Mit dem Toraiz AS-1 liefert Pioneer einen vollwertigen analogen Monosynth, der sich auch im Studio wohlfühlt, aber vor allem auf Performance zugeschnitten ist. Kann Pioneers erster Synthesizer auch DJs überzeugen?

Dave Smith?

Smith. Dave Smith. Amerikanischer Computer- & Elektronik-Ingenieur, Baujahr 1960.
Zum einen baut er leidenschaftlich gerne Synthesizer und das schon seit den 70ern. Genannt werden muss da der legendäre Prophet 5, der 1978 durch seine Firma Sequential Circuits erschien. Der Prophet 5 hat nicht nur klanglich absoluten Kultstatus, sondern war auch der erste voll programmierbare polyphone Synthesizer am Markt.
Nach einem Ausflug zu Korg, Yamaha und in die Software-Welt, wo er den ersten Software-Synthesizer für PC entwickelte, gründete Smith 2002 "Dave Smith Instruments" und baut seitdem wieder elektronische Musikinstrumente. Wie zum Beispiel den 2015 erschienenen Prophet-6.
Weitere Anekdote: Dave Smith hat zusammen mit Ikutaro Kakehashi, dem Gründer der Firma Roland, das 1983 vorgestellte MIDI-Protokoll entwickelt.

Der Toraiz AS-1...

... basiert auf dem eben genannten Prophet-6. Der Prophet 6 ist ein sechsstimmiger analoger Snythesizer und quasi die moderne Fassung des Prophet 5. Prophet-6 und Toraiz AS-1 haben zwar den selben Aufbau, der AS-1 ist jedoch einstimmig - also ein Monosynth. Dass man mit einem Monosynth einiges bewerkstelligen kann, sollte seit dem 1970 erschienenen Minimoog hinreichend bekannt sein.

Lieferumfang & erster Eindruck

Der Toraiz wird mit dem Netzteil und einer Schnellstartanleitung geliefert. Das war es - leider - auch schon. Ein USB-Kabel für den Patch-Transfer, Firmware-Updates und Midi-Übertragung liegt leider nicht bei. Ebenso vermisst wird ein vollständiges Handbuch und eine Übersicht über die vorgespeicherten Patches. Das vollständige Handbuch gibt es immerhin auf der Toraiz-Produktseite als PDF auf Deutsch, eine Patchübersicht fehlt dort aber ebenfalls.

Der Toraiz AS-1 ist kompakter, als gedacht. Das Metallgehäuse macht einen stabilen und wertigen Eindruck, lediglich die angeschraubten Seitenteile sind aus Kunststoff. Das Gewicht von 1,4kg sorgt in Verbindung mit den Gummifüßen für einen sicheren und stabilen Stand.

Anschlüsse

Trotz des kompakten Formats wurden alle wichtigen Anschlüsse an der Rückseite untergebracht. Separate Ausgänge für Kopfhörer (6,3mm Stereoklinke) und Master-Out (2x 6,3mm Monoklinke), ein Klinkenanschluss für Fußtaster/Sustainpedal, MIDI-In & -Out/-Thru, ein USB-Port, der ebenfalls MIDI überträgt, zum Austausch von Presets und zum Aktualisieren der Firmware dient, sowie natürlich ein Strom-Anschluss. Damit im (Live-)Einsatz keine Unfälle passieren, kann man das Stromkabel mit einem Kabelhaken sichern. Der On-/Off-Switch ist durch eine Umrandung ebenfalls gegen unbeabsichtigtes Betätigen gesichert. Einziger Wermutstropfen: Master & Headphone-Output sind leider nicht getrennt regelbar.

Im Einsatz

Im Gegensatz zu Synthesizer-Modulen wie Rolands Boutique-Serie oder der angekündigte Model-D von Behringer ist der AS-1 ohne Zusatzhardware uneingeschränkt spielbereit. Das eingebaute Touch-Keyboard umfasst eine Oktave und reagiert zuverlässig auf Eingaben. Späße wie Slides sind ebenfalls möglich. Per Knopfdruck kann die Oktave um insgesamt +/- 2 Oktaven umgeschaltet werden. Außerdem kann das Keyboard zur Schnellwahl von bis zu 13 Patches genutzt werden.

