Kiew Calling: Die ukrainische Clubszene und der Krieg
© Sasha Halushchak

Kiew Calling: Die ukrainische Clubszene und der Krieg

Allgemein. 31. Juli 2022 | / 5,0

Die Ukraine war vor dem Krieg einer der spannendsten Hotspots der europäischen Technoszene. Abseits etablierter Clubstrukturen entstand hier eine neue diverse Undergroundkultur. Raver:innen aus der ganzen Welt strömten in das Land, um sich in alten post-sowjetischen Fabrikhallen, auf brachliegenden Industrieflächen oder in provisorisch zusammengeschusterten Clubs in Ekstase zu tanzen. Kiew galt als das „neue Berlin“. Seit dem Einmarsch russischer Truppen Ende Februar ist die Party vorbei und die Szene im Kriegsmodus. DJs greifen zu den Waffen, Dancefloors werden zu Luftschutzbunkern und Clubs mobilisieren ihre Communities, um Freiwilligen-Netzwerke zu bilden. Techno heißt heute in der Ukraine mehr denn je Solidarität statt Hedonismus.

Closer (Kiew)

Versteckt auf dem Gelände einer alten Bandfabrik, am Rand des Kiewer Szeneviertels Podil liegt das Closer, einer der bekanntesten Clubs der Ukraine. Tagsüber eine Art Kulturzentrum mit Ausstellungen, Filmvorführungen und Lesungen, abends rauschende Partys bis in den nächsten Morgen – mit diesem Konzept hat das Closer die ukrainische Clubszene seit seiner Gründung 2013 maßgeblich geprägt. Aufstrebende lokale Artists, aber auch international renommierte DJs wie Ricardo Villalobos, Magda oder Richie Hawtin legten hier auf. Die vom Closer organisierten Festivals Strichka und Brave! Factory erlangten Berühmtheit weit über die Landesgrenzen hinaus.

Doch im Frühjahr dieses Jahres bleibt die Tanzfläche leer. Stattdessen werden im Closer Tarnnetze gewebt, Molotowcocktails hergestellt und Panzersperren zusammengeschweißt. Denn in der Ukraine herrscht Krieg. Am 24. Februar marschieren russische Truppen in das Land ein. Wenige Tage später stehen sie vor der Hauptstadt. Die ersten Raketen schlagen ein. Sergij Vel, einer der Mitbegründer des Closer, erinnert sich an die Panik, die in der Stadt herrschte und an die leeren Straßen. Die Menschen versteckten sich in Kellern und Luftschutzbunkern, teilweise auch in Clubs, die ihre Tore für die Bevölkerung öffneten. Das Closer kochte in dieser Zeit bis zu 300 Mahlzeiten täglich, die an Krankenhäuser und die ukrainischen Streitkräfte verteilt wurden. „Wir mussten etwas tun. Es war das einzig Richtige. Wir sind im Krieg. Und die Clubszene will ihren Teil dazu beitragen“, sagt Sergij.

2013 hat Sergij das Closer mit Freund:innen ins Leben gerufen. Anfangs veranstalteten sie Open-Air-Partys, die sie über Facebook bewarben. Irgendwann nachdem sie für wenig Geld eine feste Location gefunden hatten, wurde mit einer ordentlichen Portion DIY-Spirit und Improvisationskunst daraus ein Club.

Einige Monate später ließ der damalige pro-russische Präsident Viktor Janukowitsch ein Assoziierungsabkommen mit der EU platzen. Die Ereignisse der darauffolgenden Monate, die Massenproteste auf dem Maidan, die blutigen Unruhen, der Sturz von Janukowitsch wurden so etwas wie ein Katalysator, nicht nur für das Closer, sondern für die ganze neu aufkommende Technokultur des Landes. „Es war eine schwierige Zeit. Gleichzeitig setzte der Maidan eine unfassbare kollektive Energie frei, die eine völlig neue Kultur entstehen ließ. Es war eine Zeit des Umbruchs“, erinnert sich Sergij.

