Quartalsbericht – Q3 2023: Endlich ist das neue Ausschüttungsmodell da (und sehr, sehr dumm)! 

Quartalsbericht – Q3 2023: Endlich ist das neue Ausschüttungsmodell da (und sehr, sehr dumm)! 

Features. 15. Oktober 2023 | 4,9 / 5,0

Geschrieben von:
Kristoffer Cornils

In seiner Kolumne 'Quartalsbericht' ordnet Kristoffer Cornils alle drei Monate die wichtigen Nachrichten aus der Musikindustrie kritisch ein: Was ist im Big Business passiert und was bedeutet das für die kleinen Player? In der dritten Ausgabe geht es um ein Thema, das schon in den vorigen aufkam: Der Streamingdienst Deezer und die Universal Music Group (UMG) haben ein neues Ausschüttungsmodell vorgestellt. Das nennen sie "artist-centric". Aber was genau umfasst es denn nun – und vor allem: Welche Künstler:innen sind damit gemeint beziehungsweise können davon profitieren?

Die Zahlen sehen gut aus, die Perspektiven nur bedingt: So ungefähr ließe sich der derzeitige Status quo der Branche für das Geschäft mit Musikaufzeichnungen, also das Geschäft mit Streaming, Tonträger und Downloads, zusammenfassen. Für Deutschland etwa meldete der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) für die erste Jahreshälfte einen Gesamtumsatz von knapp einer Milliarde Euro, in den ersten sechs Monaten des Vorjahres waren es noch 990 Millionen. Global betrachtet haben allein die Major-Labels Universal, Sony und Warner fast 12,5 Milliarden Euro Umsatz gemacht

Das sind auf den ersten Blick sehr erfreuliche Nachrichten. Sie sind natürlich dem Geschäft mit Streaming zu verdanken. 3,3 Billionen Mal wurden laut dem neuesten Halbjahresbericht von Luminate einzelne Stücke gestreamt – fast ein Drittel mehr als noch in der ersten Jahreshälfte 2022. Das sind allerdings nur bedingt erfreuliche, viel eher noch schlechte Nachrichten. Und zwar eigentlich für alle Beteiligten. Die Frage nach dem Warum wird uns umwendend zum zentralen Thema dieser Ausgabe des Quartalsberichts führen.

Warum ein neues Ausschüttungsmodell?

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Für die Plattformen ist es schlecht, wenn viel Musik gehört wird, weil sie dann mehr Tantiemen abdrücken müssen. Insbesondere gilt das natürlich, wenn der Zuwachs von Neuabonnent:innen stetig zu schrumpfen scheint und also perspektivisch beziehungsweise proportional betrachtet zunehmend weniger Geld reinkommt. Für Rechteinhaber:innen, das heißt vor allem Interpret:innen und Labels, bedeutet ein höheres Streaming-Aufkommen zugleich einen größeren Konkurrenzdruck im Kampf um Aufmerksamkeit einerseits und hartes Cash andererseits.

Dieses Dilemma ist zuvorderst darauf zurückzuführen, dass auf den meisten Streaming-Plattformen das sogenannte Pro-Rata-System angewendet wird. Verkürzt gesagt: Das Geld kommt in einen Topf und wird anteilig je nach Gesamtaufkommen von Streams verteilt. Lange Zeit wurde dem ein nutzerzentriertes Modell als Alternative gegenübergestellt, bei dem im Verhältnis zum Hörverhalten ausgeschüttet wird. Die Unterscheidung wurde schon in der ersten Ausgabe dieser Kolumne erklärt, deshalb soll ein kurzes Beispiel genügen.

Höre ich bei Spotify einen Monat lang ausschließlich das neue Album von Loraine James, geht ein Gros meines für die Ausschüttung vorgesehenen Abobeitrags an die Taylor Swifts und Drakes dieser Welt beziehungsweise ihre Labels, weil ihre Musik anteilig ("pro rata") betrachtet auf Spotify am meisten gestreamt werden. Wenn ich es allerdings auf SoundCloud mit seinem nutzerzentrierten Modell mache, geht das Geld weitestgehend direkt an James. 

Es ließe sich meinen, dass das nutzerzentrierte System das bessere ist, weil es sich nach dem tatsächlichen Hörverhalten der Menschen richtet und nicht nach der bloßen Anzahl von Plays. Tatsächlich wird seine Einführung in der Breite – aktuell ist SoundCloud die einzige Plattform, auf der es zur Anwendung kommt – vor allem aus dem Indie-Bereich der Musikszene gefordert, wo Fans nicht in Massen vorhanden sind und aber treu immer wieder ihre Lieblingskünstler:innen ansteuern. 

