Bruchstelle: Bandcamps neues Monopol — eine kritische Betrachtung

Bruchstelle: Bandcamps neues Monopol — eine kritische Betrachtung

Features 20. September 2020

Bandcamp wird als nischenfreundliche Alternative zu Streaming-Giganten wie Spotify und Co. gefeiert. Das allerdings beweist vor allem, wie niedrig die Maßstäbe angesetzt werden. Denn die Plattform birgt so ihre eigenen Problemchen und könnte MusikerInnen in Zukunft mehr schaden als nutzen. Bevor aus unabhängigen MusikerInnen Content-Fließbandmaschinen werden, braucht es dringend einen Dialog.

Ende Juli ging in den sozialen Netzwerken eines der seltenen Interviews mit Daniel Ek viral. Der Spotify-Gründer sprach mit der Plattform Music Ally über die - aus seiner Sicht - erfreulichen Zahlen für das zweite Quartal dieses ziemlich verflixten Jahres. Ein Auszug daraus sorgte für besonders viel Aufregung. Zwar könnten mittlerweile mehr KünstlerInnen von ihren Streaming-Einnahmen leben, räsonierte Ek, doch müssten sich alle den neuen Gegebenheiten anpassen: 'Some artists that used to do well in the past may not do well in this future landscape, where you can't record music once every three to four years and think that's going to be enough.' Die implizite Aussage: Wer heutzutage noch Kohle machen will, soll gefälligst in möglichst kurzen Abständen Musik, pardon, Content in den Äther schaufeln.

Die Wut über einen Mann, dessen Vermögen derzeit auf rund vier Milliarden US-Dollar geschätzt wird und auf dessen Plattformen ein Song durchschnittlich tausendmal gestreamt werden muss, damit sich davon auch nur ein Kaffee kaufen lässt, ist in jedem Fall verständlich. Recht hat er dennoch. Nicht nur in Bezug auf Spotify.

Das zeigte sich nur wenige Tage darauf. 'New release from XY', 'New from YZ: T-shirt', 'New message from ZZ: Hey there, as all of you should know by now...' Hunderttausende solcher E-Mails trudelten zwischen der Veröffentlichung des Interviews und dem ersten Augustfreitag in den Inboxen von Musikfans ein. Am Bandcamp Friday, an dem die Plattform auf ihre normalerweise erhobene Gebühr zugunsten der unter der Coronakrise leidenden MusikerInnen verzichtet, zeigte sich mehr als deutlich, dass auch die auf der Plattform vertretene angeblich unabhängige Musikkultur genau denselben Mechanismen unterworfen ist, wie sie Ek skizzierte: Alle schmeißen verzweifelt für einen Tag noch ein bisschen Content auf den Markt, um am Ende des Monats für die Miete geradestehen zu können. Und machen sich danach vermutlich sofort ans Werk, um für den nächsten Bandcamp Friday mit etwas Neuem aufwarten zu können.

Ungeachtet dieses sich neu formierenden und allemal vermeidbaren Zwangs wird die Plattform von der Presse, von MusikerInnen und Indie-Labels sowie immer mehr Fans als Fels in der Brandung gepriesen. Schon lange galt sie als sicherer Hafen für randständige Musik aus aller Welt, die regelmäßig im Fokus des im Jahr 2016 gestarteten In-Store-Magazines Bandcamp Daily gleichberechtigt neben größerem Indie-Gitarren-Gedengel stehen darf. Zunehmend wurde sie auch von größeren Labels und KünstlerInnen mit Mainstream-Anschluss verwendet, wie zuletzt von Björk kurz vor dem Juneteenth-Feiertag, zu dem das Unternehmen seine Gebühren an die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) weiterleitete.

Neben solchen sozial engagierten Benefizaktionen ist es vor allem der bis mindestens Ende 2020 laufende monatliche Bandcamp Friday, der dem Unternehmen aus Oakland in den letzten Monaten reißerisch positive Schlagzeilen verschafft hat. Bandcamp, das sind die "heroes of streaming", Bandcamp sei gar ein "anti-Spotify", so lautet der Duktus. Die einzige Plattform, die sich wirklich um die Belange der MusikerInnen sorgt, ihnen mittels Subskriptionsmodellen und Initiativen wie dem Bandcamp Friday ein Überleben ermöglichen will.

Daran ist definitiv nichts auszusetzen, denn die Bedürfnisse waren schon vorher groß und sind nun umso größer. Das Coronavirus hat eine bereits vorab schwer kränkelnde Industrie endgültig auf die Intensivstation verfrachtet. Vom Spotify-Star bis hin zu den kleinen Nummern des Undergrounds stützten sich alle bis zu Beginn der Pandemie hauptsächlich auf Live-Einnahmen, weil das Geschäft mit der eigentlichen Ware Musik, mit Tonträgern und Downloads, zur Nebensache geworden war. Die Musikindustrie hatte es im Laufe der zunehmenden Digitalisierung schlicht versäumt, neue Konzepte zu entwickeln, mit denen sich KreativarbeiterInnen mit ihrem Schaffen ihre täglichen Brötchen oder vielleicht noch etwas Aufstrich leisten können. Jetzt aber haben alle den Salat.

Aus dieser denkbar schlechten Ausgangslage heraus dankbar für Bandcamps bloße Existenz und den Einsatz des Unternehmens für die Grundsicherung von MusikerInnerndasein zu sein, versteht sich wie von selbst. Bandcamp scheint aktuell die beste Alternative oder zumindest das kleinste Übel im Handgemenge der Musikgiganten zu sein.

Doch sollten wir uns zugleich umso dringender mit all den Problemen auseinandersetzen, die die zunehmende Monopolisierung eines prekären Ökosystems durch einen im Underground-Kontext extrem großen internationalen Player wie Bandcamp mit sich bringt. Denn nein, das Spotify der Indie-Welt wird Bandcamp zum Glück nie werden. Es könnte aber zu einem Amazon werden, aus unabhängigen KünstlerInnen monatlich liefernde Content-Fließbandmaschinen machen und überdies noch E-Mailordern, Plattenläden, Presswerken und Vertrieben sowie zudem klassischen musikjournalistischen Publikationen den Rang ablaufen - das heißt seit Jahrzehnten für die internationale Szene essenzielle Infrastrukturen graduell ersetzen. Kann das im Sinne dieser Communitys sein, zu denen auch die MusikerInnen und Fans gehören? Wohl kaum.

Das System Bandcamp

Vor einer kritischen Auseinandersetzung mit dem System Bandcamp ist es zuerst wichtig, das Geschäftsmodell der im Jahr 2008 gestarteten Firma zu verstehen. Diese nahm als nahezu kongenialer Kompromiss zwischen der althergebrachten Funktionsweise der Musikindustrie und den neuen infrastrukturellen Möglichkeiten des aufkommenden Plattformkapitalismus ihren Anfang. Einzelpersonen, Bands und, seit der Einführung von Bandcamp For Labels im Jahr 2014, auch kleine Plattenfirmen können Bandcamp gleichzeitig als Vertriebs- und Promotion-Tool wie letztlich als Online-Store verwenden und direkt mit den Fans in Kontakt treten, ihnen Nachrichten zu schicken oder gar Feedback erhalten - was denen wiederum das Gefühl gibt, direkt involviert zu sein. Eine Art Online-Merch-Tisch also, und somit eine Win-Win-Situation für beide Seiten.

Und auch ein Gewinn für Bandcamp: Die Plattform streicht auf jeden Einkauf 15 % beziehungsweise ab einer erreichten Einkommensgrenze von 5000 US-Dollar 10 % der Verkäufe ein. Dazu fallen je nachdem noch Transaktionsgebühren für die Benutzung von vor allem PayPal an, die sich durchschnittlich auf weitere 3 % belaufen. Zusammengenommen maximal ein Fünftel der Einnahmen also, und auch wenn darauf für einzelne MusikerInnen noch Kosten wie etwa Steuern, Sozialabgaben oder Abgaben an wie auch immer beteiligte KünstlerInnen hinzukommen: Damit lässt sich in der Tat besser rechnen als mit Spotify-Schecks, und so klein der Kuchen auch scheint, zwacken sich keine Zwischenmänner ihre Krümel ab.

