Test: Korg Wavestate / Wave Sequencing Synthesizer

Test: Korg Wavestate / Wave Sequencing Synthesizer

Tests 2. Mai 2020

Es sind wahrlich rosige Zeiten für Fans von analogen Synthesizern. Durch unzählige Nachbauten und Neuentwicklungen bietet der Markt mittlerweile für wirklich jeden Geschmack und Geldbeutel mindestens ein passendes Gerät. Umso erstaunlicher, dass das Angebot an neuen digitalen Klangerzeugern doch recht überschaubar ist, zumal bestimmte Exemplare aus den 80ern und 90ern auf dem Gebrauchtmarkt schon ähnliche Preistendenzen zeigen wie ihre analogen Vorgänger vor ein paar Jahren. Bei Korg hat man offensichtlich die Zeichen der Zeit erkannt und bietet mit dem Wavestate einen Synth, der sich mit Wave Sequencing und Vector Synthese in der Tradition der legendären Wavestation sieht, dabei aber eine einfachere Bedienung und frische neue Sounds verspricht.

Interface und Anschlüsse

Der erste Anblick des Wavestate weckt auf jeden Fall Interesse. Anders als bei der Wavestation gibt es hier eine Menge Drehregler und Spielhilfen, die auf freudiges Herumschrauben hoffen lassen. Auf den zweiten Blick fallen dann allerdings die vielen Druckknöpfe und das kleine Display auf. Ganz ohne Menüs wird's also wohl doch nicht gehen. Im Vergleich zu einem einfachen analogen Mono Synth kann das Layout schon etwas einschüchternd wirken, das lässt sich aber bei dem Funktionsumfang schwer vermeiden. Dafür ist der Wavestate mit seinen 565 x 92 x 388 mm schön kompakt und vor allem mit 2,9 Kilogramm leicht.

Zwar besteht das Gehäuse komplett aus Kunststoff, dieser macht aber einen recht stabilen Eindruck. Alle Regler und Taster arbeiten einwandfrei und besitzen eine angenehme Haptik, und auch die 37 anschlagdynamischen Full-Size-Tasten fühlen sich wertig an. Eine Desktopversion wäre noch eine gute Ergänzung, da sich die zugrundeliegende Syntheseform zum Beispiel besonders für orchestrale Klanglandschaften und Split-Sounds eignet, die von einer größeren Tastatur profitieren würden. Hoffentlich wird in Zukunft noch ein entsprechendes Modell nachgereicht.

Anschlussseitig gibt es keine großen Überraschungen: Das Audiosignal wird wahlweise Mono oder Stereo über zwei große Klinkenbuchsen ausgegeben, daneben befindet sich noch ein separater Kopfhörerausgang, ebenfalls im 6,3mm-Format. Die MIDI-Kommunikation erfolgt über zwei DIN-Buchsen sowie eine USB-Schnittstelle. Letztere lässt sich nicht zur Stromversorgung nutzen, hierfür gibt es einen eigenen Netzteilanschluss, das passende Netzteil ist im Lieferumfang enthalten. Komplettiert wird das Angebot durch einen Damper-Eingang, an den sich handelsübliche Sustain Pedale anschließen lassen.

Korg Wavestate Anschlüsse.

Wave Sequencing

Bevor wir uns konkret mit der Klangerzeugung des Wavestate befassen, sollten wir kurz erklären, was die Begriffe Wave Sequencing und Vector Synthese überhaupt bedeuten und wie sich diese Syntheseformen entwickelt haben:

Die Geschichte beginnt in den späten 1980er Jahren. Aufgrund von immer größer werdenden Rechenleistungen und Speicherkapazitäten gehen einige Synthesizer-Hersteller allmählich dazu über, Wellenformen als kurze PCM Samples in ihren Instrumenten zu implementieren. Dadurch können zum einen die Baukosten gesenkt werden, zum anderen stehen nun wesentlich komplexere Grundklänge zur Verfügung, die mit simplen analogen Möglichkeiten nicht realisierbar sind. Mit dem Erscheinen der Wavestation im Jahre 1990 erweitert Korg diese Art der Klangsynthese durch die Möglichkeit, eine Sequenz aus mehreren Samples zusammenzustellen, die in einer bestimmten Reihenfolge durchlaufen werden und den Klang so mit der Zeit verändern.

