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Review: Fred Again – Actual Life 3 [Atlantic Records UK]

Review: Fred Again – Actual Life 3 [Atlantic Records UK]

Features.29. Oktober 2022

'Actual Life 3', das neue Album von Fred Again, ist keinen Tag draußen - und trotzdem seit Monaten ein Klassiker. Am 29. Juli krachte der britische Producer mit einem Boiler-Room-Set in die YouTube-Rotation. Es ist kein normales Set, Fred prügelt weder stundenlang dieselbe Kickdrum noch gibt er sich Mühe, den Blick in die Kamera zu vermeiden. Im Gegenteil: Er feiert. Er kaut. Er umarmt sogar jene Leute im Publikum, die im Rausch seine CDJs penetrieren. Seitdem hat man seinen Mix über acht Millionen Mal geklickt, die Spontanekstase flimmerte aus einem Londoner Nachtclub über Smartphonescreens auf der ganzen Welt. Der Mann, der davor mit Blessed Madonna in die Charts grätschte und Platten von Sheeran, Mendes und Charlie XCX produzierte, wurde zum Star an den Decks.

"Ich hab diesen Typen noch nie gesehen, aber es ist unglaublich, wie krass er ist." Sätze wie diesen findet man unter dem Boiler-Room-Video in hunderten Abwandlungen. Über die Dauer einer knappen Stunde hat Fred Again, Jahrgang 1993, seiner Karriere eine fette Line gelegt. Obwohl er Jahre zuvor Brian Eno mit seinen Skills in Logic beeindruckte und 2020 den Preis als britischer Producer des Jahres abräumte, versteckte sich Fred Again lange in seinem Oversize-Sweater. Das hat sich geändert. Die Zahl seiner Follower auf Insta explodierte nach dem Boiler Room. Mittlerweile sehen über eine halbe Million Menschen zu, wenn er Stories aus dem Urlaub mit Four Tet und Skrillex postet oder Fans bei Shows neue Songs airdroppt.

Mit 'Actual Life 3' schließt Fred Again einen Albumzyklus, den er vor über zwei Jahren - kurz nach Beginn des ersten Lockdowns - begonnen hat. Es sind Platten, deren Stücke auf einzelnen Voice-Memos, kurzen Gedichten, Instastories oder einfach nur einem Sample basieren, die Fred auf YouTube findet. Ein einziger Satz könne so viel Emotionen transportieren, dass die Essenz eines Tracks oft schon in ihm zu finden sei, hat Fred Again in einem Feature für Mixmag gesagt. Fred betreibt die Dinosaurierversion von Sampling, bringt aber ein 2022er-'Gschpür' für Melodien und Momente ein, die aus einem Dance Track mit Vocals einen absoluten Bänger am Dancefloor machen. Damit trifft Fred den Schneidezahn der Zeit - Euphorie flammt auf, Gefühle brechen durch. Man lebt in seinen Songs von Break zu Break, streckt die Arme nach oben, und channelt die Momente in eine Mischung aus Wurschtigkeit und Weltschmerz.

Wer die Videos von Fred Again kennt, weiß: Der Mann holt bei jeder Gelegenheit seinen Laptop raus, um Beats zu basteln. Manchmal klopft er am Bahnsteig zwei Takte in den Mac, lässt kurz das iPhone für ein paar Field Recordings baumeln und schneidet daraus einen Song mit der Swedish House Mafia. Dann setzt er sich an die South Bank von London, während hinter ihm Big Ben glüht und das Gequatsche von Touristen auf seinem Handy landet. Er checkt, wie er den holpernden 2-Step inszenieren muss; wie er aus einer einzigen Emotion eine ganze Geschichte erzählen kann. Das macht Fred Again zu einem Producer, der die Euphorie von Ecstasy mit der Melancholie vom Morgen danach in einem Drei-Minuten-Dreißig-Stück aufgehen lässt.

Fred Again ist damit einer der wenigen Producer, die Beats wie Burial produzieren, ohne wie Burial zu klingen. Natürlich hört man dessen Erbe auch auf Freds 'Actual Life 3' durch: Die Beats stolpern eher, als dass sie den Gesetzen des Viervierteltakts folgen. Der Groove versteckt sich im Dazwischen, in den Lücken zwischen Hi-Hat, Snare und Kickdrum, die einst auch Burial in Flashbacks aus MDMA und verlorene Futures quetschte. Und sogar die Methode des Samplings - Fred pitcht die Stimmen seiner Vocals rauf und runter - gleicht dem genderlosen Gehauche von Burials Vocals. Trotzdem langt Fred nicht nach einer erfundenen Vergangenheit, die er in Knistern und Hall versenken könnte. Ebenso wenig greift er einer verstellten Zukunft vor, die erst nach der Afterparty eintreten wird. Er hält das Geschehen nur kurz fest wie eine Zeitlupe, die etwas sichtbar macht, was in vorbeiziehenden Bruchteilen des Lebens verloren geht.

'Actual Life 3' folgt dadurch den Gegebenheiten der Gegenwart. Es ist eine Platte, die sich nicht verorten lässt, dafür die angestaute Euphorie in Moment verkörpert. Fred versammelt Geschichten, die er aus den Gefühlsfetzen seiner Welt zusammenmontiert, als hätte er Bumble-Verläufe zu einem Datenberg aus Hoffnung zerschnipselt. Das ist mehr Cut-up der Gegenwart als K. o. der Zukunft. Und ein Album, das bereits zum Klassiker wurde, bevor es erschienen ist.

Actual Life 3 (January 1 - September 9 2022) erschien am 28.10.2022 via Atlantic Records UK.

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Actual Life 3, Atlantic Records UK, boiler room, Fred Again, review

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

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