Review: DJ Seinfeld – DJ-Kicks [!K7 Records]

Review: DJ Seinfeld – DJ-Kicks [!K7 Records]

Features 1. August 2018

Nicht das ganz große Feuerwerk, aber solide und konsistent: DJ Seinfelds Beitrag zum nunmehr 23-jährigen DJ-Kicks-Katalog verzichtet auf wüstes Namedropping und große Genre-Sprünge. Stattdessen hinterlegt der Schwede bescheiden die Visitenkarte seiner musikalischen Vorlieben. Vor allem in seliger Einsamkeit macht der Mix Spaß, verliert aber an Fülle und Antrieb, stelle man sich die 72 Minuten auf einem Dancefloor vor.

Aber von vorne. Es brauchte bloß ein wenig Internet-Witz, ordentlichen Trennungsfrust und schlussendliche Unlust am sozialen Leben teilnehmen zu müssen, um die Aufmerksamkeit des befreundeten Inner Circles über die des Äußeren stülpen zu können. Mit den Aliassen Rimbaudian und Birds Of Sweden sorgte Armand Jakobsson immer wieder für kreative Weitsicht, um aber letztlich mit seinem Meme-House-Pseudonym DJ Seinfeld die bisher bedeutenderen Akzente setzen zu können. Vor allem das letztjährige Album 'Time Spent Away From U' wusste das Unwort Lo-Fi-House ein wenig zu emotionalisieren. Gelegentliche Artefakte von R&B-Käsigkeit aktivierten vor allem jene melancholischen Träumer_innen, die mit Musik aus den Neunzigern groß werden mussten.

Auch Seinfelds DJ-Kicks sucht ein wenig nach dieser Lust an Vergangenem. Vor allem die eigenen Wurzeln musikalischer Sozialisation sollen hier thematisiert werden. Dass die Songs auf der Compilation aber eben auch deswegen teilweise out of fashion klingen sollen, wirkt zeitweise recht frisch und andernorts wie ein verschollen geglaubter USB-Stick. Trotzdem haben aber ganze 16 Neuproduktionen den Weg in die Tracklist der Digitalversion gefunden. 'I See U' pendelt mit verhallten Piano-Keys um knisternde Störsignale, um danach Andras 'Poets Day' einzuzählen. Ein guter Schwung der kuratierten Tracks stammt aus der äußerst vitalen und chronisch unterbewerteten House-Szene Melbournes. Wer flog dort nicht schon unter dem Radar? Mit ebendieser Selection versammelt Seinfeld neben Andras weitere Aussie-DJs: Fantastic Man, Roza Terenzi, Reptant, Rudolf C, Sleep D, Hymns und Lou Karsh. Woher der Link zwischen Australien und dem mittlerweile in Barcelona lebenden Schweden stammt? Lässt sich nur erahnen.

Jakobsson selbst sagt, er wünsche sich mehr Beachtung für den dortigen Markt. Und geht beispielhaft voran. Auch aus der Szene müssten stärkere Bekennungssignale an die Kolleginnen und Kollegen aus Australien gesendet werden. Dass sich hier deshalb keine großen Namen die Klinke in die Hand geben, wirkt wie gesetzt. Aber nicht schlimm. So fällt kaum auf, dass Seinfeld in der ersten Phase genügsam klassischer House-Tracks einen Rimbaudian-Beitrag einschleust. Das charakteristische Breakbeat-Kostüm erstreckt sich dabei über den weiteren Verlauf vom Mix, die Stücke 'Dawn Over Atlas', 'Walrus' und 'Freak Acid' profitieren davon. Seinfelds Exclusive-Track 'Typeless' bedient sich ein wenig an diesem Spannungsaufbau und beschwört zähflüssige Grooves herauf. Für ein wenig Stirnrunzeln sorgt dagegen Chela Unas 'Take Me'. Die schrill-metallisch verfremdeten Vocals der Kalifornierin brechen das Konzept deutlich zum Negativen auf. Teilweise löst das Fingernagel-an-Tafel-ähnlichen Schauder aus, auch wenn das an dieser Stelle sicherlich gewollt scheint.

Deephousig geht es auf den Schluss zu. Die Stücke 'meXme' und 'Dune' fahren das Tempo etwas zurück. Um einiges unaufgeregter plätschern nun die letzten Minuten vor sich hin. Der deutliche Tempowechsel tut nach den vorigen recht fordernden 60 Minuten an dieser Stelle fast schon gut. Verspieltes Wasserrauschen, -tropfen und -fließen sorgen in 'Dune' für Katharsis. Lou Karsh beschließt das Hörerlebnis mit einem knapp 5-minütigen Ambient-Atmer. Auffallend ist, dass viele Produzenten aus Seinfelds Auswahl noch weit am Anfang ihrer Karrieren stehen. Das ist leider hier auch hörbar. Das Experiment, mit überwiegend Neuproduktionen denjenigen Zeitgeist einzufangen, als Jakobsson begann, sich für elektronische Musik zu interessieren, wackelt und gelingt nicht immer.

Fragwürdig wirkt das Konzept ohnehin in der Vinylversion. Bei nur noch zehn Stücken mussten einige Filler-Tracks weichen. Nach der Durchsicht der Digitalversion empfiehlt sich daher auch in die Vinylvariante reinzuhören. Erstere hat besonders zu Beginn ihre starken Momente. Etwa das erste Drittel ist so weit ausbalanciert, dass einzelne Stücke kaum herausstechen. Das spricht für eine gut zusammenhängende Auswahl. Mit dem Ende baut dieser Schwerpunkt aber ab. Ab dem Höhepunkt 'Typeless' verliert sein Tunnelblick an Disziplin und der Einklang wird unbeständiger. Aber auch das hat seine positive Seite: Jakobsson zeigt mit dieser Ausgabe der DJ-Kicks, dass der Lo-Fi-Zug längst durch die Endstation gebrettert ist und sein kreatives Repertoire wesentlich versierter sein muss.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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