Test: Roland TB-03

Test: Roland TB-03

Tests 18. August 2018

Es ist selten, dass ein einzelnes, bestimmtes Instrument ganze Genres kreiert und definiert. Normalerweise sind es eher spezielle Herangehensweisen, wie bspw. eine reduzierte Bit-Rate bei Lo-Fi-House oder der vielfältige Einsatz von Effekten bei Dub-Techno, die die Sound-Ästhetik von Spielarten der elektronischen Musik prägen und deren Charakteristika ausmachen. Nicht so im Falle der TB-303, dem Bass-Synthesizer der japanischen Firma Roland, der Ende der Achtziger Jahre die Tanzflächen und illegalen Raves im Sturm eroberte und den Sound einer ganzen Generation entscheidend mitprägte.

Legende

Dabei basiert die Geschichte zunächst auf einem kommerziellen Misserfolg: Ursprünglich als Maschine für die Bass-Begleitung von Gitarristen konzipiert, entwickelt sich die 303 nach ihrer Markteinführung 1982 zu einem Ladenhüter. Der Klang ist zu künstlich und zu weit entfernt von einem richtigen Bassist, als dass sie ihrer ursprünglichen Intention zuverlässig nachkommen kann. In der Folge wird die Produktion eingestellt, der Synthesizer landet zu günstigsten Preisen in den Ausverkaufsecken der Händler und wird damit auch für experimentierfreundliche (Bedroom-) Producer erschwinglich und dadurch interessant. Der Missbrauch von Audio-Equipment, die Grenzen von Geräten auszutesten und sie zweckzuentfremden ist seit jeher beliebt, die 303 wird zu einem Paradebeispiel dieses Phänomens und damit zur Grundlage von Acid in seinen verschiedenen Ausprägungen.

Heute ist die TB-303 ein begehrter Synthesizer mit Legendenstatus, der gebraucht Preise von über 2000 EUR abruft. Der Erfolg ermuntert andere Hersteller Klone auf den Markt zu werfen, es gibt sie zuhauf, sowohl als Soft- als auch als Hardware, und sie unterstreichen eindrucksvoll den Status des Originals. Seine Sound-Ästhetik ist mit kleinen Schwankungen eigentlich immer en vogue, alle Jahre wieder wird er nach angeblichen Totsagungen wieder modern und findet sich in allen Variationen in zeitgenössischen Produktionen.

Cloning

Da ist es verständlich, dass es großen Wirbel hervorruft, wenn Roland eine originalgetreue Replik des Kult-Synths ankündigt: TB-03. Im Gegensatz zur 2014 veröffentlichten Neuauflage TB-3, die auf ein neuartiges Bedienungskonzept mit Touch und gewöhnungsbedürftigen AIRA-Look setzte, ist die Boutique-Version der 303 mit einem authentischen Design gesegnet: Abgesehen von ein paar umstrukturierten Reglern und einem neu hinzugekommenen Display, sieht sie ihrem großen Vorbild zum Verwechseln ähnlich. Und wie Menschen nunmal so ticken, sorgt auch besonders der Roland-Schriftzug auf dem silbernen Gehäuse für die letzte Legitimität, ein Verkaufs-Vorteil gegenüber den Clones anderer Hersteller. Das Remake ist für unter 500 EUR zu haben und - im Gegensatz zu seinem Vorbild - digital.

Es ist klar, dass besonders dieser letzte Aspekt für Diskussionen sorgt, die ewige digital-vs.-analog-Wunde, hier wird sie wieder gehörig aufgerissen. Kommentarzeilen und Foren von "Roland-Boutique"-betitelten Inhalten quellen oft über von halbqualifizierten Fachwissen und Grabenkämpfen, doch nicht ganz zu Unrecht: Roland beteuert schließlich eine detailgetreue Rekreation des Klassikers, dessen analoge Sound-Eigenschaften mittels der eigens entwickelten ACB-Technologie 1:1 in die digitale Welt geschafft worden sei, die Latte des Anspruchs liegt dementsprechend hoch. Große Frage also: Klingt die TB-03 wie die TB-303?

Details

Wer in den Genuss des Gebrauchs des Originals gekommen ist, die 303 in- und auswendig kennt und ihren Sound verinnerlicht hat, wird es verneinen. Man kann dies unter anderem am fehlenden Rauschanteil vor allem bei niedrigen Cutoff-Werten, beim unterschiedlichen Verhalten des Glides und der Resonanz festmachen. Wer diese eigenen Erfahrungen jedoch nicht gemacht hat, dem werden diese subtilen Aspekte nicht auffallen, für den klingt die TB-03 wie eine originale TB-303. Der Charakter des Instruments wurde gut getroffen, Acid it is. Die eingefleischten Nerds sind sowieso Puristen, die auf nichts anderes schwören können, Roland dürfte sich also mit dem neuesten Boutique-Sprößling viel mehr nach der Zielgruppe der Neulinge und den nach Alternativen Suchenden ausrichten. Und denen bieten sich ganz neue Vorteile gegenüber des Klassikers.