Nicht richtig ist es deshalb, dass Bandcamp oftmals als Streaming-Plattform beschrieben wird. Streaming, wie es von Netflix oder Spotify betrieben wird, basiert jedoch auf einer Art Mietprinzip: Gegen eine regelmäßige Abozahlung (wie bei Netflix der Fall) oder im Austausch gegen Werbeeinblendungen (wie es bei Spotify im Rahmen des sogenannten Freemium-Models alternativ zu einem Abo möglich ist) wird lediglich der Zugriff auf Files ermöglicht - dank einer ganzen Reihe an middle men, übrigens. Verkürzt gesagt: Sobald sich jemand von diesen Plattformen abmeldet, war's das mit dem Streamen. Wer sich aber bei Bandcamp abmeldet, kann die Files und Tonträger selbstverständlich behalten. Deswegen wohl bietet Bandcamp zwar ein Streaming-Feature auch für nicht erworbene Musik, jedoch keine der für Plattformen wie Spotify oder Apple Music so wichtigen Features wie Playlists an: Anders als im regulären Streaming soll Musik in den herkömmlichen Formaten - Singles und EPs, vor allem als Album - konsumiert, das heißt gekauft werden.

Deshalb auch gibt es bei Bandcamp für das Streaming allein keine Auszahlungen an die UrheberInnen und PerformerInnen, selbst nicht über Verwertungsgesellschaften wie beispielsweise die GEMA oder die GVL in Deutschland, die mittlerweile Deals mit Facebook oder YouTube für dort abgespielte Musik gemacht haben und so immerhin Tröpfchenzahlungen abdrücken. Nein, Bandcamp existiert in erster Linie, um einmalige Transaktionen zu ermöglichen, Musik in digitaler sowie jeder nur erdenklichen physischen Form wird ebenso wie Merch als blanke Ware angegeben. Das heißt eben auch, dass es in der Verantwortung der AnbieterInnen liegt, ihre Produkte gewinnbringend an ein Publikum zu bringen. Was gerade am Bandcamp Friday zu überfüllten Inboxes führt.

Zwar erlaubt die Plattform so den VerkäuferInnen von Musik mehr Kontrolle, mehr Flexibilität, mehr Freiheiten in vertrieblichen Angelegenheiten sowie damit mehr finanzielle Sicherheit, und ist als Geschäftsmodell de facto nischenfreundlicher als Spotify es je sein wird. Doch funktioniert das System Bandcamp nach denselben ökonomischen Prinzipien, wie sie seit der erstmaligen Kommodifizierung von Musik als geistiges Eigentum seit circa dem 16. Jahrhundert gang und gäbe sind. Und die haben sich im digitalen Umfeld schlicht als nicht nachhaltig erwiesen. Denn warum sonst ähneln die Resultate des System Bandcamps an jedem ersten Freitag im Monat so sehr dem, was Ek als Schicksal von MusikerInnen in der 'future landscape' sieht, in der sich Bandcamp eigentlich gar nicht verorten möchte?

Das Amazon der Indie-Welt?

Die pauschale Antwort auf diese Frage lautet, dass Bandcamp trotz seines freundlichen Auftretens immer noch ein kapitalistisches Unternehmen und deshalb dementsprechend strukturiert ist. In einem Guardian-Feature zeigte sich Gründer Ethan Diamond vor Kurzem noch perplex über das konstante Wachstum seiner Firma. Obwohl im selben Artikel ein Experte davor warnt, dass dieses immer begrenzt sein wird, zeigt sich daran allemal, dass die derzeitige Krise der Musikindustrie extrem profitabel für das Unternehmen ist. Und natürlich hat es ein Interesse daran, das voranzutreiben. Nur hat das Konsequenzen: Je mehr Menschen auf der Plattform ihre Produkte anbieten, desto größer wird der Konkurrenzdruck für alle und desto mehr festigt sich für ProduzentInnen ein Sachzwang, noch jedes aufgegebene Ableton-Projekt als Outtake zu veröffentlichen und das eigentlich längst verworfene T-Shirt-Design in ein Merch-Objekt zu verwandeln: Je größer die Konkurrenz, desto deutlicher der Handlungsdruck, aus der Masse hervorzustechen, um nicht komplett in der Content-Flut unterzugehen.

Ähnliche Mechaniken steuern auch Bandcamp, das sich als Unternehmen auf dem Markt nicht allein mit den Streaming-Giganten wie Spotify, Apple Music oder Deezer messen muss, sondern genauso in Konkurrenz zu Vertrieben, E-Mailordern und Plattenläden steht. Derweil es freischaffenden KünstlerInnen genauso wie Labels einen Anreiz bieten sollte, möglichst exklusiv über die Plattform ihre Waren zu verkaufen. Die Bandcamp Fridays stehen, ob gewollt oder nicht, genau in dieser Logik: Sie verschaffen der Plattform nicht nur kurzfristig einen aufmerksamkeitsökonomischen Vorteil, sondern regen auch MusikerInnen und Labels dazu an, ihre Geschäfte langfristig über Bandcamp abzuwickeln. Indem Bandcamp KonsumentIn und KünstlerIn zusammenbringt, funktioniert es nach recht ähnlichen Prinzipien wie jeder andere Online-Marketplace auch. Kurzum: Bandcamp könnte das Amazon der Indie-Welt werden - obwohl Diamond seine Firma natürlich lieber mit dem Community-orientierten DIY-Marketplace Etsy vergleicht.

Wie Amazon jedoch weitet Bandcamp seine Aktivitäten zunehmend aus. Anfang letzten Jahres eröffnete das Unternehmen in Oakland einen eigenen Plattenladen - zum Verkauf stehen immer nur 99 verschiedene Platten, die sich selbstverständlich exklusiv aus dem Bandcamp-Sortiment zusammenstellen - und erntete dafür viel Kritik von der von Gentrifikation betroffenen regionalen Community. Unbeirrt kündigte es wenige Monate später den Bandcamp Vinyl Pressing Service an: Eine Art Crowdfunding-System, in dessen Rahmen sich Bandcamp um die Pressung der Platten beim tschechischen Großpresswerk GZ Media und die anschließende Auslieferung der Endresultate kümmert.

Kleinere Presswerke, Vertriebe und letztlich auch Plattenläden werden durch diesen Schritt an den Rand gedrängt oder eher noch direkt übergangen. Ähnlich verhält es sich mit den vor Kurzem angekündigten Livestreams von Konzerten einzelner KünstlerInnen, die innovativ und durch ein Bezahlsystem im Sinne der KünstlerInnen gehalten sind, dabei allerdings individuelle MusikerInnen in den Vordergrund stellen und Venues weitgehend außer Acht lassen.

Zwar mag es durchaus richtig sein, dass das Festhalten an Institutionen wie diesen im Kern reaktionär ist, doch erfüllen insbesondere Plattenläden im regionalen Kontext immer auch eine wichtige subkulturelle und soziale Funktion, die aus Kunst ein Kommunikationsmittel anstatt eines reinen Konsumprodukts macht. Obwohl Bandcamp KünstlerIn und KonsumentIn direkt in Verbindung setzt: Wirkliche Communitys lassen sich so nicht aufbauen. Doch braucht es die gerade mehr denn je als Sicherheitsnetze für einzelne KünstlerInnen.

