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Test: Dreadbox Typhon / Analoger Desktop-Synthesizer

Test: Dreadbox Typhon / Analoger Desktop-Synthesizer

Tests 5. September 2021

Seit ihrer Gründung 2012 hat sich die kleine griechische Synthesizer- und Effektschmiede Dreadbox vom Geheimtipp zu einem der gefragtesten Boutique-Hersteller gemausert. Das bisherige Sortiment zeichnet sich dabei vor allem durch halbmodulare Strukturen und komplexe Verbindungsmöglichkeiten aus. Mit dem Typhon möchte man nun einen anderen Weg einschlagen und verspricht vereinfachte Handhabung bei gewohnt hochwertigem Klang. Wir haben uns die kleine Box einmal genauer angeschaut und wollen herausfinden, ob das abgespeckte Interface auch in der Praxis zu überzeugen weiß.

Technische Daten und Anschlüsse

Beim Auspacken macht der Dreadbox Typhon einen sehr guten Ersteindruck. Das Gehäuse besteht komplett aus Metall und sollte auch den härtesten Tour-Alltag ohne Probleme mitmachen. Die Drehregler, Fader und Tasten fühlen sich ebenfalls wertig an und machen direkt Lust auf ausgiebiges Klangschrauben, zumal die wichtigsten Funktionen wie Filter-Cutoff größere Potis spendiert bekommen haben. Ein kleines Display mit zugehörigem Dreh-Encoder lässt bereits erahnen, dass sich unter der Haube weitaus mehr verbirgt, als man auf den ersten Blick vermutet. Was das Design angeht, ist der Typhon in seinem 80s-Synthwave-Look sicherlich nicht jedermanns Sache, dafür wirkt das Interface im Allgemeinen aber sehr aufgeräumt und übersichtlich.

Ebenso aufgeräumt kommt auch die Rückseite mit den Anschlüssen daher. Hier finden wir eine USB-B-Schnittstelle, die sowohl als Stromversorgung als auch zur MIDI-Kommunikation verwendet werden kann. Alternativ lässt sich der Typhon über zwei herkömmliche DIN-Buchsen mit dem restlichen Setup verbinden. Gegenüberliegend werden Audiosignale verwendet. Zu diesem Zweck gibt es zwei Stereo-Ausgänge als große Klinke sowie einen Kopfhörerausgang im 3,5mm-Format. Externe Klangquellen können zudem ebenfalls in das Gerät geschickt werden, wodurch sich zum Beispiel Möglichkeiten der Bearbeitung durch Filter und Effekte ergeben.

Oszillator

Schauen wir uns nun einmal die Klangerzeugung des Dreadbox Typhon an. Den Anfang macht wie immer die Oszillatorsektion, und hier finden wir bereits ein besonderes Alleinstellungsmerkmal des Synths. Das Lautstärkenverhältnis der beiden VCOs sowie die Pulsweite werden nämlich über einen einzelnen großen Drehregler stufenlos variiert. Für Oszillator 1 stehen die Wellenformen Rechteck und Sägezahn zur Verfügung, während Oszillator 2 mit einer Rechteck- sowie Sägezahnwelle ausgestattet ist.

Außerdem gibt es einen FM-Modus, in dem die Dreieckswelle von VCO 2 das Rechteck von VCO 1 Frequenzmoduliert. Über einen separaten Regler kann der zweite Oszillator noch um bis zu zwei Oktaven nach oben gestimmt werden. Somit reicht die klangliche Palette von simpleren Sounds mit einem einzelnen Oszillator über schwebende Synth-Flächen bis hin zu harten Klängen, die an digitale Synthese erinnern und sich besonders für moderne Anwendungen eignen.

Leider wurde kein Noise-Generator verbaut, für atonale Drum-Sounds oder Ähnliches muss also bei Bedarf der externe Audioeingang herhalten. Ansonsten lässt die Oszillatorsektion trotz ihres simplen Aufbaus nicht viel zu wünschen übrig. Die VCOs klingen kraftvoll und die Bedienung sollte auch für Synth-Neulinge keinerlei Probleme bereiten.

Filter

Anschließend läuft das Signal durch ein resonanzfähiges 24dB-Tiefpassfilter, dessen wichtigste Parameter leicht zugänglich auf der linken Seite des Gerätes angeordnet sind. Dazu gehört neben Frequenz und Resonanz die Intensität der eingebauten Hüllkurve. Klanglich passt das Filter perfekt zum eher aggressiven Charakter des Typhon. Vor allem harte Bässe und moderne Lead Sounds gewinnen dadurch einiges an Durchsetzungsfähigkeit. Glücklicherweise wird das Signal bei höheren Resonanzwerten nicht leiser oder dünner, sodass auch ausgedehnten Kreischorgien nichts im Weg steht. Wem das immer noch zu zahm ist, der kann dem Signal mithilfe von Filter-FM und Verzerrung noch die letzte Portion Schmutz hinzufügen. Damit lassen sich dann wunderbar Techno-Kicks oder auch Noise-Wände erzeugen.

