Review: Move D & Dman – All You Can Tweak [Smallville]

Review: Move D & Dman – All You Can Tweak [Smallville]

Features.10. Dezember 2022 | 4,7 / 5,0

Damals in der Kita ging das so: Die Susanne hatte Schuhkartons, die Uschi quetschte Farbe rein, Helene verteilte Murmeln und die Kinder schwenkten den Bums so lange, bis der Sigi sagte: "Super, jetzt haben wir ein Murmelbild!" Mamas und Papas strahlten über beide Lauscher, als sie den Acidtraum aus Acrylfarben in die Hände gedrückt bekamen. Sie wussten: Aus unserem Racker wird mal was werden - aber ganz bestimmt kein Künstler.

Einige Jährchen fast forward: Man surft gedankenverloren durchs Internet und plötzlich - törö! - wird das kleine Künstlertrauma einem Gegenwartsupdate unterzogen. Das Cover der neuen Platte der Heidelberger Spatzen, Move D und Dman, sieht doch exakt so aus wie das, was man vor 25 Jahren in der Regenbogengruppe in einem Schuhkarton zusammenpanschte!

Tatsächlich: Bei den Farben hat man hier nicht gespart. Ausnahmsweise, denn: Wenn Stefan Marx nicht gerade mit Lars Eidinger über Alte Meister philosophiert, zeichnet er - zum Beispiel für das Hamburger Houselabel Smallville Records. Die Motive landen dort nicht nur auf Plattencovers, sondern auch auf T-Shirts und Pullis - meistens ohne Farben, für ausgewählte Anlässe und große Gäst:innen, aber auch mal in der Farbenlehre von Goethe.

Apropos Gäst:innen: Move D und Dman - die Szene-Silberrücken aus dem Rhein-Main-Delta - sind weniger dafür bekannt, sich am Malkasten zu vergreifen, sondern an Geräten zu hantieren. Zumindest steht das so auf Wikipedia, aber das könnt ihr auch selbst nachlesen. Seien es Turntables, Drum Machines oder Synthesizer - 'All You Can Tweak' ist jedenfalls die erste gemeinsame Rückschau über 30 Jahre House-Halleluja und Techno-Tralala. Weil man nach all den Jubeljahren noch immer in Heidelberg zur Ruhe kommt, treffen sich David und Dirk abends öfter zum Verkabeln. So oft, dass in den letzten Jahren genügend Tracks auf Disketten gelandet sind, um Smallville bis aufs Labelende auszubuchen.

Vorerst bleibt es aber beim Album. Sieben Tracks atmen Dub aus dem Basic Channel, jetten nach Detroit, dialogisieren mit der Kuhglocke, rastern an Filtern, pitchen über Basslines und sourcen Snares über Soul, den man hören will, wenn man mit 240 Sachen auf der Autobahn die Hände vom Lenkrad nimmt: Ein Moment der Stille, die Welt zieht an einem vorbei, in Schlieren, dann der Rausch - man wünscht sich für immer durch diesen zur Musik gewordenen Tunnelblick zu schießen!

Dabei hat es 'All You Can Tweak' nicht eilig, im Gegenteil: Alle chillen. Dman und Move D basteln keine Bauplan-Bänger für die Wegwerfwurschtigkeit. Sie hauen keine Hymnen raus, die ihre Halbwertszeit nach zwei Monaten in der Rekordbox verlieren. Ihr Ziel ist die Zeitlosigkeit. Das Album hätte damals, in den Jahren von Holzmodems, Kunststoff und dem ersten Zusammentun zwischen Move D und Dman, genauso erscheinen können wie in den Minimal-Nullern. Einige der Tracks mögen sogar aus dieser Zeit stammen. Andere klopften die beiden früher oder später aus ihrem Maschinenpark. Trotzdem: Man hält die Luft an, wenn man ihre Mukke hört, als stünde man vor einem Farbtupfer von Rothko. Während man beim einen kein Bild betrachtet, sondern eine Stimmung wahrnimmt, hört man bei den anderen keine Musik, sondern einen Vibe.

Es mag an ihrer Herkunft, ihrem Wohnort oder einfach nur an ihrer Einstellung zum Leben liegen - die beiden Heidelberger haben ein Gefühl für Atmosphären, die man nicht erklären kann. Man muss sie spüren, mit geschlossenen Augen, grinsend unter der Sonne, kauend im Club, zur Matinee am Sonntag oder unterwegs während der blauen Stunde. All das mag nach Esoterik-Handbuch für Einsteiger:innen klingen, aber: Der Vibe verstärkt ein Gefühl, das man in sich trägt. Es entfaltet sich, lebt in uns auf und bleibt geheimnisvoll wie ein Duft, der uns an eine andere Zeit erinnert. Genau deshalb nudeln Platten der beiden seit 25 Jahren über den Teller. Genau deswegen werden sie das auch in weiteren 25 tun.

'All You Can Tweak' erschien am 02.12.2022 via Smallville.

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Veröffentlicht in Features und getaggt mit Album, All You Can Tweak, Dman, Move D, review, Smallville Records

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

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