Doch was, wenn ich selbst ein Album mit Regenplätschern auf Spotify platziere und dann zehn Bots darauf abrichte, den lieben langen Tag nichts anderes zu streamen? Das ist der Teufel, den seit Anfang dieses Jahres die Major-Labels, vor allem UMG-Chef Lucian Grainge, an die Wand malen. Dass die Plays belangloser Audio-Schnipsel künstlich in die Höhe getrieben werden, käme echten Musiker:innen und ihren Labels in beiden der existenten Ausschüttungsmodelle ungelegen. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Indizien, dass genau das tagtäglich massenhaft passiert.

Es braucht also ein neues System. Das finden zumindest diejenigen, die weiterhin am meisten vom Streaming profitieren. Anfang des Jahres kündigte UMG eine Kollaboration mit TIDAL an, das Ziel: die Entwicklung eines "artist-centric"-Modells, eines künstlerzentrierten Ausschüttungssystems. Klang gut, aber lange Zeit noch sehr vage. Nachdem Deezer kurzentschlossen ankündigte, dieses neue Prinzip mit in die Tat umsetzen zu wollen, hat das französische Unternehmen dem nun Taten folgen lassen. Das künstlerzentrierte Modell ist seit wenigen Tagen da. Wie sieht es aber aus?

So funktioniert das künstlerzentrierte System

Deezer ist unter den Streaming-Services eine Art Underdog: recht klein, ein bisschen am Struggeln und irgendwie aber gewillt, faire Konditionen zu schaffen. Als eine der wenigen konventionellen Plattformen zeigte es schon früh ernsthaftes Interesse an der Einführung des nutzerzentrierten Modells, setzte das aber bisher nicht um. Die Plattform hat weniger als sechs Millionen Abonnent:innen und fast vier Millionen Nutzer:innen nutzen den Service durch Abo-Pakete mit anderen Unternehmen wie beispielsweise französischen Telekommunikationsanbietern. Das wirtschaftliche Wachstum der Firma ist moderat, die Aussichten bescheiden

Deezer hat, kurzum, wenig zu verlieren und viel zu gewinnen. CEO Jeronimo Folgueira versucht die – zunächst nur in Frankreich und ausschließlich für Künstler:innen aus dem UMG-Roster geltende – Renovierung des Ausschüttungssystems dementsprechend als künstlerfreundliche Innovation zu verkaufen. Das Prinzip ist recht simpel: Sogenannte "professionelle Künstler:innen" werden doppelt oder gar vierfach dafür belohnt, wenn echte Menschen sich aktiv darum bemühen, ihre Musik zu hören.

Zuerst zählt schlicht jeder Play von der Musik dieser "professionellen Künstler:innen" automatisch doppelt. Wenn obendrein noch jemand gezielt nach einem Musikstück von diesen "professionellen Künstler:innen" sucht oder zumindest proaktiv anklickt, statt es sich von einer algorithmisch bestückten Playlist reinfüttern zu lassen, zählen diese a priori gegebenen zwei Plays bei der Abrechnung nochmals doppelt. 

Theoretisch also ist es möglich, mit nur einem einzigen Klick eine vierfache Ausschüttung für Lieblings-Star XY loszutreten, auch wenn die Verteilung letztlich eigentlich nach dem Pro-Rata-Modell erfolgt: Am Ende wird mit Blick auf die Gesamt-Plays anteilig ausgeschüttet. Den "professionellen Künstler:innen" wird nur eben dabei qua Status und Fan-Engagement mehr oder minder automatisch ein größerer Anteil zugesprochen.

Darüber hinaus wird sogar unnötige Konkurrenz eliminiert, die sich anderswo vom Tantiemenkuchen ihre Krumen abzwackt: Sogenannter "non-artist noise" darf auf der Plattform schlicht nicht mehr monetarisiert werden und soll auch aus den von Deezer betriebenen Playlists verdrängt werden. Was genau "non-artist noise" sein soll, wird indes nirgendwo definiert. Schätzungsweise fallen auditive Schlaftabletten wie White-Noise-Compilations oder Regenplätscheralben darunter. Wo aber wird die Grenze hin zu bestimmten Spielarten von Ambient-Musik, Harsh Noise Wall oder Field Recordings gezogen? 

Das System von Deezer adressiert dennoch augenscheinlich all die Kritikpunkte, die in der aktuellen Situation angebracht werden. Es wertet das tatsächliche Nutzerverhalten höher als die reinen Plays, weil es den menschlichen generierten Play höher bewertet als eventuell maschinell erzeugte und geht somit gegen Streaming-Manipulation vor. Das sind tolle Nachrichten für alle "professionellen Künstler:innen". Wer aber ist damit eigentlich gemeint?

