Test: Behringer System 100 / Eurorack Modularsynthesizer

Test: Behringer System 100 / Eurorack Modularsynthesizer

Tests.11. Februar 2022

Im Synth-Angebot von Behringer sind Modular-Fans, abgesehen vom halbmodularen Neutron, bisher eher leer ausgegangen. Mit der Ankündigung zweier kompletter Systeme sowie mehrerer Cases soll sich das ändern. Unter anderem stehen 13 Module auf dem Plan, die sich am Roland System 100 orientieren und einen kostengünstigen Einstieg in die Eurorack-Welt versprechen. Die ersten sechs Module dieser Reihe stehen nun in Form des Behringer System 100 zur Verfügung und wurden von uns auf Herz und Nieren getestet.

Allgemeiner Überblick

Zunächst einmal zum Lieferumfang des Behringer System 100, der bei allen Bausteinen ähnlich ist. Jedes Modul misst in der Breite 16 TE (Teileinheiten), also circa acht Zentimeter, und kommt in einem kleinen Karton, wie man ihn vom Design her auch schon von den bisherigen Behringer-Synths kennt. Darin befindet sich neben dem eigentlichen Modul ein kleiner Zettel, der als Bedienungsanleitung und Installationshilfe dient. Außerdem gehört ein Stromkabel zum Lieferumfang, mit dem sich die Elemente in ein bestehendes System einbauen lassen. Hierfür wird noch ein Case mit entsprechendem Netzteil benötigt.

Eurorack Go

Apropos Case: Auch hier bietet Behringer mehrere Alternativen in verschiedenen Größenordnungen an. In unserem Fall handelt es sich um das Eurorack Go Case, das mit 2 Reihen à 140 TE auch für größere Modularsysteme ordentlich Platz bietet und darüber hinaus schon über ein leistungsstarkes Netzteil verfügt. Das Gehäuse kann über einen integrierten Standfuß ergonomisch günstig aufgestellt werden und lässt sich mithilfe einer eingelassenen Griffmulde komfortabel transportieren. Leider ist das Eurorack Go permanent offen und eignet sich somit weniger als roadtaugliche Lösung für unterwegs. Wer gerne mit seinem System verreist oder live spielt, sollte sich also lieber woanders umschauen.

Behringer System 100 Eurorack.

Modul 112 Dual VCO

Kommen wir nun endlich zum Hauptaugenmerk dieses Tests: Den Modulen des Behringer System 100. Wir werden dabei Stück für Stück die einzelnen Elemente betrachten und anhand dessen eine übliche Synth-Stimme aufbauen.

Den Anfang macht der VCO, der beim Behringer System 100 in zweifacher Ausführung vorhanden ist. Die Ausstattung gestaltet sich bei beiden Oszillatoren genau gleich: Zur Verfügung stehen die Wellenformen Dreieck, Sägezahn und Rechteck, letztere mit variabler Pulsweite. Die Range reicht von 32' bis 2' und deckt somit in Verbindung mit dem Pitch-Regler einen großen Tonhöhenbereich ab. Komplettiert wird das Angebot durch die Möglichkeit, die beiden Oszillatoren in zwei verschiedenen Modi zu synchronisieren. Damit man bei der Barrage an Reglern und Klinkenbuchsen nicht die Übersicht verliert, besitzt der VCO - wie auch alle anderen Module - kleine Pfeile und Beschriftungen, die den Signalfluss schön veranschaulichen. So sollten sich auch Modular-Neulinge recht schnell am Gerät zurechtfinden.

Am unteren Ende des Moduls finden sich jeweils drei Modulationseingänge, um zum Beispiel ein CV-fähiges Keyboard anzuschließen. Leider gibt es keine Möglichkeit, beide VCOs mit einem Eingang zu kontrollieren. So muss das Signal vorher aufgesplittet werden, wenn beide Oszillatoren gleichzeitig von einer Quelle angesteuert werden sollen. Hat man aber erst einmal alles verkabelt, wird man dafür mit einem herrlich fetten Klang belohnt. Die VCOs klingen vor allem zusammen klasse, auch ohne den Einsatz von PWM oder Sync bringt die analoge Bauweise ordentlich Bewegung in den Sound. Natürlich lassen sich die Oszillatoren nicht exakt auf den Cent genau stimmen, und beim Spiel über mehr als zwei Oktaven muss auch immer mal wieder ein wenig nachjustiert werden.