Der Toraiz AS-1 kommt mit fast 500 werksseitigen Patches, die in fünf Bänken organisiert sind (oder auch nicht, dazu gleich mehr). Zusätzlich gibt es fünf weitere Bänke mit ebenfalls jeweils 99 Patches, die editierbar sind.
Die Vielfalt und Qualität der werksseitigen Patches ist ziemlich beeindruckend. Die Sounds reichen von EDM-Leads über Synthwave-Arpeggios bis hin zu Techno-Bässen - für jeden Musikgeschmack ist eigentlich etwas dabei. Außerdem hat jeder Patch eine vorgespeicherte Sequenz, die direkt einen Eindruck von den Einsatzmöglichkeiten vermittelt. Ebenfalls haben die Patches eine einheitliche Lautstärke, sodass es beim Soundwechsel nicht plötzlich zu bösen Überraschungen kommt. Außerdem sind die Patches mit gängigen Kürzeln benannt, sodass sofort ersichtlich ist, um welche Art Sound es sich handelt (BA für Bass, LD für Lead, AR für Arpeggio usw.).

Doch leider, leider sind die Patches komplett durcheinander! Es gibt im Synthesizer selbst keine Möglichkeit, die Patches nach Kategorie zu filtern. Und wie anfangs erwähnt, gibt es auch keine Übersicht im Handbuch. Wer also nur kurz einen Bass-Patch finden möchte, muss sich wohl oder übel erstmal durch fünf Bänke zu je 99 Patches durchwühlen. Einzig in Kombination mit einem PC und dem zusätzlichen Editor ist ein übersichtliches Preset-Management möglich. Immerhin gibt es für den Live-Einsatz die Möglichkeit bis zu 13 Schnellprogramme abspeichern zu können.

Über die Potis werden die wichtigsten Performance-Funktionen des AS-1 abgebildet. Filter, Envelopes und Effekte ermöglichen es so im (Live-)Einsatz direkt hörbar in den Sound einzugreifen. Mit der sehr guten Auswahl an Factory-Presets als Grundlage können so auch Synthesizer-Neulinge schnell eine Vielzahl an eigenen neuen Sounds kreieren - und gleichzeitig subtraktive Synthese spielend entdecken.
Das hört sich vielleicht erstmal ganz putzig an, aber genau diese spielende Einfachheit ist eine der größten Stärken des AS-1. Doch vom kompakten Format und den wenigen Reglern auf der Oberseite darf man sich nicht täuschen lassen.

Unter der Haube steckt immer noch ein vollwertiger monophoner Prophet 6! Alle notwendigen Parameter sind über das Menü erreichbar. Alle Parameter sind im Menü sinnvoll gruppiert und die einzelnen Gruppen lassen sich direkt ansteuern. Wer einmal eine Maschine Mikro bedient hat, wird auch hier zurechtkommen. Gewöhnungsbedürftig war anfangs jedoch die Shift-Funktion mit den Program-/Bank- und Param/Category-Reglern. Der Shift-Button funktioniert nur per hold, muss also gedrückt bleiben, und der Versuch mit zwei Händen zu arbeiten scheiterte kläglich. Denn wenn man den Shift-Button mit der linken Hand drückt, verdeckt die rechte Hand am Regler das Display. Hier ist also etwas Fingerakrobatik gefragt. Nach ein wenig Übung war die Bedienung des Shift-Buttons mit dem kleinen Finger und die gleichzeitige Steuerung der Drehregler mit Daumen- und Zeigefinger jedoch kein großes Problem mehr. Eine optionale Einrastfunktion der Shift-Taste wäre hier eine willkommene Ergänzung.

Features

Der Toraiz AS-1 bietet zwei Oszillatoren mit jeweils Sawtooth, Triangle und Square mit variabler Pulsweite. Besonders zu erwähnen ist hier, dass die Wellenformen kontinuierlich in jeweils 128 Schritten überblendbar sind. Im Gegensatz zu den meisten Synthesizern werden die Oszillatoren in Notenwerten gestimmt. OSC1 kann mit OSC2 gesynced werden. OSC2 bietet stattdessen Finetuning, Keyfollow und lässt sich zum LFO umschalten. Außerdem gibt es noch einen Sub-Oszillator, der eine Oktave unter OSC1 eine Triangle-Wave erzeugt sowie weißes Rauschen.