Das Ergebnis reicht von abgehackten, rhythmischen Läufen bis hin zu sich langsam entfaltenden Klangteppichen. Dabei können bis zu vier Sequenzen zu einem Sound zusammengeführt werden, was die Möglichkeiten noch einmal potenziert. Allerdings lassen sich die so entstandenen Patches aufgrund ihrer Komplexität nur schwer während einer Performance editieren, zumal die Synthesizer dieser Zeit eh kaum über Drehregler oder andere Spielhilfen verfügen. Um dem Nutzer dennoch etwas dynamische Kontrolle über die Klänge zu geben, bedient man sich eines kleinen Joysticks, mit dem stufenlos zwischen den Wave Sequenzen überblendet werden kann.

Der Begriff Vector Synthese bezieht sich also weniger auf die Klangerzeugung an sich, sondern vielmehr auf die Manipulationsmöglichkeiten. Zwar hat Korg dieses Konzept nicht erfunden, in Verbindung mit der großen Anzahl an verfügbaren Wellenformen und den tiefgreifenden Einstellmöglichkeiten gilt die Wavestation dennoch als revolutionärer Meilenstein der Synthesizer-Geschichte und wird auch heute noch unter anderem für atmosphärische Ambient Sounds und abgefahrene Effekt-Kulissen verwendet.

Aufbau

Begeben wir uns nun wieder zurück in die Gegenwart und schauen uns einmal an, wie die Sounds des Wavestate strukturell aufgebaut sind. An unterster Stelle steht ein PROGRAM, bestehend aus einer Wave Sequenz oder einem Multisample, bekannten Synth-Bausteinen wie Filter, Amp, Hüllkurven und LFOs sowie drei Audioeffekt-Slots. (Pre FX, Mod FX und Delay). Das Ganze wird in verschiedene Noten- sowie Anschlagsbereiche aufgeteilt, bei Bedarf durch einen Arpeggiator kontrolliert und bildet somit einen LAYER, von denen wiederum bis zu vier zu einer PERFORMANCE zusammengelegt werden. Die Performance ist sozusagen das fertige Preset, in dem alle Änderungen gespeichert werden. Hier lassen sich globale Parameter wie Geschwindigkeit und Lautstärke sowie zwei Master Effekte (EQ und Reverb) einstellen.

Lanes, Sample Library

Das Herzstück des Synths sind natürlich die Wave Sequenzen. Während diese bei der Wavestation noch in relativ starren Mustern abgespult wurden, gibt es nun sieben verschiedene LANES, die jeweils auf einen Parameter Einfluss haben und unabhängig voneinander laufen. Jede Lane besteht aus bis zu 64 Steps und besitzt frei wählbare Start-, End- und Loop-Punkte. Anhand von Presets bietet sich die Wahl aus verschiedenen Patterns, die anschließend manuell angepasst werden können. In der Praxis sieht das zum Beispiel so aus, dass per Pitch Lane eine bestimmte Tonabfolge programmiert wird, die sich alle acht Steps wiederholt. Währenddessen verändert sich das abgespielte Sample in einem Pattern, das nur sechs Steps lang ist.

Daraus entstehen komplexe Kombinationen von Sounds, die sich ständig weiterentwickeln und gegenseitig beeinflussen. Neben Tonhöhe und Sample lassen sich auf diese Weise die Parameter Timing, Shape, Gate und Step Sequencing kontrollieren. Letzteres arbeitet in Verbindung mit der internen Modulationsmatrix, mit der wir uns später noch genauer beschäftigen werden.

