Essentials: Filme über Techno und Clubkultur

Essentials: Filme über Techno und Clubkultur

Features 12. Juli 2020

Filme über Techno und Clubkultur: Wo sich Bilder bewegen, da sind Töne nicht weit. Seit Anbeginn des Kinos gehört Musik fest zum Medium Film dazu. Noch bevor die "Talkies" technologisch möglich wurden, unterlegten RegisseurInnen das Geschehen von Stummfilmen mit Musik, um die emotionale Wirkung der Bilder zu steigern, für mehr Dynamik zu sorgen oder aber mit dem Ziel, die gezeigte Handlung zu kommentieren. Musik und das (sub-)kulturelle Leben herum rückten jedoch bald schon noch weiter in den Vordergrund. Ob Musical-Verfilmungen wie West Side Story oder internationale Blockbuster wie The Sound of Music: Musik wurde mit Aufkommen der Popkultur zunehmend zu einem beliebten Thema. 

Mit Saturday Night Fever widmete sich erstmals ein Mainstream-Film dezidiert einer bestimmten Ära der Clubkultur und seitdem sind zahlreiche gefolgt. Manche von ihnen versuchten wie der Travolta-Schinken einen großen Hype für sich zu nutzen wie etwa der EDM-Film We Are Your Friends aus dem Jahr 2015. Andere, wie Party Monster, speisten sich aus dem Club-Kids-Anführer und verurteilten Mörder Michael Alig und aus den Mythen, die die Clubkultur umrankten. Und dann wären da noch Filme wie Blade, die das Geschehen auf dem Dancefloor effizient für sich verwendeten, um möglichst ikonische Bilder zu schaffen.

Es gibt jedoch auch Filme über Clubkultur auf und abseits des Dancefloors. Naar de Klote, It's All Gone Pete Tong oder Magical Mystery beispielsweise erzählten ihre Geschichten ausgehend von einem Setting, das mit viel Leidenschaft ausstaffiert wurde. Und mit der Serie Pose etwa wurde ein häufig übergangener Aspekt der Clubkulturgeschichte, die Ballroom-Kultur der queeren Szene in New York, meisterhaft in Szene gesetzt. Dazu gesellen sich allerdings Filme oder Serien wie Beat, die mit möglichst hoher Schlagdichte Kitsch und Klischees aneinanderreihen, um nach den gewünschten Effekten zu heischen.

Die sechs von uns ausgewählten essenziellen Spielfilme verfahren mal so, mal so. Einige von ihnen sind nahezu dokumentarisch ausgelegt und vollziehen historische Entwicklungen nach. Andere stellen die Lust am Erzählen in den Vordergrund, sie zoomen tief ins Geschehen herein. Gemein ist ihnen, dass sie alle genauso von Clubkultur geprägt wurden, wie sie selbst ihre Spuren in ihr hinterließen.

Trainspotting (1996)

Irvine Welsh hat wie kaum ein anderer englischsprachiger Schriftsteller Rave-Kultur in seine Romane und Kurzgeschichten mit einbezogen. Seine Figuren sind nicht selten Druffis, die vor gut zwei Jahren das letzte Mal geschlafen haben oder zumindest während des Second Summer of Love kein Auge zugemacht haben. Welsh etablierte als Schriftsteller einen Sound, wie es im deutschen Raum höchstens Rainald Goetz gelang. 

Mehr noch als in den Vorlagen ist die Musik ein fester Teil der Welsh-Verfilmungen. Der Soundtrack von Danny Boyles Trainspotting züchtete bei seiner Veröffentlichung im Jahr 1996 auf einen Schlag eine ganze Generation von Techno-Fans heran. Die Story der schottischen Heroin-Junkies, zu der im Jahr 2017 eine auf dem Roman Porno basierende Sequel veröffentlicht wurde, ist nicht die einzige aus der Feder Welshs, die verfilmt wurde. Neben The Acid House, das drei Adaptionen von Welsh-Kurzgeschichten aus dem gleichnamigen Erzählband episodisch aneinanderreiht, wurde im Jahr 2011 auch The Undefeated unter dem Titel Irvine Welsh's Ecstasy verfilmt. Darin spielt das Nachtleben eine noch größere Rolle als in Trainspotting, jedoch geht es - der Filmtitel lässt es erahnen - primär um Drogen. 

