SoundCloud ist die Schnittstelle für DJs und Producer, welche Mixe oder eigene Tracks im Internet promoten wollen, oder die nach Austausch sowie Inspiration suchen. Auch für Musikhörer ist der Berliner Dienst eine wichtige Anlaufstelle. Es gibt nur ein Problem: SoundCloud findet seit Jahren nicht aus einer wirtschaftlichen Schieflage heraus und auch eine zukunftssichere Strategie ist für das Unternehmen kaum erkennbar. Für den Fall des Niedergangs von SoundCloud stellt sich daher die Frage nach Alternativen. Hier sind einige Vorschläge.

Der Fall Myspace

Tom war mein Freund. Mein erster virtueller Freund. Das Prinzip hatte man sich clever ausgedacht. Wer sich anmeldete, dem wurde unmittelbar darauf Tom zugeteilt. So hatte jeder sofort einen Freund im sozialen Netzwerk. Der "Place To Be" Mitte der Nullerjahre nannte sich Myspace - ein ähnlicher Ansatz wie später Facebook, jedoch mit Fokus auf Musik. Man konnte Songs online stellen und Kontakte knüpfen. Was in meinem Fall - als DJ und Home Producer - tatsächlich funktionierte. Ich bekam Kontakte zu einer Booking-Agentur und fand eine Menge Gleichgesinnter mit ähnlichem musikalischen Geschmack. Irgendwie ergaben sich sogar Remix-Aufträge und Releases auf Vinyl. Ein Hoch auf Tom, ein Hoch auf Myspace.

© Myspace

Dann kam Robert, voller Name: Robert Murdoch, dessen News Corporation Myspace für 580 Millionen US-Dollar kaufte. Im Gegensatz zu Tom, der auf unbekannte Künstler setzte, wollte Robert Mainstream und Multimedia. Um die Pointe vorwegzunehmen: die Strategie ging nicht auf. Myspace war nicht mehr mein Space. Schade um die knapp 1000 Follower, die ich gesammelt hatte. Dafür traf ich meine DJ-Freunde fortan bei SoundCloud.

SoundCloud gestern und heute

SoundCloud, dieses 2007 in Berlin gegründete Start-up, hatte genau das passende Pflaster für die Wunde, die das untergegangene Myspace hinterlassen hatte. Das Model: direkter Austausch zwischen Musikern inklusive Download-Option. Neben einzelnen Tracks konnte man auch längere Mixe online stellen - Ideal für DJs, ideal für Producer, ideal für Musikfreunde. Ein Hoch auf SoundCloud.

Nun lebt ein Netzwerk von Beteiligung. Wird diese höher, steigt die Aufmerksamkeit. Was für den Erfolg essentiell ist. Bald folgen der Aufmerksamkeit Investoren, die ein Spekulationsobjekt sehen, und schon ziehen professionelle Content-Anbieter nach, denen gerade aufgeht, dass das klassische Radio wegbricht. Und plötzlich merken sogar Rechteinhaber, dass man sich bisher gar nicht so richtig ums Recht gekümmert hat. In der frühen Phase wurden von SoundCloud unautorisierte Remixe oder Mash-ups sowie DJ-Mixe ohne offizielle Freigabe (das Einholen von Verwertungsrechten ist ein hochkompliziertes Unterfangen) geduldet. Ich behaupte, das war Teil der Erfolgsformel. Inzwischen hat sich einiges getan, Angefangen mit automatisierten Playlisten, über die Ankündigung der Integration in Traktor, Serato und Ko. und dem Schritt Richtung leichter zu lizensierender DJ-Sets und Remixe bis hin zur kleinen Sensation des Monetarisierungsprogramm SoundCloud Premier.

© SoundCloud

In der strategischen Ausrichtung versucht SoundCloud den Spagat zwischen einer Plattform für Musiker und einem Streaming-Dienst. Davon künden zum Beispiel Angebote wie das schon genannte "Premier Partner", bei dem man seine Musik zur Einnahmequelle machen kann. Demgegenüber steht "SoundCloud Go+", womit sich Hörgenuss ohne Werbeunterbrechung und Zugang zu "Premium Tracks" erkaufen lassen. Das dürfte ein Zugeständnis an die Investoren sein, welche die letzten Jahre Millionen Euro in das Unternehmen gepumpt haben. Das Ziel, schwarze Zahlen zu schreiben, liegt noch immer in weiter Ferne, SoundCloud arbeitet defizitär, ist in der Theorie aber Milliarden wert. Und hierin liegt die Gefahr, dass sich der Myspace-Effekt wiederholen könnte. Der Ablauf wäre ähnlich: Investor entdeck das Potential einer Plattform für eine Nischenzielgruppe. Mit Geld wird sich eingekauft und es werden Interessen durchgesetzt, die an denen der ursprünglichen Zielgruppe vorbeigehen. Die Zielgruppe sucht sich eine neues Spielfeld und von heute auf morgen wäre mit SoundCloud eine meiner liebsten Musikanlaufstellen weg. Was dann?