Da es sich um einen vollständig analogen Synthesizer handelt, unterliegen die VCOs natürlichen Stimmungsschwankungen, die vor allem bei wechselnden Umgebungstemperaturen stärker auftreten können. Für die bestmöglichen Ergebnisse empfiehlt Pioneer den Synth nach dem Anschalten erst 15-20 Minuten anwärmen zu lassen. Und sollten einer oder mehre VCOs tatsächlich einmal hörbar verstimmt sein, kann der AS-1 per Menüfunktion ganz unkompliziert und automatisch kalibriert werden. Wem das noch nicht analog genug ist, der kann beide VCOs über den Slop-Parameter entweder ganz subtil oder deutlich hörbar verstimmen.

Als nächstes folgen Hi- und Lo-Pass Filter. Für beide Filter können Cutoff, Resonance, Keyfollow und Velocity einzeln eingestellt werden. Die Resonance kann außerdem bis zur Selbstoszillation geregelt werden. Beide Filter können individuell durch eine einzelne ADSR Envelope moduliert werden. Eine VCA-Envelope, ebenfalls ADSR, gibt es natürlich auch. Diese bietet außerdem Velocity. Natürlich ist auch ein LFO vorhanden, der über fünf verschiedene Wellenformen verfügt (Triangle Saw, Reverse Saw, Square, Random/S&H) und entweder in HZ oder temposynchron laufen kann. Als Modulationsziele des LFO sind die Frequenz von Osc1, die Frquenz von Osc2, die Pulsweite gemeinsam von OSC 1 &2, die LPF Cutoff, die HPF Cutoff und der VCA angwählbar. Die sechs möglichen Modulationsziele sind außerdem beliebig kombinierbar.

Für Bewegung im Sound sorgen Arpeggiator und Sequencer. Der Arpeggiator umfasst mit Up, Down, Up/Down, Random und Assign (hier entscheidet die Reihenfolge, in der die Tasten gedrückt werden) alle gängigen Modi. Wem das noch nicht genug ist, der kann über die gehaltenen Noten noch eine oder zwei weitere Oktaven draufsetzen. Der Sequencer kann bis zu 64 Schitte inklusive Velocity aufzeichnen. Entweder spielt man die Noten über die Recordfunktion ein oder programmiert die Sequenz von Hand. Das geht für kurze Sequencen in Ordnung, bei längeren Sequenzen wird es aber etwas umständlich. Zum Glück kann man Sequenzuen aber auch ganz komfortabel über den Software-Editor erstellen. Wem das immer noch zu langweilig ist, der kann auf alternative Keyboard-Skalen oder Stimmungen zurückgreifen.
(u.a. Kirchentonarten, Vierteltonstimmung, Stimmungen aus nah- und fernöstlichen Kulturen)

Um die Soundmöglichkeiten abzurunden, besitzt der AS-1 zwei DSP-Effekteinheiten (24bit/48khz), die in Reihe geschaltet sind. FX1 verfügt wahlweise über einen Bucket-Brigade-Delay, Distortion-Effect oder Ring-Modulator. FX2 bietet einen Chorus und drei verschiedene Phaser. Beide Effekteinheiten verfügen über eine Wet/Dry-Kontrolle mit echtem Bypass, jeder Effekt hat zwei steuerbare Parameter und der Delay ist zusätzlich zum Tempo synchronisierbar. Bei der Effekteinheit weicht der AS-1 am deutlichsten vom Prophet-6 ab. Bei Letzterem finden sich zusätzlich noch ein normaler digitaler Delay, zwei Flanger und - beim AS-1 vermisst - einen Reverb mit vier verschiedenen Modi (Hall/Room/Plate/Spring). Außerdem sind, bis auf den Reverb, alle Effekte in beiden DSP-Einheiten vorhanden. Distortion ist beim Prophet-6 außerdem direkt in den Schaltkreis integriert und dadurch vollständig analog und unabhängig von den beiden DSP-Einheiten verwendbar. Einerseits schade, dass hier Kompromisse gemacht werden mussten, andererseits aber stark, vor allem beim Straßenpreis des AS-1, dass der analoge Prophet-Schaltkreis nahezu unverändert übernommen werden konnte. Alles in allem klingen die vorhandenen Effekte trotzdem sehr gut und sind immer noch vielseitig einsetzbar.