Hinsichtlich ihrer Atmosphäre können all diese anderen Verfilmungen Trainspotting nicht das Wasser reichen. Obwohl Clubkultur darin nur eine nebengeordnete Rolle spielt, gehört der Film doch genauso fest zu ihr, wie sie sich in ihm manifestiert. Und sei es nur im Finale, in welchem sich Renton (Ewan McGregor) zu den Klängen von Underworlds "Born Slippy (Nuxx)" einen der berühmtesten Monologe der Filmgeschichte hält. 

Human Traffic (1999)

Während Trainspotting zu einem internationalen Kultfilm avancierte, wird Human Traffic weiterhin fast ausschließlich im britischen Raum als Klassiker gehandelt. Das Debüt von Regisseur Justin Kerrigan erlaubt sich die eine oder andere Referenz auf das schottische Gegenstück, genauso allerdings kann es als walisische Antwort auf die US-amerikanische Komödie Go verstanden werden, die ebenfalls im Jahr 1999 in die Kinos kam. Hüben wie drüben geht es um Menschen, die der Tristesse ihres Alltagslebens mit ein paar Pillen entfliehen wollen. Lediglich die Resultate variieren. 

Der Film über die Drogeneskapaden einer Gruppe von Anfang Zwanzigjährigen um den frustrierten Jip (John Simm) ist grell und hektisch, sein Humor direkt und Kerrigans Versuche, gesellschaftskritische Aussagen zu treffen, wirken weitgehend ungelenk. Seine Charaktere aber hauchen Human Traffic Leben ein. Da ist etwa Koop (Shaun Parks), der als Plattenhändler überteuerte US-Importe von Rap-White-Labels genauso gut ans Publikum bringen kann, wie er seinem "Junglist"-Shirt mit den passenden Dance-Moves gerecht wird. Wenn er doch nur als DJ und MC nicht zu viel Selbstüberschätzung an den Tag legen würde! 

Human Traffic kann überdies mit Cameos von unter anderem Carl Cox oder Pete Tong aufwarten, der als Music Supervisor an dem Film mitgewirkt und einen gesonderten Mix zu dessen Soundtrack beigesteuert hat. Auf dem sind unter anderem CJ Bolland, Dillinja, Death In Vegas, Orbital, Matthew Herbert und Fatboy Slim zu hören. Was dem Film an Tiefe mangelt, macht also mindestens die Tonspur an Informiertheit wett. Und unterhaltsam ist er allemal. Es ist wohl übrigens nicht das letzte Mal, dass wir etwas von Jip und seiner Crew gehört haben: Eine Sequel wurde bereits im Jahr 2019 angekündigt... 

Groove - 130 bpm (2000)

Auch Groove - 130 bpm aus dem Folgejahr schmückte sich mit prominenten Gästen aus der Szene. Darunter befand sich der ebenfalls unter seinem Pseudonym Bedrock auf dem Soundtrack vertretene John Digweed. Andere DJs, die mit kurzen Sets im Film zu sehen sind: Polywog, Forest Green und WishFM alias Wade Randolph Hampton, der Regisseur Greg Harrison als Berater in Sachen Musik zur Seite stand. Noch nie von den dreien gehört? Kein Wunder: Sie sind vor allem in der Szene Kaliforniens, genauer gesagt San Franciscos, bekannt, wo der im Jahr 2000 angelaufene Film spielt. Wie Trainspotting und Human Traffic bietet Groove eine Menge Lokalkolorit und ist ein Kind seiner Zeit.