Ein anderes Bandcamp ist möglich

Der Erfolg von Bandcamp gerade im Jahr 2020 beweist immerhin, dass zumindest Teile der Fanbase für Musik jenseits des Mainstreams immer noch oder zunehmend wieder dazu bereit sind, Geld für Musik auszugeben, die lange Zeit als Gratis-Add-On für einen DSL-Anschluss betrachtet wurde. Denn auch wenn es sicherlich wahr ist, dass Kunst allen gehören und Musik von allen gehört werden sollte: Die Arbeit dahinter gehört entlohnt wie jede andere auch. Gerade deswegen sollten KünstlerInnen umdenken, sich dezidierter als ArbeiterInnen verstehen und als solche für ihre Rechte eintreten - und zwar organisiert, in Form von Gewerkschaften und anderen Zusammenschlüssen mit politischer Handlungsfähigkeit.

Ein anderes Bandcamp ist in jedem Fall möglich. MusikerInnen und Labels sollten sich mit dem Unternehmen zusammensetzen, um folgende Punkte zu klären: Ist es wirklich noch zeitgemäß, dass es für die reinen Streams weiterhin keine Entlohnung gibt, sondern nur für erfolgte Verkäufe? Wäre eventuell ein parallel existentes oder in die Plattform integriertes Streaming-Modell denkbar, wie es das Berliner Unternehmen Resonate - bislang noch ohne nennenswerten Erfolg - anbietet? Können die vereinzelten Benefiz-Freitage wirklich als nachhaltiges Modell die Existenzsicherung prekär arbeitender Menschen garantieren oder wäre nicht vielleicht eine allgemeine und dauerhafte Senkung der Gebühren viel angebrachter?

Ist es wirklich sinnvoll für die MusikerInnen - die eben nicht nur via Bandcamp, sondern auch genauso von klassischen Vertrieben, E-Mailordern und Plattenläden ihr Geld machen -, wenn Bandcamp sich anschickt, diese zu ersetzen? Sind nicht stattdessen Synergie-Effekte mit ihnen möglich? Lassen sich neben den vielen Mängeln hinsichtlich der Bedienbarkeit der Plattform nicht noch viele weitere administratorische Übel beheben, angefangen von steuerlichen Fragen bis hin zur Wahl der Bezahlsysteme? Denn auch dass die Plattform sich weitgehend auf PayPal verlässt, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack: Dass von dem Gros der Verkäufe an den Bandcamp Fridays und Juneteenth jeweils 3 % der Einnahmen an die vom rechten Hyperkapitalisten und Trump-Spender Peter Thiel gegründeten Firma gingen, steht dem sozialpolitischen Anspruch des Unternehmens diametral gegenüber.

Das Beispiel PayPal zeigt endgültig, dass Bandcamp eben nicht die große Ausnahmeerscheinung im digitalen Vertriebs- und Verkaufswesen für Musik ist, sondern genauso von den Widersprüchen des Kapitalismus durchdrungen wird wie jeder international agierende Konzern auch. Schuld daran sind weder Diamond noch seine MitarbeiterInnen. Aber der Unterschied liegt vor allem darin, dass Bandcamp sich fairer und transparenter als beispielsweise Spotify gibt. Das Katastrophenjahr 2020 sollte der Firma nun jedoch Anlass geben, diesen Anspruch zu reflektieren und ihre Zukunft den Wünschen und Bedürfnissen derjenigen anzupassen, ohne die es die Plattform nicht gäbe: den MusikerInnen.

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Amazon , Apple Music , Bandcamp , Bandcamp For Labels , Bandcamp Friday , Bandcamp Vinyl Pressing Service , Daniel Ek , Etsy , Facebook , GEMA , GVL , Kritik , Marketplace , Music Ally , Netflix , Online-Store , Paypal , Peter Thiel , Resonate , spotify , streaming , youtube

Geschrieben von:
Kristoffer Cornils

19 Kommentare zu "Bruchstelle: Bandcamps neues Monopol — eine kritische Betrachtung"

Peter Hock 20. September 2020 • 10:36 Uhr

Auch wenn ich mich sehr unbeliebt mache, ein paar Gegenargumente:

- Natürlich ist es bedauerlich das viele Künstler nicht mehr von alle paar Jahre einen Output leben können. Aber kleine Innenstadthändler beklagen auch Amazon. Wir müssen uns einfach damit abfinden, die Zeiten haben sich geändert, ein zurück gibt es nicht mehr

- Was ist besser? Das BandCamp es geschafft hat ein gewinnbringendes Business aufzubauen? Oder sollte BandCamp lieber pleite gehen und es keine Alternative zu Amazon oder Spotify geben? SoundCloud hätte z.B. so viele Möglichkeiten ähnlich wie BandCamp sich aufzustellen, aber sie verkacken einfach alles und die Investoren werden ihr Geld wohl nie wieder sehen.

- 20% Marge finde ich nicht zuviel, guckt euch sonst übliche Verträge an. Wäre es Abzocke würden wohl nicht so viele etablierte Musiker mit Verträgen auch auf Bandcamp sein.

- Thiel ist mir auch zutiefst unsympthisch. Aber Thiel ist nicht Paypal, er war der Gründer. Ausserdem sind für Business-Verträge die Provisionen beileibe keine 10%, sondern viel geringer. Alternative payment-Anbieter lassen sich ausserdem schnell implementieren, BandCamp ist nicht auf Paypal angewiesen.

- Was soll eine Gewerkschaft bringen? Künstler nutzen Bandcamp als Service, sind nicht bei Bandcamp angestellt

Persönlich finde ich die Entwicklung ja auch schade, aber finde der obige Artikel prangert dabei den falschen an ...

Kristoffer Cornils 20. September 2020 • 11:13 Uhr

Zuallererst: Dem Text gingen sehr viele Gespräche mit Künstler*innen und Labels voraus, die sehr ähnlich denken. Ich denke, gerade in der jetzigen Situation sollte auf sie gehört werden. Das ist letztlich auch die Forderung, die ich am Ende des Texts aufstelle.

Zu deinen Argumenten:

- Ich sage nicht, dass wir zu irgendeinem Zustand *zurück* sollen, sondern dass jetzt interventiert werden sollte, damit die Künstler*innen mit und auf der Plattform eine fairere Zukunft haben. Zu sagen, dass es anderswo ähnlich ist, halte ich für kapitalistischen Realismus: Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass ein paar große Fische alle kleinen schlucken.

- Ich habe nirgendwo auch nur angedeutet, dass Bandcamp pleite gehen soll. Tatsächlich konnte sich Bandcamp die Jahre über bestens halten, noch bevor die Zahlen durch die Decke gingen. Überleben kann die Plattform so in jedem Fall. Nur könnte sie das auch, während sie Musiker*innen und Labels ebenso wie der Konkurrenz in Form von regionalen Institutionen wie Plattläden nicht auf die eine oder andere Form in Bedrängnis bringt. Mein Vorschlag ist ein reformistischer.

- Jo, 20% oder 25% sind nicht viel, klar. Und das ist auch gut so. Aber langfristig und global betrachtet bringt ein relativer Wert recht wenig wennn die absoluten Zahlen nicht stimmen. Das zeigt ja der Bandcamp Friday: Da versuchen die Leute, auf Biegen und Brechen schnelles Geld zu machen, die Qualität der Musik leidet darunter meiner Meinung nach erheblich.

- Doch, PayPal zieht 10% auf alle Merch-Verkäufe, inkl. Tonträger, ein. Das ist so. Und dass Bandcamp nicht auf PayPal angewiesen ist, sage ich ja indirekt: Sie sollten sich ein anderes System ausdenken oder auf andere Kanäle zurückgreifen - das genau ist mein Vorschlag.

- Ja, und Uber-Fahrer*innen sind auch nicht bei Uber angestellt und Lieferando-Lieferant*innen nicht bei Lieferando. Sie arbeiten dennoch mit dem Unternehmen für das Unternehmen und sollten deshalb entsprechende Rechte haben. Der Plattformkapitalismus mag ein starres Beschäftigungssystem aufgebrochen haben, verlieren tun dabei diejenigen, die die eigentliche Arbeit leisten. Sie sollten für ihre Rechte einstehen, sonst nämlich haben sie nur Pflichten gegenüber einer Firma, die auf Basis ihrer Arbeit fette Gewinne macht. Ihnen das abzusprechen, fände ich zynisch.

