Review: Tolouse Low Trax – Jumping Dead Leafs [Bureau B]

Review: Tolouse Low Trax – Jumping Dead Leafs [Bureau B]

Features 27. September 2020

Mit dem Solo-Outfit Tolouse Low Trax hat Salon-des-Amateurs-Resident Detlef Weinrich seinen bis dato unbeirrten Weg begonnen, Stimmungen aus den Arbeiten an Kreidler-Material in eine eigene Fassung zu gießen. Denn dort, wo die Neo-Krautrocker um Kreidler immer relevanter für Pop wurden, hatten Weinrichs abstrakte Vorstellungen von elektronischer Musik immer weniger Platz. Auf dem nunmehr vierten Album als TLT (oder dem Cover gemäß TSLX) zeigt Weinrich aber auch, dass Komplexität nicht immer auch kompliziert sein muss. Nicht mehr als eine MPC, ein paar einfache Synthesizer und Effekte sowie ein Mixer reichten um den minimalistischen Klang auf 'Jumping Dead Leafs' zu erzeugen. Herausgekommen ist ein instrumentales Tanz- und Denkalbum in Zeitlupe, so ein bisschen zwischen Afterhour und Kunstinstallation.

Wer näher in das Artwork der Platte einsteigt, entdeckt darauf einen gespiegelten Zeitungsartikel. Zu sehen ist ein alter Ford Taunus mit Schweinfurter Kennzeichen, der vor einem Tante-Emma-Laden parkt. Die Bildunterschrift weist auf Vergangenes hin, denn dort wo die Fotografie entstand, steht heute eine Apotheke. Das Bild wurde im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort aufgenommen. Klar, dieser Hinweis ist als Fingerzeig auf Weinreichs musikalische wie auch persönliche Sozialisation mit der Stadt am Rhein zu verstehen. 'Jumping Dead Leafs' ist aber kein Album über Düsseldorf, dennoch ist es spürbar davon inspiriert.

Fertig machen kann die schiere Ästhetikvielfalt bei gleichzeitig aufgeräumten Songstrukturen. Wer Industrial und Kraut erwartet, wird zum Beispiel von Dub- und Hip-Hop-Einschlägen überrascht. Verteilt auf acht Stücken kreiert Weinrich sein individuelles Klanguniversum aus allem, was ihm in über 25 Jahren aktiver Karriere über den Weg gelaufen ist. 'Inverted Sea' startet als pulsierendes Weirdo-Instrumental, das sich aus klopfenden, klackernden und krachenden Versatzstücken aufbaut. Darunter sind schemenhaft verhüllte Vocalspuren gelegt, die aber kaum zu verstehen sind. In 'Berrytone Souvenier' umrandet Weinrich Vorstellungen von Electronica, reduziert das Resultat aber so weit, dass kaum mehr als ein Beat-Loop und ein paar Störgeräusche übrig bleiben.

Weinrichs Hang zu langen Loop-Schleifen wird vor allem auf dem über 7-minütigen Stück 'The Incomprehensible Image' deutlich. Unweigerlich erinnert fühlt man sich durch dessen maschinell-repetitiven Muster an Kraftwerk oder die 'Stahlwerksynfonie' von den Krupps. Wenn gegen Ende beinahe unbemerkt subtile Keys reinfaden, dann sickern hier so ein wenig die Techniken durch die beispielsweise Galcher Lustwerk verwendet, um vom abstrus Abstrakten zum Loungig-Housigen zu geraten. Das tut dem Verlauf der Platte durchaus gut, denn bis hierhin wird sich ausschließlich in Break-Experimenten geübt.

Im Titeltrack ist diese Düsseldorf-Kulisse wieder entrückt. So klingt das Stück eher nach UK-Bass als nach Krautelektronik. 'Dawn Is Temporal' ist durch die dumpfen Beatstampfer dann schon so weit in den Hip-Hop-Kontext reingerückt, dass man sich an 2000er RZA-Instrumentals erinnert fühlt. Immer wieder fällt auf, wie facettenreich die stilistischen Orientierungspunkte auf verhältnismäßig wenig Spielzeit verteilt sind.

Beworben wird die Platte als '38 Minuten purer Exorzismus'. Nun, wer hier wem welchen Geist entzieht, bleibt dahingestellt. Es ist aber schon so, dass Weinrichs kreativer Ansatz, Repetition kantig und fordernd klingen zu lassen, aufgeht. Wenn überhaupt dann ist diese doch recht statement-freie Platte eine biographische. Der Schlusstrack 'Sales Pitch' verdeutlicht diesen Anspruch, dass Weinrichs Musik eher mehr Kunst als Funktionsmusik für Tanzflächen ist. Da lässt sich dann auch wieder die Brücke zum Salon des Amateurs schlagen, eine Clubbar im Bauch einer Kunsthalle: Grundsätzlich geht es um Klischeefreiheit, und das macht es dann irgendwie auch wieder klischeehaft.

'Jumping Dead Leafs' erschien am 11. September auf Bureau B.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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