Die GEMA ist an allem schuld

Die GEMA ist an allem schuld

Archiv 10. August 2012

Keine Angst, das hier wird vordergründig kein Beitrag zum aktuellen GEMA Bashing, sondern eine Zeitreise. Kommse mit!

Wir begeben uns ins Jahr 1951. Die Freiwillige Feuerwehr im niedersächsischen Tostedt fröhnt erst einem Umzug, anschließend dann einem Umtrunk. Wenige Leute, beschallt von der eigenen Blaskapelle, im sonst leeren Gasthaus des Nachbarorts Düvelshöpen. Dörfliche Idylle, bis die Rechnung kommt. Die von der GEMA. 137 Mark, davon 5 Mark für den Umzug und 132 Mark für die Selbstbeschallung zum Bier, weil: "die Höhe der Gebühr richtet sich nach dem Fassungsvermögen des Saales und nicht nach der Zahl der Besucher".

Solche Aussagen meint man irgendwoher zu kennen, aber so beschreibt es schon ein SPIEGEL Artikel aus dem Jahr 1951, unter der Überschrift "Die GEMA ist an allem schuld". GEMA Logik: Model 51. Damals kostete die Rundfunkgebühr übrigens 2 Mark. Die GEMA, nach Kriegsende aus der zur NS-Zeit mit Monopol versehenen STAGMA hervorgegangen, bzw. deren "Musikdetektive" waren offensichtlich schon vor mehreren Generationen "die  bestgehaßten Zeitgenossen". Auch hatte die GEMA seinerzeit schon Probleme mit Magnetofon-Kopien für private Zwecke und neuen Medien, in diesem Fall mit aufkommender Schallplattenmusik. Erstmal fix ein paar Zahlen.

Anfang der Fünfziger war das Kilo Brot für 50 Pfennige zu haben, der Liter Benzin kam um die 70 Pfennige , der repräsentativste deutsche Warenkorb, das Maß Bier zum Oktoberfest, schlug mit 1,70 Mark ins Kontor. Die Kinder hießen Monika, Hans,  Karin oder Klaus und neben Bier aus Dosen und dem Tetrapak wurden Vinyl-Schallplatten Teil des Lebens im frühen Wirtschaftswunderland.  Gastwirte begannen die aufmusizierenden Kapellen durch Plattenspieler zu ersetzen. Per Anzeige in Fachblättern wie  den "Niedersächsichen Hotel- und Gaststättennachrichten" wurden die neuartigen Vinyl-Tonträger als "GEMA-frei" angeboten. Was die GEMA per Unterlassungsklage bekämpfte. Mit der "Interessengemeinschaft deutscher Tanzmusikverbraucher" startete zudem der Bremer Tanzlehrer Eduard Arff einen frühen Versuch "Gastwirte mit tantiemenfreier Tanzmusik" zu versorgen. Kennt man alles, irgendwie.

1950 gab es 12000 GEMA Betreute, die ihr Werk bis 50 (zuvor 35, jetzt 70) Jahre schützen ließen. Neben Gastwirten war der Rundfunk ein Großkunde in der Werksnutzung, aber auch die Filmproduktion. Freilich wurde auch das Fußvolk, darunter Schaubudenbesitzer oder Leierkastenmänner, zur Kasse gebeten. Als Relikt aus der Nazizeit waren die Finanzämter noch mehr oder minder verpflichtet der GEMA zuzuarbeiten. Folgt man diversen Quellen, lag der Sinn des GEMA-Vorläufers auch in Überwachung und "Qualitätskontrolle", ganz im Interesse der zwischen 33 und 45 herrschenden Politik .

Vereinnahmt wurden damals (1949) 12,6 Millionen Mark, die Verwaltung benötigte mit 4,8 Millionen Mark nicht ganz ein Drittel. E-Musik stach U-Musik, denn um "den viel seltener aufgeführten Komponisten ernster Musik einen Ausgleich zu bieten", gab es das sogenannten "ernste Drittel". Unterhaltungsmusikkomponisten wurden 30 Prozent der Einnahmen abgezogen, um Klassikfuzzis zu subventionieren. Das sag ich so salop, weil 1) z.B Reichmusikkammerpräsident und "Also sprach Zarathustra" Komponist Richard Strauß  ein Vorkämpfer im Urheberrecht war, was einen Zusammenhang nicht gerade ausschließt und 2) heute ein Teil von denen, die damals mit ihren Gassenhauern ala "Caprifischer" (Text: Ralph Maria Siegel, Vater von Ralph "Ein bißchen Frieden" Siegel) unter U-Musik fielen, in der GEMA als ordentliche Mitglieder mehr einstreichen, als ihnen eigentlich zustehen würde. Wenn den gerechter verteilt würde. Genauer gesagt streichen anno 2012 oft schon die Erben der eigentlichen Urheber ein. Unterteilt in E- und U-Musik wird übrigens noch immer und wohl bis zum jüngsten Tag.