Peter Hock 20. September 2020 • 21:03 Uhr

Hallo Kristoffer, danke für deine ausführliche Antwort. Auch wenn dich das jetzt wahrscheinlich überrascht: Ich bin in den meisten Dingen deiner Meinung, moralisch stimme ich dir sogar voll und ganz zu. Finde eben nur Bandcamp als 'Bad Guy' eine schlechte Wahl.

- Das KünstlerInnen und Labels das auch so sehen ist klar, die wollen möglichst wenig Provision. Würde ich auch wollen, also kein Vorwurf, aber dient nicht als objektives Kriterium.

- Eine faire Zukunft für Künstler wäre toll. Aber wie? Finde Bandcamp da einen vertretbaren Kompromiss. Immerhin viel besser als die paar Euro von Spotify & Co. Anderes hälst du für kapitalistischen Realismus? Genau du sagst es, wir leben in einem kapitalistischen System und müssen darin agieren. Finde den Turbokapitalismus extrem bedenklich, was anderes wäre klasse, aber leider realitätsfremd.

- Bandcamp soll klein bleiben und den Umsatz an die Künstler ausschütten? Ich mach beruflich so Internet-Zeugs, und klein bleiben als Firma funktioniert nur in der Nische. Frag mal ausserhalb unserer Bubble wie viele Bandcamp kennen? Fast niemand. Durch wachsen werden sie bekannter, mehr Kunden, mehr Erlös und Aufmerksamkeit für die Künstler. Und ja, natürlich auch mehr Gewinn für Bandcamp. Und nur durch Größe können sie zu einer Alternative zu Amazon und Co. werden.
Und Plattenläden sind ausserhalb von einem großen Einzugsgebiet ziemlich irrelevant. Die meisten jüngeren Nutzer streamen nur noch, da geht nichts mehr. Und das hat nichts mit Bandcamp zu tun, sondern das physische Medienträger außer einem kleinen Kreis niemand mehr interessiert.

- Das du relative Werte kritisierst verstehe ich dagegen gar nicht. 20% vom Umsatz sind transparent berechenbar. Wer wenig Umsatz hat zahlt eben wenig, wer viel hat mehr. Noch gerechter geht es doch gar nicht. Anders wäre z.B. eine Grundgebühr von 400 Euro / Monat um gelistet zu werden. Frag mal Restaurants, wie die durch Lieferservices abgezockt werden (wobei ich nicht verstehe warum die da überhaupt mitmachen)

- Nein, PayPal berechnet keine 10%, sondern 2,5%, eher 2%. Habe schon einige Webshops gebaut und ist so (siehe https://www.paypal.com/de/webapps/mpp/merchant-fees ) Natürlich wären alternative Zahlungsweisen gut, Stripe lässt sich z.B auf eine Webseite innerhalb eines halben Tages implementieren (Funfact: Paypal hat die mieseste Dokumentation für Entwickler, Stripe ist da vorbildlich)

- Plattformkapitalismus halte ich für eine sehr hohe Bedrohung, bin da ganz bei dir. Glaube viele Politiker haben gar nicht umrissen wie diese Plattformen unser Beschäftigungsverhältnis (Pseudo-Soloselbstständige ohne Rechte) und Handel (Marktzugang nur noch über die Plattform) negativ verändern. Finde da muss politisch was passieren, das die Plattformen sowohl für die Produkte als auch die Arbeiter verantwortlich sind. Fand nur eine Gewerkschaft als falschen Weg, da muss politisch etwas passieren, und zwar dringend.

Wie gesagt, sehe Amazon oder Spotify als Problem, weniger Bandcamp. Und finde es schade das Soundcloud ihre Möglichkeiten nicht genutzt haben, aus denen hätte was werden können.

Eine Lösung wie sich kleinere Musiker finanzieren sollen, habe ich auch nicht. Denke die Omnipräsenz von Streaming wird in Deutschland eher noch zunehmen, nachdem mittlerweile mobile Daten in großem Volumen bezahlbar geworden sind. Leider keine guten Aussichten ...

Kristoffer Cornils 20. September 2020 • 22:36 Uhr

Hi Peter, gerne. Ich freue mich, wenn sich eine Diskussion daraus ergibt. Geht u.a. bei Twitter auch weiter: https://twitter.com/scatteringsense/status/1307592317239472128.

Ich stelle Bandcamp nicht als "bad guy" dar und habe Spotify z.B. wesentlich harscher kritisiert. Siehe z.B. https://groove.de/2019/01/28/konkrit-spotify-for-artists-spotify-against-artists/. Ich mag Bandcamp als Plattform und die Gelegenheit, den Leuten da einigermaßen direkt Geld zu schicken. Aber der Einsatz des Unternehmens macht es nicht immun gegenüber Schwachstellen und somit nicht gegen Kritik. Es geht schlicht noch besser und jetzt scheint es mir extrem wichtig, darüber zu diskutieren.

Die Künstler*innen und Labels wollen vor allem ein nachhaltiges System, in welchem sie fair belohnt werden. Ganz wie alle anderen Arbeiter*innen auch. Und Bandcamp droht eben meiner Argumentation zufolge weder nachhaltig noch fair zu werden, auch wenn sie es sicherlich recht gut meinen. Nun lässt sich sicherlich sagen: Aber das ist doch die aktuell beste Alternative! Muss das aber reichen, wenn es den Leuten immer noch nicht ermöglicht, ihr Leben mit der harten Arbeit, die sie in ihr Schaffen stecken, zu finanzieren? Ich denke nicht. Als kapitalistischen Realismus hat Mark Fisher eine Geisteshaltung kritisiert, die nicht an Alternativen zum Kapitalismus oder zumindest nicht an Alternativen oder Verbesserungsmöglichkeiten des Status Quo glaubt: https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/kapitalistischer-realismus-ohne-alternative/ Und das sehe ich hier durchaus. Es ist durchaus richtig, dass Bandcamp freundlicher gegenüber Künstler*innen ist als Spotify und Co. Das macht es aber eben noch lange nicht perfekt und ich höre wie gesagt ständig, dass viele mit der Plattform so ihre Probleme haben. Die Reaktionen auf meinen Artikel bekräftigen das nur. Deshalb jetzt zu intervenieren, um Bandcamp fairer zu gestalten, ist da nur folgerichtig.

Bandcamp wächst und wächst und sicherlich kommt damit auch mehr administrative Arbeit auf das Unternehmen zu, allerdings schmeckt der gute Wille in Fällen wie dem BC Friday eben schal. Wie gesagt: Warum nicht global und nachhaltig die Fees senken? Oder über neue Modelle nachdenken, die noch mehr den Bedürfnissen der Künstler*innen - auf die BC ja angewiesen ist - zugeschnitten ist? Das ist meiner Meinung nach keine vermessene Forderung. Dem Argument, dass die Künstler*innen von Bandcamps Wachstum profitieren, kann ich nicht zustimmen. In ökonomischer Hinsicht resultieren solche Prozesse gemeinhin darin, dass einige wenige mehr Aufmerksamkeit bekommen und viele ignoriert werden. Das lässt sich auch an Spotify nachweisen: https://www.rollingstone.com/pro/news/top-1-percent-streaming-1055005/ Ein Binnenmarkt wie Bandcamp funktioniert da recht ähnlich. Und wenn sie zur Alternative zu Amazon und Co. heranwachsen: Ist es dann nicht noch umso wichtiger, dass jetzt schon im Wachstumsprozess Änderungen vorgenommen würden? Ich meine ja.

