Vivian Koch im Porträt: Reise ins Äußere des Ichs

Vivian Koch im Porträt: Reise ins Äußere des Ichs

Features. 25. Juli 2021 | 4,0 / 5,0

Geschrieben von:
Kristoffer Cornils

Die eigene Veranstaltungsreihe ein großer Erfolg, die ersten Releases umfeiert. Es lief alles bestens für Vivian Koch. Dann schloss erst ihr Heimatclub und schließlich kam die Pandemie. Ein Grund zum Verzweifeln? Nein. Ihr aktuelles Album ‘Beyond Contact’ verarbeitet ganz andere Dinge.

Berlin im Sommer 2021: Es regnet in Strömen. Auf der Warschauer Straße lässt sich das Stadtleben davon nicht abhalten. Menschen hetzen vom einen Punkt zum nächsten, Fahrräder rasen vorbei und alle paar Minuten jault ein Krankenwagen oder Polizeifahrzeug auf. Inmitten all des Lärms hält Vivian Koch nach jeder ihr gestellten Frage inne, wird still und kneift die Augen zusammen. Es wirkt ein bisschen, als würde ihr Gehirn tief einatmen und die Antworten aus dem Äther ziehen, bevor sie durchdachte Antworten in druckreifen Sätzen von sich gibt. Sie spricht, kurz gesagt, genauso wie sie heutzutage Musik macht.

Darauf schließlich liegt seit einiger Zeit ihr Fokus. Nachdem Koch Anfang 2019 mit der Mini-LP ‘The Owleon‘ auf a.r.t.less debütierte und noch im selben Jahr auf Danny Daze‘ Label OMNIDISC mit der EP ‘Insomiami‘ nachlegte, erschien Ende Mai das Album ‘Beyond Contact‘ auf Nic Taskers Label AD 93. Es ist weniger Dancefloor-orientiert als die Vorgänger und es ließe sich denken, dass auch das der Pandemie geschuldet ist – weil der Titel darauf anzuspielen scheint. Das tut er allerdings nicht.

„In meiner Übersetzung bedeutet der Titel ‚Jenseitskontakt‘“, erklärt Koch. „Ich habe während des Musikmachens immer schon das Gefühl gehabt, nicht genau zu wissen, wo das herkommt. Das ganze Album ist für mich ein Kontakt mit dem Jenseits gewesen, denn ich wusste, dass es mit mir wenig zu tun hat – ich war nur der Kanal. Prinzipiell öffne ich mich lediglich, um herumschwirrende Ideen aufzunehmen, umzusetzen und in die Materie zu bringen.“

Ein Vogel im Käfig

Das klingt schier übernatürlich und hat allerdings ebenso mit unbewussten Kapazitäten zu tun, die aktiviert werden. Ende 2019 habe sie eine „tiefe spirituelle Phase“ durchlaufen, berichtet Koch, die damals in Amsterdam lebte. Sie, die anders als so viele ihrer Kolleg:innen nicht regelmäßig das Studio aufsucht und nie genau weiß, wann die Kreativität sie einholt, schreibt in kürzester Zeit erst fünf Tracks, bevor sie den Opener ‘I Know You’re Here‘ hinzufügt und weiß: Das muss ein Album werden, das müssen die Leute hören, selbst sollte sich kein Label dafür interessieren.

Denn ‘Beyond Contact‘ zu schreiben, kommt einem Befreiungsschlag gleich. „Ich habe mich wahnsinnig eingeschlossen gefühlt. In der Szene, aber auch persönlich – metaphorisch gesprochen kam ich mir wie ein kleines Vögelchen vor, das in seinem Käfig sitzt und nicht heraus kann“, skizziert sie ihren damaligen inneren Zustand. ’Lil Birdy Starts to Fly Again’ heißt dann auch der vierte Track des Albums.

© Alana Naumann

Das bloße Musikmachen – sie habe so ihre Schwierigkeit damit, sich selbst als Produzentin zu bezeichnen, gesteht Koch – ist allerdings nur ein Teil des Prozesses, der sie beflügelt. Aus dem Gefühl des Eingeschlossenseins heraus beginnt Koch, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Sie fängt an, zu meditieren. „Es hat mich gelehrt, die Beobachterin meiner selbst zu werden. Mich nicht mehr mit dem Gedanken zu identifizieren, sondern etwas Distanz zu schaffen. Nicht: ‚Ich bin traurig‘, sondern ‚Da ist Trauer in mir‘”, erklärt sie und beginnt im selben Zug, etwaige Vorurteile aus dem Weg zu räumen. „Viele denken, dass du dich zum Meditieren hinsetzen und ruhig sein musst. Das komplette Gegenteil ist der Fall. Meditation bedeutet, alle Gedanken und Gefühle, die hochkommen, anzuschauen.“

