Die letzten Strahlen des orange-rot leuchtenden Sonnenuntergangs tauchen die Steine der mittelalterlichen Ruine in ein warmes Licht, die Kamera zoomt heraus und gibt den Blick auf die atemberaubende Kulisse der dahinterliegenden Berge frei. Die ersten, melodischen Töne eines atmosphärischen Intros erklingen - das ist ein Cercle-Moment.

Die Livestream-Plattform Cercle überträgt schon seit über zwei Jahren jeden Montagabend den einstündigen Auftritt eines DJs. Das Besondere daran: Statt in stickigen, beengten Clubs wird das DJ-Pult an der frischen Luft aufgebaut. Barocke Schlösser, römische Ruinen, unterirdische Tropfsteinhöhlen oder windige Berggipfel sind nur einige der beeindruckenden Kulissen, die das Cercle-Team bisher für seine Livestreams ausgewählt hat. Besondere Szenarien und besondere elektronische Musik sorgen für einzigartige Momente, die auf Facebook von über einer Million Zuschauer live mitverfolgt werden. Als erstes Livestream-Medium, das ausschließlich über Facebook streamt, macht sich Cercle die Live-Funktion des sozialen Netzwerks geschickt zunutze.

Über die Kommentarfunktion können die Zuschauer sogar Fragen stellen, von denen einige am Ende des Sets dem DJ persönlich gestellt werden. Dass es damit den Nerv der Zeit trifft, zeigt das positive Echo im Internet: Mit 600.000 Facebook-Followern und bis zu 15 Millionen Aufrufen pro Video auf YouTube hat sich Cercle trotz seiner jungen Geschichte nach und nach einen Namen in der elektronischen Musikszene erarbeitet. Wie hat es das Team um Gründer Derek Barbolla in nur zwei Jahren geschafft, sich neben anderen Szene-Plattformen Gehör zu verschaffen und zu einer Erfolgsstory zu werden?

Perfekte Bilder für perfekte Momente

Auf den ersten Blick scheint es so, als hätte Cercle das Boiler-Room-Konzept kopiert: Ausgewählte DJ-Performances, eine kleine Crowd, Liveübertragungen. Wer genauer hinschaut, entdeckt jedoch schnell, dass mehr hinter Cercle steckt als nur ein weiteres schnödes Live-Medium. Die Idee der Macher setzt da an, wo der Blickwinkel und damit auch die technischen Möglichkeiten der (ehemals) statischen Boiler-Room-Kamera aufhören: beim Bild. Erhält ein Boiler-Room-Video seinen Wiedererkennungswert durch den DJ, der visuell im Vordergrund steht, so verschiebt sich die Perspektive eines Cercle-Videos auf die natürliche Kulisse des Events.

Dafür setzt man vor allem auf Dronen, die den Ort des Geschehens aus allen Perspektiven zeigen und damit die weitläufigen, ungewöhnlichen Veranstaltungsorte aus der Luft erst so richtig in Szene setzen. Professionelle Dreh- und Schnitttechniken machen ein simples Live-Video zu einem High-End-Produkt und setzen den Video-Kanal damit deutlich von der Konkurrenz ab, die oft mit schlechten Indoor-Lichtverhältnissen zu kämpfen hat. Bei den dynamischen Kamerafahrten von Cercle hingegen ist das Hollywood-Feeling garantiert. Natürlich muss man dafür in Kauf nehmen, dass die Knöpfe des Mischpults prozentual gesehen viel seltener im Bild sind.

© YouTube / Cercle

Dem DJ auf die Finger schauen können - dieser Ansatz war, zumindest am Anfang einmal, nicht unwichtig bei Livestreams von DJ Performances. Mit dem Erfolg von Cercle verschiebt sich dieses Interesse vom musikalisch-technischen Know-how auf das Bild, von den pixeligen Mischpult-Detailaufnahmen in den Live-Übertragungen des russischen Internetradios RTS.FM hin zur hochauflösenden Optik eines perfekten Cercle-Moments, der schlichtweg nicht so perfekt wäre, wenn er nicht in HD gefilmt worden wäre.