Es geht mir nicht darum, die sehr transparente und durchaus völlig im Rahmen liegende Abrechnungsmodalitäten zu bemängeln; tatsächlich geht es eher darum, dass bei wachsender Konkurrenz auf der Plattform - ein Prozess, der eben durch die BC Fridays beschleunigt wird - es langfristig gesehen schwieriger wird, überhaupt Einnahmen zu generieren. Klar lässt sich da nun auch sagen: So funktioniert's halt im Kapitalismus. Aber es ließe sich, denke ich, ein System erschaffen, indem der Konkurrenzdruck nicht ganz so groß ist. UbuWeb etc. könnten als Beispiele dafür dienen, wie eine hierarchielose Plattform funktioniert. Das mit PayPal ist ein Fehler meinerseits, das muss ich im Artikel korrigieren, es sind 2,9% + $ 0,30: https://get.bandcamp.help/hc/en-us/articles/360007902293-How-much-are-payment-processor-fees-for-physical-sales-. Danke!

Du hast ganz recht, dass es politische Lösungen braucht, aber seit wann bitteschön sind Gewerkschaften denn *nicht* politisch? Sie leisten als Zusammenschlüsse von Arbeiter*innen politische Arbeit! Und zumindest im Kleinen lässt sich bei Bandcamp sicherlich gut anstoßen, denn BC ist ja eben kein BG (bad guy), wie sie mehrfach gezeigt haben - sondern ein Unternehmen, das weitgehend auf die Menschen hört, denen es seine Existenz zu verdanken hat. Wenn die sich nun zusammenschließen und Forderungen stellen, dann könnte das zu besseren Bedingungen führen. Und vielleicht wird das dann zu einem Exempel, wie sich andere Plattformen angehen lassen. Übrigens: Deliveroo/Foodora, Uber, etc. - die funktionieren ja weitgehend nach demselben Prinzip wie Bandcamp, plattformkapitalistisch. Und die positiven Änderungen in Bezug auf Arbeitsbedingungen, Lohngerechtigkeit usw., die sich dort ergeben haben, sind eindeutig auf die Gründung von Gewerkschaften zurückzuführen!

Besten Abend noch!

sndr sklr 21. September 2020 • 11:51 Uhr

Ich kann als reiner Musikkonsument (bzw. als jemand, der zwar Hobbymässig produziert aber nie was veröffentlicht hat) nicht beurteilen, ob die Gebühren jetzt zu hoch sind aber spontan würde ich sagen: nein. Wenn ich mich als Künstler auch noch um eine Website mit Webshop und den ganzen Zahlungsverkehr kümmern müsste, hätte ich zum einen weniger Zeit, um mich aufs wesentliche zu konzentrieren, und zum anderen auch deutlich höhere Kosten.

Das Bandcamp nicht perfekt ist wird wohl unbestritten sein aber ich finde hier wird versucht, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Statt zu kritisieren, dass Bandcamp Dinge besser machen könnte sollte den Menschen lieber mal wieder vermittelt werden, dass "Kunst" eben ihren Wert hat und was da eben alles dranhängt. Wenn ich Kommentare zu Artikeln über Künstler gerade in Zeiten von Corona und deren Existenznöten lese, dann sind das zum großen Teil ergüsse wie: die braucht doch keiner; wenn die eben nicht liefern, was die Masse will, dann sollen sie halt eben Spargelstechen um über die Runden zu kommen; sollen die doch ihre Instrumente verkaufen bevor ich die mit meinen Steuergeldern durchfüttern muss, mir wird ja auch nichts geschenkt... etc.pp.

Die Wertschätzung für Musik bzw. Kunst im allgemeinen und deren "Erzeugern" ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken, dass habe ich sowohl als DJ (wenn auch eher im Undergroundbereich) und als Veranstaltungstechniker mit knapp 15 Jahren Berufserfahrung beobachtet. Es gibt glücklicherweise immer noch Menschen, die bereit sind, für Konzerte und für Musik Geld auszugeben (bei Bandcamp z.B. auch gerne mal mit einem sehr großzügigen Betrag durch die individuelle Preisgestaltungsmöglichkeit der Künstler und der nach oben offenen Grenze, was man für einen Release hinlegen will) aber im Kontrast zur großen Masse einfach keine nenneswerte Größe darstellt. Wir werden durch die heutigen Kommunikationskanaäle in Filterblasen gehalten, wodurch einem der Eindruck entsteht, dass doch die Mehrheit genauso denkt und das es doch eigentlich anders gehen müsste. Die Realität sieht aber eben anders aus und wie Peter Hock ja bereits geschrieben hat, interessieren die jüngeren Menschen physische Tonträger eher nicht die Bohne, da sie ja mehr oder weniger komplett digital aufgewachsen sind. Ich lebe in einer Stadt mit knapp 300.00 Einwohnern und früher gab es hier 4-5 Plattenläden und die sind schon weit vor Spotify und Co. verschwunden. Die steigenden Verkaufszahlen für Vinyl sind auch nur ein Zerrbild, da vieles davon auf alte Releases entfällt, die lediglich neu aufgelegt wurden und eben auch hauptsächlich von der älteren Generation gekauft werden. Und noch gar nicht erwähnt wurde bisher in dieser Diskussion die mit physischen Tonträgern verbundene Umverweltverschmutzung durch die Produktion/benötigten Rohstoffe und der verbundenen Transportwege; die verschiedenen Mittelsmänner, die auch was abhaben wollen und was am Ende von diesen Sammlungen übrig bleibt, wenn der Mensch, welcher diese Sammlung aufgebaut hat, nicht mehr unter uns weilt. Habe ich leider auch schon persönlich erleben müssen und das hat meine Gewohnheiten ziemlich auf den Kopf gestellt. Letzteres ist zwar ein Nebenkriegsschauplatz für diese Diskussion, aber leider ein Punkt, der von der Mehrheit gerne verdrängt wird und eben doch zum gesamten Komplex gehört.

Die Kernprobleme sind in meinen Augen zum einen eine entsolidarisierte Gesellschaft (siehe die erwähnten Kommentare und der allgemeine Egoismus), die fehlende Wertschätzung für Kunst im Allgemeinen und die Menschen, die dahinter stehen und das seit Ewigkeiten es viele Menschen schaffen, als Vertreiber von Kunst oft besser davon zu leben, als die Kunstschaffenden selbst. Hier ist eine gemeinsame Interessenvertretung definitiv ein guter Anfang, aber da solche Vereinbarungen schon an der Landesgrenze ihre Gültigkeit verlieren, ist das ein ziemliches Mammutprojekt in Zeiten der globalen Ausbeutung.

Die bereits erwähnten Filterblasen halte ich auch für ein riesiges Problem, da einem so oft der Zugang zu anderen Denkweisen fehlt und die aber wichtig sind, um ein vollständigeres Bild zu bekommen.

Ich habe als Bandcamp "Fan" mit Interesse den Artikel und die vorhergehende Diskussion verfolgt und würde mich über Konkrete Beispiele freuen, was für die Künstler im Hintergrund so alles schief läuft. Zu Hohe Gebühren und die Verdrängung von physischen Läden sind für mich aber keine stichhaltigen Argumente. Das man PayPal zwangsweise auch noch durchfüttert nervt mich aber auch immer mehr und so wie es aussieht sind PayPal und Discogs eine neue Partnerschaft eingegangen, deren Neuerungen vielen sehr sauer aufstößt. Da wären alternativen definitiv Wünschenswert.

Bandcamp zu kritisieren, dass es in diesem zerstörerischen extremkapitalistischen System auch negative Aspekte verschärft kann ich zwar nachvollziehen, aber da Bandcamp die Regeln für unser wirtschaften nicht vorgibt sondern eben auch nur ein Baustein des ganzen ist, halte ich es eben für den Fingerzeig in die Falsche Richtung.

Ich hoffe ich konnte meine Gedanken einigermaßen nachvollziehbar zusammentragen, ich schreibe hier quasi "freestyle" nebenher auf der Arbeit ;)

Kristoffer Cornils 21. September 2020 • 12:26 Uhr

Hi, danke für den Kommentar.