Die Alternative: Hearthis

Trotz der Domainendung '.at' kommt dieses Angebot aus Deutschland. Eine Audioplattform, die jetzt das sein könnte, was SoundCloud nach Myspace war - der Gewinner. Laut Eigenaussage ist Hearthis "Die beste SoundCloud Alternative im Netz". Das stimmt insofern, als dass man sich bei den Features und im Handling stark am Original orientiert hat. Es gibt sogar die Möglichkeit Tracks von SoundCloud zu importieren. Auch optisch ist es ein gewohntes Bild: Wave-Form-Darstellung des Files inklusive Artwork. Darunter die Möglichkeiten zu liken, zu sharen, zu kommentieren oder Tracks zu einem individuellen Set bzw. einer Playlist zusammenzufügen. Natürlich fehlt eine Download-Option nicht. Für die mobile Nutzung stehen Apps für Android und iOS zur Verfügung. Interessant und eine eigene Idee ist die Funktion "Map" - eine musikalische Suche nach Seelenverwandten - per Karte.

© Hearthis

Bei Hearthis ist es ebenfalls möglich, ein Set oder Track zu verkaufen. Das funktioniert unkomplizierter als bei SoundCloud und der frei wählbare Betrag fließt direkt auf ein angegebenes Paypal-Konto. Als Gebühr streicht Hearthis jeden zehnten Verkauf selbst ein. Zukunftsweisend ist "On Air", eine Streaming-Funktion, die derzeit im Beta-Status getestet wird.

Hearthis ist ohne Zweifel die am häufigsten genannte Alternative zu SoundCloud. Der Unterschied liegt in der Nutzung. SoundCloud ist stark frequentiert, bei Hearthis ist die Zahl der User sehr begrenzt. Dafür lassen sich hier Tracks oder Mixe uploaden, die es aus rechtlichen Gründen nicht auf einen SoundCloud Account schaffen. Was zu einer logischen Schlussfolgerung führt: Solange es SoundCloud in der jetzigen Form gibt, wird Hearthis nicht wachsen. Und wenn Hearthis durch Soundclouds Wegfall wachsen sollte, ist die weitere Entwicklung vorgezeichnet. Man erbt nicht nur die Nutzer, man erbt auch die Probleme. Hearthis wäre eine Übergangslösung. Da aber rechtliche Grundlagen fehlen ist es keine Alternative mit Zukunftsaussichten.

Der Spezialist für Mixe: Mixcloud

Wie der Name nahelegt, geht es um Mixe oder Podcasts. Schon seit einigen Jahren bietet Mixcloud einen Gegenentwurf zu SoundCloud. Der große Unterschied: Konzentration auf DJ-Mixe und Radioshows, statt auf einzelne Tracks. Und es gibt aus rechtlichen Gründen keine Download-Option. Diese beiden Punkte schmälern die Attraktivität des Angebotes, was sich in den User-Zahlen niederschlägt. Mixcloud hat eine gute Reichweite, hält dem Vergleich mit SoundCloud aber nicht stand.

© Mixcloud

Die Funktionsweise von Mixcloud ist simpel. Über eine zum Mix erstellte Tracklist (übrigens kompatibel mit den Playlists von Serato und Traktor) erfolgt eine Vergütung der Künstler, ähnlich wie bei einem Internetradio. Der britische Webdienst hat einen Lizenzdeal mit der RPS For Music. Diese wiederum hat ein Joint Venture mit der GEMA gestartet, woraus folgt, dass der Upload fremder Musik bei Mixcloud - im Gegensatz zum in der Grauzone operierenden SoundCloud - in Deutschland legal ist.

Der Basic Account (mit unbegrenztem Upload) ist kostenlos, allerdings auch mit Werbung zugekleistert, was beim Hören allerdings nicht stört. Werbefreiheit kostet 60 Euro im Jahr. Für einen Pro-Account mit Statistiken und individuellem Layout wären 99 Euro im Jahr zu berappen. Wer vorrangig Mixe mit der Welt teilen möchte, der ist hier richtig. Für mobile User stehen Apps für iOS und Android zur Verfügung.