Es ist doch nur ein Major-zentriertes Modell!

Als professionell zählen in den Augen von Deezer und Universal Künstler:innen, deren Musik pro Monat mindestens 1.000 Mal gestreamt wird, und zwar von mindestens 500 verschiedenen Accounts. Alle anderen müssen sich mit "regulären" Ausschüttungen nach dem Pro-Rata-Modell begnügen – so wie zuvor auch. So eine Untergrenze für Monetarisierungsberechtigungen ist keineswegs ein Novum, wie Tim Ingham in einem launischen Kommentar für Music Business Worldwide hervorhob: YouTube oder TikTok lassen ähnliche Regeln gelten. 

Ingham weist allerdings auch darauf hin, dass nur knapp über 800.000 Künstler:innen und Bands auf Spotify über 500 monatliche Hörer:innen haben. Wohlgemerkt hat Spotify aber allein knapp 230 Million zahlende Abonnent:innen, bei Deezer lässt sich mit einem potenziellen Publikum von etwas weniger als 10 Millionen rechnen. Aus diesen sehr unterschiedlichen Menschenmengen jeweils 500 oder mehr treue und proaktive Hörer:innen zu rekrutieren, ist schlicht nicht dasselbe. Bei Deezer ist diese vermeintlich kleine Schwelle recht groß.

Dementsprechend wird es noch mal sehr viel weniger Künstler:innen gelingen, sich Deezer gegenüber als "professionell" zu erweisen und doppelt oder gar vierfach an einzelnen Plays zu verdienen. Erst recht natürlich auf lange Sicht: Wie genau sollen emporstrebende Acts, die vielleicht gerade erst ein Album draußen haben und nicht so schnell eins nachlegen können, Monat für Monat mehr als 500 Hörer:innen anziehen, ohne dabei Mehraufwand oder sogar Kosten auf sich zu nehmen?

Belohnt werden also primär bereits bekannte Künstler:innen, während weniger populäre sich voraussichtlich mit denselben Zahlungen wie zuvor zufriedengeben müssen. Das macht das künstlerzentrierte Modell dann doch zu einem Major-Label-künstlerzentrierten. Wobei UMG dank seiner Kollaboration mit Deezer die Musik der vom Label vertretenen Künstler:innen schätzungsweise auf der Plattform etwas sichtbarer platzieren können wird als anderswo.

Oder besser gesagt ist es ein Major-zentriertes Modell. Schließlich verdient so ein Label durchschnittlich fast zur Hälfte an den Ausschüttungen mit und wenn die höher ausfallen, kommt das dem Gesamtgeschäft zugute. Dem stimmt auch JP Morgan bei: Laut einer Forschungsnotiz der Bank erwartet diese 9 Prozent mehr Einnahmen für die Majors (und wohlgemerkt nur die!), sollte das "künstlerzentrierte Modell" in der Breite eingeführt werden. 

Womit wir zurück am Anfang wären: Der größte Major der Welt will sich durch dieses System mehr Gewinne und mehr Wachstum sichern, wo auf lange Sicht Stagnation droht. Deezer derweil erlaubt seine Einführung, große Teile des auf der Plattform angebotenen Katalogs als "non-artist noise" abzuwerten und zu demonetarisieren – das heißt eventuell an Ausgaben zu sparen. Wenn jetzt noch TIDAL oder andere Plattformen nachziehen, gewinnen UMG und diese Plattformen dazu.

Für all jene Künstler:innen jedoch, die per Definition von Deezer und Universal nicht "professionell" sind und also entweder auf kleineren Labels veröffentlichen oder ihre Musik im Selbstvertrieb herausbringen, bringt das angeblich künstlerzentrierte Modell exakt gar nichts. Und vielleicht sogar weniger als das, weil andere qua ihres Standings schlicht übervorteilt werden.

Die Idee, bei der Berechnung von Tantiemen mehr auf die tatsächlichen Aktivitäten der Hörer:innen zu setzen ist ebenso sinnvoll wie die Degradierung von Gebrauchsklängen, die sowieso nur als schneller Cash-Grab auf die Plattformen gepumpt werden. Daraus aber effektiv ein Zwei-Klassen-System mit einer sehr spitzen Gruppe von Nutznießer:innen zu basteln, kommt einem Schlag ins Gesicht der Künstler:innen gleich, die dabei angeblich im Zentrum stehen. Wer dachte, dass es schlimmer als auf Spotify nicht mehr gehen könnte: Auf UMG und Deezer ist offensichtlich Verlass. 