Die Master Lane dient wiederum zur Synchronisation aller anderen Sequenzen. Nach Ablauf einer bestimmten Zeit können so sämtliche Lanes wieder auf ihren jeweiligen Anfangspunkt zurückgesetzt werden. Natürlich steht dieses System für jede der bis zu vier Ebenen einer Performance zur Verfügung. Es wird also schnell deutlich, wie viel leistungsfähiger der Wavestate im Vergleich zu seinem Vorgänger ist. Korg bezeichnet diese Evolution als "Wave Sequencing 2.0".

Das nötige Klangmaterial kommt in Form einer schier endlosen Anzahl an PCM Samples. Darunter befinden sich unter anderem etliche Nachbildungen akustischer Instrumente (zum Beispiel Pianos, Orgeln, Gitarren, Percussion), analoge sowie digitale Wellenformen oder auch die originalen Wavestation-Klänge. Das Angebot ist so umfassend, dass man am Anfang schon fast davon erschlagen wird. Zwar lässt sich die Auswahl nach Kategorien filtern und sortieren, dennoch gestaltet sich die gezielte Suche durch den kleinen Bildschirm nicht immer einfach.

Des Weiteren lassen sich leider keine eigenen Samples auf das Gerät laden. In den meisten Fällen sollte man aber unter den gebotenen Klängen fündig werden, zumal diese auch nur das rohe Ausgangsmaterial bilden und im weiteren Verlauf noch stark bearbeitet werden können.

Filter

Die älteren digitalen Synthesizer sind generell nicht unbedingt für ihre leistungsstarken Filter bekannt. Tatsächlich hatte die Wavestation lediglich ein resonanzloses Tiefpassfilter verbaut, das eher für subtile Klangkorrekturen vorgesehen war. Das Obertonverhalten wurde stattdessen vorrangig auf der Oszillatorebene kontrolliert. Umso erfreulicher, dass dem Wavestate eine umfangreiche Filtersektion spendiert wurde, mit der sich das Signal ordentlich in die Mangel nehmen lässt.

Neben generischen Hochpass-, Tiefpass- und Bandpassvarianten mit unterschiedlicher Flankensteilheit finden sich hier auch Filternachbildungen vom Polysix sowie vom MS-20. Zwar klingen diese nicht ganz so aggressiv und fett wie ihre analogen Vorbilder, sie sind aber trotzdem eine nette Ergänzung der Klangpalette. So kann man dem Korg sogar den ein oder anderen Vintage-Sound entlocken, den man von diesem Gerät sonst gar nicht erwartet hätte.

Korg Wavestate von oben.

Modulationen

Ein weiteres nützliches Feature, das sich der Wavestate von seinen analogen Kollegen abgeguckt hat, ist die Modulationssektion. Da wären zunächst einmal drei ADSR-Hüllkurven pro Layer, die jeweils auf Filterfrequenz, Lautstärke und Tonhöhe einwirken. Die einzelnen Phasen können bei Bedarf bis zu neunzig Sekunden lang sein und lassen insofern keine Wünsche offen. Außerdem besitzt jede Ebene vier LFOs mit den voreingestellten Modulationszielen Filter, Amp, Pitch und Pan. Auch hier ist der Regelbereich für die Geschwindigkeit recht großzügig gewählt, für Audio Rate-Modulationen reicht es aber leider nicht ganz. Dafür stehen 19 verschiedene Wellenformen zur Verfügung, darunter sechs verschiedene Zufallsvariationen.