Die 303 aus dem Jahr 2016 bietet nämlich auch Features, die das Original so nicht innehatte, DIN-Sync ist MIDI-In und -Out gewichen, die TB-03 kann somit externe Hardware ansteuern und von dieser getriggert werden. Weiterhin wurden zwei Effekte spendiert: Distortion/Overdrive und ein Delay, das als "Digital", "Tape" und Reverb arbeiten kann. Die Verzerrung klingt eher mittelmäßig, der Sound wird im tiefen Frequenzbereich zu sehr beschnitten. Die räumlichen Effekte jedoch wirken ordentlich, gerade im Live-Einsatz kann die Spannung damit deutlich gesteigert werden, sie sind vielseitig, leicht zu bedienen und damit ein Mehrwert.

Dass ein eingebauter Lautsprecher mit entsprechendem Poti hinzukommt, ist nett, kann aber eher als Beiwerk betrachtet werden. Wirklich ernsthaft benutzt wird dieses Feature trotz Möglichkeit zum Batteriebetrieb wohl eher nicht werden, für eine spontane Session auf Reisen sollte es jedoch ausreichen.

Die TB-303 ist ursprünglich auch besonders durch ihren umständlichen Pattern-Write-Modus bekannt, der zwar für ungewöhnliche und unberechenbare Ergebnisse und Happy-Accidents sorgt, aber nicht wirklich intuitiv und benutzerfreundlich ist. Daher werden gerade Neuhinzugekommene, die das Original noch nie in den Händen gehalten haben, sich über den neu eingeführten, etwas konventionelleren Step-Editor freuen, der die Eingabe von Noten vereinfacht. Ein visuelles Feedback fehlt aber nach wie vor. In der Praxis führt das manchmal zu Frust, nicht die eigenen Vorstellungen umsetzen zu können, der aber durch die im meisten Fall positiv überraschenden Ergebnisse dann doch ins Gegenteil verkehrt wird.

Vor allem aber ein neues Feature ist stark, so wurde der Boutique-Version ein USB-Anschluss hinzugefügt. Über diesen ist auch die Integration in eine DAW mit Samplerates von 44,1 kHz und 96 kHz möglich, die TB-03 fungiert dann als eigenes Audiointerface und kann im Live- und Studiokontext somit kinderleicht mit digitalen Effekten weiterverarbeitet und in die Produktion eingebettet werden. Das funktioniert in der Praxis sehr gut und soll heutzutage auch genau so sein. Auch die Stromversorgung findet hierüber statt. Ein wenig schade ist, dass man für die Rechner-Implementierung zusätzliche Treiber installieren muss. Praktisch wäre außerdem, wenn der Level-Regler auch im Interface-Modus funktionieren würde, das in die DAW eingespeiste Signal übersteuert regelmäßig und muss über Umwege reguliert werden.

Beim ersten Betrieb kommt man natürlich zunächst in Versuchung die klassischen Vorstellungen von 303 nachzubauen, das typische Gezwitscher der Resonanz kann die Neuauflage makellos, innerhalb von wenigen Momenten kann man den berüchtigten Sound rekreieren. Es ist erstaunlich wie durch jahrelanges Hörverhalten diese Sounds auch sofort "richtig" klingen. Die TB-03 hat mir persönlich aber am besten in den tieferen Bereichen gefallen, bei geschlossenem Filter und mit wenig Resonanz, da klingt sie nicht ganz so gewohnt, trotzdem wertig.

Im Live-Einsatz eignen sich die Maße von 30,8 x 13,0 x 5,2 cm für jedes Handgepäck, die TB-03 ist somit reisefreundlich und auch ein guter Ersatz für die klassische 303, deren Verlust viel schwerwiegender weil kostenintensiver wäre. Die Parameter des Synthesizer sind nicht ansatzweise so rutschig wie beispielsweise die einer Tr-09, Angst im stressigen Einsatz abzurutschen braucht man nicht zu haben.

Fazit

Mit der TB-03 hat Roland eine unkomplizierte Neuauflage eines Klassiker geschaffen, die durch einige sinnvolle Erweiterungen an den Komfort der heutigen Zeit anknüpfen kann, besonders erwähnt seien da der zusätzliche Modus für den Step-Sequencer sowie die Möglichkeit das Gerät als Audiointerface zu nutzen. Den 303-Sound überzeugend zu imitieren schaffen sicherlich auch Plugins oder diverse Klone mit analogen Schaltkreisen, wer aber das Gesamtpaket aus authentischen Layout inklusive Roland-Logo, physischer Bedienung und Klangästhetik braucht, kann für einen recht günstigen Preis in dieser Boutique-Version fündig werden.

 

Pro

Authentisches Design und Feeling
Gut nachempfundener Sound, beinahe 1:1
Eingebautes Audio-Interface für DAW-Integration
Zusätzlicher Modus Step-Sequencer

 

Preis: 370,00 EUR
Weitere Informationen gibt es auf der Website von Roland.

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