Der Maidan war eine kulturelle Revolution. Er katapultierte eine Generation ans Tageslicht, die aus dem Schatten Russlands treten wollte, die offen für Experimente und Veränderung war und sich nach dem Westen und Europa sehnte. Clubs wie das Closer wurden zum Sinnbild dieser gesellschaftlichen Veränderung. Als das Land nach der anfänglichen Euphorie 2014 in Korruption und Wirtschaftskrisen versank und im Donbas ein brutaler Krieg losbrach, wurden die Clubs zum Rückzugsort einer desillusionierten Jugend. Sie blieben kleine Inseln der Freiheit, Safe Spaces für die LGBTQIA+ Community und Orte des sozialen Wandels. Und sie spülten Tourist:innen aus ganz Europa nach Kiew, in das Epizentrum der Bewegung.

Das feierwillige Publikum aus dem Ausland fühlte sich angezogen von post-sowjetischer Exotik und den Klischees vom wilden Osten. Die Erzählung vom Tanz auf dem Vulkan in einem politisch wie kulturell zutiefst gespaltenen Land, in dessen Randgebieten gekämpft wurde, faszinierte die Menschen. In der von Krisen und Kriegen zerrütteten Ukraine konnten junge, nach Authentizität hungernde Besucher:innen aus Manchester oder Berlin quasi in Echtzeit das erleben, was sie nur aus Erzählungen und Dokumentarfilmen kannten: Die Entstehung einer aufkeimenden Technokultur, die das politische Vakuum nutzte, um neue Räume zu erobern.

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Daniel wurde zum 206. Battalion abkommandiert, das sich zunächst um die Verteidigung Kiews kümmern sollte. „Die ersten Tage war ich ziemlich nervös. Ich hatte keine Angst, aber ich war extrem angespannt. Jede Sirene, jeder Alarm, jedes Auto, das sich unserem Checkpoint näherte – alles hat an meinen Nerven gezerrt, vor allem, wenn die Nacht hereingebrochen ist. In meinem Kopf hat sich alles gedreht. Werde ich an Gefechten beteiligt sein? Werde ich auf andere Menschen schießen müssen? Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und bin entschlossener denn je“, erzählt er.

Nachdem der Angriff auf Kiew scheiterte und die russischen Truppen abzogen, wurde Daniels Einheit in die Südukraine beordert, nach Mykolajiw. Mittlerweile rückt sie im Rahmen der ukrainischen Gegenoffensive Richtung Osten vor, da, wo der Krieg momentan am heftigsten tobt. Ihre Aufgabe ist es, den Streitkräften, die an vorderster Front sind, den Rücken freizuhalten, die schwere Artillerie zu unterstützen und die Zivilbevölkerung zu evakuieren.

Immer wieder hakt die Übertragung beim Videoanruf. Seine Verbindung sei derzeit schlecht, erklärt Daniel. Dunkle Augenringe, unrasiert, die langen Haare unter einem Baseballcap versteckt – früher, nach dem Auflegen im Club, habe er genauso fertig ausgesehen, scherzt er. Seit Wochen hat er keine Nacht mehr durchgeschlafen. Mut macht ihm vor allem der neue Zusammenhalt in der Ukraine. „Der Krieg hat uns als Nation vereint und zusammengeschweißt.

All die Konflikte, politischen Gräben und Probleme, die unsere Gesellschaft gespalten haben, sind sekundär geworden. Alle ziehen jetzt an einem Strang und verfolgen ein Ziel: Diesen Krieg zu gewinnen und wieder in Frieden zu leben.“ Dem ordne sich auch die Clubszene unter. Alle seine Freund:innen seien in irgendeiner Art und Weise aktiv, egal ob sie bei der Armee sind oder als Freiwillige zivile Hilfseinrichtungen unterstützen.

Detali (Iwano-Frankiwsk)

Detali ist ein Kollektiv aus Iwano-Frankiwsk, einer Großstadt in der Westukraine. Malerische Altbauten aus der k.u.k.-Monarchie und Plattenbauten in den Randbezirken prägen das Stadtbild. Als Roman Kapiy und sein Kumpel Oles Zazulin das Kollektiv 2016 aus der Taufe hoben, war in Iwano-Frankiwsk nicht viel los in Sachen Party. Doch das änderte sich schlagartig. Die Jungs von Detali fingen an, Raves in den zahlreichen stillgelegten Fabriken der Gegend zu organisieren und trafen damit einen Nerv. Die rohe, hypnotische Musik, die postindustrielle Ästhetik der Location, der informelle Underground-Charakter … plötzlich kamen auch Leute aus Kiew oder dem Ausland, um in Iwano-Frankiwsk zu feiern oder aufzulegen.

