Review: Âme – Dream House [Innervisions]
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Review: Âme – Dream House [Innervisions]

Features 4. Juni 2018

»Zeitlos« meint die Intro vorschnell. Was für ein Unwort. Denn dieses Wort sagt nichts aus. Der Duden definiert das Attribut als etwas von Moden und Epochen losgelöstes. Aber nichts kann wirklich zeitlos sein. Kunst ist und war schon immer eine Reaktion auf Vergangenes oder ein Sehnsuchtswunsch an Zukünftiges. Alles ist per se an Zeit gebunden. Womit also verdient sich ein Album wie »Dream House« sein Prädikat zeitlos? Gemeint ist ein Zustand der ewigen Gültigkeit. Immer und immer wieder soll die Platte so klingen wie jetzt. Bedingungslose Wirkung ohne Kontext. Aber ist das hier der Fall?

Dass Frank Wiedemann und Kristian Rädle alias Âme kein unbeschriebenes Blatt im House-Zirkus sind, ist kein Geheimnis. Seit mindestens 15 Jahren ist das Duo an den Decks der Welt unterwegs und genießt besonders auch außerhalb Deutschlands respektables Ansehen. Zunächst als wiederkehrende Gäste auf Sonar Kollektiv aktiv, gründeten die DJs mit Steffen Berkhahn (Dixon) ihr hochgradig stilprägendes Label Innervisions. Über selbiges erscheint nun ihr vermeintliches Debütalbum, auch wenn diesem bereits eine Menge 12-Inches, ein Live-Album und ein Compilation/Tastemaker-Dings vorausgegangen sind. Dass auf »Dream House« also keine Amateure am Werk sind, wird mit jeder Sekunde Spielzeit deutlicher.

Drei Jahre verbrachten Wiedemann und Rädle damit, »Dream House« zu formen, zu redigieren und der Platte einen eingängigen Schliff von Kohärenz zu verleihen. Ähnlich wie bereits das Cover überschriftsartig suggerieren will, fließen hier die Einzelelemente homogen und dicht durchdacht von Track zu Track ineinander über, ohne dabei als Soundpampe zu verkümmern. Verdammt, wie wunderbar »Queen Of Toys« zwischen Techno-Stampfer und NDW-Synthies changiert ist einfach großartig. Kurz darauf schwört Gudrun Gut gleichwohl verführend wie beängstigend, wie gerne sie dich in ihrem Arm hält. Spätestens jetzt wird klar: Âme wissen genau was sie tun. Lesarten wie Debütalbum oder Neustart sind Augenwischerei, obwohl Langzeitfreund Matthew Herbert letzteren gleich zu Beginn postulieren will.

Mehrdeutigkeit scheint ohnehin ein zentrales Stilmittel zu sein. Das Stück »Blind Eye« wildert genüßlich in Pop-Zugänglichkeit, obwohl PlanningToRocks in Auto-Tune getaufter Stimme textlich wenig heitere Momente thematisiert. Trotzdem groovy, und genau das ist der Punkt. Auch das Stück »Positivland« ist sich uneins, welcher Weg der offensichtlichere ist. Subtile Krautrock-Nuancen deuten sich zwar an und zeigen, woher Âme zuletzt stellenweise ihre Inspiration beziehen. Letztlich baut sich hier aber ein genügsamer Dream-Pop-Song um ein gelooptes Gitarren-Riff. Vor allem aber beweisen Âme, wie wichtig auf dem sonst so totgesagten Format Album das Timing zwischen Stimmungen, Geschwindigkeiten und Gastbeiträgen sein kann.

Nach vier gut ausbalancierten Features wird das Duo erst im Alleingang so richtig warm. Ab der zweiten Hälfte modellieren Wiedemann und Rädle nach Belieben ihre Klangwelten, die man zu Beginn noch nicht hat kommen hören. »No War« scheint schließlich ein Herzstück des Konzepts zu sein. Wohliger Pathos durch sakralen Chor-Gesang – klappt immer. Zuletzt ist noch Zeit für ein wenig Radiohead. Jens Kuross (The Acid, The Howling) säuselt in »Give Me Your Ghost« Thom-Yorke-artig über ein vergleichsweise experimentelles Instrumental, das bereits das Ende der mehr als einstündigen Platte ankündigt. So facettenreich Âmes kreatives Angebot auf »Dream House« ist, so kurzweilig fühlt sich dieses Album an. Tatsächlich ist hier nach elf intensiven Songs noch nicht alles gesagt. Inwiefern hier aber von zeitloser Romantik die Rede sein kann erfahren wir dann in 15 Jahren, wenn der Debütnachfolger ansteht. Oder was?

 

Release: 01.06.2018 auf Innervisions.
Âme – Dream House

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