Letzte Woche wurde bekannt, dass im Zuge des anstehenden Amsterdam Dance Events (ADE) ein offener Brief veröffentlicht wurde, der das Absetzen von Konstantin von sämtlichen Line-Ups der über mehrere Tage stattfindenden Großveranstaltung fordert. Wie kam es dazu und was sind die Hintergründe?

Die Vorgeschichte

Das mittlerweile von über 2000 Unterstützerinnen und Unterstützern unterschriebene Dokument bezieht sich dabei auf ein Feature im Groove Magazin von 2017, in dessen Verlauf Konstantin, einer der Mitgründer des extrem erfolgreichen Labels und Künstlerkollektiv Giegling, es unter anderem als ungerecht bezeichnete, dass weibliche DJs zurzeit so sehr gefördert würden, obwohl sie seiner Meinung nach meist schlechter auflegten als Männer. Auch behauptete er gegenüber der Journalistin Laura Aha, dass Frauen im DJ-Business ihre 'weiblichen Qualitäten verlieren und zusehends vermännlichen."

In der Folge distanzierten sich Teile der Szene vom Giegling-Künstler, allen voran The Black Madonna, die von ähnlichen Erfahrungen mit ihm bei Twitter berichtete.

Auch wurde Konstantin vom Line-Up einiger Veranstaltungen wie dem Londoner Sunfall Festival entfernt. Bei Spiegel Online versuchte sich der DJ und Produzent zu entschuldigen, er sei missverstanden worden und möchte sich für den im Groove-Artikel entstandenen Eindruck entschuldigen. Zu einer wirklichen Klärung hat dieses viel zu unspezifische und auf die einzelnen Vorwürfe kaum eingehende Statement nicht beigetragen: Obwohl der Tour-Alltag weiterging und die Zahl der Bookings insgesamt kaum gesunken ist, hat sich die Situation um Konstantin kaum beruhigt, was sich unter anderem in einem durch Proteste und Flaschenwürfe unterbrochenen Gig auf dem diesjährigen Fusion-Festival widerspiegelte.

Offener Brief & Reaktionen

Dass die Angelegenheit noch nicht geklärt ist, zeigt sich eindringlich auch im letzte Woche veröffentlichten offenen Brief mit dem Titel 'ADE - don't welcome sexism, remove Konstantin from the line-ups'. Die Initiierenden erklären darin, Konstantin sei aufgrund der erläuterten Äußerungen nicht tragbar für eine Veranstaltung, bei der die ganze Szene in Erscheinung tritt und die als eine der wichtigsten Zusammenkünfte der elektronischen Musikbranche angesehen wird. Die Forderung ist klar: Konstantin soll seine drei Gigs beim ADE nicht antreten. Wer in dieser Angelegenheit schweige, würde die sexistischen Aussagen Konstantins unterstützen. Auch sympathisieren die Initiierenden des Schreibens mit den Protestierenden vom Fusion-Festival. Der Brief richtet sich dabei insbesondere auch an die Veranstalter der drei Events (Giegling Showcase im Skatecafé; Loveland x Circoloco Event im Mediahaven; NGHTDVSN x Next Monday's Hangover Party im Het Sieraad), von denen einer das Weimarer Label selbst ist.

Link zum offenen Brief

Nicht direkt angesprochen, aber natürlich verantwortlich und damit auch klar adressiert sind die Ausrichtenden des ADE selbst. Diese haben als direkte Reaktion auf den offenen Brief ein eigenes Statement bei Resident Advisor und Mixmag abgegeben:

Of course we have seen the petition, we agree this is an important topic to address. Probably we will ask Konstantin to attend a panel and discuss this topic. Amsterdam Dance Event is the perfect place, and the awareness about this is becoming bigger and bigger in the music industry. 

Bereitschaft, Konstantin infolge des offenen Briefes vom Line-Up der zwar nicht direkt vom ADE organisierten, aber dennoch präsentierten Veranstaltungen zu entfernen, gibt es demzufolge nicht. Stattdessen soll eine Podiumsdiskussion mit dem Künstler helfen, die Situation zu klären.

Auch hat sich in der Zwischenzeit, ebenfalls bei Mixmag, mit Robert Deutsch von Loveland einer der Veranstalter, die Konstantin gebucht haben, zu Wort gemeldet. Er distanziere sich zwar von den Aussagen, die Reaktionen der Szene gehen ihm aber zu weit. Wer Konstantin nicht mag, solle nicht zu seinen Gigs gehen, so die Ansage. Außerdem stellt er die in der Groove erschienenen Aussagen Konstantins als aus dem Zusammenhang gerissen bzw. als Hörensagen dar und zweifelt dadurch auch die Glaubwürdigkeit der Autorin an.

Entschlossene Antwort

Befrieden können diese Reaktionen nicht. Dem strittigen Künstler noch mehr Raum zu geben, das finden einige nicht richtig, so auch die Initiierenden des offenen Briefes, die sich in der Folge mit einem FAQ wieder zu Wort melden: Eine Podiumsdiskussion mit Konstantin ergäbe laut dem neuerlichen Schreiben keinen Sinn, da er nicht als Sexismus-Experte auftreten könne und nach über einem Jahr des Schweigens nun auch nicht mehr erklären müsse, ob er ein Sexist sei oder nicht. Vielmehr sei er ein gutes Beispiel für den frauenfeindlichen Zustand der Szene. Auch würden ADE-Besucher dem Tagesgeschehen, bei dem es vielerlei Workshops, Diskussionen und Vorträge gibt und in dessen Rahmen die vom ADE vorgeschlagene Podiumsdiskussion stattfinden würde, nicht so viel Beachtung schenken wie den Events in der Nacht (das ADE wird aufgeteilt in Tages- und Nachtveranstaltungen). Wenn ein Künstler vom Line-Up einer Party ausgeschlossen würde, wäre die Wirkung viel größer, so der Gedanke. Und eine solche Reaktion sei wichtig, um zu zeigen, dass Sexismus in einer Szene, die sich auf die Werte von tolerantem und freiheitlichem Miteinander beruft, nicht ohne Konsequenzen bleibt.

Die Initiierenden des offenen Briefes und des FAQs wollen auf dem ADE am 18.10. eine eigene Podiumsdiskussion bzw. ein Workshop zu der Thematik anbieten. Sie betonen jedoch dabei, dass dies nicht in Zusammenarbeit mit den offiziellen Veranstaltern geschieht und dass Konstantin dabei nicht sprechen wird.

Edit vom 12.09.:

Konstantin hat sich mittlerweile zu der Thematik geäußert und entschuldigt. Er erkenne nun nach einem längeren Prozess das zum Zeitpunkt der strittigen Aussagen fehlende Wissen um die Wichtigkeit des Problems und bereue, was passiert ist. Das ganze Statement kann hier nachgelesen werden.

Edit vom 13.09.:

Auch die Autorin des Groove-Artikels hat sich in der Angelegenheit nun mit einem Facebook-Post zu Wort gemeldet. In diesem erklärt sie die Schwierigkeiten einer weiblichen Journalistin in einer von Männern dominierten Branche und ihre Beweggründe, die Aussagen Konstantins trotz Aussicht auf Diskreditierung nicht zu verschweigen. Sie schätze die Entschuldigung des Künstlers und hoffe nun auf wirkliche Veränderungen:

 

 

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