Hüllkurven

Zur Kontrolle der Lautstärke sowie der Filterfrequenz hat der Dreadbox Typhon gleich zwei separate ADSR-Hüllkurven spendiert bekommen. Diese lassen sich per Knopfdruck mit den Fadern einstellen, die sonst zum Bedienen der Menüs benutzt werden. Mithilfe eines kleinen Shift-Knopfes wird dabei zwischen Amp- und Filter-Envelope ausgewählt. Sehr praktisch sind die beiden leicht zu erreichenden Time-Regler, die jeweils die komplette Hüllkurve verlängern oder verkürzen. Somit muss nicht für jede Änderung das Envelope-Menü geöffnet werden, was vor allem Live-Performances zugutekommt und für dynamische Wechsel sorgt.

Modulationen

Für weitere Klangverbiegungen sorgt eine umfangreiche Modulationssektion mit drei Slots, die alle nach demselben Prinzip aufgebaut sind. Zur Auswahl stehen jeweils vier verschiedene Modulationsquellen. Zunächst wäre da ein klassischer LFO mit den Wellenformen Dreieck, abfallender Sägezahn, Rechteck mit zwei verschiedenen Pulsweiten, Trapezoid und Chaos Saw. Letztere generiert zufällig Sägezahnwellen mit unterschiedlicher Amplitude. Weitere Einstellmöglichkeiten gibt es für die Geschwindigkeit sowie einen Fade, welcher sowohl positiv als auch negativ angewendet werden kann.

Ein klassischer Sample-and-Hold-Schaltkreis ist ebenfalls verbaut. Neben der variablen Geschwindigkeit können mithilfe eines Lag-Reglers fließende Übergänge zwischen den Werten erreicht werden, während Prob die Wahrscheinlichkeit festlegt, mit der ein neuer Zufallswert generiert wird. Leider lassen sich zum Zeitpunkt des Tests weder LFO noch Sample-and-Hold mit dem internen Tempo des Geräts syncen, auf der Dreadbox-Webseite wird diese Funktion aber in einem zukünftigen Firmware-Update versprochen.

Als Nächstes besitzt jeder Modulations-Slot eine eigene Hüllkurve mit zusammengelegter Decay/Release Phase und variablem Sustain. Zusammen mit den Envelopes für Lautstärke und Filterfrequenz können also bis zu fünf unterschiedliche Hüllkurven eingesetzt werden, was bei einem Synthesizer dieser Größenordnung schon fast unerhört ist.

Den krönenden Abschluss unter den Modulationsquellen macht ein eigenständiger Step-Sequenzer mit bis zu 32 Schritten, denen jeweils ein eigener CV-Wert zugeteilt werden kann. Im Gegensatz zu LFO und Sample-and-Hold ist der Sequenzer glücklicherweise mit der internen Clock synchronisiert. So entstehen in Verbindung mit dem eingebauten Sequenzer des Dreadbox Typhon schnell interessante, abwechslungsreiche Motive, vor allem bei abweichenden Längen der Patterns.

Hat man sich für eine der Modulationsquellen entschiedenen und die Parameter den eigenen Vorstellungen angepasst, kann die so entstandene Steuerspannung auf bis zu 13 verschiedene Ziele losgelassen werden - gleichzeitig und mit getrennt einstellbarer Intensität. Neben den Klassikern wie Tonhöhe und Filterfrequenz lassen sich auf diese Weise auch die Parameter der eingebauten Effekt-Engine manipulieren. Wohlgemerkt, sämtliche bisher genannten Modulationen stehen in dreifacher Ausführung zur Verfügung. Diese Komplexität kommt aber mit einem kleinen Haken. Man muss relativ umständlich durch die verschiedenen Modulationsziele durchschalten, um die jeweilige Intensität einzustellen.

Das kann im Eifer des Gefechts schon mal etwas verwirrend sein und hilft auch nicht gerade in Sachen Übersichtlichkeit. Dennoch hat die Modulationssektion des Typhon unterm Strich ein ganz klares Plus verdient. Hat man schließlich erst einmal alles eingestellt, ist die kleine Kiste in der Lage, unglaublich komplexe Klanglandschaften zu generieren, die man eigentlich eher von wesentlich größeren (und teureren) Artgenossen oder Software-basierten Instrumenten kennt.

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Effekte

Als ob die Möglichkeiten der Klangmanipulation nicht schon ausreichend wären, besitzt der Dreadbox Typhon des Weiteren eine kraftvolle Effektsektion mit 12 verschiedenen Effekten, die in Kooperation mit der Firma Sinevibes entwickelt wurden. Wer sich mit den bisherigen Produkten von Dreadbox auskennt, weiß, dass sich die Effekte hier keinesfalls nur als schmückendes Beiwerk verstehen, sondern einen fest integrierten Teil der Klangerzeugung darstellen. Eingeteilt wird die FX-Abteilung in drei Bausteine, von denen der erste für Verzerrungen aller Art zuständig ist.