Es ist eine Form von Selbstbelauschung, welche die Ohren für anderes öffnet, wie Koch betont. „Durch Meditation kannst du Blockaden lösen und deinen Energiefluss in Schwung bringen. Je hochfrequenter der ist, desto offener sind deine Kanäle, um Inspiration überhaupt wahrzunehmen.“ Das Ego würde darüber schwinden, das Bewusstsein die Kontrolle übernehmen und ein innerer Einklang einkehren, erklärt die, die sich selbst als „Listenmensch“ bezeichnet, der ständig Pläne mache, sie durcheinander würfle und sich neue vornehme. Seit Ende 2019 aber ließe sie sich treiben.

Kein Raum für Gedanken, Angst und Zweifel

Es ist ein langer Prozess, der dem vorausging und der in den Linernotes in wenigen kurzen Zeilen umschrieben wird. „Once you enter the field of unity, I promise, you will meet yourself “, heißt es dort etwa. Was das sein solle, so ein Feld der Einheit? „Damit ist gemeint, dass du dich in diesem Seinszustand, in dem du Raum und Zeit verlierst, nicht mehr als getrennten Part betrachtest“, erklärt Koch. „Ich sehe mich in dir und umgekehrt. Du bist mit allem verbunden, hast Zugang zu aller Materie und Nicht-Materie, spürst deine Essenz.“ Also in ungefähr das, wozu die Menschen auf Raves gehen? Sie nickt. „Wenn du dir eine Pille reinhaust, hast du dasselbe Gefühl! Viele nehmen Substanzen, um sich so zu fühlen, mit allem verbunden zu sein.“

Deswegen schließlich griffen doch so viele Leute zu Drogen, sagt Koch: „Weil sie das Gefühl der Präsenz erreichen wollen. Süchte entstehen dadurch, dass der Mensch Ekstase erleben will und Ekstase heißt immer: Präsenz. Da gibt es keinen Raum für Gedanken, für Angst oder Zweifel.“ Ob sie das damals selbst auf den Dancefloor gezogen hätte? Wieder hält sie inne, wirkt diesmal aber zögerlicher. Dann, kurz: „Ja“. Sie geht mit 14 Jahren auf ihre ersten Partys, fühlt sich „lost“ und das Landleben in Thüringen, die Schule – nichts davon gibt ihr Halt, spendet ihr die Verbundenheit, die sie braucht. Außer ihr großer Bruder, der sich unter der Woche um sie kümmert und sie auf Partys mitnimmt.

© Alana Naumann

Es ist eine Zeit, an die sie sich gerne zurückerinnert. „Bei uns gab es eher so Dorf-Clubs, in denen es gar nicht um Profit ging. Da hat Stroh-Cola einen Euro gekostet! Richtig banal“, lacht sie. „Aber das war für mich die tollste Zeit. Unbekümmert, Disco House, umgeben von Freund:innen, 20 bis 30 Leute, die alle mit dem Auto angefahren waren.“ Pläne, selbst hinter den Decks zu stehen, schmiedet sie nicht. Bis das Geld lockt, oder besser: ein Rabatt in einem Klamottengeschäft in einem Einkaufszentrum. Weil es für ein paar Stunden Auflegen Prozente gibt und sie unbedingt diese eine Jacke haben will, spielt sie dort ihren ersten Gig – und wird prompt von einem Freund ihres Bruders für Partys in der Umgebung rekrutiert. „Und dann konnte ich auch erst nicht mehr aufhören!“, grinst sie.

Discogs-Hausaufgaben mit Stift und Zettel

Zu diesem Zeitpunkt ist sie nicht einmal volljährig, für ihre eigenen Gigs muss sie sich einen Muttizettel ausfüllen lassen. Langsam erspielt sie sich in Thüringen einen Ruf, zieht nach Weimar, findet die Welt dort aber zu eng – und geht nach Berlin. Nicht der Karriere, oder der Hoffnung auf den großen Durchbruch, sondern der Freundschaften wegen, wie sie betont. Es folgt aber, was folgen muss: eine Feierphase. Mit 18 Jahren besucht sie das erste Mal das Berghain. „Ich kam aus dem Dorf und stand plötzlich zwischen lauter nackten Menschen!“, lacht sie. Vor allem aber erlebt sie, wie Margaret Dygas oben in der Panorama Bar und Marcel Dettmann unten auf dem Mainfloor ihren Job machen – „da war es komplett um mich geschehen.“ Sie saugt die Impressionen, die Inspiration auf.