Seit Beginn des Krieges nutzen Roman und seine Mitstreiter:innen ihre Organisationsfähigkeiten anderweitig. Sie haben eine Art privates, militärisches Logistikzentrum auf die Beine gestellt und führen Hilfstransporte für die ukrainischen Streitkräfte und die Territorialverteidigung durch. „Von der Herangehensweise unterscheidet sich unsere Arbeit nicht stark von dem, was wir vorher gemacht haben. Wenn du große Partys veranstaltest, musst du Leute miteinander verbinden, Netzwerke aufbauen und verdammt viel improvisieren. Das kommt uns jetzt zugute“, stellt Roman nüchtern fest.

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Ihre Arbeit finanzieren sie durch Crowdfunding und mithilfe ihrer Kontakte in die europäische Clubszene. Detali besorgt so ziemlich alles, was an der Front gebraucht wird: Von Basics wie Schuhen, Erste-Hilfe-Ausrüstung und Rucksäcken bis hin zu Hightech-Equipment wie Nachtsichtgeräten, Aufklärungsdrohnen oder Laser-Zielfernrohren. Das Material wird meist im Ausland eingekauft, in die Ukraine gebracht und dann von Freiwilligen aus der Detali-Community direkt an die Front gefahren.

Außerdem arbeitet das Kollektiv daran, ein Netzwerk von kleinen lokalen Manufakturen aufzubauen, die kugelsichere Westen herstellen sollen. Erste Lieferungen haben bereits stattgefunden. „Viele unserer Freunde oder Familienmitglieder kämpfen in diesem Krieg mit. Während sie dort jeden Tag sterben, sitzen wir hier in unseren sicheren Städten. Das ist für uns Motivation genug, um aktiv zu werden“, erklärt Roman.

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Das Engagement der Szene hat ihn nicht überrascht. Mit dem Stereotyp einer unpolitischen Feierkultur, in der es nur um den reinen Funfaktor geht, konnte Roman nie etwas anfangen. „Hedonismus und Eskapismus sind natürlich ein wesentlicher Bestandteil von Techno, aber im Kern ging es immer schon um mehr, und zwar um Widerstand. Früher haben wir uns gegen etablierte Strukturen und die Kommerzialisierung zur Wehr gesetzt, heute ist es die russische Aggression, gegen die wir ankämpfen und die es uns nicht ermöglicht, ein normales Leben zu führen“, so Roman.

Nach über vier Monaten Krieg macht sich das Team von Detali langsam auch wieder Gedanken darüber, wie zukünftige Veranstaltungen oder Partys aussehen könnten. Eine Rückkehr zu dem, was war, scheint fürs Erste unmöglich. Die Rave-Partys von einst mit ihrem dunklen Warehouse-Sound in alten Industrieruinen, den Überbleibseln des sowjetischen und damit auch fremdbestimmten russischen Erbes, sind für Roman nicht mehr zeitgemäß. Sie spiegeln nicht den kulturellen Kontext wider, in dem die Ukrainer:innen gerade leben würden. Niemand habe Lust auf ausschweifende Feiern. Industrieanlagen, egal ob alt oder jung, nehmen die meisten jetzt als Ziele russischer Militärangriffe wahr.

Die Bilder von Azovstal in Mariupol haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Roman und seine Mitstreiter:innen von Detali suchen nach einem neuen Sound und nach einer neuen Umgebung. „Wir denken da an eine Party in der Natur. Die Umgebung soll das Publikum erden. Es wird nicht darum gehen, zu feiern oder komplett auszurasten. Wir wollen die Leute aus diesem negativen Kontext herausreißen und von diesem immensen Druck befreien, der auf uns allen lastet. Ich stelle mir das Ganze als eine Art Meditation durch Tanzen vor. Es wird für uns alle wahrscheinlich sehr traurig werden, aber wir werden sicherlich auch eine Menge neuer Hoffnung schöpfen können.“

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Geschrieben von:
Dawid Romanowski

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