Review: Recondite – Dwell [Ghostly International]

Review: Recondite – Dwell [Ghostly International]

Features 1. Februar 2020

Manchmal sind es solche Alben, die an der falschen Stelle zu tief stapeln. Solche, die still aus sich heraus vorgeben einfach nur irgendwie entstanden zu sein. Solche, die falsch oder gar nicht vermarktet werden, oder solche, die trotz weiter Verfügbarkeit unentdeckt bleiben. Natürlich gibt es auch die Hochstapler und Augenwischer, aber so ein Album ist 'Dwell' nicht. 'Dwell', das bedeutet so viel wie Stillstand und will in etwa ein Innehalten beschreiben. Das ist hier aber nur teilweise der Fall. Mit seinem zweiten Album über Ghostly International kehrt Recondite zumindest ein wenig zu seinen Wurzeln zurück. Gehen wir in der Entwicklung mal ein paar Schritte rückwärts.

Lorenz Brunner war schon immer der reduziertere, zurückgezogenere Typ. Als Person, aber vor allem auch als Künstler. Dass sich die von der Figur Recondite typischerweise erzeugten Stimmungen selten aufdrängen, zieht in der bisherigen Diskografie weite Kreise. So war das Album 'Daemmerlicht' zuletzt ruhig und mellow aber auch fast mystisch verschwurbelt angehaucht. Auch 'Placid' und 'Iffy' klangen zumeist ruhig und meditativ. Auf 'Hinterland', Recondites erster Station auf Ghostly, befanden sich neben subtileren Strukturen mit Stücken wie 'Stems' und 'Absondence' offensiv bewegungsorientiertere Tech-House-Tracks. Auf der 'Corvus EP' zeigte er dann ein wenig Varianz und verwob Field Recordings in minimalistische Track-Konstrukte.

Nun tritt das mittlerweile sechste Album vermeintlich ein wenig auf der Stelle. Selbst, so sagt Brunner, fühle sich sein Output noch immer kohärent und stimmig an, auch wenn er sich nicht von Album zu Album bis auf die Grundkonzepte neuerfinden könne. Das ist gut und gesund und sollte respektiert werden. Gerade als Publikum pendelt man ja doch häufig zwischen Hitgeilheit und dem Wunsch nach Vertrautem, fordert aber trotzdem regelmäßige Nova ein. Brunner scheint dabei seine Formel gefunden zu haben. 'Dwell' klingt gewohnt melancholisch und moody, darin aber taktvoll und herzlich. Alles beim Alten also?

Bevor von einem stilistischen Stillstand gesprochen werden kann, kommt 'Dwell' am Ehesten einer Zäsur gleich. Verglichen mit den vorherigen Werken zitiert Brunner hier am deutlichsten Trap- und Vaporwave-Elemente und verknüpft diese mit Ambient Techno. Das Stück 'Nobilia' attackiert zu Beginn der Platte solche Ästhetiken. Zittrige Hi-Hats, düster verhüllte Melodieverläufe, eisige Kickdrums. Man fühlt sich ein wenig an Three-6-Mafia-Terror erinnert. Die sonst so naturbehaftete Atmosphäre bricht auf. Durch zwei Interludes wird die recht strikte Struktur des Albums durchbrochen. 'Interlude 1' poltert ebenso unvoreingenommen im Trap-Flow weiter. Während hintergründig Synthesizer-Keys dem typischen Transzendenzgefühl von Recondite zuarbeiten, wollen stichelnde Hi-Hats und satt getaktete Bässe die Kofferraumendstufe triggern.

Am ehesten versucht Brunner seinen Hip-Hop-Einfluss im Stück 'Surface' zu verstecken. Ein typisches Wechselspiel aus Kickdrum und Snare bezeugen bei 90 bpm den klassischen Hip-Hop-Geist. Schwebende Synth-Glocken treiben dabei schwerelos durch die Luft, verheddern sich für einen Moment im Break und treiben dann in einer Endlosigkeit weiter. Nicht aber alle Stücke auf 'Dwell' arbeiten so offensiv mit technofernen Einflüssen. Vor allem das etwas aus der Stringenz fallende Bonusstück 'Equal' ist durch das ungewöhnliche Uptempo am ehesten tanzbar und zugänglich.

Brunner vermischt auf 'Dwell' seine Handschrift für launisch introvertierte Synth-Lines ('Black Letter') mit einer neuen Spielart für Detailreichtum. Auf dem Stück 'Mirror Games' bauen sich sakrale Orgel-Passagen um dezent gesetzte Pads und gelegentliche Claps zur Himmelauffahrt auf. Das ist irgendwie baukastenartig, aber für Recondite-Verhältnisse auch noch nicht da gewesen. Neben der neuen Dimension für Trap-Elemente verfeinert Brunner mit diesem Album seine Vorstellung von konzentrierter Tanz-Meditation. 'Dwell' funktioniert idealerweise jetzt in kalten Winterwochen als emotionales Kaminfeuer. Von einem Stillstand kann also kaum die Rede sein und wirkt Wunder beim Klarkommen.

'Dwell' erschien am 24. Januar auf Ghostly International.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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