in solchen etüdenhaften Momenten eine gewisse Präzision in Smith-Rollas Spiel, das entkoppelt von der Geschichte der jungen Skaterin erst das eigentliche Potenzial dieses Soundtracks enthüllt: Auf 'Kamali' präsentiert sich eine hyperfokussierte Komponistin, die selbst mit den simpelsten Mitteln noch unglaublich reichhaltige Musik schreiben und performen kann.

'Kamali' erschien am 11.12.2020 via SA Recordings.

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Henrietta Smith-Rolla , Kamali , Kamali Moorthy , review , SA Recordings , Sasha Rainbow , Soundtrack

Geschrieben von:
Kristoffer Cornils

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