Es mag durchaus richtig sein, dass Bandcamp eine gewisse Bequemlichkeit mit sich bringt, andererseits jedoch lässt sich dasselbe von den "middle men" sagen, die bspw. im traditionellen System den Vertrieb erledigen: Wer bei Bandcamp direkt verkauft, muss sich bisweilen um Designangelegenheiten kümmern, die eigene Promotion erledigen, Pakete packen und verschicken, usw. Ob das nun mehr Arbeit ist als zuvor, lässt sich empirisch schwer ermessen, in jedem Fall aber lastet mehr Verantwortung auf den einzelnen Künstler*innen, würde ich behaupten.

Dass Kunst ihren Wert hat und eine Kritik am System Bandcamp gehen für mich Hand in Hand. Denn der Schwall von Content, der zum BC Friday durch die Kanäle geblasen wird, trägt meiner Auffassung nach graduell zu einer Entwertung derselben bei. Mein Plädoyer ist eines dafür, dass Musikarbeiter*innen für ihre Mühen nicht nur gewertschätzt werden, sondern dass der Wert auch finanziell - und zwar nachhaltig - anerkannt wird!

Das Thema Vinyl-Ökologie bzw. Petrokapitalismus habe ich zwar auf dem Schirm, in diesem Text aber nicht angesprochen, weil der sonst ausgeufert wäre. Zu den Widersprüchen habe ich an dieser Stelle im DJ Lab etwas geschrieben: https://www.dj-lab.de/bruchstelle-der-traum-vom-gruenen-raven-eine-kritische-betrachtung/ Ein gutes Buch dazu kam erst letztens von Kyle Devine: https://mitpress.mit.edu/books/decomposed

Nun, ich würde eben widersprechen, wenn du sagst, dass Bandcamp unser Wirtschaften nicht vorgibt: Global betrachtet mag das nicht der Fall sein, in der inneren Ökonomie der Plattform allerdings bilden sich - das ist ja der Ausgangspunkt meines Textes - durchaus Sachzwänge, denen sich die Produzent*innen anpassen, wie es auch die Konsument*innen tun. Ich gebe sehr viel Geld bei Bandcamp aus; ich habe in den letzten vier Jahren gut 1400 Releases zu meiner Bibliothek hinzugefügt und davon sind höchstens 200 Freebies gewesen. Aber ich schütte das mittlerweile auch nicht mehr regelmäßig aus, sondern lade mir den Einkaufswagen auf und haue es dann am ersten Freitag im Monat raus. So hat diese temporäre Institution sehr schnell mein Verhalten verändert, wie es auch das der Artists steuert.

Zuletzt würde ich darauf hinweisen, dass Plattenläden natürlich schon vorher ihre Probleme hatten, allerdings durchaus in den letzten Jahren sehr vom Vinyl-Revival profitieren konnten (so fragwürdig dieses auch ist; du hast ja durchaus Recht, dass das überwiegend über Reissues läuft). Bandcamps wachsender Einfluss stellt für diese Regeneration durchaus eine erneute Gefahr da. Letztlich geht es mir, das schreibe ich ja auch, vor allem auch um die subkulturell-soziale Funktion von Plattenläden und anderen Nodes in der Infrastruktur der verschiedenen Szenen. Mir persönlich graut vor einer Zukunft, in der ich nur noch mit Künstler*innen direkt zu tun habe und das, was Musik meiner Meinung nach großartig und über die reine Kunst hinaus wichtig macht, mehr und mehr wegfällt: das Soziale, das Miteinander, die gemeinsame Leidenschaft meinetwegen, in jedem Fall aber die gesellschaftliche Perspektive.

Best, Kristoffer

sndr sklr 21. September 2020 • 13:05 Uhr

Danke für deine Antwort.

Leider ist es in vielen Berufen so geworden, dass man immer mehr Bereiche abdecken muss, um sich als Selbstständiger über Wasser zu halten. Sich als Musiker noch um Marketing, Design, Vertrieb, Social Media Präsenz usw. kümmern zu müssen wenn man nicht die finanziellen Mittel hat, um die Arbeit abzugeben, ist leider traurige Realität. Und das düfte für die überwiegende Mehrheit der Fall sein.

Das die BC Fridays nun eine Schwemme an Releases mit sich bringt ist nun mal leider eine Art Sachzwang. Das Bandcamp hier Steuerungsmöglichkeiten hat ist zwar richtig, aber man muss es eben auch im Kontext sehen: die Maßnahme wurde temporär ausgerufen, um den Menschen, die ohne eigene Schuld ein Berufsverbot auferlegt bekommen haben, eine finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen. Dass es jetzt zu massiven Releases zu den BC Fridays kommt, spiegelt für mich eher die wachsende Verzweiflung der Künstler in der gegenwärtigen Situation wider, da es ja in dem Bereich nach wie vor keine klaren Ansagen gibt, wie und wann es denn für die Betroffenen weitergehen kann, als das Bandcamp hier bewußt oder unbewußt etwas forcieren würde. Beide Seiten können ja es ja gut meinen, aber da alle gezwungen sind, nach den gleichen Regeln zu spielen, ergeben sich solche Konzentrationen quasi automatisch. Amazon wurde sicherlich nicht gegründet, um alle lokalen und kleinen Geschäfte zu verdrängen, aber wenn der Mechanismus einmal in Gang gesetzt ist, gibt es kein halten mehr. Monopolstellungen sind leider keine Ausnahme sondern eher die Regel und ergeben sich durch den Sachzwang "Profit zu jedem Preis" automatisch.

In diesem System aus gegenseitigen Abhängigkeiten kann man leider keinen Apekt seperat betrachten, denn ich bin mir sicher, dass viele Menschen ihre Künstler gerne noch mehr unterstützen würden, wenn sie denn das Geld dafür hätten. Es ändert aber nichts daran, dass die Merheit der Menschen leider keine Beziehung zu den geschaffenen Werken aufbaut sondern lediglich schnell konsumiert oder die Musik lediglich Hintergrundgedudel ist, was ja der Vergleich der Nutzerzahlen zwischen Bandcamp und Spotify als Beispiel verdeutlicht. Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen sank in etwa gleich mit der Wertschätzung für Kunst an sich durch die ständige Verfügbarkeit von quasi allem und das mit dem Siegeszug des Internets die kostenlos Mentalität überhand genommen hat, liegt zu einem großen Teil an den Verantwortlichen in den jeweiligen Industrien, die es einfach verpennt haben, neue Wege zu gehen und sich an veralteten Methoden festgekrallt haben, bis es nicht mehr anders ging.

Einfache Lösungen gibt es für dieses Geschwür an Problemen leider nicht.