Schon unter der Leitung von Erich Schulze, zuvor langjähriger STAGMA Mitarbeiter, stieg das GEMA-Tantiemenaufkommen (bis 1989) auf über 500 Millionen DM. Im Jahr 2010 betrugen die Einnahmen der GEMA, wider allgemeiner Vermutung keine Behörde, sondern ein Verein mit topbezahltem (380.000 p.a.) Vorstand,  863 Millionen Euro. 2002 waren es noch knapp 50 Millionen weniger, was das Märchen von der bösen Kostenloskultur irgendwie wiederlegt. "Es geht um Gerechtigkeit" sagt Gaby Schilcher und meint nicht den GEMA-Verteilschlüssel. Sondern versucht die wirr / dreisten Gebühren zu begründen, die die GEMA aktuell für ihre Tarifreform andenkt. Das mediale Echo ist verherrend, selbst in der "Bäckerblume" und in "Rute und Rolle" fragt man sich, welches Hirn auf dererlei Ideen kommt. Die andere Seite, voran der deutsche Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA, schlägt mit gleicher Axt zurück. "Existenzbedrohend, 3500% Steigerung, Himmel!, Bundestag hilf!".  0,31% der Einwohner dieses Landes ziehen mit. Diskotheken gehen den härtesten aller denkbaren Schritte (Ironie!) und machen von fünf vor zwölf bis Mitternacht glatt mal die Musik aus. Ist ja eh kaum einer da und da lacht die GEMA und sagt "Seht her, Musik braucht ihr also zwingend, dass der Laden läuft".  Dr. Motte schreit, mit sich überschlagender Stimme, "Skandal" und ein altes Feindbild liefert selbst die Politur für neuen Glanz. Manche wollen die GEMA ganz abschaffen, manche nur auf die Höhe der Zeit bringen, andere wollen eine gerechtere Verteilung der Einnahmen. Was auch die GEMA will. Soviel man hört zehn Prozent von der Tür. Das wäre als ständige wiederkehrende Abgabe, zusätzlich zur schon erfolgten Abgabe (kurz: Tonträgerkauf) nur recht, wenn auch nicht unbedingt billig. Als Grundlage dafür zieht sie allerdings den höchsten Ticketpreis ran und schlägt Lagerflächen plus Toiletten auf die zu berechnende Fläche auf, um die Clubgröße zu bemessen. Wobei diese Clubgrößeneinteilung dann wieder nur ein 100qm Raster hat. Wär ja noch schöner wenn der Club mit 209qm weniger zahlt als der mit 299qm. "Es geht um Gerechtigkeit"? Ach so!

Nun gerate ich doch etwas ins bashen. MP3 Zuschlag, geplante 50% mehr nach fünf Stunden Party, GEMA Gebühr auf USB-Sticks und Handys, ein fehlendes System der Zuordbarkeit wirklich gespielter Musik (obwohl das manch iPad App zuverlässig kann), welches für mehr Transparenz und fairere Ertragsverteilung sorgen würde, verleiten mich dazu. Ich weiß: es wird noch verhandelt und auch ein Urheber will leben. Ich bin sogar für Gerechtigkeit. Unbedingt! Aber ob die bei diesen Ausgangsbedingungen kommt? Warum droht man hunderte bis tausende Prozent Erhöhung an, um letztlich zehn zu bekommen? Weil man dreist ist oder unsensibel? Weil man Monopolist ist? Oder alles zusammen? Lange Rede: man gebe sich mal den Bericht aus dem Jahr 1951. Erstaunliche Parallelen, ähnliche Probleme, ähnlicher Ton. Und irgendwie schwindet alle Hoffnung, dass sich so ein Verein zum Guten ändern könnte. Zum Monopolprivileg kommt eine harte Schale aus Jahrzehnten der Anfeindung. Die Revolution müsste von innen kommen. Wird sie aber nicht, da jeder glaubt sein Krümmel könnte auf ein Stück vom Kuchen anwachsen. Bilden Sie einen Satz aus Hand, füttern und nicht beissen! Die Revolution wird nicht nur nicht im TV übertragen, sie wird ganz ausfallen. Vermute ich. Und - der GEMA würde bestimmt was fehlen, wenn man nicht sagt " Die GEMA ist an allem schuld."    🙂

Spiegel 1951 zur GEMA

 

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