Test: Jamm Pro / Performance-App

Test: Jamm Pro / Performance-App

Tests 25. April 2020

Die iOS-App Jamm Pro von Ninja Tune ist ein Sample-basiertes Musikproduktions- und Live-Instrument. Sie richtet sich an Producer und DJs und stammt von Matt Black (Coldcut), der gemeinsam mit Jonathan Moore Anfang der 90er-Jahre das Label Ninja Tune gründete. Jamm Pro basiert auf der App Ninja Jamm, die bereits eine große Fangemeinde begeistern konnte. Während Ninja Jamm im Wesentlichen fertige Soundsets nutzt, die sich in Echtzeit modifizieren lassen, hat man bei Jamm Pro die Freiheitsgrade deutlich erweitert, bietet ein riesiges Arsenal an kreativen Funktionen und erlaubt die Nutzung eigener Samples. Wie sich die App in der Praxis schlägt, habe ich mir angeschaut.

Jamm Pro

Jamm Pro wird über Apples App-Store vertrieben, kostet zur Einführung 10,99 Euro und setzt ein iPad mit mindestens iPadOS 12 voraus, wobei der Hersteller auf ein iPad Pro als ideales Gerät zur Ausführung der App verweist. Für meinen Test habe ich ein "normales" iPad 2018 mit iPadOS 13.3.1 verwendet. Jamm Pro in der aktuell verfügbaren Version 1.0.1. Jamm Pro bietet vier Kanäle zur Wiedergabe von Samples und zur Ergänzung einen Sub-Bass sowie neun Stab-Sounds. Die Samples und Sounds lassen sich mit zahlreichen Effekten und einem komplexen Remixmodul (Coldcutter) in Echtzeit modifizieren.

Die Kontrolle der App erfolgt über die Auswahl der Funktionen und Parameterveränderungen auf dem iPad-Touchscreen oder mittels externem MIDI-Controller. Verbindungen zu anderen Apps lassen sich per Audiobus oder Inter-App-Audio herstellen. Jamm Pro kann in unterschiedlichen Szenarien zum Einsatz kommen, ich habe meinen Testfokus auf den Live- und DJ-Einsatz ausgerichtet.

Überlick

Jamm Pro startet mit einer Auswahlmöglichkeit der selbst erstellbaren und per In-App-Kauf zu erstehenden Packs (Songs). Das sich anschließend öffnende Play-Fenster erlaubt den Zugriff auf die musikalischen Inhalte und kreativen Funktionen und wirkt auf den ersten Blick recht überladen. Ich möchte aber an dieser Stelle Entwarnung geben, denn nach einer erfolgten Einarbeitung lichtet sich das Dunkel und man navigiert treffsicher durch die einzelnen Regionen. Per Umschalter in der Fußzeile öffnen sich weitere Detailbereiche, die gezielte Parameterselektionen für die Effekte, Samples sowie den Coldcutter und Mixer erlauben. Zudem gelangt man hier zur Aufnahmefunktion (intern und extern), zu den MIDI-Programmierungen und den bildschirmfüllenden Fenstern Matrix, Stabs, FX, Xy und Cut, die sich für den Live-Betrieb eignen.

Jamm Pro Hauptfenster.
Das Hauptfenster in Jamm Pro bietet Zugriff auf die Clip-Matrix, die Effekte und das Remixmodul Coldcutter.

Einstieg

Viele Apps bieten eine zentrale Bedienoberfläche, die sich dem Anwender recht einfach erschließt, sind dafür aber mit limitierten Möglichkeiten ausgestattet. Jamm Pro ist dagegen eine komplexe Software mit einer teilweise etwas verschachtelten Struktur, weshalb ihr ausreichend Zeit einplanen solltet, um diese zu verstehen. Zur Erleichterung des Einstiegs kann ich die "How-To"-Videos empfehlen, die auf YouTube auf diesem Kanal zu finden sind sowie die Hilfefunktion in der App, die auf jeder Bildschirmseite aktivierbar ist. Zudem gibt es ein Online-Handbuch. Für alle drei Unterstützungen gilt allerdings Englisch als Voraussetzung. Ohne diese intensive Vorbereitung kann man sich Teile der App auch per Trial & Error erschließen, empfehlen würde ich das aber nicht, da man so nicht das ganze Potenzial von Jamm Pro nutzen kann.