Was sonst noch wichtig war: 

Abopreise für Audio-Streaming sollen erhöht werden – das zumindest wird seitens der Musikindustrie immer hartnäckiger gefordert, es ist in Inflationszeiten aber auch für die Unternehmen hinter den Plattformen wirtschaftlich geboten. Neben Deezer (s. o.) haben auch Alphabet und Amazon die Preise angehoben: Ein Abo für YouTube Premium und YouTube Music kostet in den USA nunmehr je zwei und einen Dollar mehr als zuvor, ebendort bezahlen Abonnent:innen für der Zugang zu Amazon Music Unlimited sowie TIDAL jeweils ebenfalls einen Dollar drauf. Noch weitreichender waren die auf über 50 Märkten stattfindenden Erhöhungen bei Spotify (s. u.), die mittlerweile auch den deutschen Markt erreicht haben. Theoretisch kommt damit auch mehr Geld in die Verteilungstöpfe für Musikrechteinhaber:innen, wie Tim Ingham in einer Analyse für Music Business Worldwide ausrechnet

Amazon wird von der Federal Trade Commission (FTC) in den USA wegen Monopolismus und wettbewerbsfeindlichem Verhalten verklagt. Das ist richtig und wichtig. 

Apple behauptet, es müsse an seinen wegelagerischen App-Store-Konditionen keine weiteren Änderungen mehr vornehmen. Anderer Meinung sind nicht nur die Regulierungsbehörden der EU, sondern auch Spotify. Daniel Eks Unternehmen hat Nutzer:innen nun sogar darüber informiert, dass sie ihre Abobeiträge nicht mehr über den Apple-Store tätigen können und lässt damit einen jahrelangen Streit weiter eskalieren. Mit dem hauseigenen Streamingdienst erhöht Apple im Gegenzug den Konkurrenzdruck. Vor Kurzem kam ans Tageslicht, dass Apple Music mit gut 32,6 Millionen Abonnent:innen der zweitgrößte Anbieter auf dem US-amerikanischen Markt ist – Spotify liegt mit 44,4 Millionen noch recht weit vorne. Apple Music eifert qua Aufbau einer sogenannten Discovery Station sowie zusätzlichen Analysemöglichkeiten für Podcast-Produzent:innen dem Marktführer nach. Dass all das mit der Einführung der neuen iPhone-Generation zusammenfällt, wird kein Zufall sein.

Bandcamp wurde von der aktuell sehr kaufwütigen Lizenzfirma Songtradr aufgekauft, weil Epic Games derzeit auf Sparmaßnahmen setzt. Ob und welche Änderungen das nach sich ziehen wird, steht derzeit noch nicht fest. Wenn eine Plattform zunehmend zum Handelsobjekt unter Wirtschaftsriesen wird, könnte ihre angebliche Künstlerfreundlichkeit jedoch langfristig darunter leiden.

Basishonorare für Live-Musiker:innen sind in Deutschland schon seit geraumer Zeit ein Thema und angesichts der angespannten wirtschaftlichen Situation ein dringlicheres denn je. Kulturministerin Claudia Roth hat angekündigt, dass sie nun auf den Weg gebracht werden – zumindest im von Bund geförderten Kultureinrichtungen. Ein potenziell guter Schritt, auch wenn über die konkrete Umsetzung noch nichts bekannt ist und auf dem freien Markt nichts Vergleichbares angedacht wird. 

Coronahilfen haben vielen Soloselbstständigen und kleineren Firmen wie beispielsweise Labels den Arsch gerettet. Jetzt, da die Pandemie angeblich zu Ende ist, werden nicht wenige von ihnen dafür zur Kasse gebeten. Darunter ist auch das hauseigene Label des Golden Pudel in Hamburg, Pudel Produkte. Schickes Soli-Merch gibt es bei der Hanseplatte zu shoppen. Der Deutsche Musikrat fordert derweil von der Bundesregierung zumindest Steuerfreiheit für alle über Neustart Kultur vergebenen Stipendien. Es wäre das Mindeste.

CTS Eventim hat im ersten Halbjahr 2023 einen neuen Umsatzrekord vermeldet: Eine Milliarde Euro wurden vom Ticket-Unternehmen unter der Führung des Vollsympathen Klaus-Peter Schulenburg auf gut 20 Märkten erwirtschaftet. Es braucht gegen das De-facto-Monopol dieses Unternehmens mehr als nur ein paar wütende Fernsehbeiträge à la 'Dirty Little Secrets' und Böhmermann. Was helfen würde, wären rechtliche Schritte. In den USA wird es am Beispiel Live Nation (s. u.) gerade vorgemacht. 