Der Vertrieb für jedermann: Bandcamp

Die amerikanische Promotion-Plattform Bandcamp ist nicht direkt mit SoundCloud vergleichbar. Aber sie ist trotzdem eine interessante Option, die in den letzten Jahren auch bei Producern an Popularität gewonnen hat. So stolpere ich in letzter Zeit bei Bandcamp verstärkt über Releases, welche bei den üblichen Stores, wie Junodownload oder Beatport, noch nicht auftauchten. Das ist nachvollziehbar, geht doch bei Bandcamp der größte Anteil am Erlös direkt an den Künstler. Während SoundCloud und Hearthis bei der Monetarisierung von Musik nachgerüstet haben, basiert das Model von Bandcamp von Anfang an auf der Möglichkeit, mit Musik Einkünfte zu generieren. Auf einer individuellen Microseite kann man Tracks zum Download (oder auch als physische Edition) anbieten.

Der Download kann kostenfrei sein, gegen eine feste Bezahlung erfolgen, oder auch gegen eine durch den Käufer selbst bestimmte Summe erworben werden. Die Gratis-Downloads sind begrenzt, man kann allerdings das Kontingent gegen eine geringe Gebühr aufstocken. So man einen Track verkauft, streicht Bandcamp 15 % der Einnahmen ein. Der Fokus liegt nicht bei DJ-Mixen, die allerdings dennoch möglich sind, sondern bei einzelnen Tracks oder Alben. In Sachen Copyrights scheint Bandcamp eher lax, hier finden sich viele Edits oder Remixe, die der Algorithmus von SoundCloud ausschließen würde.

© Bandcamp

Bandcamp ist zu empfehlen, wenn man eigene Produktionen promoten und vermarkten möchte. Zudem ist es eine gute Wahl, um seinen Lieblingskünstler oder ein favorisiertes Label über Direktkäufe zu supporten. Für DJ-Mixe oder als Netzwerk ist Bandcamp nicht bzw. nur begrenzt geeignet. So gibt es z. B. nur minimale Möglichkeiten des Feedbacks. Etwas nervig ist die Bezahlung als Käufer. Fünf Tracks von fünf Künstlern ziehen auch fünf einzelne Zahlungen per PayPal nach sich. Das wird wohl Abrechnungsgründe haben, ist aber trotzdem unkomfortabel.

Nicht zu unterschätzen: YouTube

Im ersten Moment haben Youtube und SoundCloud wenig gemeinsam. Nimmt man aber die Nutzerzahlen zum Maßstab, ist YouTube eine gute Möglichkeit, Songs oder Mixe zu promoten, oder neue Musik zu finden. Da YouTube (noch) eine Plattform für Videos ist, muss man sich die Mühe machen, das Audio File wenigsten mit einem Bild zu versehen und als Video bereitzustellen. Zur Steigerung der Hörerschaft ist ein eigener Channel sinnvoll, was allerdings auch mit viel Fleiß verbunden ist. Aber auch ein einzelnes Video mit einem Mix oder einem Track kann es auf eine gigantische Anzahl an Views bringen. YouTube wird von vielen Menschen inzwischen als Radioersatz genutzt. Auf diese Entwicklung will YouTube mit der Einführung des Streaming-Angebots YouTube Music reagieren.

©YouTube

Fazit

Die Zahl der Angebote, die eine Alternative zu SoundCloud darstellen, ist so endlos wie vielfältig. Da gibt es Audiomack oder Reverbnation oder Orfium. Bevor man sich auf die Suche nach einer neuen, digitalen Heimat macht, sollte man sich klarwerden, was man erreichen möchte. Will man neue Musik kennenlernen? Oder Edits downloaden? Will man eigene Musik promoten oder sich in einer Community austauschen? Hat man Probleme mit rechtlichen Belangen oder will man einfach nur kostenlos Musik hören? Für all diese Punkte gibt es Spezialisten, die besser als SoundCloud sind. Dennoch vereint SoundCloud viele dieser Punkte. Somit bleibt festzuhalten, dass aktuell keine wirkliche Alternative zu SoundCloud in den Startlöchern steht. Und dann ist da noch die Sache mit den Followern. Meine Tracks kann ich zu Hearthis übertragen, meine 3000 Follower nicht. Ich drücke also die Daumen, dass es die nächsten Jahre nichts anderes als SoundCloud braucht.

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