Doch ist die Bildqualität die einzige Trumpfkarte von Cercle? Das allein würde wahrscheinlich nicht die erreichte Popularität erklären. Es geht vielmehr um den Gesamteindruck der Videos und das, was vermittelt werden soll. Das Prinzip der visuellen Gestaltung bei Cercle ist einfach: Sonnenuntergang statt Scheinwerfer, architektonische Kunst statt Katakomben. Viele Sets finden ohne Publikum statt, sodass weder die Ruhe und Schönheit der natürlichen Umgebung gestört wird noch der Fokus auf ein ausgeflipptes, gelangweiltes oder schräges Publikum verrutscht. Doch auch bei den Videos mit Crowd entsteht nicht das Gefühl der Exklusivität, das vor allem viele der älteren Boiler-Room-Videos auszeichnet.

Boiler Room, inspiriert vom Underground-Clubleben, versucht seinen Zuhörern die Intimität eines einmaligen (Tanz-)Erlebnisses zu vermitteln. Dabei geht es vor allem um jenes subjektive "Dabei-gewesen-sein", Basis-Gefühl eines noch zweifelhafteren Sehen und Gesehenwerden. Digitaler Voyeurismus, der sich in seinen witzigsten Momenten selbst parodiert, indem er ans Licht der Öffentlichkeit trägt, was eigentlich im Club bleiben sollte. Die unvergleichbare Party, auf der man gern gewesen wäre, wird dabei zur inszenierten Show, in der die Euphorie des Events nicht immer authentisch ist. Hinzu kommt, dass die Tickets für einen Boiler-Room-Abend - im Gegensatz zu einer Cercle-Show - nicht öffentlich erwerbbar sind, wodurch absichtlich ein kleiner Hype um die Veranstaltung und ihren angeblichen VIP-Charakter generiert wird.

Nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es auch bei Cercle hochgehaltene Smartphones. Aber nervige, aufgeputschte Rampensäue in der ersten Reihe sind in den Videos bisher Fehlanzeige. Die Bühne und die Aufmerksamkeit gehören unmissverständlich dem DJ und dem Setting. Die Bilder erzählen weniger von der einen legendären Party als von den perfekten Momenten des Instagram-Lifestyles einer Generation, die nicht nur ihre Liebe zur Musik in perfekte Momente quetschen muss.

Eine Hommage an das französische Weltkulturerbe

Auch wenn Cercle diese Instagram-Mentalität stark bedient, steckt doch noch mehr hinter dem Konzept des französischen Teams. Es möchte nämlich nicht nur der elektronischen Musik ein Denkmal setzen, sondern gleichzeitig durch die Wahl der Veranstaltungsorte die Aufmerksamkeit auf das französische Kulturerbe lenken. Wie es dazu kam? Cercle begann, wie Boiler Room übrigens auch, als private Veranstaltung im Freundeskreis. Gründer Barbolla lud DJ-Freunde in das Wohnzimmer seines Pariser Apartments ein, deren Sets er live auf Facebook übertrug. Nach ein paar kleineren Partys gelang den Freunden dann der Coup: Über das Kontaktformular auf der Homepage des Eiffelturms fragten sie die berühmte Sehenswürdigkeit als Eventlocation an - und bekamen eine Zusage! Die erste medienwirksame Veranstaltung von Cercle konnte stattfinden, ermöglicht durch eine eigenwillige Mischung aus kindischer Naivität, guten Ideen und Glück.