Dice hat vor Kurzem Boiler Room gekauft. Das war wohl keine kluge Idee der Ticketingplattform, weil der Markt für live gestreamte DJ-Sets einen dauerhaften, äh, HÖR-schaden erlitten hat. Weshalb dann auch gleich über 30 Mitarbeiter:innen entlassen wurden. Kurz darauf allerdings bekam Dice wiederum eine Finanzspritze in Höhe von 65 Millionen US-Dollar. Mir ist derweil nicht bekannt, dass irgendjemand aus meinem näheren Umfeld die Produkte dieses Unternehmens jemals verwendet hat.

Distrokid hat die Bandzoogle gekauft, mit deren Produkten sich Musiker:innen eigene Shops für den Verkauf von Merch, Tonträgern oder Downloads bauen können. Das erweitert das Angebot des Indie-Vertriebs und ist damit ein weiteres Beispiel für den allgemeinen Trend, dass unabhängig agierenden Künstler:innen von einzelnen Firmen immer umfassendere Pakete für den Vertrieb und Verkauf ihrer Musik bereitgestellt werden – ein weiteres Beispiel wäre das neue OmMuse Hub.

Die GEMA hat mit SoundAware eine Monitoring-Software aufgekauft, die unter anderem auf Social Media nach Aufführungen bestimmter Werke sucht – Shazam in der gruseligen Überwachungskapitalismusversion. Das ist natürlich per se nicht verkehrt, weil es die Erfassung gespielter Musik vereinfacht und damit hoffentlich Mitgliedern mehr der ihnen zustehenden Gelder einbringt. Zugleich erlaubt es der GEMA aber mutmaßlich auch, Veranstaltungsorte noch härter zur Kasse zu bitten. Wie das aussieht, zeigt sich am Beispiel der Stadt Bayreuth, die für die Beschallung eines Weihnachtsmarktes (!) im Jahr 2019 erst 493 Euro zahlen musste und 2022 aber – festhalten – 40.000 Euro. Bald dann in öffentlichen Räumen nur noch lizenzfreier, KI-generierter Smooth Jazz, oder wie? 

InMusic hat erst Moog aufgekauft und dann dessen Belegschaft dezimiert, gerüchteweise soll die Produktion sogar an einen günstigeren Standort ausgelagert werden. Zugleich jammert dieselbe Firma darüber, dass Serato von AlphaTeta aufgekauft wurde und sich damit rund 90 Prozent des globalen Marktes für digitales DJing in der Hand von nur einer Firma befindet. Nicht falsch verstehen: Die Kritik ist richtig, die Ironie aber frappant.

jam.coop ist laut Selbstbeschreibung eine neue Plattform "to allow fans to connect with, and financially support their favourite musicians" und das kann erst einmal alles Mögliche heißen. Laut einem Mastodon-Post eines Entwicklers des dahinterstehenden Projekts Go Free Range handelt es sich allerdings wohl um eine Art Bandcamp-Alternative für den Kauf von digitaler Musik, Tonträgern und Merch, die wie Ampled und Resonate als Genossenschaft betrieben wird – das heißt von den Künstler:innen selbst. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, kann sich bereits auf der rudimentären Website der jam.coop für Updates registrieren. Ich bin sehr gespannt.