Jam(m) Session

Die ersten eigenen Schritte lassen sich sehr gut mit einem der enthalten Packs bewältigen. Im Hauptfenster (Play) von Jamm Pro werden die Samples des Packs in einer 4x8 Zellen großen Clip-Matrix angeordnet und durch neun Stab-Sounds auf der rechten Seite ergänzt. Maximal vier Clips (Samples) lassen sich gleichzeitig wiedergeben und zu einem Patch kombinieren. Ein Pack kann maximal 64 Patches umfassen, sodass ausreichend viele Speicherplätze für kreative Ideen vorhanden sind.

Die Patches starten durch das Drücken der Play-Taste und können manuell oder automatisch nacheinander wiedergegeben werden. Bei laufender Wiedergabe lassen sich die Clips aber auch beliebig miteinander kombinieren und durch Fingerfahrten bearbeiten, sodass man hier auch spontane Ideen umsetzen kann. Zur Unterstützung des Bassfundaments ist ein gut klingender Subbass-Synthesizer aktivierbar, der etwas versteckt im Masterbereich platziert ist und von den Bassdrum-Sounds in der ersten Spur getriggert wird. Die generierten Subbass-Sequenzen lassen sich anpassen und die Tonart frei bestimmen oder mit der des Packs in Übereinstimmung bringen. Mit den Stab-Sounds können punktuelle Einwürfe erfolgen, interessante Klangverbiegungen sind mit einem Pitchfader möglich.

Weitere kreative Betätigungsfelder ergeben sich durch die Nutzung von Effekten, die in einer 4x5 Matrix unterhalb der Clips platziert sind. Die Effekte lassen sich für alle vier Kanäle individuell nutzen und in Echtzeit modifizieren. Zur Auswahl stehen Bitcrusher, Filter, Delay, Reverb und ein SideChain-Compressor. Die Effekte sind praxisgerecht gewählt und klingen gut, zudem sind parallele Parameterveränderungen per Multi-Touch-Steuerungen möglich, die ein lebendiges Klangbild generieren. Mit einem XY-Pad lassen sich außerdem Effektfahrten kontrollieren und Samples mit einem Bitcrusher/Delay und Filter mit Resonanz bearbeiten.

Zusätzlich zu den Effekten steht das Remixmodul Coldcutter zur Verfügung, das spektakuläre Soundmodifikationen vornimmt. Die Bedienelemente befinden sich in der rechten unteren Ecke als 4x4 Matrix.

Jamm Pro Masterbereich.

MIDI-Controller

Wer Jamm Pro nicht per Touchscreen bedienen möchte, kann die gewünschten Funktionen auf einen MIDI-Controller mappen. Fertige Mappings gibt es nicht, da dieser Vorgang aber per MIDI-Learning recht einfach gelingt, ist das nicht weiter tragisch.

DJ-Sync

Wenn ihr den Einsatz von Jamm Pro App als Ergänzung zu einem DJ-Set plant, könnt ihr im Settings-Fenster Ableton Link aktivieren. In meinem Testlauf mit Traktor Pro 3 auf einem Mac liefen beide Programme temposynchron und per manueller Anpassung in der Kopfzeile von Jamm Pro kann auch die Tonart angeglichen werden, damit sich ein harmonisches Klangbild ergibt.