Der Plot ist schnell erzählt: David (Hamish Linklater) ist in der Stadt zu Besuch und lässt sich von seinem Bruder Colin (Denny Kirkwood) dazu breitschlagen, einer geheimnisvollen E-Mail zu folgen und einen illegalen Warehouse-Rave aufzusuchen. Dort lernt er erst Leyla (Lola Glaudini) und im nächsten Moment schon die Freuden chemischer Aufputschmittel kennen. Klingt unspektakulär? Ist es auch. Groove konnte damals schon die Kritik nicht unbedingt überzeugen und wirkt mit ein paar Jahren Abstand durchaus etwas angestaubt. Immerhin aber verschafft Harrison seinem Publikum einen Einblick in die zeitlosen Problemchen, mit denen sich die VeranstalterInnen von illegalen Raves herumplagen müssen. Zudem gelingt ihm die Darstellung einer glaubwürdigen Cluberfahrung. Und wer auf blödeligen Drogenhumor steht, bekommt davon in Groove ebenfalls eine ganze Menge geboten.

24 Hour Party People (2002)

"Seht ihr das? Sie applaudieren dem DJ", sagt ein Mann, der sich seinen Weg durch eine in Zeitlupe auf und ab springende Menge bahnt. "Das ist die Geburtsstunde der Rave-Kultur. Die Seligsprechung des Beats, das Zeitalter des Tanzens. Willkommen in Manchester!" Zu diesem Zeitpunkt ist schon die Hälfte des Films herum, der sich vor allem um diesen Mann, sein Plattenlabel, die Bands darauf und nebenbei noch seinen Club dreht. Der Mann heißt Tony Wilson, sein Label Factory Records und die Bands unter anderem New Order und Happy Mondays. Der Club, die Haçienda in Manchester, ist zu seiner Zeit der berühmteste der Welt.

How Not to Run a Club nannte allerdings Peter Hook von Joy Division und New Order sein Buch über die Haçienda - und das nicht ohne Grund. Auch Michael Winterbottoms Film 24 Hour Party People stellt die Geschichte von "Madchester" angefangen mit dem legendären Auftritt der Sex Pistols in der Lesser Free Trade Hall bis hin zur Schließung des Clubs als Aneinanderreihung von katastrophalen wirtschaftlichen Entscheidungen dar. Je weiter sich Wilson (Steve Coogan) und seine MitstreiterInnen jedoch ins Chaos hineinreiten, desto (irr-)witziger wird es.

Meisterhaft zusammengehalten wird der Film durch die Kommentare Wilsons, der wieder und wieder die vierte Wand durchbricht, um sein Publikum direkt anzusprechen und ihm auch mal zu stecken, das diese oder jene Szene so niemals stattgefunden hat. Das macht aus diesem gleichermaßen liebevollen wie schonungslosen Film obendrein eine tiefschürfende Reflexion darüber, wie die Musikwelt ihre eigenen Mythen schafft. Kurzum: 24 Hour Party People ist einer der besten Filme, der überhaupt je über Musik gedreht wurde.

Berlin Calling (2008)

Paul Kalkbrenner gibt mittlerweile in Interviews freimütig zu, Berliner Clubs keine Besuche mehr abzustatten. Und zu Hause? Dort hört er manchmal Johann Sebastian Bach oder eben doch am liebsten seine eigene Musik. Klar. Es gab aber auch mal einen anderen Kalkbrenner, der als Produzent mit Alben wie Zeit und Self auf Ellen Alliens BPitch Control den Minimal-Sound der frühen Nullerjahre entschieden mitprägte, pop-kompatible Melancholie und geschliffenes Sounddesign im Langformat bravourös in kohärente Narrative packen konnte. 