Sogenannte Künstliche Intelligenz war das zentrale Thema der vorigen Ausgabe dieser Kolumne und seitdem hat sich immer mehr vom Selben getan: Alle wollen am Hype mitverdienen und überbieten sich mit schwachsinnigen Statements und pompösen Investitionen. Warner-CEO Robert Kyncl kündigte bereits an, dass aus seinem Stall bald mithilfe von KI produzierte Musik zu erwarten sei. Plattformen wie TikTok oder YouTube (unter anderem in Zusammenarbeit mit UMG) sowie Dachunternehmen verschiedener Plattformen wie Meta bieten mittlerweile immer mehr KI-Werkzeuge an und mit neuen Programmen wie Stable Audio von Stability AI werfen größere Unternehmen zunehmend mehr Musikgeneratoren auf den Markt. Branchenübergreifend sehen also viele Player potenziellen Profit in einer Technologie, deren Wildwuchs ungeahnte Folgen haben könnte. So wirklich streng eingreifen will auf ihren eigenen Plattformen von ihnen deswegen niemand. Spotify etwa bietet mittlerweile ein gruseliges Übersetzungs-Feature für Podcasts an und Daniel Ek – der selbst in KI-Technologie investiert – will erstmal nur Musik von seiner Plattform verbannen, die wie im Falle von 'Heart On My Sleeve' bekannte Künstler:innen nachahmt. Es gibt jedoch einige positive(re) Beispiele: Die Bildagentur Getty Images versucht in Kollaboration mit NVIDIA, eine KI zu entwickeln, die an urheberrechtlichem Material trainierte KI-Produkte erkennen soll. Dass DALL-E 3 mittlerweile eine Opt-Out-Funktion anbietet, ist ebenfalls begrüßenswert. Es wird aber vor allem rechtliche Anstrengungen zur Regulierung von KI benötigen. Der Bundesgerichtshof in Washington, D.C. entschied, dass sich KI-generierte Musik nicht urheberrechtlich schützen und daher schlechter verwerten lässt, während der ebenfalls in den USA eingereichte Protect Working Musicians Act mittlerweile auch Klauseln über KI enthält. Das sind alles Schritte in die richtige Richtung, doch werden sie noch zu langsam getätigt. In der EU wird es noch eine ganze Weile – drei Jahre nämlich – dauern, bis der AI Act in Kraft tritt. Unterstützung hält der derzeitige Vorschlag dazu von Musikrechteinhaber:innen und macht große Tech-Firmen stinksauer. So schlecht kann er also nicht sein, nur kann der bürokratische Prozess nicht mit dem technologischen Schritt halten. Wobei ich mich weiterhin frage: Besteht unter Künstler:innen und Fans überhaupt eine Nachfrage nach all dem Überangebot?

Live Nation steht in den USA zunehmend unter Beschuss durch Politik und Gesetzgebung. Der allen Ernstes nach Bruce Springsteen und Taylor Swift benannte BOSS and SWIFT Act wurde dem US-amerikanischen Senat vorgelegt und schlägt ein verpflichtendes sogenanntes All-in-Ticketing vor: Marktplätze für den Erst- oder Wiederverkauf von Tickets sollen künftig von Anfang an den Endpreis eines Tickets inklusive aller Gebühren transparent machen. Tatsächlich ist das in einigen Bundesstaaten wie New York oder Tennessee bereits vorgeschrieben und daran hält sich die zu Live Nation gehörende Plattform Ticketmaster auch. Gesetze wirken! Live Nation versucht derweil, gut Wetter zu machen. Tickets für die kommende Olivia-Rodrigo-Tour sind erst 72 Stunden vor Konzertbeginn erhältlich, womit (angeblich) dem Weiterverkaufswucher Einhalt geboten werden soll. Und durch das Unternehmen erhobene Gebühren auf Merch-Verkäufe in firmeneigenen Venues wurden nach harter Kritik endlich gestrichen und im selben Zug eine Art Stipendium für tourende Bands eingeführt. Die National Independent Venue Association sah darin indes einen Versuch, zu Live Nation gehörende Konzertstätten für Newcomer:innen attraktiver zu machen – zu Ungunsten unabhängiger Venues. Live Nation hat übrigens, ähnlich wie CTS Eventim (s. o.), neue Umsatzrekorde gemeldet und ein Billboard-Ranking ergab, dass die beiden Führungskräfte mit den größten Vermögen der Musikindustrie dort in der Chefetage sitzen: CEO und Präsident Michael Rapino hat einen Marktwert von 139 Millionen US-Dollar, sein CFO und Mitpräsident Joe Berchtold immerhin 52,4 Millionen. Gestressten Musiker:innen, ihrer Tour-Entourage und ihren Fans wird derweil eine Wellness-App angedreht, die ganz bestimmt nicht zu Datensammel- und Marketing-Zwecken verwendet wird. Opium fürs fahrende Volk, zynischer geht’s nimmer.

Meta hat ja noch nie, wirklich niemals über die Anzahl von Videoaufrufen auf seinen Plattformen gelogen. Wenn Mark Zuckerberg also stolz verkündet, dass über Facebook und Instagram ausgespielte Reels mittlerweile 200 Milliarden Aufrufe pro Tag bekommen, muss das wahr sein und ist nicht als Stimmungsmache gegen TikTok zu verstehen. Instagram hat im selben Zug ein paar neue Features zur Einbettung von Musik eingeführt und will seine Songbibliothek noch breiter verfügbar machen. Es wird parallel zur Einführung von TikTok Music (s. u.) im hauseigenen Musikbereich hochgerüstet.