Advanced Features

Die in Jamm Pro enthaltenen und kostenpflichtig ergänzbaren Packs, welche wöchentlich Zuwachs erhalten, sind von sehr guter Qualität, da die Inhalte perfekt aufeinander abgestimmt sind. Möchte man stattdessen mit eigenen Samples arbeiten, lassen sich diese beispielsweise aus Ordnern des iPads, aus iCloud oder Google Drive importieren. Die importierten Samples können per Timestretch angepasst und mit Funktionen wie Pitch und Pan versehen werden.

Ein echter Sample-Editor ist allerdings nicht enthalten, die entsprechende Bearbeitung sollte man also vor dem Import vornehmen, wenn dies nötig ist. Zusätzlich lassen sich Samples durch Aufnahmen aus anderen Apps oder per Resampling generieren, wobei ihr hier Loops mit Effekten oder Stab-Sound-Einspielungen aufnehmen und auf die Clips kopieren könnt.

Jamm Pro Importfunktion.
Per Importfunktion lassen sich eigene Samples in Jamm Pro nutzen.

Mit dem Coldcutter bietet Jamm Pro ein komplexes Remixmodul, das Slice und Gate Sequencer, Call+Response (Verschmelzung musikalischer Phrasen), Pitch Reverse Sequencer und sechs Modulations-Sequencer umfasst. Coldcutter lässt sich ab Werk direkt nutzen und bietet 16 vorprogrammierte Slice- und Shuffle-Modulationen und so genannte "Superfills", die Beats und musikalische Parts rhythmisch durcheinanderwürfeln, zerhacken, loopen, rückwärts wiedergeben, stoppen etc.

Bei Bedarf kann man den Coldcutter aber auch komplett anpassen. Die Konfigurationsmöglichkeiten sind vielfältig, die gezielte Programmierung daher nicht trivial. Hier sollte man die ausführliche Coldcutter-Sektion des Online-Handbuchs sorgfältig studieren. Ich denke aber, dass viele Anwender mit den vorausgewählten Belegung schon sehr weit kommen sollten.

Jamm Pro Coldcutter.
Der Coldcutter bietet vielfältige Remixfunktionen, eine Hilfefunktion vereinfacht die Nutzung.
Coldcutter

Fazit

Die iOS-App Jamm Pro ist ein Sample-basiertes Kreativtool, das live und im Studio nutzbar ist. Das Vierspur-Programm nutzt fertige Packs oder Anwendersamples und bietet ein riesiges Arsenal an Features, die sich in Echtzeit zur Klangbeeinflussung nutzen lassen. Jamm Pro kann per Touchscreen oder MIDI-Controller gesteuert werden und beinhaltet Ableton-Link als Synchronisationsschnittstelle für DJ-Einsätze. Die App lässt sich per Inter-App-Audio oder Audiobus mit anderen Apps kombinieren und verfügt über Recording- und Resampling-Funktionen. Neben einer Vielzahl an Effekten gibt es das komplexe Remixmodul Coldcutter, das für spektakuläre Modifikationen sorgt. Die Bedienung der App ist meiner Meinung nach nicht sonderlich intuitiv, ein Studium der angebotenen Hilfestellungen (Videos, Hilfefunktion, Handbuch) daher obligatorisch. Die aktuelle Version lief auf meinem iPad nicht ganz störungsfrei (sporadische Knackser), hier sorgen sicherlich kommende Updates für Abhilfe. Ich kann die App experimentierfreudigen Usern ans Herz legen, die mehr wollen, als einen reinen Sampleplayer.

Pro

Sehr gute (Sample-) Packs verfügbar
Effekte mit Multitouch-Steuerung
Remixmodul Coldcutter für spektakuläre Verbiegungen
Synchronisation via Ableton Link
Controller per MIDI-Learn programmierbar

Kontra

Bedienung nicht intuitiv

Preis:

10,99 EUR

Weitere Informationen gibt es auf der Website von Jamm Pro.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit iOS , Jamm Pro , Performance App

Geschrieben von:
Boris Alexander

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