Spätestens mit Boris Brejcha und seinem Auftritt für Cercle im Schloss von Fontainebleau gelang der Durchbruch in Sachen Reichweite und Sichtbarkeit. Trotz der teilweise international bekannten Namen, die Cercle mittlerweile eingeladen hat, soll der Fokus eigentlich auf französischen DJs liegen. Die allein hätten den Veranstaltern aber wahrscheinlich nicht zu einem solchen Erfolg verhelfen können. Man könnte es sogar als einen Widerspruch sehen, dass die Aufmachung und das jüngste Line-Up mit beispielsweise Solomun, Seth Troxler und Tale Of Us einen internationalen Anspruch darstellen, die Künstler-Interviews nach jeder Show aber, wenn möglich, auf Französisch stattfinden und die wenigen Informationen zu Cercle aus französischsprachigen Quellen stammen.

Die minimalistische Info-Botschaft "Cercle is a livestream platform dedicated to promoting the finest electronic music", die auf der Facebook-Seite zu finden ist, über die die Liveshows verfolgt werden, reicht den meisten Zuhörern als Hintergrundwissen anscheinend völlig aus. So wissen wahrscheinlich auch nur die wenigsten, dass teilweise ein Prozentsatz der Einnahmen an Restaurierungsprojekte der Kulturstätten gespendet wird und Cercle mit diesem Ansatz einen Doppeleffekt verfolgt: Nicht nur die Musik an einen anderen, bedächtigeren Ort holen, sondern auch ein junges Publikum an diese kulturhistorischen Stätten locken, das sich sonst vielleicht nie dorthin verirrt hätte. Auf Seiten der Veranstalter sollen die Shows mit den Vorurteilen gegen elektronische Musik aufräumen, die vor allem bei der älteren Generation oft bloß aus Assoziationen mit Exzessen, Rausch und Drogen bestehen. Eine Cercle-Veranstaltung löst den Kontrast zwischen antik und modern in einen kunstvollen Dialog auf, den die Veranstalter mit ihrem Slogan "timeless music" beschreiben.

Ernsthafte Konkurrenz für Boiler Room?

Dennoch: Die musikalische Qualität eines Boiler Rooms sucht seinesgleichen. Und auch genre-mäßig hat der bekannte digitale Musikkanal gemäß seines Anspruchs als Underground-Medium mittlerweile so ziemlich alle denkbaren Nischen abgedeckt - musikalisch schließt es selbst so unklassifizierbare Performances wie die der argentinischen Frikstailers oder des US-amerikanischen Otto von Schirach ein. Man mag darüber streiten, ob Boiler Room im Hinblick auf sein YouTube-Lineup, das sich wie ein A-Z der Branchengrößen liest, überhaupt noch etwas mit dem Underground zu tun hat. Jedoch ist es dort geboren und hat (angefangen bei seinem Gründungsmythos der Entstehung im alten Heizungskeller) eine beeindruckende Laufbahn hinter sich, die bis zu dem global agierenden Medium reicht, das Boiler Room heute ist: Ein internationaler Referenzpunkt für die Bekanntheit eines Musikers, Tonangeber für Trends, kurzum, DAS visuelle Medium der Szene.

Wie könnte Cercle da auch nur ansatzweise mithalten? Der ambitionierte Ansatz des Neulings ist es, einzigartige Momente zu kreieren, die zeitlos sind - nichts weniger als das. Dass diese Epik auf Knopfdruck in einer Welt des digitalen Sofortismus Erfolg hat, verwundert nicht. Aber Cercle ist auch dabei, eine Hommage an die Clubkultur und ihre Musik zu setzen, indem es den DJs eine Bühne gibt, auf der sie sich selbst verewigen können. Ob die Liste seiner featured artists in Zukunft ein Maßstab für neue Trends und neue Entdeckungen sein kann, hängt von der musikalischen Entwicklung des Mediums ab, von der Qualität seiner Sets. Und davon, ob der Fokus auch weiterhin auf der Performance an sich und nicht auf aufmerksamkeitssüchtigen Selbstdarstellern im Publikum liegen wird, kurzum: ob die Attraktivität der perfekten Momente für Cercle nicht zum Eigentor wird.

© YouTube / Cercle

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