Die vorhanden Algorithmen reichen von Hard Clipping über Wave Folding bis hin zu einem extremen Bitcrusher und bieten für wirklich jede nur erdenkliche Situation die richtige Portion Schmutz. Die Bedienung ist leicht und gestaltet sich bei allen Verzerrern im Grunde gleich: Es gibt einen Regler für Gain und einen für das Verhältnis zwischen trockenem und bearbeitetem Signal. Nur beim Bitcrusher werden die Parameter durch Sampling-Rate und Bit-Auflösung ersetzt. Darüber hinaus wird die Filter-FM ebenfalls von diesem Menü aus gesteuert.

Der nächste Slot beschäftigt sich mit den Modulationseffekten Chorus, Flanger und Ensemble. Diese lassen sich in Tiefe, Geschwindigkeit, (Stereo)breite, Feedback und Mischverhältnis einstellen. So kann aus einem simplen Bass-Sound schnell ein akustischer Schlaghammer werden, der jeden Mix dominiert, aber auch subtilere Veredelungen sind möglich, während der Klang bei extremen Einstellungen in Richtung Alien-Sounds und Special FX mutiert.

Zu guter Letzt dürfen auch die Ambient-Effekte nicht fehlen. In diesem Fall finden wir ein Stereo-Delay mit getrennten Zeiten für den linken sowie rechten Kanal, eine Ping-Pong Variante sowie einen sehr angenehm klingenden digitalen Hall. Je nach Gusto kann der Patch hier in mehr oder weniger realistische Räume gesetzt werden, während sich Ambient-Freunde über endlos lange Hallfahnen und Delay-Feedback freuen werden. Der Effektsound besitzt des Weiteren einen simplen EQ zum Abdämpfen oder Ausdünnen des Signals.

Wie bereits erwähnt, sollten die Audioeffekte keinesfalls als nette Dreingabe gesehen werden. Vielmehr lässt sich der Sound hier entscheidend mitbeeinflussen. Besonders im Verbund mit den Modulationsoptionen bietet sich dadurch ein riesiges Klangpotenzial.

Sequenzer

Zum Aufnehmen von kleinen Läufen und festhalten von Ideen hat der Dreadbox Typhon zu guter Letzt einen kleinen Step-Sequenzer mit bis zu 32 Steps spendiert bekommen. Auf zwei Menüseiten und mithilfe der fünf Fader werden Schritt für Schritt die einzelnen Notenwerte eingetragen. Das ist zugegebenermaßen manchmal etwas umständlich, glücklicherweise wurde aber mit dem neuesten Firmware-Update die Möglichkeit implementiert, Sequenzen live per MIDI einzuspielen. Anschließend kann das Pattern mit Gate- und Velocity-Einstellungen pro Step sowie global mit einem Swing versehen werden.

Ein Probability-Regler bestimmt darüber hinaus, mit welcher Wahrscheinlichkeit der nächste Schritt gespielt oder ausgelassen wird. Pro Patch lässt sich eine zugehörige Sequenz auf einem der 256 Speicherplätze festhalten, das beinhaltet auch alle Modulations- und Effekteinstellungen. Auch wenn spezialisierte Hardware-Sequenzer oder DAWs mitunter mehr Features sowie eine etwas komfortablere Bedienung bieten, erweist sich die integrierte Spielhilfe dennoch als hilfreiches Tool zum Ideenfinden, Herumspielen, oder wenn man mal kein externes Keyboard zur Hand hat.

Fazit

Die geringe Größe des Typhon täuscht: Dem Team von Dreadbox ist es hier gelungen, einen extrem fähigen Synthesizer zu entwickeln, der gekonnt analoge Klangerzeugung mit digitaler Flexibilität verbindet, mit hochwertiger Verarbeitung punktet und sich mit seinem gewaltigen klanglichen Potenzial auch nicht vor deutlich größeren Instrumenten verstecken muss. Natürlich muss man bei so vielen Features auf so kleinem Raum ein paar Abstriche in den Bereichen Bedienung und Übersichtlichkeit machen. Trotz des kleinen Displays und einiger Menüs wird das Arbeiten mit der kleinen Wunderkiste jedoch dank des cleveren Designs bereits nach kurzer Eingewöhnungszeit zur wahren Freude, zumal die eigenen Kreationen komfortabel abgespeichert und bei Bedarf wieder aufgerufen werden können. Kleine Unannehmlichkeiten wie die fehlende Synchronisation von LFO- und Delay-Tempo sind größtenteils Firmware-basiert und sollten dank des exzellenten Tech-Supports seitens der Entwickler bald der Vergangenheit angehören. Abgesehen davon kann der Typhon ruhigen Gewissens jedem empfohlen werden, der auf der Suche nach frischem Wind im aktuellen Synth-Angebot ist.

Pro

Klang
Umfangreiche Modulationsmöglichkeiten
Hochwertige und vielseitige Effektsektion

Kontra

Kleines Display nicht immer übersichtlich

Preis:

389,00 EUR

Weitere Informationen gibt es auf der Website von Dreadbox.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit analog , Dre:adbox , Producing , Synthesizer , Test , Typhon

Geschrieben von:
Niko Giortsios

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