Nicht zuletzt aber hat Kalkbrenner als Protagonist des Films Berlin Calling dafür gesorgt, dass die Hauptstadtszene von Hintertupfingen bis Hyderabad bekannt wurde - ob sie nun wollte oder nicht. Hannes Stöhrs im Jahr 2008 veröffentlichter Film hätte genauso den Titel Einer flog über die Bar 25 tragen können, dermaßen stark verlässt sich das Drehbuch auf altbekannte Motive und seine Schauplätze: Der Produzent Ickarus arbeitet gerade an seinem Album, als er sich eine drogeninduzierte Psychose zuzieht, benimmt sich in der Nervenklinik gehörig daneben und geht aus der Sache halbgeläutert wieder hervor. Und zwischendrin gibt's Sex auf der Clubtoilette.

Spektakulär daran sind weder der magere Plot noch die Performance Kalkbrenners. Doch Berlin Calling machte nicht nur die halbe Weltöffentlichkeit auf den Sex-Drugs-and-Four-to-the-Floor-Lifestyle der Berliner Clubszene neugierig, sondern setzte auch mit seinem Soundtrack Akzente. "Sky & Sand" mit Kalkbrenner-Bruder Fritz wurde zum Schunkelschlager-Techno-Hit, der über hundert Wochen in den deutschen Charts herumdümpelte, mit Sascha Funkes "Mango" ist darauf auch ein definitives Highlight vom Ende der Minimal-Ära zu hören. Berlin Calling ist rückblickend ein Schlüsselfilm, der den internationalen Aufstieg - so prophetisch war der sprechende Name seines Protagonisten dann doch - der Berliner Clubszene in grelle Bilder packte. Und ihren Fall damit gleich mitimplizierte. 

Eden - Lost in Music (2014)

Lange vor Berlin Calling allerdings konnten DJs und ProduzentInnen zu Superstars aufsteigen und damit der Rock-Riege den Rang ablaufen. Mit Eden - Lost in Music hat die Französin Mia Hansen-Løve einen Film abgeliefert, in dessen erster Minute schon Jaydees R&S-Klassiker "Plastic Dreams" ertönt und welcher dennoch eine Geschichte erzählt, wie sie einst in Spinal Tap meisterhaft persifliert wurde: Es geht um dumme junge Kerle, ihre Liebe zur Musik und den harten Crash nach dem ersten Siegesflug. Es geht also, im Großen und Ganzen, um die Geschichte von Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter, gemeinsam bekannt als Daft Punk.

Eden wird allerdings nicht aus der Perspektive der beiden Roboterköpfe erzählt, sondern aus der von Paul Vallée (Félix de Givry). Über gut anderthalb Jahrzehnte hinweg wird dessen Werdegang als eine Art Schattenversion von Daft Punks erzählt. Erst gründet der leidenschaftliche Schriftsteller mit seinem Kumpel Stan (Hugo Conzelman) das Duo Cheers und wird später gemeinsam mit Cyril (Roman Kolinka) sogar ins MoMA gebucht. Doch Paul reist alleine nach New York und als er zurückkehrt, hat sich sein Freund das Leben genommen. Es wird danach nicht unbedingt besser: Drogen und der Fall in die Bedeutungslosigkeit folgen auf dem Fuß.

Wie andere Filme über Clubkultur mischt Eden musikhistorische Fakten mit fiktiven Elementen und (Auto-)Biografischem: Inspiriert ist die Geschichte nicht nur vom Werdegang Daft Punks, die erst nach langem Hin und Her ihre Einwilligung für die Nutzung ihrer Musik erteilten und dank ihrer sehr bescheidenen Gehaltsforderungen immerhin andere Labels und KünstlerInnen dazu bringen konnten, es ihnen gleichzutun. Sondern auch vom Leben von Hansen-Løves Bruder Sven, der beim Schreiben des Drehbuchs beteiligt war. Obwohl sich Eden über satte zwei Stunden Spielzeiten viel Kitsch und Pathos erlaubt: Selten wurde eindringlicher von den Schattenseiten des Nachtlebens und seinen zahlreichen gescheiterten AnhängerInnen erzählt. 

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Geschrieben von:
Kristoffer Cornils

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