Rezension: Moderat-Dokumentationsfilm 'The Last Days'

Rezension: Moderat-Dokumentationsfilm 'The Last Days'

Features. 18. Oktober 2022 | / 5,0

Geschrieben von:
Nikta Vahid-Moghtada

2017 verkündete die Berliner Band Moderat eine vorübergehende Auszeit. Der Dokumentarfilm ‘The Last Days’ begleitet die Musiker bei den letzten Konzerten vor der Schaffenspause, erzählt von Freundschaft, Reibereien und ermüdendem Touralltag. Dabei entstehen Momente mit Humor und Tiefgang, aber auch mit einem Hauch Kitsch und Pathos. ‘The Last Days’ feiert am 18. Oktober beim Internationalen Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, DOK Leipzig, Premiere. Wir konnten den Film vorab sehen.

2017 war verglichen mit heutigen Maßstäben ein recht harmloses Jahr. Der Waldkauz wurde zum Vogel des Jahres gekürt, Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Konzertsäle waren gut beheizt, Pandemien nur Thema mittelmäßiger und in die Jahre gekommener Blockbuster und Kriege so weit weg, dass man im sattgefressenen Europa meinen konnte, es gebe gar keine.

Und, um die Kurve zu kriegen, es soll hier ja um Musik gehen: Die Berliner Band Moderat verkündete eine vorübergehende Schaffenspause. Dass sich Sascha Ring, Gernot Bronsert und Sebastian Szary erst mit einem neuen Album zurückmelden würden, wenn Donald Trump nicht mehr twittern darf, wenn Konzertsäle, sofern sie pandemiebedingt überhaupt öffnen dürfen, recht kühl und zugig sind, und Krieg und Chaos und Krankheiten direkt an der Haustür klopfen, das konnte damals ja niemand ahnen.

Der Dokumentarfilm ‘The Last Days’ berichtet von den letzten Tagen der Moderat-Tour im Jahr 2017. Er zeigt in feinfühligen Schwarz-Weiß-Bildern, was die drei Musiker dazu bewegt hat, Abstand zu nehmen – Abstand voneinander, Abstand vom Schaffen als Band Moderat. Die rund 21 Minuten sind zwischen den zwei letzten Konzerten der Tour verortet, zwischen dem Gig im Amphitheater beim Dimensions Festival im kroatischen Pula am 30. August 2017 und dem fulminanten Abschied auf Zeit in der Berliner Wuhlheide am 2. September.

Das Prinzip des Films ist so simpel wie schlüssig: Die drei Künstler werden kurz vor dem Ende der Tour getrennt voneinander auf ihren Hotelzimmern befragt. Was denken die Künstler voneinander? Was schätzen sie an ihren Band-Kollegen, was geht ihnen auf die Nerven? Wie ein unsichtbarer roter Faden ziehen sich diese Fragen durch den sonst im wahrsten Sinne des Wortes farblosen Film. Das mutet dann fast an wie eine Paartherapie, der man lauschen darf, oder wie die Paar-Befragung in der Sendung ‘Herzblatt’. Nur fliegen die Musiker anschließend nicht mit dem Herzblatt-Hubschrauber ins romantische Liebesnest, sondern in die pragmatisch-kreative Auszeit.

„Sascha hat viele Ängste. Und ich mag Menschen nicht, die Angst haben.” Schon die ersten Worte von Gernot Bronsert über Sascha Ring klatschen den Zuschauern um die Ohren, dass da etwas im Argen ist. Es folgen ehrliche Gespräche über Charaktereigenschaften, Eigenheiten, Ängste, über Late-Night-Studio-Sessions, über Rampensäue und Bühnenangst.

Und obwohl da viel Kritik eines jeden der Bandmitglieder über die jeweils anderen durchrieselt, wird auch schnell klar, was die drei Musiker zusammenhält. Freundschaft – und das Wissen, dass sie einander trotz aller Unterschiede akzeptieren. Ja, das klingt pathetisch as fuck und genau das ist der Film auch. Der Film transportiert zweifelsohne, wie schwierig den Künstlern die Entscheidung gefallen und wie emotional der Prozess abgelaufen sein muss.