Auch trifft sie auf Sven Weisemann, der sie zu sich nach Hause einlädt. „Ich hatte das Gefühl, da versteht mich einer. Er kennt mich nicht, aber er sieht mich als Person”, erinnert sie sich. Es folgen Lehrstunden vor dem Plattenregel in Weisemanns Studio, aus dem er eine Platte nach der nächsten zieht: Musst du kennen. „Ich saß da mit meinem Block und habe Discogs-Hausaufgaben gemacht!“ Monatelang geht das so, Kochs Geschmack differenziert sich genauso aus, wie er sich verfestigt.

Für ihre abwechslungsreichen Sets ist sie schließlich heute bekannt. Auf die Frage, was ihr das Auflegen im bestmöglichen Falle bringe, antwortet sie dementsprechend auch nicht mit einer kurzen Pause, sondern einem einzigen Wort: „Freiheit.“ Es ginge darum, einen sicheren Raum zu erschaffen, in dem die Menschen schlicht sie selbst sein können. Das wiederum ist genau der Ansatz, welches das von Koch gemeinsam mit der audiovisuellen Künstlerin Jessica Tille begründete Kollektiv Olympe verfolgt. Den Namen leihen sie sich von der französischen Aufklärerin Olympe de Gouges, das Konzept ist ambitioniert: Kunst und Clubmusik vereinen, ein überwiegend weibliches Booking und absolute stilistische Offenheit.

Olympe findet ein doppeltes Zuhause im Jenaer Club Kassablanca und der Berliner Griessmuehle. Der Versuch, Kunst in den Clubkontext zu integrieren und Line-ups ohne erkenntliche Headliner:innen zusammenzustellen, stößt beim Thüringer Publikum zwar nicht auf Gegenliebe, die Berliner Audience aber findet Gefallen an der musikalischen Vielseitigkeit der Abende, die allerdings auf die Kunst verzichten und den Fokus auf die Musik legen. Sie heuert in der Griessmuehle als Resident an, kann den Club aber nur wenige Male vertreten: Erst wird dieser unter großen Protesten Anfang 2020 geschlossen, dann folgt die Pandemie.

Hoffnung auf Umdenken

Ein bisschen wirkt es heute so, als wäre Koch das alles gelegen gekommen: mehr Zeit, sich selbst zu finden. Sie, die eine „Hassliebe“ zu Berlin pflegt, genießt den stillen Frühling des Jahres 2020, schließt einen Heilungsprozess ab, der jahrelang unbewusst in ihr ablief und merkt, wie sich auch ihre musikalischen Prioritäten verschieben. Auf ‚Beyond Contact‘ folgt ein Soundtrack für eine Meditation der Psychologin Tara Brach, ein 26-minütiges Ambient-Stück – „untanzbare“ Musik, wie sie Koch mittlerweile gerne macht.

Denn auch wenn es ihr unwirklich vorkommt, dass wieder Booking-Anfragen hereinkommen und sie bei ihrem ersten Auftritt nach einem Jahr am vergangenen Wochenende noch nicht das alte Gefühl vom Verlorensein in Raum und Zeit verspürte – sie hofft auch, dass der Neustart dieses verregneten Sommers ein Umdenken mit sich bringt. „Es ist an der Zeit, vor allem in Berlin nicht nur Techno-Bumsfallera anzubieten, sondern etwas aufzuräumen. Ich glaube, da wären die Leute wirklich interessiert daran“, sagt sie. Veranstaltungskonzepte, die soziale Erlebnisse von Spiritualität ermöglichen zum Beispiel, Sound Healing – und das „mit einer modernen, futuristischen Art und Weise zu verknüpfen und nicht nur mit Klangschalen und Gong herumzusitzen.“

Wenn Koch über Spiritualität und Meditation spricht, dann mit der Festigkeit einer Person, die eine Reise ins Äußere des Ichs unternommen hat, als zufriedenerer Mensch zurückkehrte und das an eine Gemeinschaft wiedergeben möchte, die im allgemeinen Neustart von Stadtleben und Clubszene nicht uneingeschränkt Euphorie verspürt. „Ich finde dieses Jahr anstrengender als das letzte. Es ist ein Umschwung zu spüren, Veränderung – das schafft im Kollektiv viele Ängste, die in der Stadt extrem stark zu spüren ist.“ Mit Blick auf das Gewimmel an der Warschauer Straße lässt es ihr schwerlich widersprechen.

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