Redeye vertritt unter anderem Ninja Tune und Warp in Nordamerika, Europa und Australien. Nun wurde der Vertrieb für eine unbekannte Summe an Exceleration Music verkauft. Das Unternehmen wurde erst im Jahr 2021 gegründet und hat seitdem unter anderem den Katalog von Kill Rock Stars aufgekauft und ist mit SideOneDummy eine strategische Partnerschaft eingegangen. Hinter Exceleration stehen allerhand Menschen mit viel Erfahrung und umso mehr Kontakten im wirtschaftlichen Oberrang des Indie-Sektors, weshalb die ganze Sache etwas schal schmeckt: Auf zunehmende Konsolidierung kann schnell Monopolisierung folgen.

Spotify bekommt zunehmend Konkurrenz von Apple Music (s. o.) und jetzt auch noch TikTok Music (s.u.). Was tun? Zuerst werden weitere Features zur (Selbst-)Bewerbung von Künstler:innen eingeführt, darunter sogenannte Songwriter Promo Cards und Showcase. Ausgewählte Musiker:innen aus den USA können mit Showcase für mindestens 100 US-Dollar pro Kampagne für ihre Fans und potenziellen Hörer:innen eine Form von Bannerwerbung in 36 verschiedenen Ländern schalten. Klingt nach einem Killerdeal. Neben Marquee und Discovery Mode ist das bereits die dritte Payola-ähnliche Funktion der Plattform, die Musiker:innen sukzessive zu Werbetreibenden degradiert. Immerhin können die mittlerweile via Spotify For Artists einsehen, wie ihre Musik überhaupt an ihr Publikum kommt. Unterschieden wird in der sogenannten Zielgruppensegmentierung in Aktives Publikum (all jene, die gezielt deine Musik anhören), Zuvor aktives Publikum (frühere Hörer:innen, die deine Musik seit einem Monat nicht mehr direkt angesteuert haben) und Programmiertes Publikum (all jene, die deine Musik nur über Playlists oder durch algorithmische Auswahl gehört haben). In einem interessanten Twitter-Thread vergleichen ein paar Leute ihre Zahlen und Statistiken. Der Eindruck dieser stichprobenartigen (und also keineswegs repräsentativen) Datenauslese: Wessen Musik gehört wird, entscheidet bei Spotify weitgehend "der Algorithmus" beziehungsweise die Firma selbst. In diesem Quartal machte Spotify außerdem mit Preiserhöhungen für seine Abos, seit Anfang Oktober auch in Deutschland, von sich reden. Dazu gesellen sich Gerüchte über ein noch teureres "Supremium"-Modell mit unter anderem Hi-Fi-Klangqualität – und also dem, was die meisten anderen Dienste mittlerweile standardmäßig anbieten. Viel Aufruhr gab es ebenso über einen Bericht, laut dem Kriminelle die Plattform zur Geldwäsche verwenden, derweil bestimmte White-Noise-Podcasts über Werbeeinnahmen vermutlich fünfstellige Beträge einfahren – angeblich sollen die indes ab sofort wieder weniger erhalten. Des Weiteren wird gemunkelt, dass Spotify demnächst ins Musikvideo-Business einsteigt und noch ein paar weitere Stellen einstreicht. Letzteres würde dazu passen, dass das Unternehmen trotz großer Abo-Zugewinne immer noch viel Geld verliert (41 Millionen US-Dollar gingen zuletzt allein im schleppend laufenden Podcast-Segment flöten) und die Aktie nicht gut läuft, derweil Analyst:innen der Firma ihre "bisher dunkelsten Tage" prophezeien. Wenn die Konkurrenz nun zulegt, wird sich die Situation verschärfen.

TikTok hat mit TikTok Music nun endlich seinen eigenen Streamingdienst an den Start gebracht (oder besser gesagt den bereits bestehenden Service Resso neu aufgestellt und international ausgerichtet). Das kündigte sich schon seit langem an, doch wird es jetzt spannend: Für den Start von TikTok Music hat sich das dahinterstehende Unternehmen ByteDance endlich über die Lizenzierung von Musik nach langen Streitigkeiten mit den Major-Labels geeignet und die sind wiederum höchst erfreut über das Resultat. Es hat den Anschein, als habe TikTok Music – TikTok selbst wirft für die Musikindustrie weiterhin recht wenig ab – ein dem neuen "künstlerzentrierten" Modell recht ähnliches Vergütungssystem. Noch sind allerdings keine konkreten Details über die Zahlungsmodalitäten an die Öffentlichkeit gekommen. Fest steht, dass bisher alles genauso läuft wie dereinst mit Spotify und den Majors: Die großen Firmen legen die Regeln fest, nach denen sich in der Folge alle richten müssen. Bis dato ist TikTok Music lediglich in Australien, Brasilien, Indonesien, Mexiko und Singapur erhältlich, doch ist anzunehmen, dass der Dienst in den kommenden Monaten in anderen Märkten ausgerollt wird. Die Konkurrenz dürfte bibbern, denn die größte App der Welt setzt dermaßen stark auf Musik und innerhalb der Musikwelt die Trends, dass sie selbst etablierte Dienste schnell vom Sockel stoßen könnte.

Twitter wird für mich bis zum bitteren Ende auch so heißen und es hat immer mehr den Anschein, als würde es bis dahin nicht mehr allzu lange dauern. Die Plattform ermöglicht es nunmehr einigen Nutzer:innen, mit ihren Tweets durch die Beteiligung an Werbeeinnahmen Geld zu machen. Das Prinzip ist von YouTube bekannt und die Resultate ebenso: Es wird zunehmend hirnverbrannterer Ragebait rausgehauen, um für mehr Interaktion zu sorgen. Was soll schon schiefgehen? An die Urheber:innen, deren Musik weiterhin unlizenziert und weitgehend konsequenzlos auf der Plattform verwendet wird, möchte Musk hingegen kein Geld abgeben. Eine kürzlich lancierte Klage diverser US-amerikanischer Musikverlage über satte 250 Millionen Dollar wegen massiven Urheberrechtsverstößen versucht er niederzuschmettern, die wiederum halten wacker dagegen, ein außergerichtlicher Vergleich scheint also erstmal unwahrscheinlich. Twitter kann diesen Kampf eigentlich kaum gewinnen, sich zugleich aber auch nicht leisten, ihn zu verlieren: Entweder müsste es ein umfangreiches und sicherlich kostspieliges System zur Erfassung und Entfernung von urheberrechtlich geschütztem Material einführen oder aber wie die meisten anderen Plattformen auch Lizenzvereinbarungen abschließen, wenn zu seinen Ungunsten entschieden wird. Auch würde das wohl vergleichbaren Klagen die Tür öffnen. All das würde nicht nur hartes Geld kosten, sondern die dahinterstehende Firma noch weiter entwerten. Könnte noch sehr witzig werden, das alles.

Das Web3 ist nicht tot, riecht aber sehr streng. Ein Beispiel aus der Musikwelt: Nachdem Beatport Anfang dieses Jahres eine NFT-Plattform an den Start gebracht hatte, ging dort die erste Kollektion nur schleppend über die digitale Theke: Von 5.000 NFTs zum audiovisuellen Werk 'NACHTS Door Edition' wurden nur 2.259 verkauft, pardon, verschenkt: Die Dinger waren kostenlos zu haben, die aggressiv beworbene Auktion wurde zwischendurch verlängert und trotzdem interessierten sich nicht genug Menschen dafür, um nur die Hälfte davon loszuwerden. Beatport selbst scheint das dermaßen unangenehm zu sein, dass sie mittlerweile gar nicht mehr anzeigen, wie viele NFTs der aktuell erhältlichen Kollektionen zum Verkauf stehen oder bereits verkauft beziehungsweise verschenkt wurden. Irgendwie kostenlos sind laut einem Bericht der Plattform dappGambl übrigens derzeit fast alle NFT: 95 Prozent der für "Dead NFTs: The Evolving Landscape of the NFT Market" ausgewerteten NFT haben einen Gegenwert von nullkommanull Euro. Dazu kommt, dass Bored Ape und ihre Mietmäuler vor Gericht gerzerrt werden und OpenSea mit seinem automatischen Tantiemensystem auch eines der letzten Argumente für NFT abgeschafft hat. Das alles mieft gehörig.

YouTube setzt weiterhin auf YouTube Shorts beziehungsweise versucht – etwas spitzer formuliert – verzweifelt, TikTok Konkurrenz zu machen. Mittlerweile ist ein der Duet-Funktion von TikTok nachempfundenes Feature verfügbar und auch YouTube Music hat einen TikTok-ähnlichen Feed mit Kurzvideos eingeführt, wie ihn zuletzt Spotify von TikTok abgekupfert hatte. Angeblich soll der Pivot zu Kurzform-Content allerdings im eigenen Hause einigen Menschen große Sorgen bereiten, weil längere Videos mehr Möglichkeiten zum Einblenden von Werbung bieten und … Na ja, YouTube eben primär damit Geld macht. Ups! 

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Ausschüttungsmodell , Deezer , Künstlerzentriertes System , Major-Labels , Major-zentriertes Modell , Monetarisierung , Musikindustrie , Nutzerzentriertes Modell , Pro-Rata-Modell , Pro-Rata-System , Quartalsbericht , Soundcloud , spotify , Streamingdienst

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