Review: HVOB – ROCCO [PIAS]

Review: HVOB – ROCCO [PIAS]

Features 17. März 2019

Kalte Hände, warmes Herz. Mit der vorerst endgültigen Abkehr von Oliver Koletzkis Label ‚Stil Vor Talent‘ ändert sich für das Wiener Electronica-Duo HVOB (Her Voice Over Boys) auch der kreative Zugang zur Musik. Zwar geschieht das nur in Nuancen, aber in solchen, die tragend sind. Ihr nunmehr viertes Studioalbum zeugt von einer noch tieferen, gereifteren Symbiose aus Stimme und Klanggerüst. Nach über einem Dutzend 12-Inches, zwei Alben und einem kollaborativen Projekt mit Gitarrist Winston Marshall sind Anna Müller und Paul Wallner nun beim britischen Major-Independent-Hybriden PIAS angelangt. Die entsprechend neue Politur steht ihnen gut. Den Deep-House-Anspruch haben sie abgelegt, so bewegen sie sich jetzt wechselseitig zwischen Ambient-Pop und Techno.

Mit dem Album ‚ROCCO‘ wurden Angst und Wut ebenso verarbeitet wie Mut und Kraft. Man stelle sich das Zerschellen einer alten, rostigen Kette vor. Alles bricht los, Energie wird frei, vollkommen desorientiert und verunsichert aber, wohin dieses Freiheitsgefühl führen wird. Müller und Wallner setzen genau dort an und kreieren auf einer konzisen Doppel-CD eine nach und nach aufklarende Stimmungslandschaft. Das ist endlich mal kein Konzeptalbum im herkömmlichen Sinne. Ja, es hängt stilistisch alles deutlich miteinander zusammen. Aber es geht hier vor allem darum, ein Gefühl immer wieder neu zu verarbeiten, nicht darum, eine starre Geschichte zu erzählen. So lassen sich einzelne Songs auf den ersten Blick kaum voneinander unterscheiden.

Das Wiener Duo HVOB.
© HVOB

Müllers typisch geflüsterte Vocals fügen sich besser als zuvor über Wallners behutsam-bedrohliche, fast passiv-aggressive Grundmotive. Diese seltsame Melancholie ist irgendwie tanzbar-schwebend, aber aus einer Entfesselung heraus. Aufbruch, aber keine Euphorie. Rückblickend wurde mit dem Song ‚2nd World‘ einer der schwächeren Tracks als erste Single ausgekoppelt. Im Kontext des Albums fungiert das Stück als Intro aber gut: ‚I draw a way out of this mess / and it leads into a second world‘, singt Müller zu Beginn und eröffnet damit die gedankliche Kulisse der Verabschiedung und des Loslassens. Immer wieder lassen sich solche Hinweise entdecken. Oft geht es um das Erkennen aussichtsloser Situationen (‚Shinichi‘, ‚Alaska‘) oder der vergeblich versuchten Löschung von Erinnerungen (‚Eraser‘, ‚A List‘, ‚Kante‘).

Bereits früh erreicht das Album mit dem Track ‚Bloom‘ einen der schönsten Momente. Hier ist das Gefühl nach Aufwachen, dem Titel gleich, am deutlichsten spürbar und am wenigsten entmutigt. Es ist so ambivalent wie faszinierend, wie das Album zwischen diesen Polen hin und her pendeln kann, ohne zu viel zu wollen. Dass die Tracklist der Doppel-LP zur CD-Version variiert, ist egal, denn der Hörfluss ist trotz des dichten Konzepts keiner Chronologie unterlegen. Es scheint, als könne man das Album an beliebiger Stelle auflegen, ohne den Gegenwert des Albums zu beeinträchtigen.

‚ROCCO‘ funktioniert als Grundstimmung, eingefangen in 13 sich überlagernden Frames. Man könnte dabei Monotonie attestieren, das Gegenteil ist aber der Fall. Diese Mischung aus subtilem Schmerz und dem Freiwerden von Energie wirkt so zeitgeistig wie zeitlos. Vielleicht treffen HVOB mit ihrem vierten Album nur den Nerv einer Zeit des stetigen Umbruchs. Vielleicht ist ‚ROCCO‘ aber auch nicht weniger als Toplisten-Material für das noch bevorstehende Jahr.

‚ROCCO‘ erschien am 15. März auf [PIAS].

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