Pitch- und ModWheel gibt es am AS-1 nicht, dafür aber einen Touchslider, der als Modwheel benutzt werden kann. Als Modulationsziele stehen die beiden Oszillatoren, LPF und HPF, LFO und der Anteil der beiden Effekteinheiten zur Wahl. Wie beim LFO lassen sich alle sieben Ziele beliebig miteinander kombinieren. Eine LED-Kette gibt dabei optisches Feedback. Leider funktioniert der Slider aber immer nur in eine Richtung, klassischer Pitch-Bend ist also nur begrenzt möglich. Da der Slider digital ausgelesen wird, ist das verschenktes Potential. Zusätzlich zum Slider kann auch Aftertouch zur Modulation von OSC1&2, LPF, HPF, LFO und VCA genutzt werden. Das Touch-Keyboard ist selbstverständlich Druckempfindlich.

Der Toraiz AS-1 kann selbstverständlich auch über MIDI angesteuert werden. Im Test verwendete ich ein M-Audio Code 25. Außerdem sind auch die internen Parameter fernsteuerbar - entweder über MIDI CC oder NRPN. Sehr schön: Eine ausführliche Auflistung aller Parameterdaten ist im Handbuch enthalten. Über MIDI CC ist nur eine Handvoll Parameter steuerbar und die geringe Auflösung auf maximal 128 Schritte beschränkt. Über NRPN lässt sich jedoch das komplette Potential des AS-1 nutzen. Einziger Wermutstropfen ist, dass externe Parameteränderungen über das Display nicht angezeigt werden, außer, der entsprechende Parameter ist bereits im Display angewählt. Für den Einsatz mit einem externen Keyboard wäre außerdem ein "Live-Modus" des Touchkeyboards praktisch, um am AS-1 direkt zwischen Schnellprogrammen wechseln zu können, ohne jedes Mal eine separate, beide Hände erfordernde Tastenkombination zu drücken, die beide Hände erfordert.

Sound

Wie klingt Pioneer's neuer Synth nun? Kurz: der Toraiz AS-1 klingt hervorragend! Der Sound ist klar und druckvoll und sollte sich auch problemlos im Bühnenbetrieb behaupten können. Zum Klangcharakter selbst kann sich aber jeder mit Hilfe der folgenden Soundbeispiele ein eigenes Bild machen:

Bugs

Bis auf zwei kleinere Bugs, die mit dem neu Laden des Patches behoben wieder waren, lief der Toraiz absolut stabil. Einzig der Touchstrip wollte nicht immer so, wie ich will. Bei unserem Testgerät waren die Ränder des Strips sehr empfindlich, sodass sich die Stellung manchmal sprunghaft verändern konnte. Fuhr man mit dem Finger zum Beispiel am unteren Rand über die Nullstellung hinaus, sprang der Strip plötzlich auf 100%. Mit dem Mantra "It's not a bug, it's a feature" im Kopf, lässt sich diese Eigenheit aber wiederum für ziemlich abgefahrene Modulationen benutzen.

Software Editor

Zusätzlich zum Download steht bei Pioneer ein Editor bereit. Dieser ist aber kein Produkt vom Hersteller selbst, sondern wurde von Soundtower entwickelt, die auch für zahlreiche weitere Software Synthesizer Editoren programmiert haben. Leider gibt es aber nur die LE Version umsonst. Die Vollversion kostet 39$ USD, nur in dieser PRO-Version ist es möglich, Patches nach Kategorie zu filtern.

Fazit

Der Toraiz As-1 ist sauber verarbeitet und klingt hervorragend. Doch was noch viel wichtiger ist: egal ob Anfänger oder Synth-Nerd, egal ob Performer oder Klangbastler, egal ob im Studio, Live oder unterwegs, egal ob Stand-Alone oder mit einem zusätzlichen Controller, der AS-1 macht für etliche Anwendungsbereiche Sinn. Der einzige wirkliche Kritikpunkt ist die unübersichtliche Anordnung der Presets, für die es noch nicht mal eine Übersicht im Handbuch gibt.
Der Straßenpreis von 549€ ist absolut fair (Fun Fact: das ist fast genau 1/6 des knapp 3.000€ teuren Prophet 6, der dafür auch sechsmal so viele Stimmen besitzt) und auf Augenhöhe mit dem ebenfalls analogen Roland SE-02.

 

Pro

Toller Sound
Gute Verarbeitung
Vielfältig einsetzbar

Kontra

Presets unübersichtlich

 

Preis: 549 Euro
Mehr Informationen auf der Pioneer-Website.

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