Instagram

Mit dem Laden des Beitrags akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Instagram.
Mehr erfahren

Beitrag laden


Einen Hauch zu viel der Pathos-Keule wird es zum Beispiel, wenn, wie aus dem Nichts – und natürlich in Slow Motion –, Sequenzen von schnaubenden Pferden auf der Wiese eingeblendet werden. Oder wenn der Baum im Wald plötzlich Kopf steht (show, don’t tell, Leute!) oder Sebastian Szary vor einem lodernden Feuer steht und gedankenverloren auf der Wiese gen Flammenlicht blickt.

Szenen wie diese hätte es nicht unbedingt gebraucht, denn der Film lebt von seinen Protagonisten und vor allem von deren Stimmen. Die Interviews wurden allesamt ohne Kamera geführt und nur auf Tonband aufgenommen, was zunächst verwirren mag, wenn man einen Film erwartet. Aber die fehlende Kamera schafft die nötige Intimität und Privatsphäre, die es braucht, um offen zu sprechen. Wenn etwa Sascha Ring von Szary erzählt, ihn als die zwischen Gernot und ihm vermittelnde Schweiz beschreibt, die stets ruhig und ausgeglichen ist, dann wird der Kurzfilm zu dem, was er sein soll: Ein Zeitdokument, das berührt, das Spaß macht, das seinen Protagonisten Raum gibt.

„Wie so ein Hund, der dich beruhigt, einfach nur durch seine Anwesenheit”, beschreibt Sascha Ring seinen Bandkollegen Szary.„Nicht so ein kleiner hibbeliger, sondern so ein großer, den du auch oft knuddeln willst, weil er niedlich ist. Man sollte wahrscheinlich hinzufügen, dass ich mit Hunden besser klarkomme als mit Menschen.” Lustigerweise ist es dann Gernot Bronsert, der seinem Hund zwischen wehenden Grashalmen (in Slow Motion, is’ klar) und Landidyll Stöckchen wirft. Gernot, sagt Sebastian Szarys Stimme aus dem Off, habe gerne die Kontrolle und gebe ungern Verantwortung ab. Als Rabauke beschreibt ihn Sascha Ring – aber, und da sind sich beide einig: Harte Schale, weicher Kern. Auch Gernot sei verletzlich.

Cut. Gernot auf der Wiese, die Kamera mäandert (jau, in Slow Motion) erneut durchs hohe Gras. Das wirkt dann wie eine Mischung aus Imagefilm und Musikvideo, weniger jedoch wie ein Dokumentarfilm. Dennoch: In ‘The Last Days’ geht um Freundschaft, die so intensiv und familiär werden kann, dass man Abstand und Pausen voneinander braucht. Es geht um gemeinsame Schaffensprozesse, ums Aneinanderkrachen und Verschmelzen von Charakteren, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Man erfährt tatsächlich viel über die drei Menschen (oder meint es zumindest) in diesen lediglich 21 Minuten.

Immer wieder eingeschoben werden Konzert-Snippets, altbekannte Moderat-Sounds, die zwischen den verträumten und langsamen Bildern in Schwarzweiß erst recht hymnenhaft daherkommen. ‘A New Error’ im Kino-Dolby-Surround macht zugegebenermaßen Spaß und vor allem Bock, sich nach Jahren mal wieder durchs Moderat-Werk zu hören. Die Image-Kampagne scheint ihren Zweck zu erfüllen.

Was in den vergangenen fünf Jahren geschehen ist, wissen wir spätestens seit Mai. Moderat sind zurück, mit neuem Album und alter Freundschaft – die offenbar auch Schaffenspausen aushält. Dass der Dokumentarfilm eher zum Imagefilm geworden ist, liegt vielleicht auch daran, dass Elisa Mishto nicht ganz unbefangen ist – die Filmemacherin hat unter anderem auch einen Teil der Lyrics zum neuen Moderat-Album ‘More Data’ beigesteuert.

Weitere Informationen zur Dokumentation gibt es hier.

Veröffentlicht in Features und getaggt mit DOK Leipzig , Dokumentation , Elisa Mishto , Gernot Bronsert , Moderat , Sascha Ring , Sebastian Szary , The Last Days

Deine
Meinung:
Rezension: Moderat-Dokumentationsfilm 'The Last Days'

Wie findest Du den Artikel?

ø: