Review: nthng – Hypnotherapy [Lobster Theremin]

Review: nthng – Hypnotherapy [Lobster Theremin]

Features 1. Mai 2020

Wann der Kulturbetrieb zum grundsätzlichen Tagesgeschäft zurückkehren kann, ist momentan weiterhin ungeklärt. Spätestens nach der kollektiven Anordnung, den Festivalsommer 2020 abzusagen, ist vermutlich auch den eher unbeteiligten Fans etwas bewusst geworden. Eine gesamte Szene ist von den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie betroffen. Fest steht aber auch: Es muss und wird einen Tag X geben, ab dem sich Kunstschaffende, VeranstalterInnen und Sponsoren von dieser Sondersituation beginnen werden zu erholen. Der niederländische DJ und Produzent Nthng hatte sein zweites Album bereits in der Pipeline, noch bevor sich die aktuelle Situation international ausweiten konnte. Auch er hatte sich den Rollout zu seinem Debütnachfolger wohl anders vorgestellt. Nur eingeschränkt erscheinen neue Platten derzeit im regulären Promo- und Release-Rhythmus. An eine anzuschließende Clubtour ist nicht zu denken. 'Hypnotherapy' landete zudem Wochen vor dem Veröffentlichungstermin als Leak im Internet. Wie ist das Album als Kunstwerk davon betroffen?

Zwischen dem Erstling 'It Never Ends' und der vorliegenden zweiten Platte liegen drei Jahre, außerdem mit Transatlantic eine Labelgründung und eine Handvoll 12-Inch-Veröffentlichungen. Einige Zeit also, die eigene Formel stilistisch ein wenig zu justieren. Nicht ganz unerheblich ist zu erwähnen, wie fast exponentiell Lobster Theremin als Label seit Veröffentlichung des Nthng-Debüts gewachsen ist. Das Album überraschte durch dynamisch weite Flächen, die von Dub bis Ambient Techno ein wenig an die Giegling-Handschrift erinnerten. Das klang manchmal recht reduziert, dabei aber stets wuchtig. Auch 'Hypnotherapy' ist grundsätzlich immer noch ein Nthng-Album, allerdings mit ein wenig mehr Varianz untersetzt.

Die Platte eröffnet kurios mit dem Stück '50 Flower'. Der recht spacige Opener wirkt weit und offen und deutet auf mögliche folgende Ambient-Experimente hin. Auffallend ist dabei das Sample aus dem Intro-Skit zwischen 50 Cent und Lloyd Banks in 'Many Men (Wish Death)'. Der Schnipsel hat an dieser Stelle definitiv Meme-Charakter, wirkt dadurch sehr ironisch und relativiert ein wenig die eigens kreierte Stimmung. Spinnt man das noch etwas weiter, stellt sich natürlich auch die Frage, ob Ambient im Allgemeinen überhaupt Humor und in diesem Falle eine spezielle Art von Humor zulassen darf oder gar benötigt.

Auch auf dem zweiten Track 'I Just Am' zitiert Nthng aus der Popkultur. Hallig verklingt die rhetorische Frage 'Sho you right, huh?'. Wiederholt tauchen einzelne Vocal-Cuts aus dem David-Morales-Mix zu 'So Emotional' von Whitney Houston auf und verteilen sich in einem zu Anfang recht dubbigen aber zügig entwickelnden Techno-Gerüst. Auf 'Heitt' wird Nthng spürbar härter, zieht an der Temposchraube und erreicht mit knapp 140 bpm im fixeren Peak-Time-Bereich die Grenze zu Trance. Es wird durchaus klar, dass sich Nthng auf dem Album weniger um Stringenz als um passig anspielbare Einzeltracks sorgt.

Im Stück 'Beautiful Love' erreicht Nthng einen hauchzarten meditativen Moment. Klare schwebende Strukturen, die aber nicht zu lange aushallen dürfen. Auf dem Schlusspunkt der D-Seite tauchen noch mal ähnliche Klangmuster auf. Hier fliegen einzelne verzerrte Samples von Scarlett Johanssons Figur Samantha aus dem Spike-Jonze-Film 'Her' umher. Man muss sagen, Nthng scheint dabei wohl nicht ganz unbeeinflusst vom Skwiggs-Track 'Accomplished System' gewesen zu sein. Auch auf dem Titeltrack 'Hypnotherapy' wird die Inspirationsquelle deutlich. Die verfremdeten Vogelgeräusche erinnern an Tangerine Dreams 'Movements Of A Visionary'. Wer sich die Digitalvariante des Albums zuführt, erhält mit dem transzendentalen Stück 'And Then There Was A Light' einen bereits bekannten Track aus dem Mega3000-Mix.

Man muss konstatieren: Als typisches Lobster-Theremin-Release bedient sich Nthngs Debütnachfolger häufig an popkulturellen Verweisen. Das ist an dieser Stelle weniger kritisch anzumerken als neutral herauszustellen. Vielmehr aber erklärt sich darüber die Arbeitsweise, wie Nthng Stücke entstehen lässt. Auf 'Hypnotherapy' hat er sich mehr als üblich getraut, vielleicht hier auch ein wenig seine stilistischen Experimente der letzten Jahre verewigen wollen. Für manche Geschmäcker vermisst dieses Album aber manchmal die Konzeption von 'It Never Ends'. Weil gerade alles irgendwie pausiert, hat wohl auch der vorzeitige Leak wenig Schaden anrichten können. Es muss sich zuletzt nur noch gefragt werden: Was lässt sich damit jetzt eigentlich anfangen?

'Hypnotherapy' erschien am 24. April auf Lobster Theremin.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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