Kristoffer Cornils 21. September 2020 • 13:53 Uhr

Die "traurige Realität", die du beschreibst, ist de facto traurig, sollte aber gerade deshalb nicht akzeptiert werden. Denn was war noch alles traurige Realität? Kinderarbeit, dass Frauen nicht wählen durften, Entlohnung die kein Mindestmaß kannte. Dazu brauchte es politische Lösungen, aber die kommen eben nicht von selbst, sondern wurden von kollektivem und organisiertem Handeln angestoßen. Und genau das fordere ich jetzt. Denn natürlich gibt es beileibe keine einfachen Lösungen - aber viele Chancen. Gerade weil Bandcamp sich eigentlich um die Künstler*innen bemüht, sich für ihre Belange einsetzt. Das zeugt von Gesprächsbereitschaft, woraus ich meine Forderung nach einem Dialog ableite. Denn wie schon oben gesagt: Bandcamp hat es bisher glänzend geschafft, zu wachsen und mehr und mehr Profit einzufahren. Wenn es der Plattform ernst ist mit ihrem Support für die Musik, dann sollte es ein leichtes sein, nach neuen Modellen zu suchen, die für mehr Umverteilung suchen. Auch auf Seiten der Hörer*innen gibt es, denke ich, durchaus Potenzial für mehr Einsatz und mehr Support. Ich sehe das beispielsweise auch an der Resonanz auf den Aufruf der GROOVE hin, das Magazin zu unterstützen (Disclaimer: ich bin ehemaliger Redakteur des Magazins und arbeite immer noch dafür), genauso wie die BC Fridays ja auch gezeigt haben: Mehr und mehr Menschen sind bereit, wieder etwas für die Kunst zu leisten, zumindest in finanzieller Hinsicht. Nun ist das sicherlich immer noch im Großen und Ganzen ein kleiner Prozentteil der Konsument*innen - aber ist es nicht denkbar, dass das Beispiel Schule macht? Und könnten dabei nicht Strukturwandel auf den Plattformen selbst als Katalysator für eine positive Entwicklung fungieren? Denn so viele Leute auch an Spotify hängen: Wenn sich Songwriter*innen, Performer*innen, Labels, usw. zusammenschließen und einen Forderungskatalog an Bandcamp stellen würden unter der Bedingung, ihre Musik von Spotify zurückzuziehen, wären die Effekte enorm. Klar: Das ist extrem hoch gegriffen und scheint unrealistisch. Aber gerade weil die Realität eine dermaßen traurige ist, sollten wir uns darum bemühen, ihr Alternativen entgegenzustellen, auf die es hinzuarbeiten gilt.

Gabriel 21. September 2020 • 17:48 Uhr

Guter Artikel und im Kern Kapitalismuskritik, nicht BC oder Spotitube or whatsoever...
Es ist doch schlußendlich egal, ob 0,0045 Euronen oder 2%...
ich erlaube mir die Pauschalkritik, dass die shares für Künstler mehr als unterirdisch sind,
denn nicht die Produzenten der Kunst bestimmen den Anteil, auch nicht die Käufer -
es sind die Plattformen, die von ihren Werbefantastilliarden den Hals nicht voll bekommen und die digitale Version von Manchasterkapitalismus betreiben...another great Rock'n'Roll swindle...

Die Werbekunden inverstieren in ein für Werbung attraktives Umfeld, das von den User Uploads und deren Interaktion lebt...and the winner is: genau! Das Interface...alle wollen alles, keiner will was (faires) abgeben...die Arroganz der Macht...ein bedenklicher und irgendwie bedauernswerter Zustand unserer Kultur. Ich erwarte keinen altruistischen Kapitalismus, aber etws weniger neoliberal und mehr soziale Martkwirtschaft, aber ich fürchte, die ist nur noch zu einer feigenblattartigen Worthülse verkommen. Genug der Polemik, weiter gehts auf dem Narrenschiff ;-)

Kristoffer Cornils 21. September 2020 • 17:52 Uhr

Gabriel, tatsächlich stellt Bandcamp da auch eine Ausnahme dar; soweit ich zumindest weiß, wird dort keine Werbung betrieben - schlicht, weil das Geschäftsmodell ein anderes ist. Aber im Grunde trifft das den Nagel bzgl. vor allem Spotify auf den Kopf. Bei Apple Music sieht es nochmal anders, die gesamte Strategie des Mutterkonzerns hinsichtlich des Musikangebots zielt seit der Einführung von iTunes ja darauf ab, etwas ganz anderes zu verkaufen: shiny little gadgets!

Stimpzon 21. September 2020 • 19:16 Uhr

Vielleicht sollte man als Künstler auch mal einsehen, dass die Welt das fünfknillionste Speed-Growl-Ambient-Polka-Metal-Projekt weder fordert noch braucht. Jeder kann heute aus dem Kinderzimmer heraus "produzieren". Daraus den Anspruch, davon leben zu können abzuleiten finde ich etwas weltfremd.

Gabriel 21. September 2020 • 22:14 Uhr

Stimpzon:
Ich bin seit über einen Vierteljahrhundert selbstständig und meine Arbeiten sind von Warner Chappell und Universal Music verlegt...niemand spricht davon, jede Speed-Growl-Ambient-Polka-Metal Nummer zu vergolden, sondern von Fair Share statt Krumen. Ich habe zig Tausende von D-Mark und Euros für High End Equipent mit meiner Arbeit verdient und angeschafft, sowie es gelernt damit ordentlich zu arbeiten - die Kinderzimmerproduktionen klingen auch so, haben aber selbstverständlich ihre Berechtigung.
Was wer wann wie braucht, entscheidet nicht der Lizenz-Anteil an einer Veröffentlichung und sollte auch nicht ausschlaggebend sein, ab das Brötchen 20 Cents oder eher 50 kostet - wieviel aber der Distributeur weitergeben will ist dagegen durchaus relevant und nicht zu verwechseln mit was wer braucht (Polka und so...).
Weltfremdheit als Todschlagargument finde ich persönlich eher befremdend,
aber: ich über mich in Tolenranz ;-)

Helios Creep 22. September 2020 • 10:08 Uhr

Zunächst:
"Die Plattform streicht auf jeden Einkauf 15 % beziehungsweise ab einer erreichten Einkommensgrenze von 5000 US-Dollar 10 % der Verkäufe ein. Dazu fallen je nachdem noch Transaktionsgebühren für die Benutzung von vor allem PayPal an, die sich durchschnittlich auf weitere 3 % belaufen. Zusammengenommen circa ein Drittel der Einnahmen also"..

Nach meiner Rechnung sind die 15% bc-Provision sowie die ca. 3% pp etwa 18% lediglich ein Sechstel, also nur die Hälfte vom Drittel. Wie der Autor auf diesen Anteil kommt, erschliesst sich mir nicht.
Desweiteren werden auf physische Medien immer nur 10% erhoben, nie 15%. Die 15% gelten ausschließlich für digitale Verkäufe.

Ich habe den Artikel nun zum zweiten Mal gelesen, und eigentlich habe ich erst in einem Kommentar herausgefunden, was der Autor eigentlich will, in Kurzform "Mehr Geld" und "Früher war alles besser".
Es steht doch jedem frei, eine ähnliche Alternative auf die Beine zu stellen, und die gibt es ja auch schon. Wenn die Verantwortlichen aber dann es nicht auf die Reihe bekommen, eine nur halbwegs so gut funktionierende Plattform wie bc zu bauen, sondern einen umständlichen Scheiss.. deren Unfähigkeit. Was soll man machen? Jedenfalls habe ich einige getestet, und keine andere macht mir das Handling so leicht wie bc. Sicher, designtechnisch ist das alles nicht der neueste Schrei, aber eine solide, nachvollziehbare Logik, wo man nicht lange überlegen muss, was man tun muss, um seinen Scheiss zu veröffentlichen, ziehe ich allemals überladenen Seiten vor.
Womit wir bei der Musik wären: Das ist ja auch das Gute an bc, dass wirklich *jeder* seine Ergüsse abladen kann, er muss nur ein wenig Zeit investieren, und das war's. Dass sich daraus automatisch eine riesige digitale Müllhalde ergibt: Geschenkt. Aber die Mechanismen bringen es auch mit sich, dass offensichtlicher "Müll" wie 20sekündige "Alben" mit 4 Pfeiftönen früher oder später unter all dem anderen Zeug begraben wird. Leute, die an ihr Zeug wirklich glauben, die werden es über Jahre weiterverfolgen und es immer mal wieder pflegen. Und das zahlt sich dann vermutlich wirklich erst nach Jahren aus, wahrscheinlich aber niemals. Das ist dann Pech.