Das macht aber auch die Lebendigkeit eines solchen Instrumentes aus und lässt sich auf digitale Weise nur schwer simulieren. Allerdings sollte man besonders beim Stimmen eine ruhige Hand haben, da die Regler teilweise sehr empfindlich reagieren, was durch die kleine Größe noch verstärkt wird. Dieses Problem liegt aber größtenteils am Eurorack-Formfaktor und betrifft nicht nur die Behringer-Module im Speziellen. Mit ein wenig Eingewöhnungszeit und Feingefühl lässt es sich dennoch ordentlich arbeiten.

Behringer System 100 112 VCO.

Modul 121 Dual VCF

Als Nächstes kommen wir zum Filter, von dem wieder zwei baugleiche Exemplare in einem Modul zusammengeführt wurden. Auf jeder Seite befindet sich ein 24 dB Tiefpassfilter mit einstellbarer Resonanz und eine simplere Hochpass-Variante, die sich in drei verschiedenen Stufen einsetzen lässt, um den Klang etwas auszudünnen. Dazu gesellen sich, wie auch schon beim VCO, drei Modulationseingänge, während Audiosignale über insgesamt sechs Eingänge und vier Ausgänge zusammengeführt beziehungsweise aufgesplittet werden können. Die Filter klingen erwartungsgemäß schön warm und können bei Bedarf auch hervorragend zwitschern. Dabei wird das Signal bei zunehmender Resonanz merklich leiser, was aber bauartbedingt ist und keinen Fehler des Moduls darstellt. Wer viel mit analogen Filtern arbeitet, kennt dieses Problem bereits und justiert den Pegel je nach Situation einfach etwas nach.

Behringer System 100 121 VCF.

Modul 130 Dual VCA

Zur Verstärkung des Signals beherbergt das Modul 130 zwei VCAs, die nach bekannter Manier durch jeweils drei Audio- sowie Modulationseingänge ins Behringer System 100 eingebunden werden. Per Initial Gain lassen sich die Verstärker permanent und ohne Zutun von Hüllkurven öffnen, die dafür zuständigen Regler arbeiten wahlweise linear oder exponentiell. Dadurch erklingt der Ton durchgehend, was sich besonders für Drones oder auch zum Soundbasteln mit beiden Händen eignet. Als Audioausgang finden sich pro Verstärker zwei Buchsen im Miniklinken-Format, jeweils für hohen und niedrigen Pegel. Das Signal lässt sich also problemlos gleichermaßen an Interfaces, Mischpulte oder auch Effektpedale weiterleiten.

Behringer System 100 130 VCA.

Modul 140 Dual Envelope/LFO

Zu einem vollwertigen Eurorack-System gehören natürlich auch ausgiebige Modulationsmöglichkeiten. Zu diesem Zweck bietet Behringer gleich zwei Module an, die dem Klang Bewegung verleihen. Zunächst wäre da der Dual Envelope/LFO. Wie der Name bereits vermuten lässt, finden wir hier zwei separate ADSR-Hüllkurven, deren Parameter mithilfe von Schiebereglern eingestellt werden. Die so entstehende Modulation lässt sich über jeweils drei CV-Ausgänge entweder normal oder invertiert auf verschiedene Parameter, zum Beispiel Lautstärke oder Filterfrequenz, anwenden. Ausgelöst werden die Envelopes mittels Gate-Eingang oder aber manuell per Knopfdruck. Des Weiteren beinhaltet das Modul einen LFO mit den Wellenformen Sinus, Dreieck, Rechteck sowie Sägezahn in aufsteigender und abfallender Variante.

Die Geschwindigkeit kann in drei verschiedenen Bereichen gewählt und per Fader feinjustiert werden. Leider kommt der LFO selbst im High-Modus nicht ganz in den Audiobereich, FM-Klänge sind also zum Beispiel nicht drin. Zwar lässt sich hierfür dank der modularen Bauweise immer auch ein VCO verwenden, der fehlt dann aber vielleicht an anderer Stelle. Abgesehen davon ist der verbaute LFO mit seinen CV-Eingängen für Frequenz und Trigger jedoch sehr vielseitig, zumal er, wie auch die Envelopes, getrennte Ausgänge für das normale sowie invertierte Signal besitzt.

Behringer System 100 140 Envelope.