Zugegeben, bis jetzt ist das alles noch Standardkost. Und genau da kommt die Modulationsmatrix ins Spiel. So ziemlich jeder Parameter des Synths kann durch eine Vielzahl von Modulatoren und Controllern beeinflusst werden. Dazu zählen unter anderem die LFOs, Hüllkurven, Mod Wheel, der Vector-Joystick, externe MIDI-Controller und die acht weißen Mod Knobs, die wahlweise auf die ganze Performance oder einen einzelnen Layer wirken. Des Weiteren lässt sich die Step Sequence Lane ebenfalls als Quelle nutzen, wodurch Modulationsmatrix und Wave Sequencing miteinander verzahnt werden. Ambitionierte Soundtüftler, die bereit sind, sich mit diesem komplexen System auseinanderzusetzen, finden hier eine wahre Goldgrube neuartiger Klänge.

Vector Envelope

Wie bereits erwähnt, ist der Vector-Joystick ein expressives Tool, um die vier Teilsounds dynamisch miteinander zu vermischen. Je nach Position auf der X- und Y-Achse verändern sich die relativen Lautstärken der verschiedenen Ebenen. Da sich die einzelnen Layer teilweise stark voneinander unterscheiden, kann das mitunter zu dramatischen Ergebnissen führen. Zum Beispiel wenn rhythmische oder atonale Elemente mit weichen Sounds verbunden werden.

Der Joystick lässt sich darüber hinaus automatisieren, wodurch er quasi die Rolle einer intuitiv bedienbaren Modulationsquelle einnimmt. Dazu wird die Bewegung des Joysticks aufgenommen und zum Beispiel beim nächsten Tastendruck automatisch wiederholt. Wie bei einer herkömmlichen Hüllkurve kann diese Bewegung in ihrer Geschwindigkeit reguliert und geloopt werden. Letzteres ähnelt der Funktion eines LFOs. In Verbindung mit der Modulationsmatrix können so die verschiedensten Parameter beeinflusst werden.

Auch wenn die Vektorsynthese keine wirklich neue Art der Klangerzeugung ist und die Ergebnisse vielleicht auch auf anderen Wegen realisiert werden können, tragen die organische Herangehensweise und die intuitive Haptik des Joysticks doch maßgeblich zum Charme des Synths bei. Man sollte dieses Feature also keinesfalls vernachlässigen, wenn man den Wavestate voll und ganz nutzen will.

Fazit

Mit dem Wavestate ist es Korg gelungen, ein altbekanntes Konzept konsequent weiterzuentwickeln und auf den technischen Stand der Dinge zu bringen. Der üppige Funktionsumfang und die hohe Klangqualität sind über jeden Zweifel erhaben und dürften bei vielen Fans digitaler Synthesizer für Begeisterung sorgen. Leider ist die Stärke des Wave Sequencing gleichzeitig seine große Schwäche: Anfänger werden mit der komplizierten Syntheseform ihre Schwierigkeiten haben und auch erfahrene Klangtüftler kommen nicht um ein intensives Studium der Gebrauchsanweisung herum. Zweifellos ist die Bedienung schon wesentlich zugänglicher als bei der alten Wavestation, aber die vielen Menüs, teilweise umständlichen Shift-Funktionen und das etwas kleine Display trüben den Spaß am Herumschrauben doch ein wenig. Man kann nur aufrichtig hoffen, dass der Wavestate nicht zur Preset-Schleuder verkommt, das wird dem Instrument nämlich alles andere als gerecht. Wer nicht vor der hohen Lernkurve zurückschreckt und bereit ist, sich auf das Gerät einzulassen, wird dafür mit einem der interessantesten und leistungsfähigsten Synths der letzten Zeit belohnt.

Pro

Moderner, frischer Sound
Viele Einstellmöglichkeiten
Große Auswahl an hochwertigen Samples

Kontra

Teilweise umständliche Bedienung
Kleines Display, viele Menüs
Keine Möglichkeit, eigene Samples zu nutzen

Preis:

769,00 EUR

Weitere Informationen gibt es auf der Website von Korg.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit korg , Synthesizer , Test , Wavestate , Wavestation

Geschrieben von:
Niko Giortsios

0 Kommentare zu "Test: Korg Wavestate / Wave Sequencing Synthesizer"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.