Ich sage es gleich im Voraus, was ich im Wesentlichen von (Musik-)"Künstlern" halte: Das sind am einen extremen Ende selbstgerechte, aufgeblasene Spinner, die meinen, wenn sie "Stairway To Heaven" fehlerfrei nachspielen können, stünden ihnen neben einer Menge Geld auch noch "Koks und Nutten" in beliebiger Quantität zu.
Als Beispiel: schaut euch doch mal die "Telekom Electronic Beats" an. Da türmen sich Synthesizer, Keyboards, Mischpulte etc im Studio .. und dann kommt da alle paar Jahre mal ein irgendwie abgeschmacktes Minimal-Techno-Album heraus, das bestenfalls so klingt wie eine abgespeckte Tangerine Dream-Platte aus den 70ern. Da klaffen Anspruch und Wirklichkeit aber weit auseinander.
Selbstverständlich gibt es auch Menschen am anderen Ende der Skala: Die bescheiden auf ihre, rein am Computer enststandenen Werke blicken und es kaum wagen, sie überhaupt irgendwo hochzuladen. Und manchmal sind das dann gerade die idiosynkratischen Produkte, die einen durch und durch individuellen Charme aufweisen. Und sich dann überhaupt nicht verkaufen.

Insofern ist bc eigentliche eine Demokratisierung der Musik: Du kannst machen, was du willst; wenn du Glück hast oder bereit bist, mehr Energie reinzustecken in dein Anliegen..., vielleicht findest du die paar hundert Leute auf diesem Planeten, die sich gerade für deine Musik erwärmen können und dir dann jedes neue Werk förmlich aus den Händen reissen. Wenn dir das zum Leben ausreicht, ok, wenn nicht, dann musst du dir halt einen anderen Job suchen. So einfach ist das. Jetzt hier eine "Gewerkschaft" gründen zu wollen, um dann bc ein paar Prozent Provision mehr aus den Rippen leiern zu können: Also sorry, das ist Unsinn. Wenn du soviel Umsatz über bc machst, dann kannst du ja auch so versuchen, Spezialkonditionen rauszuschinden.

Aber wie kann man gegen diese "Demokratisierung" sein, wenn man nicht im Grunde was ganz anderes will, und das klang ja auch schon im Artikel an: Da ist zB von "mangelnder Qualität" die Rede. Es gibt doch gar keine wirklichen Kriterien, warum sich das eine Album wie Sau verkauft, das andere dagegen nicht. Wer entscheidet über diese "Qualität"? Am Ende so eines Prozesses, wie ihn der Autor wohl gerne hätte, stünden wir vor einem Kulturbolschewismus. Und sorry, das will niemand, der bei klarem Verstand ist.

Noch ein Wort zum "99-Alben-Laden". Das sieht für mich eher wie ein Showroom aus, aber nicht wie ein Plattenladen, und hat mit Sicherheit nichts mit den herkömmlichen, nach und nach pleitegehenden Plattenläden zu tun. In meiner Gegend gibt es auch kaum noch Plattenläden: Da sterben die Besitzer an Altersschwäche und es läßt sich kein Nachfolger finden; die Mieten können nicht mehr bezahlt werden, etc pp. Da muss man heutzutage schon kreativ sein und auch Gründe finden, warum Leute nun ausgerechnet in ihre Butze kommen und was kaufen sollen. Und die gibt es durchaus.

Anthony Rother 22. September 2020 • 16:52 Uhr

Also ich als freischaffender Künstler mit eigenem Label sehe die Kritik an Bandcamp so nicht.

Es müsste viel eher eine Diskussion geführt werden über die unverschämten Abrechnungspreise der Plattenvertriebe an Labels/Künstler, die bis an die Grenze ausgereizten Preise der Tonträger-Presswerke und die Gewinnmargen der Plattenläden und so weiter.

Solange man so tut als würden Plattenläden, Plattenvertriebe und Presswerke fair mit den Künstlern und Labels umgehen, solange wird in China ein Sack Reis umfallen.

Die Verbände wie z.B. VUT müssten allen Labels und Künstlern sofort raten keine Tonträger mehr herzustellen um Plattenläden, Plattenvertriebe und Presswerke zu zwingen ihre Preispolitik zu überdenken.

Ohne die Tonträger der Labels und Künstler gehen diese drei genannten Pleite, denn die drei selbst haben keinen Content den sie verkaufen könnten. Sie sind reine Dienstleister.

Plattenläden, Presswerke und Plattenvertriebe tun so als wäre alle in bester Ordnung mit ihrer Preispolitik.
Es geht nur so weiter weil sie weiterhin die billigen und mit Künstlergeld subventionierten Tonträger erhalten um diese mit Gewinn zu verkaufen.
Sie Alle wissen das die Künstler und Labels dabei drauflegen.

Das Argument der drei dazu lautet "Es ist Promotion" für Gigs.

Und jetzt?

Biks 25. September 2020 • 15:08 Uhr

Moin!

Mal eine kleine Detailfrage: Verdient Peter Thiel nach dem Verkauf an Ebay überhaupt noch an Paypal? Wikipedia: "Thiel remained CEO of the company until the sale. His 3.7% stake in the company was worth $55 million at the time of acquisition." Mehr habe ich dazu auf die Schnelle nicht gefunden.

Ein ganzer Teil meiner Kritik an dem Artikel wurde bereits durch Peter Hock wiedergegeben. Dabei belasse ich es.

Der Absatz "Wie Amazon jedoch weitet Bandcamp seine Aktivitäten zunehmend aus. ..." ist allerdings schon besorgniserregend. Schuster bleib bei deinen Leisten.

"Resonate" hatte ich noch nicht auf dem Zettel, klingt interessant.

Kristoffer Cornils 25. September 2020 • 15:35 Uhr

Hallo Biks, danke für den Kommentar. Peter Thiel verdient durchaus noch an PayPals Erfolg mit, aber die Sache nur auf ihn zu beschränken, greift sicherlich zu kurz. Ich habe ihn nur als Beispiel dafür ausgewählt, welche Leute da durch Bandcamp über zwölf Jahre hinweg schon mitfinanziert werden; es ist nicht umsonst von der "PayPal Mafia" die Rede: https://en.wikipedia.org/wiki/PayPal_Mafia. CEO Dan Schulman gibt sich durchaus etwas progressiver: https://en.wikipedia.org/wiki/Dan_Schulman und Chairman Donahoe gibt sich zentristisch bzw. spendet an die beiden großen US-Parteien: https://en.wikipedia.org/wiki/John_Donahoe, letztlich aber gibt es durchaus einige Vorfälle, in denen PayPal sein eigenes bestehendes Monopol nicht gerade zu progressiven Zielen missbraucht oder zumindest Organisationen bei ihrer Arbeit behindert hat: https://en.wikipedia.org/wiki/PayPal#Criticism. Summa summarum finde ich es schon bemerkenswert, dass für Käufe von physischen Produkten (Tonträger/Merch) lediglich diese eine Zahlungsoption besteht und somit eine dermaßen riesige Firma - die ja am BC Friday nicht etwa auf ihre Gebühren verzichtet, 100% also kommt nie bei den Artists an - da so alternativlos dran mitverdient.

Biks 25. September 2020 • 15:44 Uhr

PS: Resonate ist kein "Berliner Unternehmen". Der Seitenaufbau hat mich schon zweifeln lassen (Impressum fehlt). Die Kontakt-Adresse schafft Klarheit:
RESONATE BEYOND STREAMING LIMITED
6-9 Trinity Street Dublin 2, Ireland

Kristoffer Cornils 25. September 2020 • 15:53 Uhr

Interessant, obwohl es vermutlich dort nur gemeldet ist - in Pressemitteilungen etc. definiert sich die Firma selbst als "Berlin-based" bzw. "operating from Berlin".

Biks 25. September 2020 • 16:38 Uhr

Danke für deine Rückmeldung!

"Peter Thiel verdient durchaus noch an PayPals Erfolg mit"... das ist mir zuviel Glaskugel ;-)

Aber mir hat dieses Beispiel gezeigt, dass ich gar nicht weiß - und es auch nicht hinterfragt habe - welche politischen Strömungen ich durch meinen Konsum unterstütze. Es wird mir schon etwas anders im Magen, wenn ich wohlmöglich Trumps Wahlkampf mitfinanziere 8-(

Dein Artikel regt definitiv nicht nur zur Diskussion sondern auch zum Nachdenken an. Danke dafür!

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