Modul 150 Ring Mod/Noise/S&H/LFO

Für experimentelle Klänge und Bleeps ist das Modul 150 geradezu prädestiniert. Hier finden wir zunächst einen weiteren LFO, den wir schon vom Hüllkurvengenerator kennen. Der verbaute Ringmodulator ist von Werk aus mit Noise und LFO vorverdrahtet, Träger und Signal lassen sich aber über Patch-Verbindungen beliebig austauschen. Nutzt man zum Beispiel VCO 2 als Träger und moduliert damit VCO 1, entstehen schnell die bekannten Glocken-Sounds. Das ist vor allem in Verbindung mit der Frequenzmodulation des Trägers beeindruckend und eignet sich hervorragend für Effekte und atmosphärische Klanglandschaften. Erweitert wird die Palette durch einen Noise Generator.

Dieser bietet jeweils zwei Ausgänge für weißes und rosa Rauschen und wird beispielsweise für perkussive Klänge oder Meeresrauschen verwendet. Natürlich darf auch eine Sample & Hold-Funktion nicht fehlen. Als Eingangssignal wird zwischen Noise, LFO und einer externen Quelle gewählt. Die Clock lässt sich ebenfalls extern syncen, ansonsten werden Geschwindigkeit und Lag Time (für weiche Übergänge zwischen den einzelnen Werten) mit zwei Fadern eingestellt. Filtergeblubber und Computer-Sounds sind damit die einfachste Übung, im Verbund mit externen Signalen können aber auch schnell rhythmische Patterns entstehen, die sich ständig verändern.

Behringer System 100 150 Ring Mod.

Modul 173 Quad Gate/Multiples

Zu guter Letzt kommen wir zu einem Modul, das auf den ersten Blick nicht sonderlich spannend wirkt, die klanglichen Möglichkeiten aber stark erweitert und deshalb in keinem System fehlen darf. Da wären zunächst die sechs Multiples, mit deren Hilfe einkommende Signale vervielfacht oder zusammengeführt werden können. Das ist alleine schon notwendig, wenn zwei Oszillatoren von derselben CV-Quelle angesteuert werden sollen, auf dieselbe Weise lassen sich aber zum Beispiel auch LFOs und andere Modulationsquellen auf mehrere Ziele verteilen.

In einem Modular-Synth, in dem jede Verbindung erst verkabelt werden muss, sind solche Utility-Tools unverzichtbar für aufwendigere Patches. Weitere kreative Möglichkeiten bieten sich durch die Quad Gates. Diese nehmen eingehende Signale und erzeugen daraus Trigger, die anschließend entweder normal oder invertiert an andere Module geschickt werden. So lassen sich etwa rhythmische Muster zwischen zwei komplett unterschiedlichen Sounds realisieren, die immer abwechselnd erklingen. Dadurch ergeben sich vor allem in Verbindung mit einem externen Sequenzer ungeahnte Möglichkeiten.

Behringer System 100 173 Multiple.

Fazit

Mit dem System 100 hat Behringer die Zeichen der Zeit erkannt und die vorhandene Produktpalette perfekt erweitert. Das Eurorack-Format erfreut sich immer größerer Beliebtheit, viele Interessenten schrecken allerdings vor dem hohen Einstiegspreis zurück. Gerade diese Zielgruppe wird sich über die Möglichkeit freuen, für (relativ) wenig Geld in die Modular-Welt einzusteigen und sich mit dieser spannenden Syntheseform vertraut zu machen. Aber auch Patch-Veteranen kriegen hier einiges geboten. Sowohl Klang als auch Verarbeitung sind tadellos und lassen absolut kein „billig“-Feeling aufkommen. Auch einzeln betrachtet sind die verschiedenen Module eine sinnvolle Ergänzung für viele Systeme, und durch die teilweise doppelte Ausführung lassen sich die Bausteine äußerst flexibel nutzen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch die restlichen Module bald veröffentlicht werden und der hier gezeigte hohe Standard beibehalten wird. Dann steht dem System 100 nichts mehr im Wege, auch auf lange Sicht zum Klassiker zu werden.

Pro

Authentischer Analog-Sound
Flexible, umfangreiche Module
Gute Verarbeitung

Kontra

Teilweise sehr sensible Regler

Preis:

679,00 EUR

Weitere Informationen gibt es auf der Website von Behringer.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit 112 Dual VCO, 121 Dual VCF, 130 Dual VCA, 140 Dual Envelope/LFO, 150 Ring Mod/Noise/S&H/LFO, 173 Quad Gate/Multiples, Behringer, Eurorack, Eurorack Go, Modularsystem, System 100

Geschrieben von:
Niko Giortsios